Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 110 (13.5.1894)
- Date
- 1894-05-13
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 110. « feite 0. Freier Wer Tolstoi auch auS seinen sonstigen Werken kennt, Per > wird an ihn, mit dem eben gegebenen Kommentar am ehesten begreife», daß -er Unterschied seines Denkens und desjenigen eines! Birchow etwa, daß der Unterschied zwischen dem „TolstoismnS" (gleich den idm verwandten Erscheinnngen^ und,der „ethischen Be wegung", daß kur; der Unterschied zwischen dem religiösen Denken, selbst wenn cS auf der breitesten, vernunftSmäßigen Basis fußt, und dem wissenschaftlichen Denken kein zufälliger, xtcin bloß an den jeweiligen Inhalt geknüpfter ist. daß er vielmehr ein habitueller, ein wesentlicher, bin formeller ist. daß wir hier ein fach zwei (Neisterwelten vor unS haben, die ewig mit einander im Kriege liegen. ES scheint, alö neigte sich.das wechselnde Kriegs! glück jetzt wieder einmal der religiösen Denkweise zu.! Dke charakteristischste Erscheinung dieser Art, verwandt mit l Eomte'S MenschheitSrcligion, ist Herrn v. Egidu'S Einiges Ehristeitthum",^) daS in den letzten Jahren in Deutschland einen gewissen Eindruck nicht verfehlt hat. wenn cS auch bereits heute schon so manche Erwartung, die man in dasselbe ge-etzt, enttäuscht hat. . Mit dem „Einigen Ehristenthnm" können wir um so bester die Reihe der in Betracht gezogenen Erscheinungen abschließen, als diese Form selbst gewissermaßen die äußerste 'Sinke der religiöse» Reubildungen der Hegenwart bildet und, im SilbjeetivisiiinS. üb»r! Eomtc noch weit hinguSgehcnd, den Begriff der Religion eigentlich vollständig anflöst. DaS „Einige Ehristenthnm" soll die Bereit» gung aller Menschen sein in der Idee deS wahren und ..ange wandten" EkristcnthnmS, deS EhristenthumS im Sinne eines der Holihcit näher gerückten MenschcnthumS. Auf das R'ben.'auf/die Rebe, auf die gelebte Moral allein will v. Egidti — leider jltitt jj er eS aber nur in der Theorie — He wicht lege» : die 'Sehre, ^däS -s Dogma, will er, soll a»S dem Spiele bleiben. So kommt er zu j dein incrkwnrdigc» Postulat: „Eine Religion ohne Dogma, eine : Religion ohne Eonfesnon". DaS würde an lind für sich schon die jj Aushebung deS Begriffes bedeute». AUcin, wenn Egidti auch den j HottcSbcgriff, entsprechend dem von ilmt angenommenen Satz. daß ij AlleS Entwicklung fei, einfach alS den Inbegriff des Alls erfaßt, - den kein Bildniß anSzudriicken verinag, und die Entstehnng dieses HottcSbegriffeS höchst natürlich im Sinne Thlor'S sich denlt. fo;J mag er ja culturhistorisch und philosophisch auf der Höhe sich be Nnden, aber an den deistischen Hedanken, der doch immer die- Hrundveste der Religion bildet, macht iT'iiicbt einmal jenen Schein > der Eoncession, ^>er selbst noch im Pantheismus dem 'Worte »ach liegt. . |; Bon der neue» Religion bleibt kann bei näherer Anallise nichts!! übrig als der Begriff der Bereinigung, und dies ist kein religiöser, ^' sondern ein soeialcr Begriff. Aber daS „Einige vilivift-lttlntm" | ■' wird auch auf socialem Hebiete wenig mehr, als eine Siiuftnt! schöner Worte — an denen Herr v Egidti stets reich ist — zu' Tage fördern. Er will eine neue, einb geläuterte Form der He! fellfchaft herbeiführe»: »ach welchem Principe, nach welchem Pro gramine aber diese'Reform vor sich gehen soll und wird, darüber - meint Egidti — dürfe man sich jetzt überhaupt noch gar nicht; auSsprechen. Weil die Bcrgangenheit zeige, daß alles Mcnschheiis j bewußtseiu sich rasch, den jeweilig festgesetzten Formen entfremdet,! müßten wir danach streben, von nun an diese Formen, Ein richtungen, Hcsetze, Satzungen, lehren so beweglich, so elastisch zu gestalten, daß sie sich einem fortschreitenden Empfinden anznpat'fc»! vermögen. Deshalb will Egidh bloß Hefichispunktc, nicht Sätze, Dircctivcn und nicht Instructionen geben und fordern. „Keine! Sorge um Programm und Stistem, Ausführung und Durch führung!" ruft er seinen Jüngern zu. „Rur um die HesicktS-! punkte, um die Hrundanschauungen handelt cS,fich h.