Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 110 (13.5.1894)
- Date
- 1894-05-13
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/4886575-5439163-5441519--1263-4887729- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
/■ Freies Blatt Aboniiemeutspreis. ,>ür Oesterreich Ungarn: Wiinttät)ri<) mit Postzufendung.fl. 2.5«. Halbjährig st. 1.25. Vierteljährig st —.75. das gefammte Ausland: s^anttährig.fl. S.—. Halbjährig.fl. 1.50. Eiuzelne Nummern 6 kr. Unfrankirte Briefe werden nicht angenommen (Dl'9cm zur 2lbu?d}v des 2lnti|\'initifimis. Erscheint an jjebcm Soiiiitnge. ilitbnctioii liub 'Jlbmiiiifirnlion: I Seilcrftiitie Kl. »nferatc werde» mit 1» fr. für tic iiimii.il flialtciic ülonVateillcieile l'crcdtuct. fllein.r jt,. teiflfr da» ii'ort 8 tr. Äulnahme uoii liijrr.iKu in unserer Administralio» sowie im Sluuouccupurcrui M. Tute». I. Moll,eile!». Nummer 110. Wien, 13. Mai 1894. III. Jahrgang. Professor Ächlesinger als Valuta gelehrter. Im Abgeordnetenhause fand in der abgelaufcnen Woche die Debatte^ über bic von bei Negierung eingebrachten Valutavorlageu statt/ Der antisemitische Volksvertreter Professor Josef Schlesinger ließ diese Gelegenheit natürlich nicht vorübergehen, ohne einen neuer-! lichen Versuch zur Rettung des Vaterlandes zu machen. Er zählte abermals die haarsträubenden Gefahren und die ungeheuren Rach-! theile auf, die — nach seiner Ansicht — mit der Aufnahme der! Baarzahlungen unzertrennlich verbunden sind. Professor Schlesinger hat seine diesbezüglichen Theorien, mit welchen er schon so oft feine' bedauernSwerthen Auditorien behelligte, auch in einer Broschüre nieder«? gelegt, die den folgenden, im Genre der Fünf Kreuzer-Bibliothek stylisirten Titel trägt: „Gefahr im Verzüge! Jährlicher Gewiim 100 Millionen Kronen in Gold auf Kosten des Volkes." Wenn wir uns ein wenig mit diesem viertdimensionalen CKisteSproducte beschäftigen, jo wollen wir damit keineswegs bekunden, daß die genannte Schrift in rein sachlicher Beziehung auch nur im allerbescheidensten Ausmaße? auf Beachtung Anspruch erheben könne. Ihr meritorischer Werth wiegt nicht die Tinte auf, die wir zur Niederschreibung dieser Zeilen ver-l wendtt haben. Allein sie ist gemisiermaßen der Canon für Anti«! 'semiten in Währungsfragen, ein. Wahrzeichen, bis zu welchem Grade durch Unverstand und Böswilligkeit Thatsachen verzerrt werden könne»,; und deshalb erscheint es angemessen, gerade jetzt eine» Blick darauf zu werfen. Die Broschüre entbehrt auch durchaus nicht des un-: freiwillig komischen Momentes, daS in den oratorifchen 'und schriftstellerischen Leistungen des Herrn Profesiors so häufig zu Tage tritt, und wir möchten gerne weitere Kreise a» dieser Erheiterung parti-? cipiren kaffen. Profeffor Schlesinger belehrt uns zunächst über die Ursachen, welche die Einführung der Goldwährung in den meiste» der heutigen Culturstaaten herbeigeführt habe». Jeder vernünftig Denkende, der nur die Elementarbegriffe des Währungswesens in sich ausgenommen hat, erblickt in dem Fortschreiten von der Silberzur Goldwährung lediglich einen natürlichen EntwicklungSproceß, indem für daS moderne, auSgebildete Verkehrsleben und für die dadurch bedingten großen Zahlungen das weiße Metall nicht mehr geeignet ist. Wir befinden unS heute in einer ganz analogen Situation wie die alten Römer, als diese durch die Steigerung des Verkehres gezwungen waren, von der Kupferzur Silberwährung überzugehen. Profeffor Schlesinger ist jedoch in der Lage, eine bessere Erklärung geben zu können. Er argumentirt in Kürze folgendermaßen: Die jüdische Hochfinanz dürstet nach Gold und will dieses auf billige und bequeme Weise, d. h. durch Ausbeutung des Volkes erwerben. Für ihre Zwecke ist es also nothwendig, daß das Volk Goldgeld besitze. Sie hat deshalb ihre ganze Macht ausgebaten, um die Regierungen zum Verkaffen der Silberwährung zu bewegen; die Einführung der Goldwährung in den verschiedenen Staaten, zuletzt in Oesterreich-Ungarn, ist nur daS Resultat ihrer Politik, ihres Einflusses. — Wenn