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Freies Blatt · 1894-05-13 · 110 (13.5.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
110 (13.5.1894)
Date
1894-05-13
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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5*ite 10. Freies Blatt. Nr. 110. „Ich habe die lange Pachtzeit — fünfnndsiebzig Jahre dauernd — von diesem Hause," sagte sic. „Ich kann eS möblirt vermiethcn oder die Einrichtung verlausen und unmöblirt vcrmietheu. Tie Einrichtung mit allen Büchern und Bildern kostete viel Gelds dann meine Juwelen und die paar hundert Pfund, in der Bank. Es wird auf jeden Fall eine Handvoll bleiben — eine Handvoll," sie lachte verächtlich. „Was kann man anfangen mit einer Handvoll'?" Sic war citie willenskräftige Dame. Zwanzig Jahre lang war sic ihren _ eigenen Weg in der Welt gegangen, allein, ohne je um Hilfe oder Rath oder Beistand zu fragen. Ls gab nur einen Mann unter allen ihren Freunden, an welchen sie sich in diesem Augenblicke wenden konnte, welchem sie wirklich alS ihrem Freunde verträuen konnte, cS war der Maim, den sic als Schwiegersohn zurückgewicsen hatte. Und bei diesem Unglück konnte er ihr von gar keinem Nutzen sein/ von gar krinem Nutzen. Tann geduchte sie der Worte ihres Cousins, nicht der Worte des heißblütigen Mannes, der ihr ins Gesichl gesagt hatte,. k daß ihr, waS immer sie? sich auch nennen möchte, die Straßenjungen doch laut nachschreicn würden „Jüdin — Jüdin"; nein, sic gedachte der Worte dcS sanft redenden, glattzüngiges Manne-, dcS ManncS. mit dem höflichen Benehmen, der sic so crtzsthaft gebeten hatte, sich um ihre Geldangelegenheiten zu kümmern, von Gerüchten und Berichten gesprochen und ihr angebotcn hatte,! sobald sic eines RathcS bedürfte, ihr so gut zu rathcn, als cS in seiner Macht stünde. Er hatte auch ausgesprochen, daß in Zeiten, der Noth die einzigen Menschen, welche helfen könnten, die Glieder der Familie seien. Konnte sic nach alledem, waS geschehen war, dp sic sich von ihrer Familie und von ihren Glaubensgenossen getrennt hätte, konnte sie -zu diesem Bcttcr gehen? Ter Mann wußte augenscheinlich etwas über ihre Angelegenheiten. WaS wußte er? Gerüchte? Berichte? Wie viel wußte er? Er war gekommen sic zu warnen, und sic hatte die Warnung übersehen. Er muß etwawiffen. Bielleichl konnte aus dem Schiss bruchc noch etwas gerettet werden; wenn ein großes Schiss zertrümmert wird, sind selbst die zerbrochenen Planken wertd, daß man sic vcr kauft. Tiescr Mann mußte etwas wisien. Sic hatte keine Zeit, um an ihren Stolz und an die Bilterniß der 'Nachgiebigkeit zu denken. Madame Elveda überlegte, daß ihr Cousin der einzige Mann wäre, der ihr in diesem Falle Rath ertheilen könnte. Sic wollte zu ihm gehen. „Sic sind mein Bcttcr," wollte sic ihm sagen. „Sic boten mir Ihren Rath an, wenn ich je desselben bedürfen tollte. Bcralhen Sic mich nun! Sic warnten mich. Ich habe Ihre Warnung nicht beachtet, nun lese» Sic diesen Brief und rathcn Sic mir! Wenn Sic mir helfen können oder mir einen guten Rath wisien, werde ich Ihnen dankbar sein." Sic erinnerte sich, daß in ihrem Geldschrankc sich ein- Packet Tocumenle befand, von welchen sic viele seit ihrer Bcrhciratung gar nie berührt hatte, und unter diesen war