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Freies Blatt · 1894-05-13 · 110 (13.5.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
110 (13.5.1894)
Date
1894-05-13
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Freie» Blatt Nr. IW '{ilpfliiutim »voingolb — 2 41t>,S28.(>40 Rronen ist der Prosit, der indi'chcn Hochsinan; als angeblicher Besitzerin der Effecten. — ES timt uutf herzlich leib, daß sich Herr Profeffor Schlesinger, der nicht w.nig gcgrübelt haben mag, bis er dieses Resultat erzielte, so ganz uinienst bemüht hat. Er hat nämlich vergeffcn oder vergessen wollen, b.iß der thal'ächliche Repräsentant der österreichischen Währung seit Einstellung der freien Silberprägung nicht mehr der Silbcrguldcn, iäiidetu der Papicrgulden ist, und daß dementsprechend der Goldwcrth k.-s Silbers gar nicht in Betracht kommt, sondern lediglich der Goldnwtli des Papicrgnldcnq allen Berechnungen zugrunde gelegt werden tnnß. weshalb sein ganzes Zahlengcbäude in nichts zusauinienfällt. Mag nun Herr Profeffor Schlesinger seine ehrliche Uebcrzeugung ansge'proctien babcu oder nicht, der Effects den er mit seinen Aus- 'uiirungen erzielen kann, bleibt derselbe. Man bedenke, wie wenig Penonen in der 'Aige sind, den sachlichen Werth der obigen Bc reelinnngen zu prüfen, und wie viele geneigt sind, dieselben ohneireilerS auf die Autorität eines „Professors" hin anzunchincn! Wen» bann in weilen >ireiten eine Belftiinniung oder gar Haß gegen das mobile ober, wie cs im Anlifcmilcnjargon heißt, gegen das „jüdische" Eavtial erregt, wird und dieses sich zurückzieht, um den ungerecht s.Utgien Angriffen zu entgehen, dann schreit man. über Arbeitsmangcl n w. Ser famo'e Professor wird vielleicht noch (Gelegenheit haben, m:t- Sie?, ans seine beroffrat schc Leistung zu blicken, W:r erivälinlen früher eine Eorrcctnr, die Schlesinger an. der . S:aais'chiild Tesserreichs rorgeuoinmcn hat. DicS bezog sich darauf, baß Schle'inger nur das dein Staate „cffccliv"'geliehene Capital in 7>cech:liing gezogen bat. das um ein Fünftel geringer ist als der '.'.'oniinalirer:!' der fraglichen Staatsschuld, da die Eniissionscourse,;ir welchen die Pavine begeben wurden^ durchschnittlich 20 Pcrcent unter in,«gesianden seien. Wir wollen diese Ziffer anerkennen, c'ozwar ffe entschieden zu doch gegriffen ist, Profeffor Schlesinger bc. zeichnet iiiin, die'e DEieren; zwischen 2kominalwerth und Emilsions >o:irs - - die Riucovrämie — als Wuchercapital und die davon bezogenen Zinsen als Wucherzinsen, Dieser Ausspruch ist eminent bezeichnend ,für die ganze Geisiesrichkung der Zurückgebliebenen, für ihre Un'äbigkeir. sich in die modernen Verhältnisse hincinzudcnken. Als man in den ersicn Jahrhunderten des Mittelalters vom. der Eigen rrotn.iion zur Sauschwirrd'chatk überging, könnte^ sich die übergroße Mebrzabl lange Zeit nicht an das Rene — den Handel — gewobneii. Ein Wiekes Mißtrauen gegen Alles, was mit ihm zusanimenbängi, durchzog das damalige Wirthschaflslcben nnd hemmte die Euiivicklnng des Berkebres. Man schätzte den Handel nicht als ehrliche Be'chästignng und schob ihn desbalb gerne den Juden, dem, wie man glanbts, inseriore» Theil der Bevölkerung, zu. DaS Tdium, welches ans der Tbäiigkeii lastete, ging aber bald auf die Träger derselben über? und es -kann nicht bezweifelt werden, daß die kaufmännische Sl'äiigkeii der Anden erff