Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 110 (13.5.1894)
- Date
- 1894-05-13
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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s.it, 4. Freies Blatt. Nr. 110. zu.haben. Wie die Antisemiten dort, wo sie das Heft in Händen halten, die im Gemeinderathe von Wien so stürmisch rcclamirtcn „Rechte der Minderheiten" wahren, sahen wir anläßlich des Antrages Mayer über die schmutzige Deckcrt-Affairc. Tie Antisemiten thun eben, waS alle Majoritäten thun, sie gebrauchen ihre Gewalt gegen die Minoritäten. Tie Art und Weise ist vielleicht oft etwas minder wählerisch, aber wer konnte daS Alles anders erwarten? Peinlich berührt uns demnach die Nachricht, daß eines der verdienstvollsten Mitglieder der liberalen Minderheit im Währinger Bezirksausschuß, Herr Rudolf ft o d) u in, angesichts der Vorgänge in dieser Rathsstubc, zumal anläßlich der Decken-Debatte, sein Mandat niedergelcgt habe. Wir geben ja zu, daß die abscheulichen Ausschreitungen der Antisemiten zu ertragen, keine leichte Sache für einen wohlerzogenen Menschen ist; aber das kann unmöglich ein Grund sein, den Kampfplatz zu verlasse». Abgesehen davon, daß es dem Geiste deS Repräsentativsystems vollkommen widerspricht, wegen der Ablehnung eines Antrages nicht mehr an der Vertretung theilhaben zu wollen, muß der Mandatsverzicht deS Herrn Fochum gerade in diesem Augenblick als ein schwerer Fehler und als eine große Schädigung der gefammten liberalen Partei bezeichnet werden. Solche Retiradcn müffcn ja daS Vertrauen der Antisemiten in ihre terroristische Kampfcsweisc unbändig stärken. Wenn die Liberalen in Währing und Tttakring allesammt so verzagt sind wie Herr Fochum, dann begreifen wir die Wahlerfolge der Antisemiten vollauf.;(*in sonderbarer Antisemit.) Welch merkwürdige Blüthen der Antisemitismus treibt, zeigte eine am 2. Mai vor dem Bezirksgerichte Alsergrund durchgeführtc' Ehrenbeleidigungsklage. Ter bei einer jüdischen Firma angcstcllte Buchhalter Emcrich Böhm hatte sich zu ver antworten,'weil er in einer oisenen Eorrcspondenzkarte an den Kaufmann Isidor Bcr ko witsch besten Vorgehen als „gemeinen jüdischen Dreh" bezeichnet halte. Emerich Böhm kaufte bei Berkowitsch gros Knöpfe, zahlte nicht, und als Berkowitsch nach fruchtlosem Mahnen eine Zahlungserinncrung für ihn an die ihn beschäftigende Firma adrcssirte, beantwortete er dieselbe mit der incriminirten Eorrcspondenzkarte. Tie Schuld hat er jedoch nicht bezahlt. Böhm suchte vor dem Richter in sehr langer Rede den Ausdruck „gemeiner jüdischer Dreh" zu beschönigen, wobei seine Ausfälle vom Richter wiederholt gerügt wurden. — Ter Privalklägcr versicherte, daß Böhm auch zahlreiche andere Geschäftsleute geschädigt habe; er habe die Bestellung der Knöpfe derart geuiacht, als gelte cö für die Firma, bei welcher er angestellt ist. Im Verlaufe der Verhandlung richtete der St l a g e vc r t re te r an Böhm, der protestantischer Eonfcsfion ist, die verfängliche Frage: „Ta Sic die Worte .jüdischer Trch ' gebrauchten, was gewiß einen antisemitischen'Beigeschmack enthält, so bitte ich, Herr Angeklagter,, bekannt zu geben, ob Sie stets der protestantischen Eonfession an ge hörten?" — A ngeklagter ^entrüstet): Tas ist eine Zumuthung, als ob. •W lagcpcrtretcr: ES ist nur eine Frage. Angeklagter: Was geht Sie das an? — Richter: Wenn Sic