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Freies Blatt · 1894-06-03 · 113 (3.6.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
113 (3.6.1894)
Date
1894-06-03
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 jreirs Blatt. für die Gleichberechtigung aller Staatsbürger eintretcn, geübt wird. Es wurde ciu christliches Gebet in solcher Weise entstellt, daß cs geradezu als Banner des Angriffes gegen alle! jüdischen Bürger dienen könnte. Es wurde in anderen Maniscstationen »eine Reihe von Gestalten des Alien Testamentes ungünstig beurthcilt, welche dem jüdischen wie de», christlichen Glauben alS verchrungswerthe Bücher dcS Alten Testamentes auch nach der eauonische Becher aufgcsaßt werden. Ich würde vom Herrn Abgeordneten .Herold erwartet haben, daß er, wenn Personen gelten, da ja christlichen 9ehrc als er auch von all den Gcfalircn für die bürgerliche Gesellschaft absichtp davon, daß der Wohl ffaud und der Frieden ganzer Städte durch d werden )Rufea Sho!>, doch die juristische Seile der Angelegenheit ins Auge gefaßt hätte. Ein Herr ruft mir Sho! der Wohlstand ganzer Städte gcsährdct wird. esc Bewegung gesührdet Sätzen will ich das darthun. Auch die allcreisfigsten Äntiscmiten, auch die allercifrigsrcu Iudcnhcizcr — so sollte man nicht leugnen, daß die ungeheure Mehrzahl Ländern, auf deren Absatzgebiet Wien und vic Industricbezirkc angewiesen sind, Juden sind. Herren, für eine Folge daraus entstehen, wer ciilporinm für die Bcdürfyiffe des Sstcns, in der Iudenbeize in ganz Sst Europa gerälh? äecnn cs vielen Zweigen zu, weil ich sage, daß Mit einigen wenigen sie nennen — könne» dxr Kausleute in jenen!e andere österreichische WaS soll nun, meine n Wien, das Hauptden Ruf der Hauptstadt geht, g die dann ist zum Schuld daran. unserer-Industrie und unscrcs Handels schlecht großen T heile auch diese unglüekscligc Bcrvcgu « Zustimmung, i Ich hätte ron dem Herrn Vorredner erwartet, daß er die juridische Seile ins Auge gefaßt hätte. Welche Meinung er immer über Tieses oder Jenes haben mag, jedenfalls ausgelieii, daß Gesetze gewahrt und gehalten werden müffcn, so lange sie gelten, n»d daß iiichtS ein Bolk in so hohtnn Grade dcmoralisirc, als wenn Gesetze bestehen und diese in Bezug guf eine bestiminte Anzahl von Staatsbürgern nicht cingehalten zu werden brauchen. Rehmen Sic nun die Parägraphc I<>2 und zur Hand. Auf Grund dieser Paragravbe wird jedes Blatt consiscirt, wird Jeder verfolgt, der bei spielsiveiie eikie Rationalität gehä'sig augrcift, »man thuk recht daran: aus Grund derselben wird Jeder verfolgt, der einen Stand, sei cS Adel, Bnrgcrthum oder Elerns, angreift. Güt, auch dafür bin ich. Aber nur die Juden sind vogcltrci in ganz tiTcstcrreich. Das muß das RcchtSbewußlsein in weiten A?reifen, cn'chiktern und das wird, fürchte ich. einmal in Oesterreich sehr traurige Folgen Hervorrufen." Als daun der Abgeordnete. Sr. l'ncgcr mit finem Geschimpfe gegen die Juden und einem HumnuS ans Scckert crwihertc, rief der in seinen Eutschlüncn schwankende Abgeordnete Sr. Paitai, welcher offenbar sich nicht anders zu helfen weiß und zur Abwechslung den Zeitpunkt , wieder zu Agitationen wobt geeignet erachtet, jniit komödiantenhaftem Pathos: „Bravo Seekerl!", in welchen Rrff die auf der Galerie posierte aniisemiii'che Elagne einstimmte. Sch Mariahilfer Tribun spielt jetzt in der Wiener antisemitischen Bewegung eine ganz untergeordnete sie olle: in neuester Zeit scheint er sich zu bemühen, den Intentionen seines Margarclhcner Eollegc» gerecht zu werden, der sich vielleicht dadurch erweichen