Wirkung und dann wieder Ursache ihrer Mißachtni'g war. Eine ganz ätinliche Erscheinung läßt sich iui gegen irärligen Jabrbnnderi beobachten. Auch henke gilt wieder in weiten -Preisen ein neuer Zweig des Handels, die Ereditvermitklung, die seit r elanv kurzer Zen zur Blnibe gelangt ist, nicht als honoriger Erwerb, nnd da 'ich vorwiegend Juden mir ihr bcfaffen, wird dies in der bc kannten Wei'e zu AgiraiionSzwecken auSgebeutct. Tie ungeheure Austebnnng des Erediiweseus isi ein Eharakleristikon unserer Zeit, aber vo:e wenig ist d:e Eigenart desselben noch erfaßt, nicht nur bezüglich einzelner Individuen, sondern von ganzen Böllern. Man vergleiche bte wirib'chasrliche Bildung deS Engländers mit derjenigen unserer Siirch'chnlitSmitbnrger Es kann uns daher nicht Wunder nehmen, wenn auch Herr Professor Schlesinger cs nicht faffcn kann, daß der EreWliv'erk er o''t mehr geben muß, als er empfängt, daß Tester reich vt.'.kezcht 2'> Beree: i ''einer '.'coininalanlehen nicht erhielt, wobei Zeiten tigereä'ne: ffud, in welchen Niemand sicher war, für feine Papiere kürzester Zer: noch >0 Pcrcent des Röniinalwerlhes zu erhalten. .i .ittens. irie »eil man dort Berständniß erwarten, wo sich Unver- " rnd und Mißverstandniß >'o ausgezeichnet dem politischen Systeme Bcdaue'.ztch ist nur, daß so viele Personen mehr oder abstchtltch rrregesülv.l werden., während es.doch zwar schwieriger,! :"cht a..;u schwierig 'ein würde, ihnen die Wahrheit zu vcr j Es scheint jedoch, daß in unserer Zeit die Zahl der Anhänger ' :: directem Berbältnine zu dein Grade ihrer Albernheit ' 'Een b. '.-tit Standpunkte aus vinkiciran wir der Balutaiheorie ' ' I;. ."'.'uu' Schlennger die Eignrttig, eine große, mächtige S.t-n.e zu begrünten. W t e'-n Mai, Robert T r i l l. „Rauft nur bei Gesinilungsgenossen!" Jede Zeit, hat ihren Mann und ihr Schlagwort, und jedes Schlag wort hat seinen Mann! So darf man füglich eine alte, berühmte Wendung variiren. Heute ist „Gesinnungsgei»'sie" das Schlagwort und der Schlachtruf für eine Coterie von Jnl ividuen geworden, bei denen sich „Gesinnung" mit Fructificirung dir in der Meng: des LesepöbclS und des PublicumS rauchgeschwänger er Bierstuben reichlich aufgesaniinelten unverfälschten, gesunden Dummheit inhaltlich zu decke» scheint. ES hat nur etwas mehr als zehn Jahre gebraucht, bis sich der antisemitische Lindwurm seiner verschiedenen Bälge nach und nach entledigt hat, um endlich in seiner unvcrhülltcn, unverschämten Nacktheit erscheinen zu können. Diese eigenartigen Metamorphosen entbehret gcwiffer Picantcrien keineswegs. Die ersten Apostel der vernewerten mittelalterlichen Heil- und HeulSlehrc des Judenhasses traten zunächst als angebliche Anwälte des DeutschthuniS, dann deS Ärierthnutt, ferner deS ChristenthumS, nachher des arbeitenden BürgerthumS, d:ö Adels, deS ElcruS und deS MilitärstaatcS auf. Den Rabulisten von der Sorte Wilhelm Marr'S, dessen hochrothe Fahne schon längst nach verschiedenen minder lichten Farbe» schillert, und von der Art Dühr ng'S, der im blinden Größenwahne sich über Bismarck zu stellen lclicbt und sich einem Sokrates vergleicht, waren von Anfang an sic Unzufriedenen aller Partcischattirungc», Richtungen, Stände, Cla scn und Eonfcssioncn willkommene Bundesgenossen. Sic wußten sich als die Bcrtrctcr der allgemeine» Mißstimmung, die sic nicht znni geringste» Theil den Leuten