Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 110 (13.5.1894)
- Date
- 1894-05-13
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 11. Nr, 110. Freies „3a, locuii man die Dinge kennt, nicht aber, wenn inan außerhalb der Welk steht. . Sehen Sie, Harold, ich bin nun nahe;» vier Jahre in England und ich weiß gar nichts. Ich war drei Jahre in Newnham, doch ist mir daS Leben in England — das gesammte— von der Königin bis;in» Bettler hinab, gänzlich unbekannt geblieben, bis ich hichcr kam und mit mcinen eigenen Äugen die Ärbcitcrwclt kennen lernte/' „Nochmals, ich bin Ihnen äußerst dankbar. Ich habe für Sie nichts so sehr gewünscht, Franziska, als daß Sic ans Ihrem Warm Hause heraus kommen und die Welt der Thaten keimen lernen möchten ' statt der Welt der Theorien." f „Und dann gibt'S apch noch mehr in diesem Hanse als eine bloße Liebesgeschichte. Hier lebt auch ein Prophet." „Sic meinen Emanncl. Ja, Franziska, wenn große Gedanken Einen zum Propheten machen, dqn» ist Emanucl ein Prophet. Macht er Ihr Herz erglühen, Ihre' Wangen brennen und Ihre Pulse höher schlagen, Franziska,-sobald er zu Ihnen spricht?" „C! ich habe nie einen Mann gesehen,' gleich ihm — ich habe nie von einem solchem Manne mir träumen lasten! Des Morgens komme ich in , den (Karten, wo er an seiner Schnitzerei arbeitet,- und da spricht er mit mir. Er liest meine Gedanken, er weiß, waS ich ihm sagen will, er spricht von der Größe Israels — von seinem Lande und" — sic unterbrach sich selbst — „und von dem Nnhinc seines BolkcS, von der Freiheit desjenigen, der ein Handwerk betreibt, von den Pcrsuchüngcn dcS NcichthumS- — cS gibt wirklich einen Menschen, der nicht nach Geld begehrt. Wenn er spricht, sühlc ich -mich cinporgehoben anS mir selbst — ich vcrgestc Alles — ich weiß nicht, wo ich mich befinde, bis er innehält und ich wieder zur Erde znrüekkehrc." „Er ist ein Prophet, Franziska. Er wäre ein großer Ehemiker geworden, hätte ihn nicht ein häuslicher Kummer in die Ferne getrieben. Sein Her; ist zur Liebe gcschastcn, und er ist ein einsainer Mann. Darum ist er so ruhelos und kann nie lange an einem Srte bleiben. Er ist hcrgckonimcn, um ein wunderbares Geheimniß kund zu thnn, ich weiß nicht welches. Es mag eine chemische Entdeckung sein, cS mag eine philosophische Maxime sein. Nun, ich begehre nicht nach seiner Entdeckung, sondern nur nach seiner «.''cfellfdiaft. Ich gedenke, wenn er wieder fortzicht, eine Zcitlang mit ihm zu ziehen. Er soll weiter schnitzen, und ich werde irgend eine andere Fertigkeit lernen — Schuhe auSbesscru meinetwegen — so daß wir nnS durchfristen werden, wenn mich nur mit magerer Kost, und wir werden wandern von Srt zu Sri und beobachten." „Ich wollte, er nähme mich auch mit," sagte Franziska. „Ich wünschte mir nichts BestercS. Ich bin stark, ich kann gehen, odcr viclleicht würde er mir einen'Esel erlauben. Und ich will ein nützliches Handwerk lernen für mcinen Sclbstuntcrhalt — nämlich das Perlen auffastcn. Und er muß den ganzen Tag mit nnS sprechen." „Wir wollen alle drei zusammen fortzichcn. Wir werden ein Herr lichcS