Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 109 (6.5.1894)
- Date
- 1894-05-06
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 109. Freie, y=—~ —■ ~ " rechter Entrüstung über die Rückständigkeit seiner StandcSgenosscn mit diesen zu unnachsichtig war und dabei andere Schuldige übersah. Allerdings wäre es die erste Pflicht der Aristokratie gewesen, auf die auS den RevolntionSwirren hervorgegangcne neue (Gesellschaft gerade in dem Sinne erziehlich zu wirken, in welchem sie stets unbestrittene Meisterin war; allein die bürgerliche Gesellschaft ist oft die schlimmere Aristokratin, wenn cS sich darum handelt, verknöcherte Standesbegriffe und GlaubcnSvorurthcile zu conscrvircn, und ein bürgerlicher Käse stecher kan» sich oft an Standesdünkel mit jedem Reichs-, Alt- oder Markgrafen messen, beider ist ja gerade auch das Bürgerthum, und zwar vor Allem das kleine Bürgerthum der eigentliche Herd des Antisemitismus; andererseits gibt eS anch bei uns in Ls?ien zahlreiche Männer der Geburtsaristokratic — wir wollen keine Rainen nennen, um nicht als Schmeichler zu erscheinen — welche leuchtende Borbilder des echtesten freien Weltbürgerthums sind, und unser Bcr fasscr selbst gibt ja hjevon ein schlagendes Beispiel. v. z. Fiat justitia. Om Fluthengangc geschichtlicher Ereignisse gelangen zuweilen Gebilde an die Oberfläche, die, vom Schmutze arg befleckt, leicht crrathen lasten, daß sic von der elementaren Gewalt wilder Strömungen auS der Tiefe, die ihr Grab sein sollte, in die Höhe getragen worden sind. So tauchen sie auf die. Pseudo-Tmerdistc, die unter gefälschtem Namen Macht und Gewalt an sich zu reißen bestrebt sind, die Herostrate, die für die Zukunft ein Denkmal sich sichern wollen durch den Feuerbrand, den sie in den Tempel der Gesittung zu werfen gedenke», die Fanatiker, die im Namen der Religion der Liebe nur Haß und Bcr folgung predigen. Ein solches Gebilde ist' der hochwürdigc Herr Dr. Dcckcrt. Was Wunder, wenn ihm die loderndes! Flammen, des Autodasi'S als ein heiliges Feuer erscheinen, welches dem Altar des Herrn entnommen ward, und in ihm das sehnsüchtige Verlangen her vorrufen, dieses greuliche, »icnschcnmörderische Schauspiel aus einer Zeit excessiver Gcistesverirrung wieder der Gegenwart vorführcn zu sehen! Auf dem Wege der Metcmpsychose hat der hochwürdigc Herr Doctor etwas Eannibalischcs in sich empfangen. WaS er sinnt, ist Haß, was er spricht, ist Bcrfolgung, was er schreibt, ist Gift und Galle. 'Nichts wäre jedoch irriger als die Meinung, man könne den hochwürdigen' Herrn durch geeignete Information eines Besseren belehren; 'Naturen, wie die seine, sind im Maße ihrer Unwistcnheit jeder Belehrung unzugänglich. Seine Studien ans dem fraglichen Gebiete haben durchaus nicht die Eruirung der Wahrheit °;um Ziele, sondern sollen ihm vielmehr durch Entstellungen, Mißdeutungen die Prämisten verschaffen für seine willkürlichen, durch nichts zu erweisenden Behauptungen. Man thut auS diesem Grunde am allerbesten, den hochwürdigcn Herrn Doctor vollständig abseits zu lassen und sich lediglich mit den Schäden zu befastcn, welche sein unquali sicirbareS Thun im Allgemeinen anrichtct. Wer noch immer glaubt, daß die von dem hochwürdigcn