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Freies Blatt · 1894-05-06 · 109 (6.5.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
109 (6.5.1894)
Date
1894-05-06
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Freies WM AbonnementSpreiS. Mraan zur 2lbwchr des 2lntise,uitisnnr Hatdjäbrig ft. I.ea. BikrleljLdrig ... ft. —.7.'. Kür da» gesammtr AuSlanS: '«ainjSbrig.*. . . fl. S.—. $ait>jäi]rig.n. i.so. Crschtilkt an jcöciu «oiiutnqc. Einzelne Nummern t» fr. ' * UnfrSnkirte Briefe werden nicht angenommen. Redaktion und Administration: l. Lcilerstäitc >n. Inserate werden mit i" lr. skr die'viermal >v" spalrene NonöareiNezril» derechnet. Ätcir^ Tfln ■ ioiflfr daS ä^ort -J fr. Att'iiadmc vc»n %t£;*rat<u in unsrer^diruinstration sowie im 'Annoncen^lreau M. Tuff*. I. Wonjcile Wnmmer 10!). -! Wien, (i. Jiltii 1894. . III. Zahrgang. ' Gin cynisches Geständnis;. I» antiscmitischcn Bersammlungen ist junge» (5'ciftlid)cit nicht selten das Gcständniß entschlüpft, daß cs ihnen nicht so sehr nni einen Krieg gegen die Jiidcn zu ^hnn sei, als vielmehr darum, die liberalen erfolgreich zu bekämpfen. Diesmal ist eS nicht irgend ein unbesonnener Coopcrator, sondern das ofsieicüc Argali der steierischen Clericalen, daS „Grazer BolkSblatt", welches folgende Erklärung abgibk: Ter Wiener AmiseniitirinuS hat feine Schwächen; daS hat namentlich der letzte niederösterreichische Landtag bewiese», Ivo die holrenbesien Anichul digunge» gegen gewisse GeseUlchafie» erhöbe», der beweis aber auSbrücktich abgetebilt wurde. Das entipricht nicht den Forderungen der katholische» Moral. Ueberhanpt trifft der Antisemitismus dort nicht, 100 da» Grunbübel liegt, und endlich sind wir ja nicht überall so unglücklich, Fnden zu habe», über' die wir unseren Zorn auSschüttc» können. Nichtsdestoweniger ist in Wie» und Niederösterreich der Antisemitismus eine natürliche und berechtigte Erscheinung; er ist auch vorzüglich geeignet, ans seinem Kode» die Macht de» Liberalismus zu brechen — und wa» die Hauptsache ist, seine Existenz ist eine Nothwendigkeit gegenüber de» gröbsten Auswüchsen de» CapitaliSmnS. An CyniSmuS können diese Acußerungen kaum übcrtrosscn werden. DaS Grazer Blatt gesteht, daß die Wiener Antisemiten schmähe» und verdächtige», bei den „horrendesten Anschuldigungen" aber nici>t einmal einen Wahrheitsbeweis versuchen; cs bezeichnet ihr Bcrfahrcn als der katholischen Moral znwidcrlaufcnd. Allein trotzdem führt cS selbst' eine, antisemitische Sprache nnd erklärt den AntiscmitiSinuS für berechtigt und nothwendig, weil cS von ihm eine Schwächung der Macht des Liberalismus nnd CapitaliSmnS erwartet. An die unbedingte CapitalSfcindlichkeit eines Blattes, desicn verfluchte. Schuldigkeit eS ist, die Interessen der Fürstbischöfe von Scckan nnd Lavant zu vertreten, glauben wir nicht; wahrscheinlich haßt eS bloß jenes Capital, daS sich im Besitze freisinniger Bürger befindet, gleichviel ob diese Juden oder Christen sind. Die allgemeine antieapitalistische Phrase ist hier offenbar nur ein der Zcitströmung entsprechender Aufputz deS Geständnisses, welches gemeinverständlich besagt: llnS sind die Dienste der Antisemiten willkommen, weil sic den Liberalismus schädigen; die „Schwächen" der Antisemiten, ihre Bcrstößc gegen die katholische Moral nehmen wir mit in den Kauf. Der Zweck heiligt daS Mittel. Männern von Einsicht, welche die Borgängc im antiscmitischcn Lager aufmerksam verfolgen, war cs schon vorher nicht entgangen, daß einerseits der Haß gegen den Liberalismus Biele zu Mitschuldigen an