laffcn und den Mechaniker Schneider bc -wegen wird, zu gestatten, daß der Gönner» weiland Bcttcr'S und HoUoman's wieder in den Bordcrgrnnd trete. Bei der Berbandlung über den Handclsveltrag mir Rumänien am 2«>. Mai lenkte der Abgeordnete Popper-die Aufmerksamkeit der Regierung ans eine Reibe von Ebieaucn, denen österreichische Staats angebörige seit einer Reihe von Jahre» auf dem Gebiete des Paß weiens seitens der rumänischen Behörden ansgcietzt sind. „Boiu rumänischen (öeneraleoiisul in Sdena," sagte der Btrtrctcr der Ezernowitzer Handelskammer u. A. „wurde ciu Paßvisum verweigert, und heißt cs in der Begründung: .Sas verlangte Paßvisum kann nicht crthcilt werden, nachdem der Eintritt von Israeliten nach Rumänien cudgiltig verboten isi. Genehmigen Sie die Bcrsicherung meiner besonderen Hochachtung u s. w.' Heiterkeit » Siese Erledigung unterscheidet sich wcuigsienS in der Form sehr vortheilhaft von der ungeschlachten Brutalität, durch ivelche sich unsere ^einheimischen Antisemiten auSzuzcichnen pflegen. Ser Fall wurde in Folge einer Eingabe der Handelskammer Ezerro.viv an das Handelsministerium durch das Auswärtige Amt in Bukarest zur Sprache gebracht. Sa? rumänische Ministerium dcS Aeußern beantwortete die Anfrage dah'n, daß der rumänische Gencraldv'nl in Sdcn'a absolut nicht berechtigt gewesen sei, eine derartige r::üe:r:elle Erklärung abzugcben, und daß dfls Ministerium diesem Iniwt-onär die nöihigcn Weisungen zugehen klaffen weide, um einer Wiede:holung ähnlicher unliebsamer Zwischenfälle yorzubengcn. Interesian^ isi es. daß mau sich hieeseitig mit einer solchen akademischen üsekensart abipeisen ließ Später wurde die Blcrsügung getroffen, daß jeder Paß eines österreichischen Staatsbürgers!von einem rumänischen Eon'nlak in S esierreich vidirt werden inüsie. Tsa solche Eonsulate nur Nr. kill. in Wien und Budapest cxistirtcn, mußten die Pä se eigens nach Wien gesendet werden, was mit großem Zeitverlust verbunden war. Eine Zeitlang wurden die Päsie vom Geueralconsulale ohne Visum mit dem Bemerken retournirt, daß der Einsender drin Gcncralconsulate persönlich nicht bekannt sei. Später aber wurde spcciell für Galizien und die Bukowina eine ganz neue rumänische Instanz geschaffen, indem die Paßbesitzer den Bescheid erhielten, daß die Angelegenheiten Galiziens und der Bukowina ausschließlich der i umänischen Gesandt schast in Wien Vorbehalten seien." Der Redner brachte die von der Handelskammer Czcrnowitz an das Handelst» nisterinm gerichteten Eingaben zur Verlesung, in welchen über die ui würdige Behandlung der österreichischen Staatsbürger durch rumänische Behörden Klage ge führt und hcrvorgehobcn wird, daß solche Reisende truppweise unter bewaffneter EScorte gleich Verbrechern geradezu zi rückgctricbcn werden, und fuhr dann fort: „Mehreren Kauflcutcn lourdcn ihre an die rumänische Gesandtschaft behufs Paßvidirung gcsckicktcn frankirten und rccommandirtcn Briefe mit dem Bemerken znrückg:se»dct: ,Wicd nicht angenommen.' Tie Erledigung der ÜandeSbehöri e auf die betreffende Eingabe der Kammer ist dadurch bcnicrkenswcrth, daß darin die vorgcbrachtcn Klagen eine ofsicielle amtliche Bestätigung erfahren. Der damalige weiter dcS Ministcriuins dcS Innern, G af Taaffe, hat trotzdem noch die Anführung concrcter Fälle verlang». Auch der Bukowiuacr Landtag befaßte sich mit der Angelegenheit, und es wurde daselbst, trotzdem die rumänische Partei die Majorit it hat,. erklärt, daß die Abwehr der Paßplackcreicn im äußersten Falle im Wege der Rcciprocität gesucht und gefunden werden »lüffc. Ge chchcn