eS sich nur um Herrn Profeffor Schlesinger handeln würde, und wenn man die Ileberzeugung gewinnt, daß diese hypernaive'Theorie der ehrliche Ausdruck seiner Anschauungsweise ist, so wäre man versucht, in ein unbändiges Gelächter auszubrechen. Die Erfahrung lehrt uns jedoch, daß die unsinnigsten Behauptungen in den breiten Volksschichten fruchtbaren Boden finden, unendlichen Schaden stiften können, und deslwlb ist jene comprimirte Albernheit ernster zu nehmen, als es aus den ersten Anblick scheint. Gerade derartige Coustructionen finden immer Gläubige, weil sie so recht dem.Geislesniveau der Massen angepaßt sind. Ter Ungebildete begreift die socialen Ericheinungen, zu welchen ja auch die volköwirthschastlichen gehöre», 1,ur selten. Er kau» und will gar nicht de» venvickelten Coinplex von Ursachen entwirren, welche die in die Augen fallende Resultirende bewirken und nur zum Theile, meist auch indireet von Menschen „ abhängig sind. Er begehrt eine leichter faßliche Erklärung und ist besonders geneigt, - diejenige zli acceptiren, welche ihui gestimmte Personen als Ursachen socialer Vor gänge hinstelll In dieser Beziehung stehen die meisten Menschen noch auf dem Standpunkte des Wilden, der-Iich die Bewegung der t^stirne nur dadurch erkläre» kann, daß er sie für beseelt hält. Tie Einführung der Goldwährung als dlks natürliche Product einer von „einzelnen" Menschen unabhängigen EntwicklungSreihe auf;usassen,"ist eben auch nicht Jedermanns Sache: wird sie dagegen ganz bestimmten Leuten in die Schuhe geschoben, werden ihre Ursachen gewissermaßen personisicirt — man .könnte dies „AiiimiSmns' aus socialem CKbicte" nennen — dann, ja dann wird sie bom dümmsten Bauer begriffen. Man kan» täglich die Beobachtung mache», wie leicht solche Anschauungen Boden fasse». Und ob es vortheilhaft ist, wenn eine große Actio», wie die Valutaregulirung, die im Interesse deS Gesamintstaates unternommen wird, als das Machwerk einiger beutelüsterner BanquierS hiugestellt wird, ob diese sinnlose Verdächtigung geeignet ist,. den socialen Frieden zu . fördern, dürfte nicht schwer zu beurtheilen sein. Tie Entdeckungen deS Herrn Professors-Werden aber immer' interessanter. Die Hochfinanz begnügt sich nicht damit, die Völker Oesterreich-UngarnS nach 'Aufnahme der Baarzahlungen zugrunde zu richten, sie erzielt vielmehr durch "Mit Uebergang zur Goldwährung an und für sich den kolossalen Gewi»» von 2400, sage zweitausendvierhundert Millionen Kronen in Gold mit einer jährlichen Verzinsung! von rund hundert Millionen Kronen in Gold. Ties wird hprch eine der ersten Capacitälen auf dem Gebiete des Geldwesens, drirch besagten Professor Schlesinger zisfermäßig »achgewlesen. Er geht hiebei von der Ansicht aus, daß die Gläubiger des Staates fast ausschließlich. in de» Reihen der großen Financiers zu suchen sind. Run ist eS zwar eine der bekanntesten Thatsachen, daß die Renten gerade von de» kleine» Capttalisten am stärksten gesucht sind, Professor Schlesinger weiß dies aber besser; dies thut übrigens gar nichts zur Sachet Nachdem er weiters an der Staatsschuld Oesterreichs eine kleine Correctur vorgenonnnen hat, von welcher wir später sprechen werde», berechnet'er die Silbermenge, die der Papier- und Silberschnld Oesterreichs im Betrage von rund 11300 Millionen Gulden entspricht: dabei nimmt er an — worauf Gewicht zu legen ist — daß eine Schuld in Gulden österreichischer Währung nur Silberschuld sein kau». Nach, seinem Calcul reprüsentirt das dem Staate effecliv geliehene Capital 2?1J ‘/3 Millionen Kilogramm Feinsilber, und dies, in Gold nach dem Werthverhältnisse von 1:23 umgerechnet, ergibt eine Ouantität von 1,275.362 Kilogramm Feingold. Da jedoch nach dem Gesetze vom 2. August 1892 aus einem Kilogramm Feingold '1040 Doppel krönen geprägt werden und nach Aufnahme der Baarzahlungen alle Effecten in Goldtitres umgewandelt werden, wird sich der Gotdwetth der obengenannten Staatsschuld auf rund 2,012.200 Kilogramm Feingold stellen. Die Differenz -zwischen beiden Zahlen 736.818