Leben führen und niemals zurückkehrcn. Wir wolle» unter die Araber gehen. Sic sind schon, bei denselben gewesen, ich auch, Emanucl desgleichen. Ich werde — mit Ihnen — ein Sohn ISmaclS werden." „ES gibt noch andere seltsame Geschöpfe an diesem seltsamen Site, Harold. Da ist ein Herr — ich meine wirklich einen Lord — der ein Seemann vor dem Maste war und nun Herausgeber einer Arbeiter zcitnng ist, welche, wenn die Leute sic nur lesen und danach handeln würden, die Arbciterwelt in ein Eden verwandeln würde. Seine Äugen blicken weitab wie bei einem Seeinannc: seine Finger sind tintig wie bei einem Herausgeber; er in eine edle Natur wie ein Seemann, aber er hat ein schreckliches Weiv. Diese entsetzliche Person ist jeden Tag betrunken. Manchmal öffnet sie die Fenster oder wälzt sich am Boden und schreit. Ihr Mann sagt nur, daß er daS gemeine Los wollte, und daß cS ihm zuthcil wurde. Sein Sohn ist NellyS Geliebter, 'über welch ein Unterschied zwischen Batcr und Sohn!" „Sie müssen mich zu diesem unigcwandellcii Scemann führen. Ist er ein Socialist?" " „'.Nein. Er predigt den Arbeitern nur Nechtlichkcit, Wahrheit und Selbstlosigkeit. DaS sind keine populären Doctrinen und eS hört ihn auch thatsächlich Niemand an. Biellcicht," sagte Franziska satnrisch, „sind diese Eigenschaften hier herum allzu allgemein, um eines Für sprcchcrS zu bedürfen." „Zweifellos," sagte Harold. „Ucbcrall sind diese Dinge als Unkräuter zu finden. Daher die allgemeine Glückseligkeit." „Ich habe ihn sehr lieb, Harold. Er ist eine.so große liebevolle Natur, mit einem fast ebenso guten Benehmen wie Emanucl." „Emunuel ist, wenn er will, ein spanischer Grande. Er ist der Erbe vielhundertjähriger guter Sitten." & Sie gingen in dem kleinen Garten auf und ab. Bei diesen Worten blieb Franziska plötzlich stehen. 5? I a 11. „Harotd, Emanncl hal mir noch.etwas gesagt, was meinen ganze» künstigen Lebenslauf veränder» wird und mi>ß " „Und daS wäre?" , „Wenden Sie sich um, Harold Stellen Sie sich mir gegenüber., von Angesicht zu Angesicht. Wollen Sic mir eine Frage wahrheilSgetren beantworten?" „Wahrheitsgetreu, Franziska." Er stellte sich, wie sie eS gewünscht. „Harold, Sic kennen ii&d, ' schon lange, wir sind immer gnle Freunde gewesen. Sagen Sic mir, welchem' Bolle gehöre ich an?" Er zögerte. „Sie habe» mir es ja öfter selbst gesagt." ^Lassen Sic mich die Wahrheit hören," wiederholte sie. „'.Nun also, Sjic sind eine Jüdin." / „Sic habest daS schon^die ganze Zeit gewußt?" 1 //Die ganze Zeit von allem Anfang an. Schon als Sie ein Mädchen von vierzehn oder fünfzehn Jahren waren."' „Und seither wissen Sic, daß wir uns spanische Mauren genannt haben?" „Gewiß." - „S, wie ich mich schäme. Warum erfgnd meine Mutter diese Geschichte?" ' „Denken Sic nicht böse über Ihre Mutter, Franziska. Sie trennte sich von ihrem Manne, sie wollte-ihm nicht gehorchen, das sagten Sie mir ja selbst. Darum schied sie sich von ihrem ganzen Bolle. .Sie ging so weit, dasselbe;n verleugne». Sic wollte selbst nicht zügeben, daß sie ' eine Jüdin war. Sic nannte Sie -- wenn auch nicht sich selbst — eine