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Freies Blatt · 1894-05-06 · 109 (6.5.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
109 (6.5.1894)
Date
1894-05-06
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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Nr. IM. * ■ Freier Blatt. seile f> ftellung vorausgesetzt, nicht bloß vom Standpunkte deS angegriffenen ijratlitischen TheileS der Bevölkerung, sondern, mindestens ebenso sehr vom Stand pnnkie echten LhristenlhnmS ans das Entschiedenste verurtheilt und gerade;» als ein Mißbrauch der Kanzel bezeichnet werden innß. Tie Interpellanten richten unter Bezugnahme auf diese Borgänge neuerdings, an die Regierupg die Frage, waS dieselbe;u veranlassen beabsichtige, um einer solche» Beleidigung des religiösen Empfindender Bevölkerung »nd einer der Berhöbnung gleich koinmende» Herausforderung der Staatsgewalt Einhalt zu ihun und zu vcr hüten, daß der Friede i» der Bevölkerung von Personen gestört werde, die vielmehr dazu berufe» sind, diesen Frieden in Wort »nd Tliat zu fördern. (Israclilischc Allianz zn Wien.) Am 2'.». April fand im Sitzungssaal«: der israelitischen EnltuSgcmcindc die Generalversammlung der „Israelitischen Allianz zu Wien" statt. Tct Präsident Herr David Ritter v. Gntm an «begrüßte die anwesenden VerciuSniirglicdcr und widmete,dcn im Vorjahre verstorbenen Förderern dcS Vereine-, den Herren Wkori; Freiherr v. K önigSwarler, der dein Vereine als Stifter und Bcirath angchörte, und Dr. Adolf Jcllinck, der seit dem Bestände des Vereines zu dessen Vorstandsmitgliedern zählte, eine» tiefempfundenen Rachruf. Zeichen der Drauer erhoben sich die Anwesenden von dxn Sitzen. Herr Dr. Bloch sprach dem Vereins Vorstände den wärmsten Dank der Mitglieder für die umsichtige Veinutg ans »nd stellte den Antrag, daß dem Vorstande das Abjolntorium crtheilt werde. Dieser Antrag wurde unter Beifall genehmigt. DaS VercinSmitglicd Herr Wilhelm Pappen heim setzte hierauf, uachdcm er der mühevollen Thätigkcit dcS Vorstandes zn. Gunsten der Hebung jüdischer Eultnrintercsscn seine Anerkennung gezollt hatte, i» seiner .-beredten Weise die Ursachen der bedauerlich geringen Vethciligung der, Inden in Oesterreich und Ungarn an dem Vereine' anSeinander. Der Jahresbeitrag von 3 fl., führte er aus, fei so gering, daß ihn selbst Minderbemittelte entrichten können. ES wäre zweckentsprechend, wenn auch in Ungarn ein Brudervcrcin er richtet würde. Herr Pappcnhcim erklärte es ferner für augszcigt, daß der Vorstand von Zeit zn Zeit zwanglose gesellige Abende veranstalte, zu denen jedes VerciiiSmitglied Zutritt hätte und wo man nähere Mitthcilungcn über die Bemühungen und Erfolge des Vereines 1erhaltcn würde. Ramcntlich wäre cs wüiischcnswcrth, über die Miß nahmen dcS Vereines in Betreff der von den Judenfeinden inuthwi lig aufgcrollkcn „Schächtfragc" und der in jüngster Zeit von der Skai zcl her betriebenen schmachvollen Judcnhctzc Kenntniß zu erlangen. Der Präsident, Herr David Ritter v. Gut in an», dankte dem Vorredner für dnS rege Interesse, daS er am Vereine nehme. Die Mitglieder dürfen versichert fein, daß die Vcrcinslcitnng A les aufbicte, um das Jndcuthum in wirksamster Weise gegen Ungerechtigkeit und Bedrückung in Schutz zu .nehmen. Die Stellt ng deS Vereines sei iusofcrnc prekär, als er einerseits im . Siiinc der statutarische» Bestimmungen in Dingen politischer Ratur absolut keine Jngcreiiz anSübcn könne, während ihm andererseits durch seine knappen Geldmittel in seiner Wirksamkeit enge Greiwe» gezogen seien. Im Vorjahre, fuhr der Präsident