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Freies Blatt · 1894-06-03 · 113 (3.6.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
113 (3.6.1894)
Date
1894-06-03
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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Nr. 113. /. Frei», überall gegen eine ruhige, loyale, staats- und kaisertreue BevölkerungSclasse in gehässigster Weise gehetzt werde. Ter Herr Handelsminister scheint mit dem Sinne dieser Aufforderung einverstanden zu sei»; ein trostreicher Spruch lautet: Qui tuest, cousentire videtur, und der Excellenzherr hüllte sich auch in Schweigen. Um so lauter ließ sich die TriaS Lueger-Schneider-Gcßmann vernehmen, welche im Parlamente eine pöbelhafte Scandalscene zum Gaudium eines TheileS der Galerie aufführte. Bon Tr. Lueger herausgefordert, erklärte Abgeordneter Popper ohne Umschweife, daß der Archimandrit, auf den er angespielt, der Gesinnungsgenosse der Wiener Antisemiten, Tr. Z u r k a n, sei. Dieser ergriff nun das Wort, verdächtigte neuerdings, diesmal aber nur in allgemeinen Redewendungen, die ihm verhaßte jüdische Dorflehrcrin und stellte anfangs in Abrede, daß er Geldgeschäfte mache, räumte aber nachher ein, daß er im Aufträge und Interesse von Berwandtcn Capitalien verleihe und Zinsen nehme. „Warum soll er das nicht thun?" fragte jener Anwalt dcS „kleinen ManneS", dem cS ja, wie vor Gericht festgcstcllt wurdet anch keine Scrupel macht, wenn ein .Bcdürfniß hiefnr sich cinstctlt, armen Schuldnern „das Bcuschl herauszunehmen („Legaler" Massenmord.) In der ,.Schußgcld"-Afsairc des Mechanikers Schneider beschloß, wie bekannt, der . JmmunitätSauSschuß dcS Abgeordnetenhauses, dem Ansuchen dcS KrciSgerichteS Krems zur Verfolgung Schneider'S wegen BergehenS nach § $02 St.-G. die Zustimmung zu verweigern. Der Berichterstatter Kulp sührtc zur Begründung dieser Entscheidung an, baß Sch!icidcr bei Besprechung der Zustände in Galizien „nach Aussage der einen Zeugen warnend auf die Zustände in Ungarn hingewicsen habe, wo einstens ein Schuß geld auf die Mongolen auSgcsctzl worden war, nach Aussage der anderen die Bemerkung hinzugefügt haben solle,. daß dies auch hinsichtlich der Juden, und zwar unter ausdrücklicher Betonung des legalen Weges, eingeführt werden sollte". Wäre Herr Kulp auch für die Richtausliefcrnng gewesen, wenn ein fanatischer Tschechenfrcsser die Einführung eines Schußgeldes hinsichtlich der Wien übcrstuthcnden Wcnzelsföhne, ebenfalls unter ausdrücklicher Betonung dcS legalen WcgcS. vorgeschlagcn hätte? (Ter Fall Pollitzer-Kaiser.) Polizei, Criminal, Schutz gegen Verbrecher! — so riefen die Antisemiten aus Anlaß des bedauerlichen Actes von Lynchjustiz, den ein jüdischer Assecuranzbcaintcr gegen einen antisemitischen Abgeordneten verübt hat oder, nach einer anderen Vcr sion, nämlich nach der Angabe deS Attaquirtcn selbst, zu verüben versuchte Zwischen Jenen, welche seinerzeit die Gewaltthat Georg Schöncrer'S als mannhafl, sogar alS -hcldcnmüthig hinstclltc», und de» Schlaueren, die zu seiner Rechtfertigung in derselben nur „T.ninniheil" erblicken wollten, besteht hinsichtlich der Bcurthcilung dcS Falles Pollitzcr- .Kaiser gar kein Unterschied. Alle stimmen darin überein, daß man für den verübten oder versuchten Act der Lynchjustiz die »'luden sammt und sonders zur Verantwortung ziehen sollte, »ich der Margarcthncr VolkStribu», welcher niemals hetzt, sonder» seiner friedfertigen Gesinnung durch daS Programm