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Freies Blatt · 1894-06-10 · 114 (10.6.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
114 (10.6.1894)
Date
1894-06-10
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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! Seit« 3. Nr- 114.____Freie, Hochwiirdk» gutem Herzen wehe gethan haben. Ich iverde hochgeehrtesten Herr» TociorS Rath befolgen und mich in die einschlägige Literatur vertiefe». Nochmal« die Bitte eine« Reuigen ui» Verzeihung und die Verstcherniig der voll, lomincnsten Hochachtung und Verehrung, in der unentwegt verharre» wird Euer Hochwstrde» ergebenster (Folgt die Unterschrift.) Wenn alle »leine lieben Confratrcö den Antisemitismus in der Weise behandeln möchten, würde er aus dem Clerus schnellstens verduften. Dr. S ch » p f. (Zur Laatenmarktfrage.) Die Einstellung des internationalen Saatenmarktes seitens der Productenbörse bildet einen der wichtigsten (Gegenstände des öffentlichen Interesses, so daß das Publicum in diesem Falle bald Gelegenheit haben dürfte, diese Früchte der antisemitischen Agitation zu übersehen. Das Gerücht, daß der Saatenmarkt »ach Budapest oder Preßburg übersiedeln werde, macht begreiflicherweise auf alle Jene einen depriinirenden Eindruck, denen eS nicht gleichgiltig ist, ab in der tobten Saison um einige tausend wohlhabende Fremde mehr Wien besuchen oder nicht. Diese Stimmung zittert auch in den >ireisen jener Vertreter des Wiener Volkes nach, welchen daö Interesse Wiens kein bloßes Schlagwort und Agitationsmittel ist. 'Rach verichicdencn Blättermeldungen kam die peinliche Angelegenheit bald nach Pein Bckanntwerden des CommuniquöS der Börsenkammer im Club der Vereinigten Linken zur Sprache; cö soll dabei eine htrbe Kritik der officiellen Taktik gegenüber dem Antisemitismus überhaupt und ipccicll der Jnterpellationöbcantwortung im Falle Tcckert abgesctzt haben, so daß sich der anwesende Handelsminister veranlaßt sah, eine Art Verwahrung gegc.n die antisemitischen Tendenzen cinzulegcn. Es wurde ihm jedoch vorgehalten, daß eine energische ainndgcbung im offenen Hause diesfalls nöthig sei. Dies ist nun nicht eingetreten, und das Haus wurde vertagt, ohnedaß sich die prophezeite Atttiscmitendebatte entsponnen hätte. Wie der „Pester Lloyd" berichtet, hatte man in liberalen Kreisen nämlich erfahren, daß sich Handelsminister Graf Wurmbrand in einem Pvivatgcspräche ge-- äußert habe, er sei von dem erwähnten Beschlusie, den Saatcnmarkt nicht mehr abzuhaltcn, befriedigt, da er auf denselben ohnehin keinen Werth lege, umd daß die Vorwürfe der Antisemiten nicht ungerechtfertigt seren. Auf eine dirccte Anfrage habe , der Minister zugegeben, eine ähnliche Acußcrung gemacht zu haben, und daß sie seinen persönliche» Ansichten entspreche. I» Folge dieser Erklärung des Ministers wurde beschlosicn, die bcabsichligte Interpellation an denselben nicht zu stellen. Dagegen richteten am gleichen Tage im Gcmeinderathc - mehrere freisinnige Mitglieder der Stadtvertretung in dieser Sache Anfragen an den Bürgermeister. Die Gcmcinderäthe E. M. Mayer und K. I. Müller stellten eine Interpellation, welche die wirthschaftlichen Dcfecte dieses Effectes der Antiscuiitcrci grell beleuchtete. „Der Beschluß der Kammer," heißt cs in der Anfrage, „ist, abgesehen von den Ursachen, welche dazu führten, auch in wirthschaftlicher Beziehung lebhaft zu bedauern, da durch