Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 109 (6.5.1894)
- Date
- 1894-05-06
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 109. - Freies nur in der Aufeinander folge vergänglicher Individuen besteht, so kann man sie nur in dem „subjektiven (Sult" verehre», in dem. frommen Gedenken der Tobte». 1 Wenn wir diese der Bergangenheit angehörige Erscheinung hier etwas eingehender behandelten, so geschah eö, weil auch sie in ncucster Zeit wieder -aufgelebt ist. Lagarriguc, hantle u. 8. pflegen das Erbe Eomte's in Paris weiter und haben den Eult der positivistischen Religio» bis zur Errichtung eines Tempels Getrieben und ein complicirtes Ritual ausgebildet. ") Wie weit bisse Perirrung gediehen ist, dafür nur ein Beispiel: . \ Es gibt dreierlei (Suite, einer von diesen, der häusliche, ustifaßt neun Sacrameute: 1. Die Daxstellung, wenn das Kind fcjer Göttin (sc. der Nkenschheit) dargestellt wird; 2. die Einführung (l’initiatiou), wenn das Kind den Arm der Mutter verläßt; 3. die Zulassung (I'aämissiou), wodurch der Adept im Alter von 21 Jahren sich dem Dienste der Menschheit weiht; 4. die Bestimmung (destinatiou) zu einem socialen Berufe mit 26 Jahren 5. die Ehe; 6. die Reife (matniitc) mit 42 Jahren; 7. der Rück tritt (la retraite) mit 63 Jahren; 8. die TranSsormatio» beim Herannahcn des Todes; 0. die Heimkehr 511111 Große» Wesen. ES braucht wohl kaum gesagt zu wcrdeit, daß die heutigen Diener der Religion der Morschheit derselben nicht immer mehr die esoterische Ausfassung Eomte's entgegenbringc», und daß heule nur als ein widersinniger Mummenschanz erscheinen kan», was. im Anfänge trotz alledem die Kundgebung eines mächtigen Geistes, wenn auch in schrullenhafter Verkleidung, war. An dieser Stelle' käme auch der schon oben erwähnte, durch Jules Doinel gemachte Wiederbelebungsversuch der -Gnosis in Be-, tracht. Gehen wir nach Deutschland. ■ ■ , Eine in der zweiten Hälfte der Scchzigerjahre in Berlin von Eduyrd Loeipeulhal") gegründete und in den letzten Jahren wieder etwas galvanisirte „Religion dcS fortschreitende» besten Wissens und Gewissens" kann ich wohl flüchtig übergehen. Denn dieses Eogilantenthum, wie es sich nennt, ist i» der Thal, milde gesagt, ein abschreckendes Beispiel oberflächlichster ReligionSmacherei, der Abklatsch aller deislischen Phrasen der letzten hundert Jahre. Wir wollen nur daS charakteristische Moment hervorhebe», daß auch diese nnivcrselle MenschhcitSreligion sich vorwiegend mit der Losung der socialen Frage zu befassen — verspricht. In de>n"4?vidirlen Statut der Eogitanlen-AUian; heißt es lakonisch: 1 „5? 8, Die Eogitante» stellen sich zur Aufgabe, dem Recht aus Existenz für alle Mitmenschen dadurch eine positive Basis zu verleihe», daß sie mit allen Kräften auf die vffieielle A nerke» » u ug des Rechtes auf Arbeit je nach den Fähigkeiten des Einzelnen hinwirke». Daö Eogitanteuthum betrachtet es überhaupt als seine Mission, statt der bloßen Bertröstuug auf ein n'cht auSzuschließcndeS Jenseits in daö diesseitige individuelle und sociale Lebe» hilfreich einzugreifen u. s. w. 8 6. DaS Präsidini» der Eogitanten-Allian; unterzieht sich beim Anftaüchen ernster internationaler