Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 113 (3.6.1894)
- Date
- 1894-06-03
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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I Nr. 113. j‘ Freies Die wirthschaftlichen Segnungen des 2lntisemitismus. Es ist ein trauriger Weg, wenn man eine politische Richtung nicht anders bewältigen kann, als daß man ihr Gelegenheit gibt, sich mit der Realisirnng ihrer Ideen selbst zugrunde zu richten, aber er ist oft der einzige Weg, der zum Ziele führt. Leider scheint eö mit dem Antisemitismus so gehen zu wollen. Der verblendeten Mittelclastc, welche heute all ihr Heil von einem fleißigen Beten deS „Vaterunsers in der Judennoth" erwartet, werden die Augen nicht früher aufgchen, als bis sic am eigenen Leibe die wirthschaftlichc» Segnungen des Antiscinilisinns kennen lernen wird. An vereinzelten Thatsache», welche diese traurige Bcrmnthung bestätigen, fehlt cs schon heute nicht. Man erinnert sich »och, wie die galizischcn Antisemiten mit dem Fcigcnblatte in ihrem Batcrlande den bisher fast ausschließlich von jüdischen Pächtern betriebenen Salzvcrschlciß in eigene Regie zu übernehmen beschlossen, angeblich um dem Land und der Gcsammthcit allein die Borthcile dieses Handelszweiges zukonimcn zu lasten. Tic antisemitische Presse von ganz Oesterreich bejubelte diese rettende That als eine Art Borbild ofsiciell-antiscmitischcr Wirthschaftspolitik. Seither scheint aber irgend etwas ebenderselben Preste vollständig die Rede über diese That verschlagen zu habe». Tas erklärt sich einfach: es sind nnnmchr die Früchte dieser lediglich von Judenhaß »nd engherzigem Brotneid, cingcgcbencn Politik gereift, und sic sind für daS Land in einer Weise ausgefallen, daß man in Galizien wohl eine hübsche Zeit die Lust verloren haben dürfte, derartig praktischen AntiscmitiömnS zu treiben. Ein ähnlicher Fall hat sich in der freien Schwei; ereignet. Wir habe» bereits vor einiger Zeit darauf aufmerksam gemacht, von welch unerwarteten Folgen für daS heimische Erwerbsleben dort daS Schächtvcrbot begleitet ist. Tie Schweizer Jude» decken ihren Bedarf an gcschächtctcm Fleisch nunniehr durch Import auS den deutschen, italienischen und österreichischen Nachbargebicten, und der Schweizer Geschäftsmann kann,sich nun bei Heller unh .Pfennig auSrcchnen, wie hoch ihm die Chicanirung seiner andersgläubigen Mitbürger, zu stehen kommt. Nach einer statistischen Zusammenstellung auö dem Jahre 1802, welche nicht annähernd vollständig ist (cs fehlen z. B. Genf, Oltens), wurde» in jenem Jahre in den schrueizerisch-israelitischen Genießen 4222 Rinder und 5180 Stück Schafe und Kälber geschächtct.^Dicse Zahl repräscntirt Millionen, welche nunmehr jährlich der Schweizerischen Landwirthschaft entzogen werden. Tazu kommen noch die beträchtlichen Schlachthausgebührcn, die den Eominuncn zu gute kamen, und deren Wegfall stch vielfach recht empfindlich bemerkbar machen wird. Ilm den ganzen Ausfall mit einiger Sicherheit festsrellcn zu könne», wird man noch einige Monate Beobachtungen anstellcn »lüsten, besonders wenn jetzt mit dem Sommer die Fremdcusaison beginnt. Es ist mit Sicherheit anzunchmen, daß das Schächkvcrbot auch hier sich fühlbar machen wird. Taß die- Juden ein großes Eontingcnt zu den Fremden im Allgemeinen und zu