auch eine Liste aller ihrer Wcrthpapicrc. Sic bcstcUlc ihren Wagen, nahm die Tocumenle an' sich »nd ging in ihr Zimmer, um den Hut auszusctzen. Tann gedächte sie ihrer Tochter. „Arme Franziska!" seufzte sic. „Nun ist cs wodl Alles eins, ob sic sich meiner .Sache' widmet oder nicht. Es wäre bcsicr für sic gewesen, wenn sie Harold geheiratet hatte." Sic bestieg ihren Wagen — wie gewöhnlich ruhig und kalt, wenigstens dem äußeren Anscheine nach, und fuhr in die Regent Street zu Mr Angela. XXVI. „Ich habe soeben Ihren Brief erhalle»/ Franziska, den einzigen, welchen Sie mir schrieben, seil Sie bieder gekommen sind, den einzigen Brief — Treulose!" „Bcrzeihen Sic mir, Harold Ich habe mein Bersprcchcn nicht gehalten, ich weiß cS Ich versprach Ihnen i so weiter zu schreiben wie gewöhnlich. Allein — > „Allein --- was, Franziska? Habe ich Sie unbewußt beleidigt?" „'N'cin, nein. Wie könnten Sic mich beleidigen, Harold? Es ist - wie lange? — zwei Wochen, seit ich Ihnen zuletzt schrieb. In rwei Wochen mag sich BielcS ereignen. S, wie viel ist mir begegnet! Ich habe >o viel zu erzählen, und doch wird cS mir so schwer, nur irgend etwas zu sagen." „Sagen Sie mir, waS Sic wollen, Franziska Lasieü Sie uns hinaus'aus diesem engen Lochet" Sie bcianden sich in dem kleinen Svrech, Musik, Frühstücks, 'Speise, Studier-, Arbeitszimmer: eS war beinahe sieben Uhr Abends, und Nelln hatte keine Zöglinge mehr. „Vasten Sie uns irgend wohin gehen, wo wir sprechen können Ich bemerkte durch, die Hinterthur einen großen und srcundlichen, luftigen Friedhof. Wollen wir nicht hingchen und unter den Gräbern sitzen?" „Kommen Sie in den Garten. Emanuel vird gleich auch dort . sein. Wir gehen da jeden Abend spazieren. In l en Morgenstunden ist der Garten bei schönem Wetter seine Wcrkstäte. Er liebt in der Sonne zu sitzen. Aber der Garten ist nicht >icl größer als dieses Zimincr." „Aber es ist jedenfalls Heller dort," sagte Harold, als sie sich im Garten befanden. „Wie wundervoll solch ein Fb ckchen Erdc, wie dieses mit seine» Schlingpflanzen und Weinstöcken und seinen grünen Blättern diese kleinen, gewöhnlichen, grauen Ziegelhäuser erhellt! ES mag selbst eine solche Alltagsstraße, wie diese, ihre Roman' haben." „In diesem Hause selbst spielt sich ein Roman ab. Hier wohnt ein Mädchen, welches in einen jungen Mann verliebt ist. Es ist die Geschichte von Romeo und Julie. Julie sollte l icht an Romeo denken, weil er einer anderen Partei angchört. Julie »S Pater ist ein sehr strenger Anhänger seiner Partei. Julie würd: von den gesauimtcn Parteigenosien aufgegcben werden, sobald sie A omco heiratete. Julie ist aber vollständig gebunden und gefcsiclt durch die Liebe zu Romeo. Unglücklicherweise ist alle Romantik nur auf ihrer Seite, denn Romeo ist ihrer nicht würdig. Romeo ist ein gemeine.