Eouflicte der Aufgabe, durch schiedsrichterliche Jntervcnliv» einen alle Theile besricdigeudeu, gerechten Ausgleich herbeizuführeu." Den erstercn Zweck werden die Eogitante» durch ein Gesetz erreiche», welches die Besitzer von mehr als einer Million Mark »ach einem bestimmten Maßstabe zur productiven und inproduc tiven Beschäftigung Arbeitsloser verpflichtet. Eventuell sollen Staat und Gemeinde sich dieser Pflicht unterziehe». Der öffentliche Gottesdienst in den Andachtöhalleu der Eogitante» besteht in der Berichterstattung des EultuSvorsteherS über die jeweiligen Fortschritte des geistigen und socialen Lebens unter Kirchengesang und Orges spiel. Neuerliche Versuche, daS vage Eogitanteuthum iu Berlin zu galvanisire», sind nicht von sonderlichem Erfolge begleitet — eilte im Hinblick auf die Puerilität des Unternehmens begreifliche Thatsache. Hieher gehört weiterS die schon einmal erwähnte englische „Esoterische christliche Union" Maitlands, sowie derey deutsche Ausgabe, der „Bund der Religion des GeisleS", dessen Programm die Begründung eines internationalen Bundes der Religion des Geistes, ohne dogmatische Schranken, die Bersiiinlichung und Vergeistigung der heiligen Symbole aller Religionen, die Lösung der socialen Frage auf der Basis einer religiös sit'tliche» Weltanschauung ift15). Wie diese heiligen Schwärmer, ,3) Jules Bois. Les getiten reli^ions de Paris. VI. Je eult de l llumanite. ") C. X»che»melster, DaS tSoflitaiitrntljiim, die Religio» dcS sortschreitendeu besten Wissen- und Gewusen« als Staat«- nnd WeUreligion. 2. Aust. Berlin 1892. ,5) „Die Religion des Geiste.«", Monatsschrift, herauSgegeben voi) Dr. Engen H. Schmitt. Leipzig bei Alfred Jansse». Blatt. . ..?eit« 9. dir so sehr gegen die „ethische Bewegung" zu Felde ziehen, glauben könne», mit einem allenInhaltes und aller Form entkleideten Goltesbcgriffe-praktisch wirke» zu können, waS durch die Verbreitung ethischer Grundsätze angeblich nicht möglich sei» soll, ist u»S wenigstens ein Räthsel. Ueberhaupt scheint die Gesellschaft für ethische Eultur wie ein Fermciil auf die religiös gestimmten -Schichte» der Gesellschaft gewirkt zu haben, vielleicht das Einzige, was sie gclha» hat. Auf de» der Wissenschaftlichkeit entsprechenden Ruf: „Moral ohne Religion", antwortet der vielstimmige Ruf : „Alles, Wisseuschasl, Kunst, Leben im Lichte der Religion!" (Fortsetzung folgt.) . . Z>ie Grnpörerin. Roman nach t>rm Englischen deS Walter Besä nt von Majer7 Hottseyuni-r XXV. Fast gleichzeitig, während Franziska, solcherart von ihrer Herkunft Kunde erhielt, machte ihre Mutter eine nicht weniger aufregende Eni dcckung. „Niemand kan» zu »iciueiu Schatze gelange»," sagte TivcS in cinem früheren Zeitalter. „Er liegt in dieser hölzernen Truhe Sehen Sic sich die Dicke der Wände an —'sehen Sie sich die solide Arbeit au: sehen Sie die starken Eisenklammcrn an und die drei Vorhäugschlösier, welche si/verschlosicn halten." Da kam dcS WcgcS der listige Räuber — ganz unerwartet, mit einer kleinen'Feile — nnd ach! armer Tives! wo war am nächsten Morgen dein Schatz'? Der moderne DivcS sägt: t„Mein Vermögen ist ganz sicher, weil eS .nur in Aeticn der königlichen Bank von Bangkok