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Freies Blatt · 1894-04-29 · 108 (29.4.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
108 (29.4.1894)
Date
1894-04-29
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Freies Blatt. und heftig geißelte, ist heute größtentheils zu Gunsten des Generals um geschlagen. Wenn wir diesen scheinbar nicht hiehcr gehörige» Erscheinungen nichtsdestoweniger einen so breiten Platz einräumken, sei geschah eS deshalb, weil gerade durch die Heilsarmee unsere eingangs ge machte Beobachtung über den innersten Zusammenhang wcialer und religiöser Erscheinungen eine unwiderlegliche BekräsUgung erhält. Wen» die Theosophie und die ihr verwandten mymschen Erscheinungen den religiösen Zug der Zeit nach seiner' speclUntiven Leite bin illustrierten, so tritt uns in der Heilsarmee beionders deullich der Zusaininenhang dieses religiösen Zuges .mit der 'oeialen Roihlage und den socialistischen Resormbestrebnngen dcS TageS entgegen. Ja, man kann sagen, dag seit der Bluthezeit des Saint-Simonismus stch in keiner zweiten Erscheinung wie in der Heilsarmee die Grenzen zwischen religiösem PieliSmuS und soeialistischcm Resormbestreben verwischlen. A» dem Werth der sociale» Thätigkcil, welche' General Boolh und mehr noch seine Ehcsrau entfallet, wollen wir keine Mritif übe». Als Werk der Viebe, Barmherzigkeil und Gerechtigkeit ist sie wohl nicht hoch genug anzuschlagen, und wir können nur wünschen, daß unsere heimische Heusarmee, die Ehristlich'ociälcn auf diese Thäligkcil nicht nur binweisen, sondern hingchen.und desgleichen lhun möchlcn. Aber es ist doch auch wieder der Zusammenhang nicht zu verkennen, der gerade zwischen diesem Exceß des pielistischen Zeitgeistes und unserem christlich socialen Antisemitismus besteht. Der angeblich soeialrcformalorische Eharaklcr, daö vielistische Gewand, die lärmende Reclame — das sind Berührungspunkte, die beiden gemein find,' besonders aber lhcilc» beide den besonderen Eharakter der soeiali'lischcn Toelrin, ^>aö heißt den nach Regimenlation geradezu laitcrncn Sinn der' Anhänger/ der 'sich in der Heilsarmee und ihren soldatischen Einrichtungen Attpiscß auslcbt. «Fon'etzimg folgt.) Die Empörerin ,'emau iia.ti sei» irtigiifdieit üf-J i'.uilifv fbeiant vo» Marie i'fa if t. j üi. ->-rii-tzu»g.1 ..Aber ich gehöre nicht zu Ihrem Boljke, Emauuel" sagte Franziska. „Tie wollen mich Alle zur Jüdin madicti, und ich muß wohl etwas Jüdisches an mir haben. Ich habe in 'fmris l'cutc beim Borübergehen sagen gehört i „IAl<- .luivr-l" Es ifr das orientalische Aussehen. Ich habe Ihnen ja schon gesagt, Einanuel, daß „ihrer hat Ihnen diese Geschichte er ich eine spanische Maurin bin.' ä t) 11V “ :» Spanien zu großen Gingen ne waren reich, sie waren .Meine Mutier. Mein Baker, wescher schon tobt ist, war ein Maure von Abkunft. Tie-,Familie war "ansersehen: sie Hallen Skaalsämter inni auch geadelt. Man sagt, doch weiß ich nicht, wie viel daran wahr ist, daß ne, obwohl ne öffentlich dem kalholischen Glauben angehörten, dcch insgeheim Mohammedaner blieben. „Run," fugte Emauuel, all das beiveist nur, was ich