fort, seien 47.00Ufl. für russische HilfS,wecke verausgabt worden. Am I. Jänner habe der russische Hilfsfonds, der inzwischen beträchtlich znsainincngcschinolzjen, nur mehr 14.000 fl. betragen. Der Verein habe indcsicn, wie anS der Bilanz hervorgeht, seinen StammfolidS, der i» den früheren Jahre» wiederholt angegriffen werden mußte, um 7000 fl. vermehrt. Die 2agc der Juden sei eine solche, daß man auf schlimnie Eventualitäten gefaßt sein müsse, »nd daher sei cS nothwendig, daß der Verein über Mittel verfüge/ um im geeigneten Augenblicke Hilfe bringen zu können, zumal es nicht angehc, von Fall zu Fall Sammlungen zu veranstaltt». Herr Dr. Alfred Stern ergänzte diese AuSführungc» durch Mitthcilungen über die Initiative deS L^rcincS bei der Abwehr aiiti semitischer Angriffe nud setzte anScinandcr, daß der Verein noch!itt allen Angelegenheiten die überhaupt möglichen und zulässigen Mittel zur Aufklärung des Volkes und Bekämpfung dcS modernen Rae^n- und ReligionSkampfeS in Anwendung gebracht habe. Schließlich wurden die zur Ausscheidung gelangenden Vorstandsmitglieder, die' Herren Sigmund Ritter v. Bauer, Dr. Felir Katzau, Heinrich Ri reust ein, Dr. Alfred Stern und ^Dr. Sigmund Wahrmann wieder und Herr Lberrabbincr Dr. A. Schmiedl in den Vorstand hcs Vereines s»-r ni'elnmatioiiotn neugewählt. ' | f (Zurkan imD eine jüdische Hilfslelirerin.) Man schreibt nnis: Der griechisch-orientalische Geistliche Zurkan erzählte neulich im Abgeordnetenhaus«:. daß eine jüdische Hilfslehrerin in-einem in der nächsten Umgebung von Ezcrnowitz gelegenen Dorfe die Kinder dazu veranlagte. ihr Eier, Dbst, Kukuruz :c. als Geschenk zn bringen, welche Gegenstände sie in die Lade dcS Katheders cinsperrtc, um sic später zu verkaufen, da, wie sich der hochwürdige. Herr auSzudrückcn beliebte, „nach ihren RcligionSgrnndsützen cS der Moral nicht widerspricht, unter allen Umständen xi» Geschäft zn machen". Wir wissen nicht, waS an der Erzählung Wahres fei. Dagegen ist' nn» aus Galizien und der Bukowina eine Reihe von Fällen bekannt, in denen die von griechischen Popen und deren Franc» schmählich auSgebcnIcte Landbevölkerung massenhaft.zur römisch-katholischen Kirche übcrlrat, um sich auf diese Weise für die Zukunft gegen die von Seite ihrer Seelsorger ihnen stets drohenden Attentate sichcrznstellcn.' Wenn indessen ei» Rabbiner, ja sogar weit» ein katholischer Priester es wagen sollte, daS Schröpfen der Bauern als mit dem griechischen Ritus nicht unvereinbar' zu bezeichnen, so wj'itde Zurkan in einer derartigen Acüßerung sicherlich eine Ricdertracht'erblicken. S;«j>ii'»ti sut! (Die SclnueiiljänDler von Rechguii-.) Es gehört zu den Gepflogenheiten antisemitischer Seribeirten, mit einer willkürlichen G'rnp-, pirung. von Ziffern die Jiiimoralität der Jude», ihren Hang zu einzelnen Verbrechen zu „beweisen". Dhatsächlich aber haben weder Ehristen »och'Juden Mangel a» Ruten, die mit de» Strafgesetze» in Eollinon gerathcn oder mittelst listiger Manipulationen dnrch ein. Hinterpförtchen dem strafendi». Arm der (Gerechtigkeit zu entschlüpfe» wisse». Rnr zu durchsichtig ist»dic böse Absicht, welche die antisemiHche Presic verfolgt, indem sie, so oft ein Jude sich einer Gesetzesübertretung schuldig macht, die betreffenden Rotizcn betitelt: „Ein jüdischer Schwindler",.