Maurin; sie sirgte, daß Ihr Bater ein spanischer Maure gewesen sei; daS sollte Ihren orientalischen TnpnS erklären." „Ich weiß eS erst seit gestern." „'Natürlich wußten Sic cS nicht. Sic glaubten, die Geschichte so treulich — Sie waren so stolz darauf — daß Niemand Ihnen die 'Wahrheit sagen wollte. Außerdem war cS Ihrer Müller Wunsch, daß Sie davon keine öienntniß bekämen." „Sie wußten eS, Alle wußten eS — die Leute, welche in »nser HauS kamen, die Mädchen in Newnham? S, waS mußten sic von mir denken! Ich schäme mich so schrecklich, Harold. Mir ist, als ob ich nie mehr unter diese Menschen gehen könnte. Ich bin krank vor Scham. Wie erkannten -Sic eS bei mir?" „Au Ihrem Angesichte. ES ist ein schönes Antlitz, Franziska, und eS ist in keiner 'Weise, glauben Sie mir'S, entstellt durch daS Siegel Ihres BolkeS, durch welches cS nur verherrlicht wird." „Emanuel sagte mir'S. Gestern —. erst gestern. Zum crstcnmale in meinem Leben hörte ich die Wahrheit. Ich bin eine Jüdin. Wir standen vor dem Spiegel, Nelly und ich, und ich entdeckte ganz plötzlich, cS war wie eine Ssfcnbarung, waS sic daS Siegel unseres BolkcS ncnncn. S! da gibt cS keinen Zweifel mehr. Ich ersah eS auf meinem ganzen Gesichte. Aber cS leuchtete wie eine Glorie, Harold." „Warum sollte cS auch nicht eine Glorie sein?" „Emanuel lehrt mich, stolz auf meine Race zu sein — so stolz, wie er selbst ist. Ich habe ihrem Gottesdienst bereits angcwohnt — bevor ich noch die Wahrheit erfahren hatte — ihrem Gottesdienste voll Freudigkeit und Lobpreisung. Er bewegte mir daS Herz, selbst damals, ehe mir die Wahrheit bekannt war. Ich habe sie in ihren Häusern gesehen — die alten Männer, die Töchter und die Enkelinnen. S! und ich habe sic gesehen, geduldig in ihrer Armuth. ’C! diese entsetzliche, grinsende Armuth! Ich lerne — ich habe noch Alles zu lerne» — aber ich bin schon verändert. Harold. DaS ist'S, waS ich Ihnen zu sagen hatte — ich bin verändert — ich bin nicht länger Ihre Freundin. Diese 'lebte im Treibhaui'c, uingcbcn von conventionellen Dingen,- weiche sic Kunst nannte. Sie sprach unwahres Zeug über die Frauen. " Sie haben mich zum Leben gerufen, weil, sie mich in diese reale Welk gebracht haben. Ihre alte Freundin ist todt und dahin, Harold. WaS deren 'Nachfolgerin betrifft —" //lind die Frauenwelt, Franziska? Haben Sie schon Entdeckungsreisen in die 'Welt der Frauen gemacht? Sind sie noch immer unter denjenigen, welche die Frauen befreien wollen? Antworten Sie, Baschti! Antworten Sic, Empörerin!" Er lachte, aber seine Augen blickten ernst drein, und. seine Worte klangen wik ein Befehl. ' „Die Welt der Frauen?" — sie wandte den Kopf. „Die Welt der Frauen? — Ich bin jetzt eine Jüdin, Harold." „Und die Welt der Frauen, Baschti?" „Nennen Sie mich nicht mehr Baschti. Sie war eine Babylonierin. Ich bin eine Jüdin." — „Und die jüdischen Frauen, Franziska?" fragte er beharrlich. „Diese gehorchen ihren Männern, Harold" — die Stimme versagte ihr und sie neigte erröthcnd ihr Köpfchen. „Diese sind glücklich, weil sie den Männern gehorchen, welche sie lieben." (Forts«,»ng s»lgi.)