-ute: das ist für jetzt Programm genug. Sind nur erst die rechten Männer,! die Männer mit der reckten Hrundanfchanung und dem nnkr : schütterlichcn Willen beisammen, bann brauchen wir um die Bes wirklichung nicht mehr zu sorgen: eS wird ihnen nicht schwer ' werden, unter den. guten Hedanken die beste» hcranSzn'indcn." Wenn nur erst die „gottgewollten", d. h. natur- und vernunftgemäße» Anstände geschaffen sind, dann, meint Egidti, werden auch die Menschen dazu da sein. „Hab eS für den Urmenschen ei» Paradies. , warum soll cS für den Eulturmcnfchen keines geben? Wir brauchen j eS unS nur einzurichlcn; find wir dann erst .eingezogen, ein Ai» bellen kann inan fick über diele Bewegung u»»riiditex durch die von Professor tzehniaii» Hohenberg delanSgegebene C.itärtal'jlirifi „ö inigeS t)riftelitt)lim" Berlin), die neulich in eine 2tzochenichr>il, „Ber > ijliyung". umgewandelt worden ist. Blatt. zweitcsmal wird eS nickt zur Bcrlreibung komme» — — wir find gewarnt. Freilich, den alten Adam ntüfien wir draußen laffen." — Freilich, freilick! Einem Manne, der eine Religion / ohne. Dogma und Eonfesfioit zusaninicnbringt, dem wird das Ab legen deS alten Adam ein ttmderspict sein. Wir haben früher zu wiederholtcninalen auf den Zusammen Hang einzelner religiöser Erscheiniinge» mit dem soeialistischen Anti Individnalisiittishingew:e''en. Man könnte diese Religionsformen 1, eommtliiistiicke nennen, und dann ergäbe sich für Egitti'S „Einiges Ehristenthuin" ganz natürlich die Bezeichniiligreligiöser Anar ckiSnius.' In der Thal ist dieses der auf religiösem Hebiete exeeisiv und zur Earicatnr anSgcbildete Individualismus, wie eck der Anarchismus auf foeialcm Hebiete ist, und wie dieser ruft Egidh eindringlich: '„Rieht organisiren". Damit also wird auch auf religiösem Hebiete daS Bild der Parteien vollständig. 'Wir möchten zu dem „Einigen Ehristenthnm" nur noch eine kleille Anmcrknng machen: selbstverständlich sieht die Sache in der Praxis anders auS als auf dein geduldigen Papiere. Sein theoretischer Anarchismus verhinderl Herrn v. Egidh nicht, als Reichstags eaudidal rn Hilnste» des preußischen, MilitariSmnS aufzuirete» : der von ihm allen Menschen eingeräumtc SubjeeliviSiuuS auf drin Hebiete des Hlanbens verträgt sich vorzüglich mii scheinheiliger Proseltiteninacherei. verschämter Aiiiiseniiterei und hhpokritiscker Muckeret. Die geschwollene Redeweise und die in der Praxis er stäunlich weit gediehene religiöse Undnldsanikeit würden Herrn v. Egidti allerdings mehr z»m Milgliede irgend eines nachspeneri scheu PietisteneonventikelS eignen, an denen ja Deutichland keine Bcrlegenheit hat. Der Satz von dem „gelebten Ehristenthum" ist ja direet von den Pietisten herübergenommen >nari> pi.stati^, und Herr Egidh—hat ihn auch in keinem besseren Sinne als diese ■ / Die Enlpevevin. Ro:^an u.i.b rem efmUiM'eii 'Walter Be'>i»I von Marie Majer. „Ich muß dieses Haus anfgeben," sagte Madame Elveba zn sich selbst. „Ich iverde nidtt länger die Fübrenn sei». Iclx tan» öS nicht mehr fein — Rieht mehr die Fahrerin! Alles ist vorbei, ich kan» . mein Wert nicht mehr ioriietze». Man wird mich vielleicht noch ab nnd zu nilttRaili fragen, man wird mich vielleicht noch hie und da anertenneii, aber die Führern, iverde ich nicht inFir fein. Was werde ich fein? Eine von Arintith heimgesttchle Witwe, allenfalls,eine Beiion. welche ein Buch,ge'chriebeg Hai. Eine Berion ohne Macht und obnr Einfluß." ' Jene Siiiiime — i.$ ivar ihres BiannoS Stimme - begann wieder: „Da.hast stets die Macht über Alles ans Erden geliebt. Weil d» versuchtest, das Hei'etz mit Füßen zn treten, daRn:: b:st da dessen beraubt worden, was F» am meisten liebtest Di: n-:iß:..dich beugen, dn mußt gehorchen — du. die Führeriir!" „Sie tönnen mir die Bergangenbeit i::e!i: i.niben." mnrmelte sie als Antwort auf diese Worte. „Die Bergaligenheit 'deine Bergan.:.:- sagte die Siimmc. „WaS d» getha», war als ob man ■.auirü'l'e» mit Ruthe» gepeitscht hätte, eS war wie ein Schlag i» das 'Wasser, dn hast nichts zustande gebracht." „Die Welt weiß.- iväs :ä> getba» habe." „Die Welt bat lein Hedächliiiß D» nmßt erst die große U» 'dankbarkett 'der Well leiinen lerne». Dn wirst nun kein Held besitzen. D» hast dich von deinen Frenlldeii uiid vondeinem Bolle loSgeiagt. nnd deine Bekaiiilteii werden dich nicht wiedererkennen: wenn dn nicht mehr reich nnd mächtig lebst, ein arinfcligcr Passagier am 'Wege bist." 1 Madame Elveda erhob sich. Diese Situation war zn», Tollwcrde». Sie tänieie nnd sagte der Haushälterin, daß sic eine» Brief erkalten hätte,' welcher sie »öihigle, ihre» A»se»lhall hier adzuhreche» »nd für einige Zeit auswärts zu leben. Darum wünsche sie einen Ucberschlag über ihre Bcrbindlichtciten, mit Alles gleich bezahlen zn können, wenn »ötliig. Sic war aiigcnehm' berührt z» ersahren, daß sie keine Per bindlichkeilcn zn erfüllen Halle. Sic cittließ die Hanshältcri». Dan» gab sie Auftrag, daß Ricmand vorgclasscn werden dürfe, da sie nicht zu Hanse sei. Sie wölkte wenigstens allein, fein. Dan» letzte ne sich eiitichlosieii hi», der Situation ins Auge zn schanen.