Herrn Doctor propagirte Bewegung sich nur gegen die Ondcn richtet, und hierin offen oder versteckt sein Behagen findet, ist seines gcistigcü Sehvermögens beraubt. Er sieht nicht, wie alle Grundpfeiler der sittlichen Weltordnung wanken, iveitn in frivoler und freventlicher Weise an Recht und Gesetz gehämmert wird. Mag der Schlag scheinbar auch nur einen Thcil treffen, das Ganze wird davon heftig ergriffen. Es war der unglücklichste Gedanke einer überklugen Staatskunst,, die Aufmerksamkeit' non ihren reactionärcn, gegen den. Liberalismus gerichteten Bestrebungen dadurch ablenken zu wollen, daß sic den niedersten Onstincten gegen eine BevölkcrungSclaffe freien Lauf ge .stattete; sie entfestclte dadurch vielmehr die Leidenschaft gegen die gesammte gesellschaftliche und staatliche Ordnung. Die Erschütterung des Rechtsbewußtseins im Bolke kommt einer Untergrabung jeder Sicherheit im öffentlichen Organismus gleich. , Nicht genug beklagt kann eS werden, daß selbst in liberalen -streifen das wüste Treiben der Antisemiten als eine Angelegenheit der Juden betrachtet wird, wie sich dies in letzter Zeit des Oefteren zeigte. Kann cs einen größeren Jrrthum geben? Wenn nicht schon der Ursprung, so muß doch die' Wirkung des Antisemitismus diese Kreise belehren, daß er nicht so sehr gegen die Bekenner der jüdischen Eon fession als gegen die liberalen Grundsätze gemünzt ist. Wie verheerend er bereits in dieser Richtung gewirkt hat, documcntirt sich unzweideutig eben durch tie sonderbare Auffaffung im Schoße der Blatt. __ —, Seite 3. liberalen Partei, daß die.Erccsse der Antisemiten, mögen ne von Pfarrer Dcckcrt, "Mechaniker Schneider^ oder vom Prinzen- Alois Liechtenstein auSgehcn, nur die ^nden betreffe», -.'fein und aber,»als nein! Zunächst und znmcist ist dabei der Liberaiisinns in Mtleidcn schaft gezogen. Seine Sache wäre cs gewesen und ist cS, niit aller Energie dagegen Stellung zn nehmen. Liberalismus und Duldung des Antisemitismus ist ein Widerspruch in sich. Bornchmlich an -den RegicrungSorganen ist ce. den AuS schreitungcn, die selbst vor der geheiligten Stätte der Andacht und GotteSvcrehrnug' keine» Halt machen, in den Weg zu treten, wenn, sie nicht haben wollen, daß alle Bande der Gesetzlichkeit stell lösen sollen. Nicht umden Schutz der Staatsbürger jüdischen Glaubens handelt cS sich, sondern um den Schn» deö Gefetzt „,,d der im StaatSgrundgcsetze gewährleisteten Rechte. Wenn etwas geeignet ist, den Antisemitismus wirksamst zu propagircn, so ist es die Toleranz, die gegenüber seinen Oüngcrn und ihre» schrankenlosen Ausschreitungen geübt wird. Seine Staatsgcfährlichkest ist aber unzweifelhaft. Om Falle des -hochwürdigen' Herrn Dr. TT ecken sollte die^zustündigc Kirchenbchördc ans eigenem, vitalstem Ontcreise ihre mächtige Stimme laut 'und veruehmlich dagegen erheben. Nichts vermal) schädigender auf das religiöse Empfinden zu wirken als die Gemiuhs rohheit: wird diese nicht durch'verhetzende-Reden ezultivirtl" llebcrdieü ist eS gewiß in einer Zeit, wo Papst Leo XIII. die AiUtft zwischen Glauben und' Wisse» zn 'überbrücken bcmülil ist, ein Anachronismus, in 'der Verschiedenheit der Eonfcssio» ei» .unterscheidendes Merkmal zwischen Mensch und Mensch zn erblicken. ' Emailncl Baum gar len. . Dom (Lahmt?