das -Znsaninienströmen so vieler und (was hier besonders in die Wagschale fällt) beniittcltcr Fremden eine große Anzahl von Gewerbetreibenden, Kaufleuten, Hoteliers, Wirthen, EafctierS :c. lebhafteren Absatz und bessere Einnahmen erzielten, auf welche sie in Zukunft/ falls der Markt nicht mehr in Wien adgehaltcn würde und anderwärts, z. B. in Budapest, sich ctablirte, verzichten müßten. Andere Städte vcranstalten alljährlich Feste, Versammlungen, Ausstellungen :c., um durch Anziehung von Fremden mehr Verdienst ihren Bürgern zu schassenj während in Wien Alles aufgeboten wird, um solche fernznhaltcn. Dadurch wird die Entwicklung der Stadt und die Hebung des Wohlstandes ihrer Bewohner arg geschädigt und gerade von jenem Thcile der Volksvertreter, welche sich bei jeder Gelegenheit als die berufensten Anwälte des unterdrückten Kleingewerbes hinstcllcn-." Mit Rücksicht auf die unabsehbaren schädigenden Folgen, welche die Aufrechthaltung -dieses Kammcrbeschlusics nach sich ziehen würde, richteten die Interpellanten an den Bürgermeister die Anfrage, was er zu unternehmen gewillt sei, um die Kammer zur Zurücknahme dieses Beschluffcs zu veranlassen. In derselben Sitzung richteten auch die Geincinderäihc Seiler und Dr. Stern Anfragen über die gleiche Angelegenheit an das Präsidium. Bürgermeister Dr. Grübt sagte in Beantwortung dieser Fragen, nachdem er die Bedeutung des Saatenmarktes für die Stadt hcrvorgehoben hatte: „Angesichts der in den letzten Wochen gepflogenen Verhandlungen in den Kreisen der landwirthschaftlichen Börse war allerdings die Frage zu erwägen, pb die Gemeinde nicht an die Regierung eine Petition richten solle, damit dieselbe ihren maßgebenden Einfluß dahin verwende, daß der Saatenmarkt auch Heuer wieder in Wien abgehalten werde und daß überhaupt der Bestand dieser Jnsti- Blatt. tution als gesichert angesehen werden könne. Es ist auch nach der bisherigen Haltung des Gemcinderathcs kein Zweifel darüber möglich, - daß diese Petition mit großer Majorität beschlossen worden wäre. Dagegen hätten sich Garantien dafür-nicht übernehmen^, lassen, ob nicht neuerlich hier Acußerungcn gefallen wären, durch welche eine tueitcve Verstiinmnug in den bet heilig ten st reisen des Saatenmarktes herv ärgern fcn worden wäre, lind diese Erwägungen haben dahin ge-— führt, diese Petition vorläufig nicht /zu überreiche». Das sei aber hier ganz besonders ausgesprochen, daß die Befürchtung, daß etwa Besucher des Saatenmarktes i» Wien verungliinpft werden würden, ganz gewiß unbegründet ist. Denn die Wiener Bevölkerung hat von jeher sich als eine höchst gastfreundliche, liebenswürdige und zuvorkoiilinendc erwiesen, und ich bin überzeugt, daß, wenn der Saatenmarkt abgehalten werden würde, die Besucher desselben von der Wiener Bevölkerung in der freundlichsten Weise ausgenommen werden würde». In diesem Sinne I werde ich die Ehre haben, an hie hohe Regierung zu berichten." Herr Dr. Grübl sprach thalsüchlich dieser Tage beim Handefsministcr vor. Der Bürgermeister erklärte, daß es der Stadt Wien nicht gleichgiltig sein könne, wenn sic einer Institution von interiialionaler Bedeutung, welche, wie eSbeim Saaten- und Getreidemarkt der Fall ist, in Wien ihren ständigen Sitz aufgeschlagen hat, verlustig werden soll. Der Saatenmarkt sei für die coinmercielle Stellung Wiens von großer Bedeutung. Ter Schwerpunkt deö Gctrcidehandcls müsse in Wien bleiben. Es würde