einer schmählichen Racennnd ConfcssionShetze macht, welche sonst eine anrüchige Gesellschaft scheuen, und andererseits der Antisemitismus sich nur dort ausbreitet, wo er unter einflußreichen Feinden des Freisinnes und Fortschrittes Gönner findet. In Frankreich, Italien, England :c. hat die antisemitische Internationale vergebliche Anstrengungen gemacht, Boden zu gewinnen. ä3n Ungarn haben liberale Staatsmänner hem antisemitischen Spuk bald ein' Ende bereitet. Dagegen ist die antisemitische Bewegung besonders stark in Rußland, Rumänien, Deutschland nnd leider glich in Oefteivcid>, wo man überall das Scniltcnthnm schlägt, den Liberalismus aber meint. Dcr^CnniSmuS deS Grazer rlericalen BlaltcS, so widerlich an nnd.'für Vidi er in, kann übrigens auch Gutes stiften. Biesteicht werden einzelne „Deutsch Rationale" dadurch zur Erkcnntniß gelange», wessen Pläne sic mit ihrer Antisemitcm .unterstützen. Ungleich wichtiger aber, erscheint uns der Umstand, Haß die AnSlassungcn des ..Grazer BöltsblaltcS" wohl geeignet sind, jene Liberale» änsznkläre», welche denen »och bedürftig zu sein scheinen. Handelt cs sich um die.Zurückweisung antisemitischer Angriffe, so crponirt.sich ein christlicher Liberaler keineswegs um der Inden willen, sondern er ivchrl sich seiner Haut, er kämpst einzig nnd allein für die in erster Linie bedrohte Sache des Liberalismus. frl- Frondeurs. Ein Lustspiel ans dem Wiener Leben nennt der Verfasser „Ehillo ninS" sein kleines Werk: cS ist aber ein so ernstes und wohlgetrosseneS Bild unserer gesellschaftlichen Zustände, daß wir hier die Kn»''r van der Politik nicht zu scheiden imstande sind nnd cS deshalb vorziehen, die „Frondeurs" ans ihre politische Bedeutung hin zu beirachicn. In einer Episode unseres Lustspieles tritt eine gräfliche Stmotnime an', die eben auS dem Bnrgtheatcr kommt, wo.man Bancrn'eld'S „Ä»S der Gesellschaft" gegeben. Daran knüpft sich folgender Dialog; Die Gräfin: Nein, zu schrecklich, unbeimlich! Ee war M uns lachte immer heraus. War er nur gehabt hat, der Baaern'e.e > Fch uv' i» der Fünfer-Log' neben der Pepi Malehki: da ruü ibre Schzreüei. eie SlinSdain', herüber: „Amelie, heute kriege» wir'Swieder von dem da unten!" — Beim HerauSgehen sagt sie zu de» „drei Grazien", den jungen ^samtene» »trotacker: „Fifi, Nani. Resik Nicht' ivahr, kein E o»,te'>erl Diucke." Tie Frau de» Hause»: Was in da». Eomrenert Dicht J Der Herr de» Hause»: Nicht panenk, zu starker Tabak! Die Gräfin: 'Nein, da» nicht! In — — wie >'oll ich lagen — — zn demokratisch. ’ ■ Die „Frondeurs" .sind gleichfalls tein „Comtesscrl Stück", und sie haben mit Bänernkeld's »Ans der Gesellschaft" an'ch sonst noch Manches gemein! Auch sie sind, wie Banernseld'S-bekanntes Lustspiel; kein Lustspiel, aber ein in eleganter, geistreicher und von beißenden SarkaSmen blitzender Convcrsation vorgetragcncr Protest gegen die verschimmelten »nd verrotteten Zustände unserer großstädtischen Gesell^ schüft. ChilloninS ist. natürlich weder Soeialdcmokrat »och Anarchist, nnd die „Gesellschaft" in der Bedeutung, wie sic icue./tetS im Munde führen, läßt er ruhig auf ihrem Flecke stehen, er will die Gesellschaft weder im Sinne deS Einzigen nnd seines Eigcnthünls, noch in der Richtung der GcmeinschäftSproduction und der staatlichen Abfütterung reformiren. ^Nichtsdestoweniger sind ChilloninS nnd sein Held keine bloßen Frondeurs der Parguettcn, keine bloßen Salonrevolntionärc, und wenn es .ihnen gelänge, die Wiener „Gesellschaft" in ihren, Geiste

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