sagte. Es gab nie Kinploniohainmedaner, wohl aber Kryptojuden, Familien, die (Generationen lang insgeheim die Riten den sechshundert Gesetzen gehorchten, ein la'en und die Feste und Fasten hielten oder, wie Einige sagen, sie waren so ltoch gestellt, daß Riemand sie zn entdecken gewagt hätte. Eine solckze pamilie war meine eigene, eine solche, denke ich, war auch die Ihrige, gebot Ihnen, stch eine ivanische Maurin gläubige >talholikin '?" „Rein, sie gehört gar keinem Glaub keinem (Gottesdienst." . ihres allen Glarthens übten, nal die Woche im Gesetzbuche Und sic wurden nie entdeckt Eagen Sie — Ihre Mutier zu nennen. Ist sie denn eine, n an und' geht überhaupt zn meinen. Einanuel," erwiderte '„Tann haben Tie weder Bruder ^noch Tchwester. Was sagen Ihre Bellern'/" „Ich'habe gar keine. Ich bin alleist in der Welt, meine Mutter ausgenommen."! „>teine Belker»'? Hane Ihr Baker keine'/ Hatte Ihre Mutter keine'/ Waren Beide wirklich die Veeti.it ihrer Familie'/ Tas wäre > wirklich höchst wunderbar." „Ich begreife nicht, was Tie damit Franziska die-^arbe wechselnd. „Tie haben keine Beuern.. Es ist Alle» ganz klar. Entweder hat Ihr Barer oder Ihr Großvatc-^äus irgend wsichen persönliehsn Gründen lauen wir das unerörtert — sein Bolk vchleugnet. Indem er dies that, . l at er auch seine Religion, seine Freunde^ seine Brüder und Schwester», Bettern und Base» und Alles aufgegebe». gelehrt/ stch eine Spanierin zu nennen - - - Darum also wurden Sie was auch wahr ist — ohne Zweifel — und eine spanische Maurin, w weit, als Ihr Bolk, gleich dem ineinigen, Nr. 108. iS vielleicht wahr ist, insoauf der Halbinsel gewesen dieser Bereinsainung ans Sie'? Warum ind Sie hier, wohnen Sie worden ist. Maure oder sei», mag, schon seit der Besetzung durch b|e Mauren. Aber, Franziska, Sie sind eine Jüdin. Mein ftinb Sie sind eine Jüdin — i, eine Jüdin. „Rein, es ist unmöglich. Warum sollts » ich meine eigene Mutter täuschen V* Weil sie zweifelsohne auch getäusch Spanier, lhnt nichts zur.Sache. Tie Absicht war, daß die Trennung eine vollständige sein sollte. Sie sollten »i: Ihre Ülbkunft von diesem ko illustren und so arg verfolgten Bolle er ahren." ' " Rein, es ist unmöglich," wiederholte Franziska. Aber ihr Gesicht wurde blaß und ihre Augen drückten Zwei'el auch ie wurde» geboren, tute alle klebrige i auf der Welt, als Glied einer ganzen Sippe. Al>er es wurde Ihn n nicht gestattet, voii der Eristen; ihrer Berivandten zu erfahren. T ie wurden' ganz allein in die Welt gestellt, denn selbst eine Mutt r kann nicht die Alters genossen und Freunde ersetzen. Welches wer der Erfolg, die Wirkilng unter uns'? Tie Welt ist Ihnen zu einem unrealen Schein geworden, zn einem Mu»»ne»schanz, zn einer snr'Sie i iseenirlen Maskerade, damit Tie von Ihren Hotelfenstern darauf hinseh ti können. Sie haben mir das ja erzählt. Richks erschien Ihnen wiiklich, denn Sie waren abgesondert von der Welt. So war ein edl s Weib -*» Gefahr geistig umzilkommen. Spanische Mauren? Eitle Täuschung! Es gibt keine spanischen Mauren, spanische Juden aber , ibt es in Hülle und Fülle; die Sephardim bilden eine bedeutende Mei