einen äußerst depriinirenden Eindruck machen, wenn der. Saatenmarkt anderswohin verlegt würde. Es könne keinem Zweifel unterliegen, daß die llnternehmung des Saatenmarktes in Budapest mit offenen Armen ausgenommen werden' möchte. Aber auch vom Standpunkte der wirthschaftlichen Jiiteresscn der Wiener Bevölkerung und des Verkchrslcbcns der Residenz wäre der Wegfall des internationalen Saatenmarktes sehr zu bedauern. Ter Bürgermeister wies auf die ungünstigen Erivcrbsverbältniffe in Wien, aus die schwerbcsteucrten Geschäftsleute hin. Durch den Saatcnmarkt komme alljährlich Geld »ach Wien. Ten Angehörigen vieler Geschäftsbräuchen würde durch die Richtabhaltung des Saatenmarktes, ein Verdienst entzogen, auf welchen sie seit Jahren gerechnet Hutten und der niemals auSgeblieben ist. Der Bürgermeister erklärte schließlich, indem er den Ministerbcst, die zur Wicderabhaltung des Saatenmarktes erforderlichen Schritte zu unternchnien, daß die Gemeinde ihrerseits Alles thun werde, um das Zustandekommen desselben zu ermöglichen und zu fördern. Der Handelsminister, der diesmal ofsicielle und nicht persönliche An^ sichtcn äußerte, bemerkte in seiner Erwiderung, daß er sich verpflichtet halte, den wirthschaftlichen, Interessen Wiens jederzeit seine besondere' Fürsorge zuzuwcnden, und daß er die Befürchtungen des Bürgermeisters wegen des Wegfalles des internationalen Saockenmarktes vollauf würdige. Er werde unverzüglich der Productenbörse den Wunsch der Regierung wegen Wicderabhaltung dcSSaatcnniarktes-ini Wicn bekanntgebcn und sich gleichzeitig an. die Handelskammer und an die landwirthschaflliche Gesellschaft in dieser Angelegenheit wenden. Es kamen selbstverständlich auch die Gründe zur Sprache/ welche dazu geführt haben, daß man den Saatenmarkt in Wien nicht mehr ab halten will. Graf Wurmbrand soll sein Bedauern über die antisemitischen Ercesse ausgesprochen, der Bürgermeister aber darauf hingewicscn haben, daß es hoch an der Zeit, sei, daß > die Regierung ein ernstes und rückhaltloses Wort spreche. Der Handelsminister hat sich auch bereits ofnciell mit einem, Erlasse an die Productenbörse gewendet, in welchem er betont, daß die Regierung auf die Abhaltung de« Saalcnuiarktes in Wien Werth legt. Jnsofcrne die nicht nur zu be-klagenden, sondern mit aller Energie zmrückz.uwei senden Angriffe gegen die Veranstalter und -Besucher des Saatenmarktes die Ursache des erwähnten Beschlusses der Börsenkammcr gewesen sind, ntgcht der Minister - ausmcrksani, daß ei»-solcher, die gedachten Agitationen begleitender Erfolg nur dazu führen könnte, verderbliche und zu verurtheilendc Bestrebungen zu crmuthigcn und damit die gewerbliche und Handelsthätigkeil lähmen. Der Minister ersucht daher die Börscnkamiucr, ihren bekannten Beschluß rückgängig zu machen, und gibt in Einem der-Hofsnüng Raum, daß die von der Kammer getroffenen Maßtegsln zur Einschränkung d c S , T c r in i n h a n d c l S durch Unberufene genügest werden, um die Abwicklung der Geschäfte auf der solideste» Basis zu erhalte». (Carnrri über den Liberalismus.) Zn einem tief durchdachten^ Artikel, welchen B. Carneri in dem „Literatur-Blatt" der „Reuen Freien Preffe" veröffentlicht, äußert er sich über den Liberalismus wie folgt: „Fragen wir nach der Signatur des Liberalismus und der Zeit/in welcher ihm die Herrschaft unbestritten znficl, so gibt eS nur

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