durch einen solchen Ton noch einmal die Achtung vor dem Gerichte verletzen, gehe ich ntit einer Ttsciplinarsirafe vor.' Jetzt frage ich Sic: Waren Sic stets Proleslaiii? — Angeklagter: Nein. — Richter: Sondern? — Angeklagter: Ich war früher — jüdischer Eonfession. iGroße Bewegung.'» — St lagevertrcter: Nun also? Wozu dann x'lnc ungeheure Entrüstung über meine Frage'?! TaS Ilrtheij lautete auf zivanzig Gulden Geldstrafe, eventuell vier Tage Arrests. Sp i tzer- W e i in a r lml vorstehenden Gerichtsfaalbericht ans g u t c n G rü n d e n in seinem Blättchen nicht gebracht. I Wegen einen Heneaplan. In einer der letzten Gemeinde ausschußiitznngen von P c r ch t o l d°S d o r f berichtete der Bürgermeister über die Tcpntation bei dem dortigen Pfarrer rücksichtlich der über den anlisemitischcn Eovpcrator gemachten Vorstellung, und,war in der Lage, dem t^emeindeansschuste eine befriedigende Antwort auf seine Vorstellungen miizuiheilen, waS zur Renniniß genommen wurde. «Ans dem Salzburger O'eineinüeratäe.) In das Präsidium des Salzburger Gemciiiderathes har trotz des ungünstigen Ausfalles der le:.-ten «Nmeindewahlen kein Antiiemik Eingang gefunden, und Sache t.T Fortschrittspartei wird cs sein, sich aufzuraffcn und durch eine i'iummic Cigauiwrioii die diesjährige Niederlage wctlznmachen und zu r:: bindern, daß nicht in Zukunft die Eommunalverwaltung der auf e.!>. Fienitenverkekr >'o sehr angewiesenen Saisonstadl in antisemitische Hände übergebe. In der Gcrneindclaikssitziing »vom 7. Mai wurde der bisherige zweite Bürgermeister Herr «Gustav Zeller mit 28 von 2'.' Stimmen umi Bürgermeister, Herr Tr. Peter Posch acher niit 27 von 2'.» Stimme» zum ersten Bürgermeister-Stellvertreter wieder und Herr Tr Ioies Polla k nach zweimaligem Wahlgange mit 17 von 2'.' Stimmen zum zweiten Bürgermeister Steslvcrtreter neu gewählt.?,m ersten Wahlgange entfielen auf Tr. Pollak 14 Stimmen, 1 auf Tr. Jäger, 14 Stimmzettel waren leer. Vor gange erhob sich Dr. K i l ch c r, um Herrn S t a für den zweiten Bürgcrmeister-Stellvcrtrtterposten dem zweiten Wahlner als Candidaten vorzuschlagen. Der Erfolg war, wie das obige Resultat zeigt, ein > cgativer; der Anti durchgefallen. bei Salzburg wird scmit Stainer, auf den 10 Stimmen entfielen, is (Ehrung des Tr. Schöpf.) Aus Gnigl uns geschrieben: Wie dahier allgemein bekannt ist, wurde vor zehn Jahren durch 'die rastlose Thätigkeit des Her n Consistorialrathcö Tr. Schöpf unser prächtiges St. Anna-Spitol zustande gebracht. Die daran theilhabenden fünfzehn Gemeinden hakun dafür den Gründer zu ihrem Ehrenbürger erwählt und wollten nun turch Errichtung einer marmornen Gedenktafel am Spitale die Verdienste Gcdächtniß (all perxetuam rsi insmorium) brincen. Die Tafel trägt folgende Aufschrift : DEM GROSSEN WOHLTHÄTER DES ST. ANNA-SPITALES IN GNIGL P. T. HERRN JOS. A. SCH RITTER DES FRANZ JOSEF-ORDENS, DOCT JUB1LIRTER K. K. PROFESSOR DER K1RCHEJ KIRCHENRECHTES, ERZBISCHÖFE. OONSIsfr AGRAM. F. E. SALZB. GEISTL. RATH, EMERIT. DER GESELLENVEREINE. GEB. ZU I MHAUSEN, DIoZ. BRIXEN, 5. PRIESTER UND CURAT 1. AUGl'i DIE DANKBAREN GEMEINDEN »PF,; JR D. THEOLOGIE. GESCHICHTE U. I). ORIALRATH VON DIÖZESAN-PRÄSES fEBRUAR 1S2-» T 1815. statt. Nachdem ein emcindcvorstchcr und Am 30. April fand die Enthüllungsfeicr Festchor die Feier eingeleitet hatte, richtete der (sie Spitalsverwaltcr Herr Anton Roth