ge. Ich bin einer; Relly,, dieses Kind, ist auch eine, Elara, chre (soustne, ebenfalls, und ihr alter Urgroßvater nicht »ljnder, und — Franziska — Sie auch Rein —" Franziska schauderte und fuhr - »rück mit blassen Wangen, „schämen Sie stch nicht, -stind. Ich habe Ihnen gezeigt, daß wir ein Bolk sind — ein großes Bolk —mit einei ruhmreichen Bergangenheit. Ich. habe Ihnen gezeigt, was wir füi die Welt geleistet haben. Schämen Sie sich noch'?" „Ich denke an das arme,, verkomm ne Gesicht, Emannel. Ich schäme mich, daß ich mich schmne. Aber dennoch — o! eö ist u„- uiöglich Warum sollte ich getäuscht wordei sein'?" „Aus irgend einem Grunde, welchen ich nicht kenne, sind -Lie gekünscht worden. Mein Kind, ich will Ihien beweisen, daß Sie eine von den klnsrigen sind. Ter Beweis stcht auf Ihrer Stirne geschrieben. Als der Herr Israel auserwäh te, drückte er ans dessen Gesicht ein Tiegel, welches durch keine Kunst jemals verändert oder verborgen werden kann. Ich habe alle die verschiedenen Iudenracen in der Welt kennen gelernt: die schwarzen In >en Indiens, die Halaschahs Abessiniens, die Inden Marokkos, die Ind:n Teutschlands, Rußlands und der Türkei: die Juden mit lichten Hearen und blauen Augen - Sie selbst haben braunes. Haar und blar e Augen — wie<ich selbst hatte, als ich noch jung war; die kräftizen und schönen spanischen Jude»; die verwachsenen polnischen Juden Aber nirgends noch habe ich einen Juden ohne dieses Siegel,auf seitein Angesicht gesehen." „Toch ich wurde immer gelehrt-" warf Franziska wieder ein, aber sehr schwach. „Ja, ja, ich habe Jhiten daS schon bedenket, und nun will ich Ihnen das Siegel zeige,,. Mit Ihren eigenen Augen sollen Sie sehen, wie klar eS auf-Ihrer'Stirne erscheint, so daß die ganze Welt es lesen kann. Es ist ein Zeichen von Stolz und Frohlocken, wenn Sie es dazu machen wollen. Es ist ei» Zeichen der Lchain, wenn Sie es dazu machen wollen. Run stehen Sie uns." Franziska gehorchte. „Stellen Sie sich vor den Spiegel" — es hing einer über dem Kamine — er sah auf das Mädchen, ans welches die Beiden vergesien halten. Sie saß noch immer über d e Theetassen geneigt, lästig spielend mit einem k/ösfel, die Gedanken veit entfernt von dem Ge spräche, gleich den Gedanken eines Knabl n in der Kirche, „Relly, Kind, Sie haben nicht zugehört. Ihre <iScbanfcu |i»b mit Ihrem Herzen. Aber mein Gespräch galt FranziSla. Stehen -Lie aust meine z/iebe, und stellen Sie sich neben Franziska vor den Spiegel. So, nun schauen Sie, Franziska." „Ei!" rief Relly, gehorchend, „eS iß wunderbar! £! Lie ist Ihnen ganz ähnlich,^ Einanuel. Geben Si: Ihr -Ha>ar etwas zurück. Es ist wunderbar! Sie gleichen einander wie zwei Ltccknadeln. Ich habe noch nie eine solche Aehnlichkeit zesehen. >Lie könnte Ihre Tochter sein!" „Und sie könnte Ihre Schwester sein, Relly, nach der Aehnlichkeit mit Ihnen. Was sehen Sie, Franziska?" „Ich sehe ein orientalisches Aussehen, welches allen drei Gesichtern zukomiut. Ich habe ein solches Au (sehen in den Gesichtern der Araber in Daniascus und in Eairo o »getroffen. Wir Alle sind

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