den Schweiz-Reisenden insbesondere stellen, ist bekannt. Schon voriges Jahr- Habe» die jüdischen Gäste unter dem Eindrücke der Schächtabstiminnng, welche gerade in die Hochsaison (August) siel, an vielen Orten sich in christlichen Hotels über osfenkundige Zurücksetzung zu beklagen gehabt. Tic Vorliebe für die „freie" Schweiz hat sicherlich bei allen Freunden der Freiheit keine Steigerung durch die Art und Weste erfahren, wie daS schweizerische Schächtvcrbot mit der RcligionS- und Gewissensfreiheit seiner jüdischen Bürger umspringt. ES liegen Anzeichen in beträchtlicher Zahl vor, daß diese Bergewaltigung auf das jüdische Reisepublicum nicht ohne Einfluß geblieben ist und diesen Sommer in die Erscheinung treten dürfte. Nachgerade scheint den. humanen Schwyzern, welche die grausame Schächtmelhode bloß aus warmem Gefühl für die Thiere abschafften, vor den wirthschaftlichc» Folgen ihrer Thierfrcundlichkeit angst und bange zu werden, und eS mehren sich die Stimmen, "welche der Verstimmung über die Conscqnenzen jener Volksabstimmung unverblümten Ausdruck geben. So schreibt die „Thurgauer Zeitung": ,„Wenn die Herren, die unsere BundcSvcrfastung mit dem Schächtartikel verbrämt haben, glauben, daß die Hunderttauscnde, die ihnen damals HeereHfolge leistete», nun auch zu haben sein werden, wenn cS sich darum handelt, ihn nach seinem Wortlaute auszuführen, so sind sie i» einem bedenklichen Jrrthum befangen. So war'S nicht gemeint! Wer den Leuten vor der bezüglichen Abstimmung sagte, daß die Sache auch sic angchc, nicht bloß die Juden, der wurde ausgelacht oder bekam Grobheiten zu hören. Nun haben wir die Beschcernng! Der Thierschutzvcrcin mag nun lamcntiren, wie er will: TaS Schächten des Großviehes, das von den compctentestcn Männern der Wiffcnschaft als die humanste Schlacht- N I a l t. Leite It weise bezeichnet wird, ist zwar abgeschaist, aber im Uebrigcn blcibl's beim Alte», und kein Mensch denkt z. B. daran, eine San vor der. Tödtung liebevoll zu betäuben. Tic Regierungen, denen daS bester als dem EentralaNSschuß des Thicrschutzvercines bekannt istwissen drum auch wohl, warum sic nicht recht an eine VollzichuNgSverordnung heran wolle»,: ein eidgenössisches BoUzichungsgcscv aber — daraus können die Herren -deS EcntralausschnstcS sich verlassen — würde mit derselben Wucht bachab geschickt: werde», wie der Schächtartikel angenommen worden ist." Run scheint auch Wien seine Erfahrungen niachc»;u sollen. Jahraus jahrein, wenn die Erntezeit nahte und der Landwirthan den Absatz seiner Feldfrucht denken mußte, setzten die Antisemiten eine Art Kesseltreiben gegen die Wiener Börse für landwirthschastsiche Products und den von dieser alljährlich in Wien veranstalteten internationalen Saaleninarkt ins Werk. Tic Gäste des SaatcninarktcS wurden in der unflüthigstcn Weise beschimpft, die Prodncteubörsc, als der eigentliche Grund für den Niedergang der Landwirthschast, die Mitglieder dcr- Börse als Wucherer, Piraten und Räuber hingestellt u. -s. w. Als sich diese maßlosen Angriffe auch in den »iederösterreichlschen Landtag verpflanzten, ohne daß ihnen von conipetrnter Stelle die gebührende Abfertigung zutheil geworden wäre, beschloß endlich der Börscnrath, künftighin von der Veranstaltung deS internationalen. SaatcninarktcS' abzuschcn, welchem