Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 110 (13.5.1894)
- Date
- 1894-05-13
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 110. Seite;i. freier ((kill Gedenktag.) Am 14. Mai sind cö 2r> Jahre, daß das dem 'modernen Geistesbedürfnisse angepaßte Reichs Bolksjchul gesetz die kaiserliche Sanctio» erhielt. Die freisinnigen Parteien werden diesen Tag in würdevoller Weise feiern, trotzdem die Elericalen eine solche Veranstaltung als Provocatio» undEoalitionö brach hingestellt haben. Die Liberalen haben in der Thal alle» Grund, einen solchen Getüchlnißtag feierlich zu begehe». Die Ncuschnle bildet nicht nur den größten Theil jenes kümmerlichen Restes von freisinnigen Institutionen, der von dem knrzeil Aufschwung der Sechzigerjahre herübcrgcrettet wurde; die Reuschule ist noch immer das hcißnmstriltenste Rctuit des Liberalismus in Oesterreich, und 'wenn die Liberalen dieses kostbarste Gut auch nicht ungeschmälert zu erhalten imstande waren, so danken sie doch gerade seiner Ber theidigung vorwiegend ihre Popularität. Wie sehr diese vor einem Bicrteljahrhundert durchgesührte Reform dcS österreichischen Schul Wesens dem Bedürfnisse dcS BolkeS und dem Geiste der neue» Zeit entsprochen Halle, möge auö dem unbeugsamen Widerstand hervorgehe», den die breiten Schichten deö Bolkcö alten Angriffen auf die Neuschule bisher entgegensetzten; ein Widerstand, bei} selbst die sonst leider so erfolgreichen Agitationen der Antisemile», dieser Pionnicre der clericalen Rcaction, nicht zu breche» vermochten. Allerdings gerade Jene, welche dem BolkSschulgrsetze nicht bloß geistige Wohllhatcn, sondern AlleS, sociale Stellung und nialcriclle» Bortheil, zu verdanken haben, die Lehrer, haben sich zu einem großen Theile als geistig unler dem Niveau dcS breite» Volkes stehend und undankbar erwiese», indem gerade sic einen der stärksten Hccrhaufen der antisemitischen Armee bilde». Wir wissen'S ja ganz gut, daß eine Partei nicht eine einmalige pblilischc Thal gewissermaßen auf DankbarkeitSrente anlegcn könne, allein cS ist zu widersinnig in sich, daß die Lehrer heute gerade jener Partei angehören, in welcher die Kooperatoren daS große' Wort führen, jene Leute, welche früher die Lehrer alS Stiefelputzer benutzten und wieder benützen würden, wenn mit Hilfe der'anliseniitische» Pionniertruppe die liberale Partei zerlrüinmert und aus ihren Ruinen wieder die Eoncordatsschulc errichtet sein würde. (Der Fall Bergani-Bloch.) Ter vom Abgcordnc-te» Tr. tv ii lifo erstattete Bericht, betreffend daS Ansuchen dcS Landesgerichleö 'Wien um Zusliminung zur strafgcrichtlichen Bcrfolgung dcS Abgeordnete» Tr. 9. S. Bloch wegen BergehenS und Uebertrclnng der Ehren belcidigung lautet: Ernst Bergani, Herausgeber des „Teuvckca BoltSblatkes" i» Wie», erbebt gegen den Abgeordneten Tr. 9- S. Block, Privatier, verannvorilicken Ae daeteur der „'Sesterreichiicke» Wockenschrist", die «tage ivege» Bergede»-; und der tleberiletung der Ehrenbeleidigung mit der Bitte um Einleitung der Bor unlersttckuiig und stützt seine Anklage auf itackstehende Stellen des Aufsatzes ,,'A'och einmal das galizische Falliment" der in Wien am!». Februar 1S04 er"' schienenen Auinmer 6 deS elften Jahrganges der periodiichen Zeitschrift „Lösterreichische 'Wockenschrist", Eenttalorgau für Pie gesatnmte» Interessen de-; ZndemhutnS: „Seine — de» Pan Berganew — Posautienftöste mache,i die speeifisch .arisch antisemitische Moral', deren berüchtigtster Bertreter er selber ist, nicht