des „KöpfenS oder Hängens" Ausdruck gab, drohte auch, allen Juden mit Repressalie». Im wohllhucndcn Gegensätze zu den aufreizenden Auslassungen. der Antisemiten steht eine Acußcrung der „Militär Zeitung", welche den Fall vom speeisisch-militürischcn Standpunkte bespricht. Allerdings wurzeln die Anschauungen der „Militär-Zeitung" in StandcSrücksichten, mit denen wir bei unserer bürgerlichen Tcnkungsweisc uns nicht befreunden könne». Doch gereicht cS uns zur Befriedigung, daß für das mili tärische Crjjaii Abstammung, Confessio» und sonstige Stellung der Rcscrvcofsicicrc nicht, relevant erscheinen, und daß eS das Benehmen Aller gleichmäßig beurtheilt wissen will. Tie „Militär-Zeitung" schildert die Slraßcnsccne, welche sich am 2$. v. M. abspielte, und bemerkt sodann: „Ter Weg, den Hxrr Pollitzer rinschlug, um den guten Ruf und die Interessen dcö finanziellen Institutes, welchem er angehört hatte,'zu wahren, war sicherlich kein glücklicher, irnd sofortige Entlassung bildete den Loh», den die Tireclion der .Riunionc' ihm hiefür zuthcil werde» ließ. Anch gcrieth er in Collisio» mit den bürgerlichen Gesetzen. Doch die llnbedachtsamkcit, die Unbesonnenheit des A ssccuranzbcamtcn Pollitzer geht »ns eigentlich nichts an: von Belang ist für uns nur die Frage, ob der Tsficier Pollitzer gewußt, daß er cs mit einem Kameraden zu thun hat, und dennoch uiit Drohbrief und Hundspeitsche vorgcgangen i)t. DaS festzuiiellen wird dem Ehrengerichte oblicgcu. Zweifellos aber ist cS, daß Kaiser den Officicrscharakter Pollitzcr'S gekannt, der ja in seinem Briefe der Unterschrift daS Ehrenprädicat: ,f: k. Sberlieutenant im Bcrhältniffe der Evidenz' beigesetzt hat. AlS Professor an einer Mittelschule und als Vertreter von Landgemeinden im RcichSrathe mochte Kaiser immerhin Blatt. Seite d sich verpflichtet erachten, Polizei und Staatsanwaltschaft zur Hilfe Herbeizurufe». Kameradschaftlich mar jedoch das Verhalten dcS O f f i c i e r S Kaiser gegenüber dem £ f f i c i c _ Pollitzer keineswegs. Zur Beilegung von Tiffercnzcir, zur Schlichtung eines Streites zwischen zwei Mitgliedern deS Sssteicrs standcS wählt man nicht die Vermittlung von Polizei und Staatsanwaltschaft. UebcrdicS ist auch der Umstand in Betracht zu ziehe», . daß Herr Kaiser im bürgerlichen Leben einer politischen Gruppe nahe steht, deren Vertreter in der Journalistik sich nicht gescheut habenhervorragende Generale, Zierden der Armee, zu verunglimpfe». Wir^b erinnern nur an den Proecß, de» Se. Ezerllcn; Herr FZM. Freiherr ' v. Seüdicr zu führen sich bewogen fand, und der mit,einer.schmachvollen Vcrurtheilung der Ehrabschneider endigte. Und den größten Lärm über den Angriff auf Herrn Kaiser erhob u» Abgeordnclenhause ein Advoeat, welcher in dem eben erwähnte» Proeest'e mit dein Haupt schuldige» sich förmlich solidarisch erklärte, und der erst neulich wiederdie Stirne hatte, die Immunität dazu zu mißbrauche», um dic'Thcil- »ahuie Sr. Exccllcnz des Herrn Corpseoniinandanien FZM. Freiherr» v Schönfcld an einem Bürgcrsestc ans der ParlauienkSlribünc zu bekritteln, was ihm eine wohlverdiente Zurechtweisung Sr. Ereellenz des Herrn LandcSverthcidigungöministcrS zuzog. Angesichts der nichts weniger als inilitärfreundlichen Haltung feiner politischen Genoncn hätte, meinen wir, Herr Kaiser in seiner Eigenschaft als Sfneicr umsomehr die Pflicht gehabt, militärische» Sinn zu bekunden und den Confliet mit einem Kameraden einer anderen - sägen wir cs oiieu heraus — Mehr ritterlichen Lösung zuzninkren. I ui o >v e it im vorliegenden Falle die T s f i e ie rs eh re engag.irr ist, wird aber auch d a S S f f i e i e r S E h r e n g c r i ch r das letzte Wort zu sprechenhaben." Pie Justiz arbeitete im Falle- Pollitzer Kaiser auf daS Prompteste. Tic Verhandlung gegen-Pollitzer vor dem hiesigen LandcSgerichle wurde au, l. Juni durchgeführt und schloß mit der Verurtheil u ug des A ngeklaepi e»;n vier Monate n f ch w e r c n K er k e r S. ' (Hohe Politik.l Auch die Bczirksweistn auf der Landstraße fühlen den Moment für gekommen, um de» Antisemiten nach berühmtem Muster einige mühelose Erfolge zu verschaffen, - was man dann nach der Terminologie der hohen Politik einen Eompromiß nennt. Am 10. Mai fand in dem. der Majorität »ach fortschrittlichen Bezirksausschüsse Landstraße die Wahl eines Ersatzmannes, in den Trisichnl rath statt, bei welcher einer der heftigsten Antisemiten, F r a n z K i n erst, mir a ch t S i i in m c n v o n f >i »f z c h n g c u> ähIt >r> ii r d c. Hiebei ist aber weniger die Thatsache selbst bemerkenSwcrlh,. daß zum Hüter deS VolkSschulgefeveS ein Mann berufe» wurde, wclchcrE' kraft feiner politischen Gesinnung ein offener Gegner dieses Gesetzes ist, als vielmehr die Art und 'Weise, wie cs zu die'er Wahl gclomnien ist. Tic Ersatzwahl erfolgte über Rücktritt deS der demokratischen Partei angchörigcn Herrn Tr. Schmiedel Es wurde daher vom Deutsch-demokratischen Verein ei» Candid.al in der Person des Schriftführers dieses Vereines, dcS Herr» Tr. Ludwig Altmann, noniniirt. Ter liberale Bürgerverein suchte die Stimmen ans Herrn P laich kowitz;n vereinigen. Im ersten und zweiten'Wahlgange haben die sechs Antisemiten im Bezirksausschüsse ihcils für K inast gestimmt, .'tlieilS leere Stimmzettel abgegeben, während die nenn fortschrittlichen Ausschüsse —. cs waren also drei fortschrittliche Ansickiüste in "der "Sitzung nicht anwestnh — Ihcils für Tr. Altinan», tb-Us inr Plaichkowitz einiraten. Vor dem dritten Wahlgange - apostroplmte der liberale Bezirksvorstand, Johann Schober, ivelcku. Inrstich;»>n Ehre» iniiglicdc desfortschrittlich gesinnten Tenn'ch Semotrali'elien Vereins ernannt wnrdt, den anliiemitifcheii Bezirksansstlniß Franz.Kinaft mit folgende» Worten: „Wollen denn Herr Collega wirklich in den L.N - schnlraih gewählt werden?" Kinast erklärte großmiilhigst, daß er wolle, nnd siehe da, der dritte Walilgang ergab das überraschende Resultat: Obwohl in den BezirtsanSfchnß nur sechs Anlifemilen gewählt wurden,' - erhielt Kinast dennoch siebe»'Stimme». Ebenso viele Stimme» entfielen auf Tr. Altnianm Ter fünfzehnte Stimmretlel lautete: „Ludwig Kinast, III., Hauptstraße Rr. Tu." Obgleich Kinast nicht Ludwig heißt, und obgleich er »ichl Hauptstraße ')hl TO wohnt, wurde von dem liberale» Bezirksvorstände,. Herrn Schober, dieser Stimmzettel dennoch zu Gniisten des Antisemiten Franz Kinast für giltig erklärt. Man darf uiit Grund gespannt sei», ob der Stadirath diese Wahl agnoScircn wird. lAuliscuiilischc Erzichllllgssrüchtc.) Vorige Woche stand vor dem . Strafrichter in der Leopoldstadt ein^ etwa fünfzehnjähriger Jungk', Ramcns Carl Mark, unrcr der dreifacheuAnklagc wegen Uebertretung gegen die öffentliche Sicherheit, der Wachebeleidigung und der leichten körperlickjen Beschädigung. Vom Richter über daS Alter befragt, vermochte weder der Knabe, der ackst Jahre die Schule besuchte, noch der i

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