Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 112 (27.5.1894)
- Date
- 1894-05-27
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 85% known words query
- IRI
…/4886575-5439163-5441523--1290-4887754- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seit» 2 Freie» Blatt. I», weiteren Verlaufe ,'eines Berichtes gedachte Baron Suttner der Affaire Decken'». an dessen Hetzreden nicht einmal die Harangnen der Bombenwerfer! e.anreichen. „Soll etwa/' lagt der Redner, „das mittelalterliche Asylrecht der Rieche für Beebreck.er in »iiserr», beutige» Lesterreich ziignnste» der Herrn Decken wieder anSnahmSireise zur Geltung kommen? Sollte Herr Decken ei» so unciubehrlicker Pfeiler der Kirckie sein, daß er trotz der verschiedene» Lotterie-, BcrleuindungSnnd anderer Processe, i» denen er regelmäßig eine unsaubere Rolle gespielt, um de» Preis, eine ganze Institution zu schänden, auf seinem Posten erhalten weide» niuß? Fast scheint e« so; denn bis jetzt sind von bernlener Seile gegen idn noch keine Schritte unternommeu worden. Er sitzt bebäbig und fest auf seiner Pfründe, die er durch allerlei Nebenunleriiehinnnge», nnner denen sein bekanntes Borstadtorakel keine geringe Rolle spielt, so ein» lräglicki zu machen versteht, tvenn er auch gegen .jüdischen Lchacher' Himmel und Holle zu Hilfe ruft. Wir haben wohl die Finge in Erwägung gezogen, ob wir nickil diesbezüglich" competenten Ort« Borstelkungen erheben sollten. Aber man sulili ei endlich unter seiner Würde, dort als Bittsteller zu keiiilnen, ino inan im 4! ame» der Gerechtigkeit auf daS Nachdrücklichste und Ennckeiedenste fordern könnte. Eine wirkliche Sühne der 'chirerbeleidigieii Gerechligkcit läge mir darin, wenn es hieße: dieser Mann ist Am:,'» für imitier, enljetzt woideu! Mit einer einfachen Bersetzling ist nicht gedient Der Augenblick ist gekoinme», wo wir vielleicht a»S der Tefenstre in die L'slnsive übergebe» müsie». Ter saiibere Hetzprediger hat ja auch ili'S den Haiid'chnh blngkworfen, er hat auch gegen unS Worte der Trohung' >:udgc>rrcchen. Zeigen wir laichen Individuen, daß wir stark genug sind, ihnen das Handwerk zu legen." Baron Suttner gedachte'ferner bei diesem Anlässe deS wackeren BezirkSans'ckm'ses von Währing. Herr» Mayer, der allen Anleliidungeu zum Trotz daS sckändlickie Gebahre» Teckeri'» öffentlich verdammte. Ter anuleiniiilche Spießbürger möchte auch gerne: „wer" sei», sich Jemandem gegenüber als „Gawlier" ansipielen, er will eine „ari'che Blaublütigkeit" zur?ckau trag », er >ehe aber nicht, welche groteskes Rolle er dabei spiele, da er ntck't ttnniai irine, >oaS eigentlich die Arier waren. Ter Antisemitismus gehöre 11r.■ di zi.m l u Ion der ungebildeten Menge. Tiese Elemente würden sich erst dticken, irenn alle anständigen Leute ohne Rücksicht nnd Angst rufen werden: In uii'cre» Augen ist zeder Äiuisemit ein verächtliche- Individuum!" Ter Piasidenl lchloß mit einem Gedichte, welches Eonnstorialrath Tr. Schöpf der Pe>laniinluiig übersandt hatte: Neunzehntes Jahrhundert. Ist das ein Hader», ist das ein: Haffen Zwilchen den Rasen. zwilchen dbn Elaffen, Ist denn men'chlich so gar nicht« gebliLben, Ui» einander ein wenig zu lieben? und Erkenntlichkeit. Die alsen Griechen haben dem Erfinder der Buchstabener Rede deer Bericht Präsidenten 'olgke lebhafter Bei all. >'owie der EaffengebabrungSaiitweiS. erstattet von Herr» Be'.l'.ug. :rden debaiielos zur xennlniß gcnviniii . Bei. der b:erau' 'elgenken Wahl von E b r eni litgli eder» ivurden unter lebbastein Bei'all der ReichSralhSabgeordneke Gfai^jS türgkh und Eousistorial ra:b Ti Schöpf einstiminig als solche »oiniuirj. Es u.tlde hierauf zur Neuwahl des Vorstände» gcichrilicn, aus welcher singende Herieu als gewählt hervorgingen: PräsiteiU: Baron Suttner l B:e>-rr.il,deuten: