Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 112 (27.5.1894)
- Date
- 1894-05-27
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 112. Seite '! Frei«, Zielen bekenne». Ich möchte allen Schwestern ein andere» Wort an» Herz legen : Liebt nicht bei Antisemiten! Ueber da» Verhällniß der Frau, j» jeder Cultnrsrage läßt sich mehr al« eine Abhandlung verfassen, aber mit dein Glase in der Hand soll man nur sagen, wo» die Sprecher und Anwesende berührt.. Wa» mich bewegt, ist nicht da» Äesühl der Freude; wir sind eben kein Verein, der in heiterer Zeit sich antoastirt »nd bochlebenlassen kan»; wa» int» zu saminensührt, hat einen lies traurige» Grund. Traurig ist c», daß sich ei» paar Mensche» zusannnenfinden müsse», um ei» paar anderer Menschen vor Verfolgungen und Vcrvöunngen seile»« anderer Menschen zu schütze,, Traurig ist ti, daß auch wir selber jnit Gift begeifert werden. Aber wenn ma» un» bekämpst, so vernichtet mau damit noch lange nicht unser Strebe», dar den Frieden bedeutet, da» »ach Verminst und Gesetz nicht vernichtet werden kan». Unser Verein ist eine Abwehr gegen Jammer in aller Gestalt, de» «riege», der Verrohung und de» Elend». Um dagegen wirksam a»s;»treten, »iiisse» wir unsere» Schmerz hina»»tiageu, unsere Stimme jedesmal erheben. Abwehr sei unsere Devise. Ich sage nicht: unser Verein »löge fröhlich gedeihen! Vielmehr wünsche ich, e» möge bald die Zeit nahe», wo unicr Verein keinem Vedürsniß mehr entspricht " (Brausender Beifall) Vach der Baronin sprachen die Herren Troll, Stärk, Tr Hajek »nd Herr Balduin Groller. Hieraus hielt Herr Baron Lk.itenbcrger in seiner klaren und bestimnilen AuSdrnckSwcise, die durch ihre Frische »nd »»gekünstelte Ui»» Itelbarkeit den Zuhörer überzeugt »nd gewinnt, folgende Rede: „Unsere Devise inuß in Zukunst lauten: ..tirast, Auddauer, Zusammenhalte».' Nur so werde» wir die nöthige Stärke znr endgilligen Besiegung unserer Gegner finde», zu der vollstäiidigen Niederwerfung der antisemitischen Bewegung, wen» auch da» Ende dtisklbcn »och nicht abzusehen ist. Nicht ohne Absicht, verehrte Anwesende,''habe ich Sie ausgesordert, enge und kraslvoll zu sainmeiizuwiiken; dei.n ich habe die traurige Empfindung. daß wir aus unsere .straft allein angcwiese» sind. Zu ineiiiein Leidwesen habe ich die Wahrnehmung gemacht, daß die höhere Gewalt, die Regierung, allerdings i in m e r s e st h ä l l a n dem P r i n c i p e,. t a r Gesetz zu wahren und aus Grund de» Gesetze» alle» Siaaiebürgeru gleiche» Schutz zu gewähren: aber sie bringt unsere» Bestrebungen nicht jene Siimpathie» entgegen, aus die rechne» zn könne» ivir mit einer gewisse» Berechtigung hoffte». Wenn unser Präsident von der giiiistigk» Attfnahme der der Regierung von un» nilerbreiteten Petitionen sprach, so muß ich osfen bekenne», daß die Halinng der Regierung jene» warmen Wohlwollen» entbehrt, welche« wir erwarten zu könne» volle Berechtiguilg halte», lind auch heule sahen wir die» in der Hinau»schieb»ng der Bcaiilwortung einer Interpellation, die „»« eine gewisse Beruhigung Halle geivähre» lönnen in einer Strömung, die in Oesterreich nachgerade schon gefahrdrohend ist. Da» ist für mich ein neuer Ansporn, Sie zn festem Znsainineiihalten ansznfordern, weil wir vo» der Regierung nicht» zu erwarten haben. Ich schließe, indem ich mein Gla» auf die Einigkeit, aus da» innige Zusainnienwilken aller Verein»initglieder und Freunde unserer Idee elhebe!" Diese Worte machten aus die Versammluiig einen