angelegt ist." Ach! Die königliche Bank von Bangkok fallirl — wo, armer DiveS, ist nun dein Vermögen'? Madame Elveda war eben daran, ihr Tagewerk zu beginnen. Um 10 Uhr eröffnet«: sic alle Briefe, und um 11 Uhr sollte ihre Privatseerctürin — ein junges Mädchen, welches in Schnell- und in Typcnschrift geübt war — kommen, um ihren Antheil an der Eorrespondcnz zu erledigen. ' Wie immer lagen die eingclaufcnc» Briefe in einem Häufchen ans der Schrcibmappe. Daneben 'lagen die Bürstenabzüge deS neuesten 'Artikels, den Madalue Elveda für eine der geistreichsten Revuen geschrieben - hatte. Madame Elveda besah sich die Liste der Obliegenheiten für den heutigen Tag. ES waren ihrer nicht wenig, aber Madame Elveda war nicht eine von Jenen, welche durch die Last der Verbindlichkeiten gebeugt werden konnte. Sic liebt; dies Drängen und daö Getöse der- Arbeit. Wenn Verbindlichkeiten etwas beweisen können, so rückte ihre Sache in Sprüngen und großen Sätzen vor. Jede» Tag besuchten sie mehr erleuchtete.und zu führenden Rollen befähigte Damen, um sie zu befragen und mit ihr zu conferircn. So schic» es wenigstens der Führen». Diesen Morgen lag die hohe Priesterin „der große» Sache", imeingedenk dcS Spruches, daß Hochmuth vor dem Fall kommt, zmrückgclchnt in ihrem Stuhle und dachte an ihre eigene Größe.' Alles versprach guten Erfolg, große» Erfolg. Ihre eigene Stellung war gesichert, sie war eine Macht in der Gesellschaft — d. h. in einzelnen Zirkeln dieser Gesellschaft — hätte sic ihre Gedanken jn Worte gekleidet, dann würde sic. wohlz gesagt haben: „Ich bin die Führerin der größten aller jemals versuchten socialen Revolulionen. Ich werde in der Geschichte jene Frau genannt werden, die ilir Geschlecht zixr absoluten Gleichstellung mit dem männlichen cniporgehobeu hat. Nichts Größeres ist jemals durch ein Weib änSgeführt wordeii seil Anbeginn der Welt. Ich bin die Frau, der cs bestimmt war, die seit undenklichen Zeilen herrschende Crbiuiitg, wonach der Mann der Meister war, über den Haufen zu werfen. Kein Weib hat sich je zu einer solchen Größe anfgcschwungcn. WaS ist eine Königin, eine Kaiserin, eine ^"-'crin oder Sängerin, eine Schauspielerin — eine Heroine — waS ist Helena — was ist Klcopatra.— was ist die Jungfrau von Orleans —»eben einem solchen Weibe? Dan» begann sic an die Sicherheit und Festigkeit ihrer Stellung zu denken. Ihr Reichthum war unbegrenzt, ihr Ruf gesichert, ihre physischen und ihre Geisteskräfte-stärker als je; sic war noch im Vollbesitz ihrer Fähigkeiten; mit dreiundvierzig beginnt man noch nicht einmal an eine Abnahme zu denken. Ihre Augen ruhten mit Wohlgefallen ans der soliden Möblirung ihrer Bibliothek, auf ihren solid gebundenen Büchern, ihrem festen Tische und ihren festen Stühlen,^anf dem dicken - Teppich und den schweren Vorhängen, ja selbst auf ihrem eigenen An zuge, ihren Ringen und Goldkctte», sogar lauf der gewichtigen llyr am Kamine, welchc^schwer und solid tickte. VAllss das vereinigte sich in ihr den Eindruck höchster Stabilität ihrer Stellung hervörznrufen.' „O, König, mögest du ewig leben!" riefen die Höflinge zu Sul'a. Der König sah um sich, besah die soliden Pfeiler seine- Palastes mit