Tr. v. »iißliug lind Generalmiiior Mingazzi di Modi gliane. Ea ner Beiling. Sckirifttührer: Zeziker und Groller: BorstaudSinitglieder T lornp, Hek'e». Tr. X ro nji weiter, Professor Sueff, Wradennnd Zii»merin ann. In das Schiedl'gerich> wurden gewählt: Biiteenz Ebiavaei. Pro'effor Eurer, Seiler rsnd Fraueuberger. . Herr F u rst e ntb al hielt sodann einen iy>t allleiligem, zum Theil mit stüriiul.chem Beifall au'genonnnenen Bortrag, in welchem er die Frage er oi:e:le, cb der Berein zur Abwehr deS Anti>e»iitiSi«iis thatsächlich eine „Judenlir-nuvve" und si'nst nick:» sei. „Es gibt," führte Herr Fürstenihal aus, „zwei H.inpka'.te.i des inedernen JndenbafseS oder, wie ev sich unpaffend nennt, A»li< .ns, eilen logenaunlcn christlich socialen und einen deutsch-nationalen, e.e.erstere ir :d und muß au »einem eigenen Widiersiniie zugrunde gehen. Ein : ist ebne die elbi>'chen Ideen deS Jjudenthum« ein Unding und -ckl: Ü! *\;v.•;• an'. Ter deutlch nationale Antisemitismus birgt aber Ihat- .! >,!: rum: ui'teilchatzende Gelabren-»iir den Bestand der modernen Gesell ■! in sich» Troi> der un'reiwilligen Muße, die Sem Führer friefer Richtung ' auit wurde, lei diesi» Bewegung nick» eizigejchtnininert Ein Hey- Tn'.wiug babe es verstanden, einen nicht geringen Einfluß ans die Imune zu erlangen nnd in den leicht enipsänglichen, unheillosen Pioragai:'j »irr die B>le,tigung der HebräismuS aus dein modernen al o auch »iir die Beseitigung deS EhtzistentbumS einzuleilen. Und : L 'ollen einmal als Richter nnh Lehrer, als Lfsiciere und »i s 'und u>:>'eren .»iindern zulammenlehen! ES ist soweit gekommen, ' 'stell.d e au» dem Juden'.bnm sich derauSentwickelt bat, eine sti'.il .it durch ^:» ncitve» germanisches Heidnilhum gefordert wird. Ter lismuS I»:t ikliieni Jdecnreichthum bat unser« geiammke moderne Lulturausiul.ru:. Unseren Gegnern fehlt das primitivste Gefühl für Tankbarkeit Nie Nr. 112. die Welt zu Lulturzwecken zu sogenannten .Wilden' schrist, dem semitischen, mythischen Fremdling Kadmu l Denkmäler errichtet, die Deutsch-sstationalen hingegen verkennen absichtlich die unermeßlichen Verdienste deS Semilismu». Tie semitisch phönicische Schrift in ib das dekadische Zahlensystem, da« wir den .Semiten' verdanken, ist noch lischt durch etwas Besseres ersetzt worden; etwas Vollendeteres als die Bibel hat noch nicht erhalten. Wenn moderne Lulturnationen kommen, bringen sie ihnen vorerst die arische» Errun lenschasten: Pulver, Blei, später aber kommen Missionäre mit Schiffladungen )on Bibeln. Nehmen die .Wilden' die Bibel an, so heißt er, daß sie cultursähig Missionäre mit blutigen Köpfen heim, dann sind sie unverbesserliche Barbaren, bei denen Hopfen und Malz verloren ist. Wen» einmal die Bibel da« Buch Aller geworden. Allen in Fleisch und Blut übergegan ze» sein wird, -daun kann man vielleicht darüber nachsinnen, »och etwas BollindetereS und Heilsameres zur Schaffung einer höheren Eikltur der Welt zu gel en. Dann müssen aber Männer austreten, größer als MoseS, gewaltiger «IS Jejaia», edler als Jesus Hat der Antisemitismus solche Männer vielleicht in sei len'Reihen aufzuweisen?" Ter Redner schloß mit der Folgerung, der Antisemitismus mllffe als der wildeste Ausbruch culturfeindlicher Rohheit unnachsichtlich bekämpft werden; er sei nicht gegen die Juden, sondern gegen die immer noch im Zeichen deS SemitiSmuS stehende Euliur überhaupt gerichtet, und der Verein habe daher eine Culturmissicn, er sei keine bloße „Judenschutztruppe". Damit war der officielle Theil der Bcrsnmmlung erledigt, die Gäste blieben aber »och bei Musikklang vereint, um in geselliger Unterhaltung und an kraftvollen zündenden Tr nksprüchen sich zu erbauen und im Geiste der Abwchrbcwegung zu bestärken. Tie Reihe der Toaste eröffnete Hofrath Professor