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Freies Blatt · 1894-05-06 · 109 (6.5.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
109 (6.5.1894)
Date
1894-05-06
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seit» 2 Frei«, neu;u beleben und umzubilden, so müßte sich an deren Leibe auch ein gründlicher politischer und socialer Grsundungsproceß als nothwendige Folge vollziehen. Daß Wien keine' ^Gesellschaft" in dem! Sinne anderer Großstädte besitzt, ist ein altes Lied, aber den Versuchs aus diesem Manco einen Großthcil unserer bcjammcrnswerthcn öffentlichen Zustände überhaupt abznleite», daS ist eine neue Methode, die alte Leyer zu schlagen. Chillonius malt daS Conterfei der Wiener „Gesellschaft" in kräftigstem Jmpasto ohne zu outriren durch die Eindrücke, welche ein nach langen Reisen, mit reicher Weltkenntniß und wiffcnschaftlicher Bildung heimgckchrter 'Naturforscher, Tr^ HanS Freiherr v. Muhleck, Herr auf Klara» und Ernstheim, der Sohn eines österreichischen Diplomaten von altem Adel, bei seiner neuerlichen Berührung mit den ^Wiener Kreisen erhält. Er rermeiiit hier in der heimatlichen Donaucapitale ösfeniliches Leben, .einen »cutraleu Boden, wo sich die Vertreter aller GcicÜ'chafiSkreise und Stände zu gcmcinsamcm Geistesverkcbr treffen, zu finden, statt dessen sieht er politische Versumpfung, AntiscmiliSmus, religiöse xytb sociale Sonderung, Kastengeist, Gcnußfudn, das Streben nach leichtem, mühelosem, womöglich garantirtcm Gewinn. „Ja, das .leichtlebige Wien', das so fröhlich auf der Ring ffraßc schwatzt und lacht, hat Blei in dech Sohlen, daS .Donaubabel' wird eine prüde Puritanerin, wenn cs 'sich darum handelt, die Schichten zu vermengen." — „Suche Altersgenossen, suche heutzutage Leute-gleicher Gesinnung" — so läßt sich Haus durch seinen Freund, den Hoff'ccretär Rudolf v. Wildhcim, belehren. „Alle sind in demielben Fahrwasser des Antisemitismus. Ihre gantze Geistesrichtnng' ist beherrscht von dem einzigen Gedanken: .Juden hinaus!' Monomanen sind ste Alle: Records aus dem Rade, Distauzlauscn, Gipselftürmcn, das steckt ihnen in den blasirtcn Köpfen; jabcr ideale Liebe, Frcundschail. was verstehen die nüchternen Patrone davon? Die junge Generation Wiens ist im Zustande der Bcrtohung, unempfänglich für geistige Wettkämpfe, unfähig für den Aufschwung der Seele geworden : sic ist trivial, absprzchcnd, roh, egoistisch. Was auS solche» Lcuicii für Staatsbürger werden sollen, daä weiß der Himmel! An Stelle des offenen Blickes trat Arroganz Und unheiinliche Frühreife an die der Unschuld. Unsere Jugend ist blind geworden für das Schöne und Erhabene! Sie hat keine Ideale mehr, als die Selbstreclainc: öte-toi. jein y nu-tte ist ihr! Wahlspruch. Man glaubt wahrhaftig nicht im ncunzchnlen Jahrhundert zu leben"- V > EhilloniuS weiß^das Millicu, den Sumpfboden, auf welchem der AntisemitiSniuS ^»lS einzige Blüthe gedeiht, wahrhaft meisterlich zu zeichnen. Und in diese (Gesellschaft tritt nun sein Held mit seiner reizenden Frau Manuela, einer Spanierin von Geburt, Pariserin durch Erziehung. Seine an die gesunde und kräftige Lust gewöhnten Sinne empfinden sofort die Sliinpfatniosphäre, u»d bereitwillig schlägt er ein, da ihm sein Freund Rudolf, „unter Larven die einzig fühlende Brust", den Borschlag macht, bahnbrechendes Borbild zu werden und seinen Salon für alle Stände ohne Unterschied der Eonfession zu öffnen und so „eingerostete Borurtheile in den Staub zu treten, offene .Fronde' zu predigen gegen die jetzt regierenden gesellschaftlichen Begriffe, die Bildung als alleinige» Gradmesstr der socialen Unterschiede auiznstcllcn, über die mächtigen Feinde: Titel, Geburt, Geld, Bornirtkeir. Eiferiuckl, Zniistneid, Eitelkeit und Haß, ja sogar über Bigotterie und Eoiifcifionsrivalilät zn siegen." Aufrichtig gestanden wird Rudolf selbst nicht ganz ohne egoistischen Antrieb Derart zum „Frondeur". Er liebt eine Jüdin, die Tochter des BauquierS Sonnenblum; allein ihrer Ehe stehen unüberivindliche Hindernisse entgegen. Eine legitime Elie zwischen Beiden ist unter den gegessene» Verhältnissen ausgeschlossen, er müßkc denn confessionslos werden, was ihn seine Slellling kosten, oder ste müßte Ehristiu werden, was ihr seitens ihres Bakers die "l'erstoßuug eintragen-würde. Rudolf verspricht sich also von den „Rcsorinabendcn" wenigstens Len ipiinittclbarcn Erfolg, daß er