Beschlus; nunmehr auch die Börscnkainmer fast ein ■ stimmig mit nachstehender interessanter Motivinnig bcilrat: „Tie Kammer der Börse für landwirthschastliche Produetc in'Wien hat in > ihrer Plenarversammlung vom HO. Mai l. I. den schon Anfangs Februar l. .XV von einem Speeialeomitö gestellten und. nach einer neuerlichen Bcrathung nunmehr wiederholten. Antrag zum Beichlnstc erhoben, dahingehend, daß die genannte Körpcrschasl von der Veranstaltung des internationalen Getreide- und SaateinnarkicS mit Rücksicht aus die am HO. I ä » n er l. I. im niederö st c rrcichischcn Landtage st a/t l gehabten Beschimpfungen der Saaten markt gaste und die bis zum Verlangen der Beraubung derselben erfolgten Aufreizungen vorläufig abschcn möge. Maßgebend für diese Entscheidung war die Erwägung, daß kcinr Bürgschaft dafür besteht, daß zur Zeit dcr Ab Haltung deS Saatcnmau.ktcö nicht i» einer öffentlichen Körperschaft eine ebenso gehässige, die auö w ä r t i g c n B e s u ch c r° d c S S a a t c n in a r k l es b c s ch i in p f c n d t Tcbattc, w ic dic im n i cdcröstcrrcieh ischcn Landtage st a t t g e f u n d c n c, h e r v o r g c r u f c n n n b vcr ö-s fcn11ick> l w i r d und dann zu befürchte» wär-e, daß di'c Frcnrden bei c i n c m T h e i l e der durch d e r a r t i g e R e d c n a u s g c' r e i z t c n Bevölkerung nicht jene gastfreundliche Auf »ahme finde», an welche sic bisher in Wien gewöhnt wadcn." Ter Saatcninarkt wäre also glücklich überwunden, dem antisemitische» Terrorismus gewichen, und cö erübrigt nun für die siegreichen Herostrate nur. noch abzuwarten, welches die wirthschattlichen Segnungen dieses antisemitischen Erfolges sc^n werden, lieber die Bedeutung des . SaatcninarktcS für den Weltmarkt und die gesammte Landwirthschaft haben wir uns bereits früher sachlich ausgesprochen. Ter Ausfall deö seit mehr als einem Teccnniuni alljährlich statigchabten Saalcnniarktes, der stets eine große Zahl wohlhabender Leute ans aller Welt »ach Wien zog, wird sich aber auch unmittelbar gerade jener Elaste von Geschäftsleuten und Gewerbetreibenden unangenehm fühlbar 'machen, welche heute fast ausschließlich im Heerbann Liechlenitein's und Lnegcr'S stehen und diesem ob ihres Triumphes zuinbeln dürilen. Vielleicht ist. gerade jetzt die Zeit nicht ferne, wo sie über die wirlhichasilichen Segnungen ihrer bornirten Jndäophobic clivaS klarer deuten werden. ES koninil die Zeit, wer lebt, ivicd'S ft'lt'u, Wo Menschen ans den -Fügen ged». ^)wei j)clrlcl»nentsreden. Wir haben in der vorigen 'Nummer des „Freien Blattes" schon von den treffliche» Ausführungen deS schlesischen Rcichsraths-Abgcordnctcn Tr. Mar Mcnger bei der Tcbatte über den Justiz- Etat Notiz genommen; sic verdienen jedoch eine ausführlichere Wieder- . gäbe, Nachdem Tr. Mcnger seine Verwunderung darüber geäußert hatte, daß der „freisinnige" Tr. Herold in geradezu avcgwcrfcndcr Art von den Interpellationen über den Fall Tcckert gesprochen hat, fuhr er in seiner Polemik gegen den genannten jungtschcchischcn Abgcord- ■ litte» folgendermaßen fort: „Hier handelt cs sich nicht, bloß um den concreten Fall, sondern um die heillose Hetze, welche in Wien und , einer Reihe anderer Städte gegen einen großen Thcil. unserer Mitbürger, die jüdischer Religion sind, aber auch gegen alle Jene, welche •J