ist aber gar nichts. Im Jahre 1893 wurde in Czcrnowitz ein königlick) rumänisches Eonsulat errichtet, unter dessen Regime cS nur wenig,besser wurde. Sic Handwerker bekommen daS Visum stets > ur für kurze Zeit, niemals für ihre Gesellen, so daß sie größere Arb Uten überhaupt nicht übernehmen können. Tazn kommen diverse Willkür! ichkeitcn der einzelnen rumSnisck.en Grcnzorgane. Ein angesehener Czc nowitzer Kaufmann, FabrikSbesitzcr, Mitglied dcS GcnicinderathcS und der HandclSkamnier, machte mit seinem ordnungsmäßig bis Rovcmber 1894 giltigcn österreichischen Paffe, der vom rumänischen Consülale auf unbeschränkte Tauer vidirt war, kürzlich eine Reise nach Rumä neu. An der Grenze wurde er zurückgcwiescn, weil der betreffende Gre rzbeamte der persönlichen Ansicht war, daß die Aufenthaltsdauer in Rumänien vom Consul hätte beschränkt werden sollen. (Hört! Hört!) Bor gewiffcr Seite des HauscS wird vielleicht gesagt werden: Tic Sache geht uns nichts an, denn cS handelt sich größteuthcils um Juden. < rin derartiges, von blindem Racenhaffe dictirtcr antisemitischer Standpunkt kann aber unmöglich der Standpunkt der Regierung sein. 'Rur durch die still schweigende, ja wohlwollende Patronanz der früheren Regierung hat der Antisemitismus ungeahnte Dimensionen angcrommcn' Es fehlte auch nicht an Versuchen, der Landeshauptstadt Czcrnowitz auf bekanntem .mechanischen' Wege (Heiterkeit links) d e falsche Stampiglie des Antisemitismus aufzuprägen. Ter antisemitische Agitator wurde aber auf eine Weise hcimgcschickt, die cS ihm kla machte, daß er dort nichts zu' suchen habe. Tein Abgeordneten Tr. Zurkan blieb cs Vorbehalten, in diesem Hanse in den wüsten antiser «tischen ChoruS einzustimmcn, indem er am 27. Aprll die Gcschich c einer Dorflehrerin erzählte, welche sich angeblich Eier, Käse, Stift, Kukuruz und andere Gemüscartcn von den Kindern als Geschenke zi tragen ließ und dieselben hiedurch zuin Stehlen verleitete. Der Abgcordm te Zurkan schreibt den jüdischen ReligionSgrundsützcn zu, daß es ihrer Moeal nicht widerspreche, .unter allen Umständen Geschäfte zu machen. Tasi ist eine tendenziöse, gehässige Entstellung. UcbrigenS steht die gamc Historie von der Lehrerin mit der Wahrheit in bedenklichem Wider pruchc. Zufolge des Berichtes dcS Czernowitzcr Bezirksschnlrathcs »mit 4. Juni 1892, Z. 877, an den 2andeSschu1rath liegt, wje cS dort wörtlich heißt, gegen die betreffende Unterlchrerin kein Grund za einer TiSciplinaruntersuchung vor (Hört! Hört! links), weil sich dieselbe keiner Uebertrctung schuldig machte. Gesetzt den Fall, ein Seelsorger der griechischorientalischen Kirche, vielleicht gar ein Archimaadrit, wäre so unmoralisch, trotzdem dies mit seinem geistlichen Berufe entschieden nicht vereinbar ist, irgend ein Rcbengcschäft, sagen wie zum Beispiel hochverzinsliche Geldgeschäfte, zu betreiben und bei Eintreibung seiner Forderungen hartherzig gegen seine Schuldner vi rzugchen (Sehr gut! linkssi, - würde auch da der Herr Abgeordnete >ei seinem bekannten Abscheu gegen Geschäfte jeder Art (Heiterkeit link!) generalisiren und sagen: eine solche Moral sei mit den griechisch-o »jcntalischen religiösen Grundsätzen verbunden'? Gewiß nicht, und gewiß kein anderer objektiver Mensch. Und sollte cs ihm nicht bekannt sein, dc ß ein solcher Fall sich in der Bukowina factisch zugetragen habe?" (Heiterkeit und Sehr gut! links.) Abgeordneter Popper richtete schließlich in die Regierung die Aufforderung, hier Wandel zu schaffen und nich zu dulden, daß all-

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