Dr. Nothnagel; er sagte: „Bon der Aufgabe, deren Erfüllung u»S Aller a>» hohes nnd heiliges Ziel vorschwcdt, ist ein großer, ist der bedeulungSv 'Ufte Theil in die Hände und Herzeir der Frauen gelegt. Gesetze, sociale und ökonomische »Maßregeln sind gegenüber den traurigen und schmachvollen A>.griffen, zu deren Abwehr wir unS vereinigt haben, wichtig und unentbehrlich. Ter rocke Erfolg jedoch karrn nur dann erreicht werden, wenn diesen Angriffen auf Icm Boden begegnet wird, aus welchein beranS sie erwachsen sind. DaS Niedrige und Schlechte, da« in letzter Instanz ihre Quelle ist, kann nur durch da« Edle und Gute überwunden werden. Erhaben und groß ist die Aufgabe der F 'auen hiebei. Nugeborerre Güte ihres HerzenSwesenS läßt sie die Ungerechtigkei:, ihre »Milde die »Rohheit stärker jühle». sie sind die berufenen Hüterinnen des Reinen und »Milden, und kraft dieser Tugenden sind sie im Hause und an dir Stätte ihrer öffentlichen Wirksamkeit: in der Gesellschaft der Hort der Gerechtigkeit, der Liebe, der »Menschenfreundlichkeit. Wo keine Gründe überzeuge::, keine Beredsamkeit deS »Mannes hinreißt, da siegt die sanfte Macht der Frau. '} n die Herzen der Frauen wenden wir u»S, ihnen rufe» wir zu: »Man höhnt u id verspottet die heiligsten Empfindungen unserer »Mitbürger, man legt ihnen unschuldig physische und seelische Marterir auf. Hier ist empörende Ungerech igkeit, härteste Unmensch lickikcit! Und Eure Güte lebnl sich nicht aus dagegen'' Eure Menschenliebe erhebt nicht stammend Protest dagegen? Ihr könm U rschuldige gepeinigt »sehen, ohne daß in Eurem Herzen die heilige Glmh der zü »enden GerechtigkeitSlicde emporlodcit? Aber noch Höheres, noch Heiligeres ist >cr Frau anvertraut. In ihre Hände ist die geistige uird sittliche Zukunft nasercS Volkes gelegt, die Xintcsieele ist ihnen übergeben, zu Gutem oder zu »Bösem können sie, ja sie last allein, dieselbe formen. Und da rufen wir der Müttern zu: Wie Ihr Euer» Rindern lehret, daß Diebstahl enlehrend und g> mein sei, so lehret sie ein Gleiches von dein Haß und der Bersolgung der Mitmenschen; lehret Eure »Sinder, daß sie deir »Mitmenschen nur beurtheilen nal) dem, wa» er lhut, nicht nach Eonfession und Nationalität. Säet den Samen »es Guten in die Kinderseeleir und reißet unnachsichtig dar Uirkrant an». »Rtr ivenn.die Kinderseelen von edler-Mutterhand geführt werten, wird das wieder eintreten» waS wir so heiß und innig ersehnen: daß unsere Jugend > üeder da» Banner de» Idealismus, schöner Menschenliebe und Gerechtigkeit intsallet, auf welchem in leuchtenden Zügen das Wort deS großen TichlerS gläirzt: ,Ten »Manschen Liebe — Lieb' ist Göttersreude' Und so erbebe ich beim mein GlaS: Unsere Frauen sollen leben nnd wirken für unser Streben, unseren edlen Zielen zu! Hoch, hoch, hoch!" (Stürmischer Beisall.) Rach einem kurzen Trinkprnche deS Barons Suttner, welcher den Ehrenpräsidenten Baron Leitenberger, Profeffor Nothnagel und Grafen HoyoS gält, erwiderte Frau Baronin »Bertha Suttner die an die Adresse der Frarren gerichteten Worte »Profeffor »Rolhnagel'S. Tb mit brausendem Beifall begrüßte Sprecherin sagte: „Die unS gestellte Angabe möchte ich meinen Schwestern dringend ans Her; legen; da« unS gejpen »eie Lob aber kann ich in unser »Aller »Namen nicht annehmen, umsoweniger ai nehmen, da ich hier alS Anklägerin der Frauen auftrete. Sie sind die wülhen >sten Militär- und KriegSfreundinnen, an sie wendete sich »Priizz Liechtenstein in einer besonderen Frauenversanimlung mit dem Appell: Kaust nicht bei Juden! welchem sic Folge leisteten und den sie hinaustrugen aus jener Bersai imlung in ihre Familien. Wir Frauen können dessenungeachtet viel wirken. Ii unserer Hand liegt daS Mittel der Zuchtwahl: diejenigen, die wir auSzeichne:>, müssen sich zu unseren