erst suggcrirtcn, zur Geltung zu bringen, aber sie übernahmen zugleich auch die verfluchte schwere Pflicht, ijrcm Troß eine* Ent schädigung in klingender Münze zu leisten. Anliscinilcnführcr sind bereit, im Dienste d r schlechten Sache alle Welt zu besteuern, aber selber gehen sic nie ficiwillig von der Beute ab. Die Entschädigung für die Parteigenossen, d. h. die Geschorenen, die Gezupften nnd Bczupften, bestand bisher in der etwas fragwürdigen Anweisung: „Kauft nur bei Christen!" Dieses Schlagwort har jedoch in mehr als einer Hinsicht den darc n gesetzten Hoffnungen nicht entsprochen: denn in Geldsachen hört eidlich und letztlich die Gcmüthlichkcit auf. Der Christen gibt cS doch zar viele, und cS sind bei weitem nicht alle, wie unsaubere Scribent n vorspiegcln wollen, vom antisemitischen Gifthauch deS Hasses und Neides, der Mißgunst nnd der 'Niedertracht befleckt. Jni Gcgcnthcil, ine täglich zunehmende Mehrheit unter den wirklichen Christen erklärt »cn genannten Schlacht rf für eine herausfordernde, perfide Bcrhöhffnng religiöser Gefühle der Christen, die mit dem Schacher und Wucher — sei cS auch nur der Meinungen — nicht verquickt werden dürfen. Als nun in den jüngsten Tagen die zaukfcrgcwaltige Erscheinung auS der sinken Bahngassc als Herausgeber aber Hcrausnchmcr deS „Deutschen BolkSblattcS" die Devise in „Kauft nur bei GesiluiungS genossen!" umwandelte, wurde auch die Perm thnng ausgesprochen, Herr Bcrgani habe, auf einen Wink mit dein Pfahle deS Zaunes hin, diese Aenderung vorzunehnien für gut befunden, um den schlimme» Eindruck deS HeyrufcS abzuschwüchen. Tffen j eingestanden, hat diese Ansicht viel für sich, denn zum »lindesten wifd sie der Empfindung und dem Wunsche anständiger Menschen gcisecht. Dagegen werden auch andere Anschauungen Beachtung finden niüssen, wonach die bemerkte Aenderung des Mottos antisemitischer Geschäftspraktiken doch nur der Ausdruck eines aufs Höchste potenzirten Kraft- und MachtgefühlcS sei, das der Mithilfe der „Christen", „Arier", „Socialisten" u. s. w. nun endgiltig sich begeben könne. So hat denn endlich der Lindwurm all« erborgten Hüllen abgestreift. Er' zeigt sich frank und frei ohne fremden Schild, bereit, den Kampf mit' aller Welt aufzunchmen. Wenn wir aber nicht irren, ist hier der Anfang vom Ende der Antisemitcrci zu suchest. Wer ist „Gesinnungsgenosse"'? Es ist nur zu sehr in!Zweifel zu ziehen, ob Georg Schönerer, obgleich unzweifelhaft wirklicner Aöonncnt Bergani'S, vor dessen Richterstnhl mit der „Gesinnung" me Prüfung eniu lande bestellen werde. Sind die Mitglieder und Förderer des Bercincs „Christliche Familie" unverfälschte Gesinnungsgenossen?! Chi lo sa? Nur ein Mttcl gibt cS, um aus diesem quäl zugclangen, nämlich, daß sich jeder Gesinnungsgenosse bei Bergani in der Redaction die „Gesinnung" ofsicicll besc»einigen lasse. Selbst verständlich können diese „Gesinnungszcttel" ausgefolgt werden. Es müssen voraussichtlich Hebungen über die Zettelbcwerber angestcllt dies der Lauf der Welt — wer besser zahlt, neuer ansisemitischer Geschäftszweig ist, wie cS begriffen, eine neue Form gesellschaftlicher Christenthum und ohne Religion. ,dcn Dilemma heraus :iicht ganz unentgeltlich von Fall zu Fall Erverden und — cs ist fährt auch besser. Ein scheint, in Entwicklung Rettung — aber ohne Dr. K.

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