vergeffen." Weiter: „Tie Schnorrbriese Pa» Berganew'S an jüdüche Bauten, die Nnterschlagung von Armengeldern, der berüchtigte Panichalvertrag des .Deutschen BolkSdlatt' mit der Südbahn sind Tinge, die, um mit Ber' ganew'S eigenen Worten zu sprechen: .aus der Schneide dej Gesetzes balan riren' und ihn .Haarschars an der Grenze des Strafgerichtes vornbergesührt haben"', und schließlich wird der Pdivatanklager in dem nächsten Satze „ein polnischer Siray'r" genannt. Ein Grund liegt nicht vor, welcher die Ber Weigerung der Zustimmung zur gerichtlichen Berfolgnng des Abgeotdneten Tr. 9. S. Bloch rechtfertigen wurde-, und kann auch dem Privataukläger für den Fall, als der Abgeordnete Dr. 9 S. Bloch nicht der Bersasser deS bean ständeten Aufsatzes und er bereit wäre, den eigentlichen Bersasser zu nennen, die Möglichkeit nicht benommen werden, gegen den eigentlichen Berichter kie>es Aussatzes die strafgerichtliche Berfolgung einzuleitett. (Zur Tcckcrt-Affaire.) In einer am 7, d. M. staltgchabten / Bersammlung dcS „ T o n a u c l u b S" kam die Asiaire Teekerk zur Sprache und führte zu einer sehr lebhaften Tebatte, an der sich auch der anwesende Abgeordnete Profesior Tr. Sueß bethciligte. Herr Sigmund Mayer brachte die beschämenden Borgänge in WeinhanS zur Sprache und sagte, er wolle sich gewiß nicht mit Tcckert :».I pt-rsonam beschäftigen, denn cs gebe Tinge und Personen, mit denen ein Mann, der ctivaS auf Reinlichkeit hält, sich nicht befasse» kann, weil sic durch den. Schmutz, der sie umgibt, davor geschützt sind, vb sie nun Deckert, Schneider oder anders heißen. Tie Tcckert Geschichte aber sei symptomatisch sowohl für den EleruS wie für die Regierung und das Abgeordnetenhaus. Tenn die kirchliche Obcrbehörde müsse wohl ein wenig mit der Ausfasiung Teckert'S einverstanden sein, wenn S l a t t. sic dieselbe dulde. Tie Regierung gestatte nur die Beschiinpfung K-u. Juden, während sie gegen Insulten, die mau etwa de» >j.aiholiken zu fügen sollte, wohl Stellung nehmen würde. Im Abgeordnetenhaüse seien endlich zwei Interpellationen' eingebracht worden, aber gerade eine-Interpellation sei nur ein Zeichen, daß man eben nichts Wirt - famercs thnn könne oder wolle. Tie Eoalikion sei gegen die euremcu Elcincntc geschlossen worden, die Antisciuiten aber seien die aller extremsten. Tenn cs gebe nichts Empörenderes, .als die Ber islung der Schule durch antisemitische Lehrer, wie sie z B. der Biirgenchttllehrcr Tomola betreibe. Ter Redner citirlc eine nicht wiederzügebende Acußernng des Toinola, welche Icbhasle Pfuirufe hervorries. Sodann beantragte er eine Resolution, in welcher der „Tonauelüb" ietn 'Be dauern darüber ausspricht» daß cs dem Eiitstttsse der liberalen Bauet im Abgcordnetenhattse bisher nicht gelungen sei,. die 'ltegiertnig zu ihrer Pflicht zu bringen, daß sie Bürger dieses Staates gegen "Ber letzung ihres durch die Slaatsgrundgesetze gewährleisteten Rechtes ans Schutz ihrer Ehre und Eristen; schütze.und insbesondere, dag' an' läßlich der ungerechte n tt n d n n w ii r d i g e n 'A u g r t + > e eines Seelsorgers in einer Wiener i r ch e n g e in e,i ir d . gegen die' israel itischc-u M i t b n rgcr die ein gob ra chi e n Interpellationen noch nicht beantwortet sei m ' T e i Elnb spreche dieH o f s n n n g a u s. d a ß d i e l i b e r a l e Par r l e i, d i c berufene B c r t r e t e r i n der st a a l s b i> r g e r l i ch e n str' e eli sie, die Rcgier'nng z» ihrer Pflicht rufen, werde. Hierani ergriff Professor Tr. Sueß