sichtbar tiefe» Eindruck. Als einer der letzten Redner sprach noch der Schriftsteller Herr G l ü ck»-! man», der die perversen Ziele der Antisemiten einer treffende» strilik unlerzog. Tie gesellige Unteihallung nah»» erst nach Millernacht ihr,Ende. ((vilc mit Seite.) Nach »ichrwöchentlichciu Stillschweigen über die JntnpcÜationcn Wrabctz' und NoSkc'S, die Dcdert Affairc l>etrcffciid, beeilte sich der Herr Justizministcr Grfaf Schönborn anläßlich der Debatte über sein Resiortbudget am 22. d. M. endlich zu erklären, daß er „m omeiitan nicht in der Lage sei, hierauf cine vollständige und aufklärendc Antwort zu geben". Der Herr Justizminister kündigte an, daß die beide» Interpellationen im Berlanfe deS Restes der Session beantwortet werden sollen. Die Interpellanten werden gnt daran thun, „erforderlichen Falles" den Herrn Minister an dieses Verspreche» zn erinnern, damit die scandalöscn Ereignisse von WeinhauS noch zu einer. Frist vor dem Hause autoritativ klargestcllt werden, wo dieses noch Zeit und Animo genug besitzt, den Fall cliigchcnd zn diScutircn. Mit Recht hob Abgeordneter Dr. Meng er, welcher die Dcdert Assaire am- 23. d. M. in Erörterung zog, hervor, daß nichts so sehr ein Volk demoralisire, als weu» die Gesetze bestehen und nur in Bezug auf eine bestimmtc Closse von Staatsbürgern nicht cingchalten werden. Die Behauptung Dr. Mengcr'S, daß die Juden in ganz Oesterreich vogclfrei sind, rief zwar eine Lucger'schc Entgegnung zu Ehren Deckert'S hervor; auf der Ministerbank aber herrschte bedüchligeö Schweigen. . (Eine Schlägerei auf offener Straße.) Am 23. Mai Vormittags kam es zwischen dem antisemitischen RcichSralhSabgcordnelen August Kaiser und dem Beamten der Versicherungsgesellschaft Uiunivne .Ldrintieu di Siciirtä, Adolf Pollitzer, zu einer Aufsehen erregenden Schlägerei auf offener Straße. Die Veranlassung hiezu bot il Blatt. eine Interpellation Kaiscr'S am IN. Mai, welche Ausfälle gegen die genannte Asiccuranzgcscllschaft enthielt und dse Regierung zur Unter suchung und zum Strafverfahren auffordcrte Ueber den Vorfall w:.d berichtet: Als Kaiser seine in der Bclvcdercgnfse gelegene 'Wohnung verlaffen hatte, um sich in» Abgeordnetenhaus;n begebe», irateil ihm an der Ecke der Earolineugasie und Fävoritcnstraße plötzlich zwei Herren entgegen. Der Eiue der Beiden zog aus der Pasche eine ganz neue, . starke Hnndspcilschc hervor und versuchte mit dem Rufe:. „Feigling! Sie wollen uutcr dem Schutze der Jmmuniiäi öffentliche Lügen verbreiten!" aus H>rrn Kaiser-cinzndringen. Tiefer wehrte de» Hieb mit seinem Regenschirm ab und schlug hiebei Herrn Pollitzer den Hut vom Kopfe. Letzterer drang aber weiter gegen Herrn Kaiser vor, der die gegen ihn geführten Hiebe pariric. „Bleiben Sie mir drei 'Schritte vom Leibe," rief Herr Kaiser, wogegen Herr Pollitzer in höchster Erregung und mit den Worte»: „Lügner, anlisemitiiche Bestie!" wcitcrS gegen Herrn Kaiser vorzudringen suchte. Mini«',weile hatten sicls Pasiantcn angesammclt und trennte«' die Beiden. Wach lcutc, welche gleichfalls zur Stelle kamen, nahincli zuerst das Nationale der beiden Herren auf und forderten Herrn Pollitzer auf, ihnen zum Eommisiariat Wi.cdcn zu folgen.. „Ich habe nur incine Pflicht gelhan," bcinerkkc der Arrctirtc. „Nachdem der Abgeordnete wußte, das; er ge logen, und sid) scheute, öffentlich zn widerrufen, ulnßtc icti ihn züch tigcn." Herr Pollitzer wurde in einem Eomsortabcl znm Eommifsariat Wiedci; gebradit. Herr Kaiser folgte in einem zweiten Wagen. in' Begleiter Pollitzer », der sid) übrigens in der Affaire ganz passiv' ver halten haben soll, verschwand im Gedränge. Bei der Polizeibehörde wurde scstgcstcllt, daß Pollitzer vorher einen Trohbries an Kaiser ge . ridstct chatte. Erstcrcr wurde in Hast behalten und gegen ihn die Strafanzeige im Sinne de» 8 G.