mit Elolildcn einige scelenvolle Blicke tauschen könne, während ihm Blatt. Nr. 109. Lei! hl Pedc n Sch freu d ,wie wenn die Iudenzl in weiterer Perspective von jenseits der rcformirten Gesellschaftsbegriffe die obligatorisch Wie der Versuch unserer „Frondeurs" mit gelingt, braucht nicht erst gesagt zu werden -Geheimräthe, dcgagirte Maler, gehätschelte Schriftsteller, verschuldete Rittergutsbesitzer, BauquierS, prüde Hofräthinncn und Wiene: damen erscheinen auf dem Plan, und die sich in Mühleck's Salon so gut, menget". Wie bei Beethoven's Symphonie cinjt dem anderen seine Lampe verlöscht und sein Orchester leer ist, so verschwindet einer' nach Gästen des „Rcformabends", bei denen es s maurcrisch, so ungebunden für die Einen, Anderen hergeht. Auch ein nebenhcrgchcndcr Banquier Sonncnblum umzustimincn, daß er mit Rudolf segne, scheitert an dem Geld des Mannes, »nd so bleibt als der einzige abends" der Entschluß ClotildenS übrig, n dort als Sängerin auf eigene Füßen zu stell« 11 Geldsacke und der confcssiönellen Starrheit cipiren. Mühlcck macht nach diesem Fiasco noch das gesellschaftliche Niveau seiner Vaterstadt Club gründen nach dem Muster der „Fabier" parlamentarischer Weise die bewegenden TageHf dritte Act zeigt uns, wie dieser „Club Min Jahren aussicht. Ein verschuldeter Ritterguts! verwünscht den nutzlosen Club, wo man ni Jahrgang des Gotha'schen Taschenbuches der sehen kann, und schimpft dann über die josephinischcr Professor de lana caprina fprji tische spielen mehrere Koryphäen des geistigen mit dem „Juden", Andere kibitzcn, und der von Mund zu Munde. Hans v. Mühleck, wc Schöpfung längst gemerkt hat und nach oben als „Frondeur" nud Freimaurer dcnuncirt n| kritischen Augenblicke ein, wo ein Valat Pagat und einer der Spieler, Dr. Wehrmeister, ein setzt antisemitischer Abgeordneter, eben in echt den Hofsecretär Wildhcim mit seiner „Jüdin" dieser entrüstet das Local verließ. Es komm zwischen Hans und Tr. Wehrmeister, Letzterer cipicllcr Gegner des Duells ist, und fordert großer „Kladdcratatsch", HanS legt sein Am! Club nieder, und die gerührten Mitglieder deS leben. Echt wienerisch. Nur Einer erweist sich blicke als Mann von Gesinnung, Rudolf v. schloffen, mit Hans Wien zu verlassen und umsoinehr als dort Clotilde seiner als gefeierte Kein „Comtesscrl-Stück" das. Chilloniu! schaftlichen Verschrobenheit »nd Seichtheit Wien Antisemitismus, hart ins Gericht, und sein S nicht wie Bauernfeld's „AuS der Gesellschaft sindeu sollte, dennoch mancherorts recht machen. Ja, dieses Aufsehen wird um so »na hinter dem Pseudonym Chillonius das Mitglied Hauses, der Sohn eines österreichischen Min | was man am geeigneten Orte recht wohl weiß, wie sein Held als eiü gefährlicher Frondeur maurer" übel angeschrieben sein, aber wir daraus nichts macht, da *tr sich ja auch nicht „Fronde" gehörigen Blatte mitzuarbeiten, etwas auszusetzen hätten, so wäre es nur d< der a her als Frucht e Civilehe winkt, ihren „Reformabenden" tische Hofräthe, bornirte auspieler und blasirte Ingenieure und protzige isch sprechende Stiftsen Elemente vertragen Wasser mit Feuer sich r der Musikanten nach Pult verläßt, bis das dem anderen von den demokratisch und freiso langweilig für die Versuch Manuelas den Vereinigung ClotildenS und Glaubensdünkcl Erfolg deS „Reform- Paris zu gehen, sich r und sich so von dem ihres Vaters zu cma» wie einen zweiten Versuch, heben. Er will einen in London, welcher in ragen behandelt. Der rva" bereits nach drei b^sitzer mit dreißig Ahnen einmal den neuesten gräflichen Häuser uachcitungcn, während ein cht. JKn einem Neben Wien einen „Tappcr" billige Judenwitz fliegt cher die Decadence seiner hin auch längst schon urde, tritt just in dem Ultimo ungesagt wurde, rüherer radical-liberaler nerischer Gemuthlichkeit zefrozzclt hatte, weshalb zu einem Wortwechsel weiß, daß Hans princb?n deshalb heraus, und alle Würden im ClubS lassen ihn hoch auch in diesem Angen Wildheim; er ist cntnach Paris zu gehen, Sängerin harrt. geht mit der gesell i, dem Erntcbodcn des lick wird, wenn cS auch Einlaß in die Burg nangcnchmes Aufsehen > genehmer sein, als sich eines altaristokratischcn stcrpräsidcntcn verbirgt, ChilloniuS dürfte bald oder gar als „Frei fürchten, daß er sich schept, an unserem zur nn wir an Chillonius S eine, daß er in geil üi We>

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