an den Gefeierten folgende Ansprache : Hochverehrter, bochwürdiger Herr Doetor und Prof'ssor! Ich freue mich, daß es mir heme gegönnt ist, an Sie da« Watt zu richte», nicht mir im Namen de« VerwaltungSratheS dieses BezirkSkrankenhalses, sondern auch im llamen aller Vorsteher der vereinigten Genieinden de »selben und der hinter ihnen stehenden gesaminten Bevölkerung. EhrfnrchtSvol begrüße ich Sic und spreche Ihnen den besten Dank aus für da« viele Gme, was Sie seit Ihrem Ausenthalte in Guggenthal, insbesondere durch die Hebung und Förderung diese« schönen und geräuiülgen BezirkskrankenhanseS ber ärkl haben. Unter allein Volke sind ^ie bekannt al« edler, wahrer Menschenfreu' >d. Den arme» Schul knidein hier und in Salzburg haben Sie durch de» VolkSschulverein geholse», vielen armen'Studenten waren Sie der Nährvater durh die ganze Studienzeit, dem katholischen Gesellenverein waren Sie ein weiser Lehrer und großmüthiger Spender durch fast 22 Jahre und sind e« zum Thcile noch; durch Ihre zahlreiche» Schriften haben Sie Tausende belehrt, im Gn en befestigt und erfreut. Noch jetzt im Alter wirke» Sie von Ihrem Sitze in Ouggentbal für da« leibliche und geistige Wohl der Umwohnenden. Taruin erflehen wir All« Gotte« reichsten Segen über Sie, O^ott «Halle und segne unse:e» hochverdienten Wohl rdäter Docwr und Professor Schöps! Aber auch unsere spä csten Nachkommen sollen Ihren Namen kenne», sollen wissen, welch ein würdige - Priester unter uns gelebt hat und was Sie Ekle», Große« und Gute» vollbiacht haben. Zu diesem Zwecke bat der VerwalrnngSrath den Beschluß gefaßt, diese Gedenktafel anserligen und in den Mauern diese« HauseS, dessen großem Wohllhäter e« ge widmet ist. befestigen zu lasse». ' Unsteiblich sei Ihr Lob unter u»S — Gott aber gebe (ihnen den verdiente» Loh» in einer selige» lnsterblichkeit. Auf diese Ansprache erwiderte der Gefeierte i t einer längeren Rede, auS der wir Folgendes hcrvorheben: So wohlthuend ihm auch der Ausdruck der Tankb irkeit sei, dürfe er doch nicht verschweigen, daß sich auch Andere um da« Zustc ndekominen dieser präch tigen, in unserem Sironlante einzig dastehenden Huma litätsanstalt verdient gemacht. Ta bade zunächst der verstorbene Zobann Oberholzer da« Geld zu»! Ankäufe de« Haines vorgestreckt, der gleichfalls vc storbene Landesausschuß Cz ech habe zur FkststeUung der AntheilSquote einer j -den der 15 Gemeinde» ein umfassendes Opera! auSgearbeitet, der k. k. BeziikSarzt Herr Tr. Pöll habe durch sein eingehender Gutachten die gute Sache geii rdert, und der damalige Bezirkshaiiptmaiin, . nunmehrige Regierungsralh He r Sanier habe da« lliirkrnedmen energii'ch unterstützt. Auch von höchster Sielle sei Alle« geschehen, die Angelegenheit perfect zu machen. Se. Majestät uns r allergnädigster st a i ser habe nicht bloß selbst einen magnifiquen Beitrag geleistet, sondern darübeihin über Vortrag Sr. Excellenz de« Ministerpräsidenteii Grafen Ta affe au« der Vöohlthäligkeitslotterie 1> 0t > fl. der neuen Schöpfung «»gewiesen. Dieser Aller müsse in gegenwärtiger Stunde dankbarst gedacht werten. Redner sei demnach n>eit entfernt, da« Verdienst sich allein zuzuschrdibe», er teil ‘ eS vielmehr bereitwilligst auf alle übrigen edlen Gönner. Tie Hallptsache sei jedoh, wie in alle» Dingen, daß der Allmächtige über daS Unternehmen sein Wohlgtfallen und seinen Segen a»«gkbreitet.