„Ein jüdischer Dieb", „Jüdische Mädchcnhändclcr" u. s. m. AnS der Handlungsweise deS Einen soll gleichsam ein „Raecnschler" eonstruirt werden, der Allen anhafte. Äufmcrksanicn Lesern dürfte übrigens auch »och die Rot.iz deS hiesigen BkoniteurS der Antisemiten Partei criiincrlich sein, ttbcrschriebcn „Rohheit des Kutschers eines jüdischen.Leichenwagens", welche nichts mehr an thatsächlichcm Material enthielt, alS daß ein Kutscher sich einer.besonderen Rohheit schuldig gemacht hätte. Der Kutscher war ein Vallblnr Arier, nur hatte er leider den besonderen Makel auf sich geladen, daß er ans dem Bocke eines Wagens faß, der die Vad)^, eines Inden banj, Aehnliche Geschichten von jüdischen Mädchcnhhmdlern, in die erst die Betheiligung' von Juden gewaltsam hineingedeutct werden mußte, gehören in deu Spalten jenes Blattes nicht zn den Seltenheiten.. Wir wolle», jedoch nicht, »in einen arischen Raecnschler hcrauSznbringcn, sondern nur, nni de» RachwciS zn führen, daß der Mädchenhandel keine Spccialität des JudcnihnmS bildet, heute oon einem Eapitcl österreichischen AuswandcrerthumS reden, welches die k: und k. Eonsnlatc im Anslände, vornehmlich aber in Rußland und den Bakkanländcrn seit langem beschäftigt! Im nordöstlichen Böhmen, in der BczirkShauptmannschast Königgtätz, liegt das kleine Städtchen Rcchanitz, wo; seit Jahr und Dag das „Harfenistenthnm" blüht. Im Städtchen zählt man an -0> llnternehnier, deren jeder im Jahre durchschnittlich 7 Personen, junge 'Vaitc männliche» und weiblichen Geschlechtes, nach den gcnanntcir Z'andcrn als „Dänzcr" und „Musikanten" epponirt. Es handelte sich bei der „el'ponirtcn Waarc" nicht so sehr »m deren musikalisches'Können, als um körperliche Vorzüge. Die JahreSgagc dieser „Musiker" beträgt außer der Kost, der Kleidung'und dem Reisegeld 30 bis 120 fl. In der „Welt", so sagen die Rcchanitzcr, „tanzen" die Mädchen mit den Herren, wennim Gasthaus musicirt wird. Sie kehren zurück, die Svuren durchschwürmtcr 'A'ächte an sich tragend, mit fahlen Wangen, ein Bild dcS Jammers . . . ES geschieht zuweilen, daß irgend eine Eoninlatsbehörde cinschrcitct und der BezirkShauptmannschati Koniggrätz die Mittheilnng macht, diese oder jene der ' „Mnsikantinne»;' iei eine leichtsinnige Frauensperson. Der Vater 'eines solchen Mädchens sagte bei einer Einvernahme .zum Bezirsshauviniann: ...Ich .bitte, ste soll nur dort bleiben; man - weiß .nicht, wo ihrer daS Guick Harri." Von'4>eni Kanfschilling — die „Unternehmer'' zahlen 'nr die „Erpor'.waarc" ein hübsches 2ösegeld —- .sehen die armen Vertansien auch nie einen rothen Heller. - DaS wird von den Eltern in ii»l»i jn>-iI-> verzehrt, richtiger, gesagt . vertranken, nad in 'A'echanitz herrscht, wie in keiner zweiten Gegend'Böhmens, die Branntweinvest in-der fürchterlichsten Weise. Die „Unternehmer " werden dabei reich, sic ckanfc» .sich Häuser, Felder, Wirthschaften; in die Heimat zurückgekchrt, verprassen'und vergeuden diese Rute auch große Summen. Die Erfolge der „Unternehmer" bieten ein böscS Beispiel und reizen nicht nur in Rechanitz selbst, sondern auch in den nmliegenden Städten und Ortschaften zur Rachahmung. Dabei ist daS ganze (bewerbe in Rcchanitz durchaus kein Geheimniß. Jedes .Kind weiß, wo der Erpörtcur wohnt/wann er auf Renen ist und wanner kommt, um neue „Geschälte" zn entriren. Welchen Umfang diese Art Industrie angenommen hat, beweist der Umstand, daß von den 1000 Einwohner», welche daS Städtchen bei der Volkszählung im Jahre 1800 hatte, über 200 als „auswärts sich aufchaltcnd" verzeichnet wurden: also gering gerechnet zehn Perecnt als D7pfcr dieses Sclavcnhandels, der zur Folge hat, daß die Einwohner-- zahl von Rcchanitz in der Altersstufe zwischen 1i> und 30 Jahren von Jahr zu Fahr zurückgchk. Und daS Alles in einer Ortschaft, die,.

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