-, eingebildeter, selbstsüchtiger junger Mann. Aber sie liebt ihn und verehrt ihn und wird seine Sclavin werden. TaS scheint all daS Ilück zu sein, daS sic begehrt." . „Gibt cS hier Parteien — Montccchi und Capulctti?" „Hier heißen sic Juden und Christen. Sobald sic ihn heiratet, muß sic ihr Bolk und ihre Freunde aufgcbcn. Sic wird eine AuSgc stoßcnc fein. Aber dennoch wird sic ihn heirate >, ich bi» besten sicher, -sic wird'S Ihn». Harold, ich fange an zu den e», daß die Liebe eine schreckliche Leidenschaft ist — sic zwingt die Mi »scheu, die thörichtcstcn und die wunderbarsten Tinge zu vollbringen." „Sie ist wirklich eine schreckliche Lcidcnschaf," sagte Harold ernst. „Laßt uns beten, daß wir von derselben befrei: werden." - „NcÜr> liebt'diesen Mann" — Franziska beachtete scheinbar nicht die launige Anspielung, denn sic fuhr fort, NcllyS Angelegenheit in ernste Erwägung zu ziehen — „sic liebt diesen kleinen Beamten, und sic wird für ihn AUcS qufgcbcn, Pater, Bern» »dtc, Freunde — kurz Alles. Er aber gibt nichts auf um ihretwillen.' „Bicllcicht," sagte Harold, „übertreiben Sic die Ucberlegcnheit dieser jungen Tarne. Meine eigene Erfahrum;, ivelchc wohl in einer so delicaten Angelegenheit nur sehr beschränk: ist, lehrt mich, daß Gleich sich gerne mit Gleich geselle. Mich dü ikt, sic wird von seiner Gemeinheit nicht so peinlich berührt wie Sic, i»d betrachtet wohl gar die Selbstsucht als einen Theil der ManncSnai rr. Und so unterhalten Sie sich mit der Beobachtung einer Liebesgeschichte?" „Ich thuc noch vieles Andere^ Harold, ich bin sehr, sehr froh, hichcr gekommen zu sein — Sic wissen, cS war Claras Idee. Sic wollte mich aus meinen vier Wänden fortbmngcn und mich meinen Gedanken entreißen. Ich hatte angcfangen, mim unglücklich zu fühle», ich weiß nicht weshalb. Tic allen Sachen gefielen mir nicht mehr. Etwas stimmte nicht. Ich fmnpathisirtc nicht mehr mit meiner Mutter — mit gar nichts mehr. S! Es war die größtmögliche Beründerung. Niemand würde glauben, daß man eine solche Berändernng durch machen könne. Ich bin begierig, ob sic andaucm wird." „Welcher Art war diese Pcründcrung?" siagte Harold ernst. „Sehen Sic, Harold, Sic kennen uns so gut, daß Sic begreife» können — mir hatten' keine Bande, die uns äiit der Welt verbunden hätten. So wurde mir die ganze Welt zu einer Maskerade, welche vor den Hotelfcnstcrn zu meiner Unterhaltung gespielt wurde. Ich fand nie heraus, wie wirklich die Tinge seien, bis >^ic," sic zögerte einen Augenblick, aber dann fuhr sic fort, ihm offcü in die Augen blickend, „bis Sic eine Frage an mich richteten — wqlche mich vcranlaßtc - später — die verschiedensten Fragen an mich sscldst zu stellen." „Ta bin ich ja höchst dankbar," sagte Harold. „Ein anderer Grund war die Thatsachc! daß wir so schrecklich reich sind. Aber andere reiche Leute haben Besitzungen, Ländereien, Berwandte, Unrergedene, Micthcr, Arbeiter — allerlei Bcrantwortlich fetten und Pflichten. Sie sind an Land uns Leute gebunden. Wir haben nichts als einen massiven Klumpen Golti erhalten, welcher Leben in sich hat und wächst wie ein Baum, nurj ohnc jegliche Schönheit. Er ist von knolliger Bcschastcnhcit und treibt allsührlich neue Knollen; zwei oder drei davon schneiden wir ab und lchscn daS Ucbrigc zurück; frische Knollen erstehen jedes Jahr — worin wird daS ein Ende nehmen?" ES halte an demselben Tage ein Ende genommen — nur wußte cS Franziska nicht. In eben diesen! Augenblicke sputete sich Mr. Adalbert Angelo, auf seinem Wege nam Paris Erkundigungen einzuzichen, um möglicherweise »och etwas auS dem Schiffbruche zu retten. „Perantwortlichkeiten kann man leicht auf sich nehmen, Franziska."

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