*. - „Einem Narren soll man kein ungcbant HanS zeigen," jagt das Sprichwort. Mil Recht: denn vor-Allcm übt der''.starr eine alberne Kritik an dem-Werk und stört die Arbeiter, und dann gcräth er .auch leicht in Lebensgefahr, indem er sich gerade dort hinzustellen pflegt, wo ihn ein Stein oder Balken ans den jiopf treffen kann Darum uiüsscn nach polizeilicher Vorschrift Neubauten nmplankt und.,mit Warnungstafeln versehen werden: „Eintritt nur-den hier Beschäsligtc» gestatte:!" So wird cS bei Bauten, jeder Art gclialtcn zinh, anch beim Ausbau der Wissenschaft. Nur ein einziges Gebiet steht frank und frei da, der Talmud. Dieses Riesenwerk, ein stolzes Denkmal menschlicher Geistes - thätigkeit, bildet heutigentags eine Ausnahme. Was die gediegensten Erforscher hebräischen AltcrthumS mühevoll ans dem unvcrsieglichen Urquell „Talmud" schöpfen, das soll gieichgiltig sein, -dagegen was die Grcgorig, die Dcckcrt, die Stampiglicn-Schneider und tutti gnnnki über dqS jüdische Geistesleben Vorbringen, das wird beim Mob aller Elasten und Stände mit Ernst und Wickitiglhnerci angtchört und besprochen. Die Narrheit predigt öffentlich! Berkebrle Leute, verkehrte Zeiten! Aber es gibt nichts so ganz Schlechtes, das; es nicht auch Gutes zn Tage förderte. Der übelriechende Dünger, der die Luft verpestet, macht die Felder fruchtbar. Mitten im - Gezänke und Gejohle der Antiscmistlinge schaffen bedächtige «-Forscher gediegene Werke, lasten Früchte reisen, die jeden Lernbegierige» cranicken und stärken. Eine solche Frucht tiefer und bedächtiger Arbeit' lieferte fnngsthin der für Wahrheit und Recht allezeit mannhaft einiretendc (stclclirte Dr.-Hcrmann L. Strack, Professor der Theologie an der Universitäl in Berlin, mit seiner .Einleitung in den Tatmiud", die uns nun in zweiter, neu bearbeiteter Auflage ' vo.rlicgi. lLeivzig, Hinrich's Buchhandlung. VI.It und IS;') -2. Preis 2 st?i. Pf. > Die' Schrift ist für Ocdermann unentbehrlich, der die reiche Talniudliteraknr und den Bölkcrgedankcn im Talinud kennen und verstehen lernen will. Dr Pl>i lipp Krön er,-ein-namhafter jüdischer Gelehrter, Rabbiner in Berlin, widmet Stracks Leistung eine liebevolle Würdigung, in der mit rcv dicntcr Anerkennung nach Gebühr rzichl gegeizt wird. Sie. schmückt als Leitartikel eine der legten .Nummern der „Oiraclitischen Wochenschrift" Dr. W. Rahmer's'in Magdeburg, und "gerne verweisen wir auf. sie hin, indeüi wir nur unserem Bedauern Ausdruck geben, daß uns die Raumverhältniste unseres Blattes einen Wiederabdruck des ganzen Artikels nicht gestatten. Wir können aber nicht umhin, unseren Lesern wenigstens den Schlußthcil des Referates mitzuthcikcn. Es ist . eine triviale Wahrheit, daß auch das Neue Testanicnt nur von -Oudcn verfaßt worden ist, -die ganz und gar in den Gedankenkreisen echt jüdischen Gesttcs, unverfälscht jüdischer Ausdruckswcisc sich bewegten.' An diesem herrlichen Gute haben nur die Scheinchristen, Auchchristen hder, wie sie sich heute nennen, die Antisemiten keinen Theil, und wenn sic im Gegensätze zu ihrem unchristlichen oder unjüdischcn Treiben mit heuchlerischem Augenanfschlage altchristliche Gebete recitiren, begehen sic'