^St. G. erstattet Ter 'Vorfall ge langte im Abgcordnctcnhanse zur Sprad>e, wo aniifenntisdierfeiis' ein später vom .Antragstellerselbst znrüdgczogener Antrag cingebradit würde, die Regierung sei anfzufordern, „mit allen ihr zn (Gebote stehenden Mitteln die Wicvdlholung ähnlicher t^ewalithalen hintanzn halten." So bedauerlich der Art von Lnnchjnsti; ist, den Pollitzer ver suchte, enthält er doel> auch cine dringende Mahnung an da» 'Ab gcordnclcnhauS, Vorkehrungen gegen den Mißbrauch der Jminnnitäl zu treffen. Sowthl Herr Adolf Pollitzer als auch Herr Angnit Kaiser sind Landwehrosficicrc. (Eine Arbeiterin und ein geiskticher Herr., Abgeordneter Dr. Kronawctter brachte im Abgcordneten'hmise die Angelegenheit einer Arbeiterin, Namens A.nna P a w l i k, zur Sprad>e, weld,e wegen llebertrctung der nnbcfligtc» Eolportagc zu scä>S Wochen Arrcüs ver uriheilt wurde, und sagte: „Letzthin hat eine Verhandlung gegen einen geistlichen Herr» stattgesundcn, der in einer Kirche eolportiren.ließ, und der Betreffende wurde zu zehn'Gulden Geldstrafe vernnheili: die Arbeiterin aber bckomnlt fed)« Wod>en Arrest»." (Ans dein Polenelnb.) Im Polcndub de» Abgeorductenbanie» kam cS letzten Sonntag zn einer bcmerkenSwcrlhcn Srenc. Ter dnrd> seine dsristlidj-soeialen Allüren bekannte Dr. v. Kozlo'wsli le schwelte sid) darüber, daß die Mchllicferungcn für einen Tl.e:l der galizischen Truppen die Dampsmühlc in Przcmnsl, welche Inden gehöre, erhalten habe, wahrend die kleineren Muhten um Przcikinsl nicht berüdsichtigt wurden. Dr. v. KozlowSki verlangte, daß diese Augelegcnhcit im Hanse zur Sprache gebradit lverde. >''ias/W od za e! i forderte ein energisches Auftreten de» PolenelubS in dieser Angelegenheit, nur solle die» im Wege einer Tepnlation an das-KriegSiuiniilc,- rium gesdfehcn. Tr. v. Lewieki poleminrie mit Tr -v. Kazlowsti und bemerkte, daß c» bei dieser Frage auf da» eonfiifionelle. Moment nicht ankommcn dürfe. Tie .Hanptsadie sei, daß die Lieserung ein galizisd>es industrielles llnternehincu erhalten habe. Tr. B»k rügte ebenfalls die Hervorhebung de» confessioncllcn Momentes, zn welcher sich Dr. v. KozlowSki bewogen fand, worauf dieser erklärte, daß er nid)t die Absicht hatte, gegen die Judeir-anfzntretcn, e» solle» aber bei der Vergebung der Lieferung gewisse „Unregelmäßigkeiten" vorgckommen sein. Der Polcnclub bcsdsioß, in dieser Angelegenheit cine Teputatio», bestehend auS den Abgeordnete» Dr. v. Lewieki, Tr v. Koz low Ski und PopowSki, an den Chef der Intendantur, Herrn v. R ö d e n z a u n, zu entsende». » <. (Abgelehnt.) Der VcrsöhnungSbürgcrmcister Tr. Grübt besteht .mit einer fürwahr einer besseren' Sache würdigen Energie aus der Er thcilung cincö weiteren StadtrathSmandatcS an die Antisemiten. In der am 21. d. M abgehaltcncn Sitzung dcö gcmcindcrülhlidfcn fort schrittlichcn Parteiverbandcs gab er die Erklärung ab, daß er nad) w i e vorder Ansicht sei, man ,m ü sse bin M i t g li cd der Opposition in den Stadtrath wähle». Tcr'Elnb habe zu wicderholtenmalen in diesem Sinne entschiede», und wenn and, die Opposition. daS letztemal, als ihr ein Mandat angetragen wurde, da»-