das 'Wort und erllürte, daß er de, Annahme der Resolution v ol II o mitten zu stimme, da P.e e Bolkesstimme gewiß" ihren Eindrmt nicht verfehlen werde. . T , e- I i be ral e Partei sei auSn al>insl öS, ohn e U » Ic tsdt i edder Sch a t t i ru n g. e n t.rü st et über dies e s eä »dal ö s en B'o r gange. Tic Beantworlniig der Juterpellalioti erwane man bei Beginn der Tebattc über das Jnstizininisterinm, und dieselbe sei gestellt worden, damit die Regierung vor Allem die Thanachen selbst zugsstehe Tie Namen der Jnlerpellanlen Nooke und Wrabop seien t^ewähr, daß nnan sid> mit keiner ungenngendeu Beairrworinng besclieiden ivcrde Sodann nahm Herr Ri pper das Wort .und sagte,, daß es nar die Pfliätt der Regierung sei, die S4 a a I s g r n >: d g e >' e tz e; it j d) ii tz c n, d a r u m lp»j lc m a n n i ch t, -d a s m ii i s e 1» a n s0t de 111, und hier sei ein Angrerfen mit G.laet'handsdzuhen nidu am Plätze.^ Tic Juden wollen sid> nicht'mehr bcsdiiiupfen lasse», sie wollet uid>l mehr warten. Tie Interpellation solle gleich beaulworiei werden/d i e S l a a t S g r n n d g e s e tz.c st e Heu i 1» m c r a n s der T a g e e ordnung. Mau. solle, die Geduld tltr Juden mellt aus eilte allzu harte Probe stellen, damit uiätt sie, die lreiiesten 'Anhänger d.r 1 it>e ralen Partei, doch in ein anderes Lager gehen. Schließlich 'bemerite Profesior Tr. Sueß, daß die ganze Taktil eine zu milde jePund hob die Sätwicrigkeit der antisemitischen sirage hervor, welche un: : her früheren Regierung leider großgezogen worden sei. Bor Atleuh ab'i fordere er die Inden selbst aus, fiel) allerorten zuvenlieidigeii, d'-' liberale Partei würde sie stets nitterstützen Er erinnere an dn.'graße Wirkung, die Herr Nasd)ancz einmal im' Landtag. erziel, habe, indem er auSrief: „9d) bin ein Jude, ein. ehrlicher Ine.-, was wollen Sic von mir?" Er begreife heute vollkommen, daß die mdi'chen Milbürgcr in diesem Staate ihre persönliche Sichech.il und vor Allem ahre Ehre uid)t mehr genügend geschützi fühlen. T ne von- Herrn Sigmund Mayer, beantkagie Resolnkio» wurde stlili.ßlich ei» stimmig angenoinmen. l. AltS dein l'icmcillDcrntllC. In. der Wiener 'Rmeindestnbe tmille und freifdjtc cö wieder einmal von erregten ararur'esrnsen, die'Pulle dröhnten unter wiid)iigen sxäuslhieben, mnb der Bei'öhnuitgsbtiigei meistcr Tr. Grübl-sah sid, genölhigt, einem auki'enniiselieii Stadl Vater daS Wort zu entziehen nnd cinen anderen, den Schneider meistere S kch l i.k, von der Sitzung auSzusel,ließen. Angefichls der Thaksadze, daß die Antisemilen ihre» sirakchl and, bei den gering fügigsten Anläsien in Seenc setzen, kann aus dein titegenstar.dc. der Tagesordnung keine Red>tsertigitng für die antiiemiiisdten R tdau brüder abgeleitet werdon. In dem spcciclleii sichle soll durcl) ein >>: rorreetcS Borgehen deS GemeinderathS Präsidiums ^iläßlid) einer Ban gr-undveräußernng an die Eheleute Rothbergerdas Eommitnal vermögen gesd)ädigt worden sein. Dieser Ansicht war änch eine Anzahl fortschrittlicher und freisinniger GciueinderathSmilglieder, ällein sie ver wahren sich entschieden gegen eine Eiiiichleppnng der eonsesnonellen Frage in diese Angelegenheit und zeigten, daß man recht wohl iach lid>e Opposition betreiben könne, ohne den Meiiiungsgegner zu be fd)iutpfcn oder ihm irreparablen Säsaden an ieittei.it TvüitmtclfeHe z.n znfügen. . fZur llllZtit.l Bekanntlid, genießen..Ottakring nnd 'Währing dr.ezweifelhafte Glück, antisemitische Majoritäten in ihren Beziilsane-'clhtss n