Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 108 (29.4.1894)
- Date
- 1894-04-29
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 108. Frei es lWohill soll das führen?) Man schreibt UNS: Ter Genosse de« Panlu« Meyer, der Pfarrer von Weinhaus, benutzt die Kanzel, um die wüstesten Hetzreden gegen die Juden zu halten. In den Hau«herreuverei»en treibt sich wieder der durchlauchtige Feind deS —■ Capital«, daS Andere besitzen, herum und bearbeitet bornirte Spießbürger im Sinne de« Antisemilismu«, indem er ihrer Eitelkeit schmeichelt imd ihrem Eigennutz schöne Aussichten aus Kosten de« Gemeinwohl« eröffnet. Kein Tag verstreicht, wo nicht der Benschlmann und der Bibliotheksbeamte, der als Zeuge eine so schöne Vergangenheit hat, bald da, bald dort ein Wirthrhanspublicum mit ihren Vorträge» beglücken würden. Auch die kleinere» Götter, der, wie es scheint, im Französischen schon vorgeschrittenere Mariahilfer Advocat, der Stempelpatron, der viertdimensionale Finanzkünstler rc. produciren sich fleißig. Was sie ihrer Kundschaft bieten, davon kan» man sich eine Vorstellung machen, auch wen» man nicht die Versanunlunge» der Radaubrüder besucht. Antisemitische Berufsredner geniren sich auch in den VerlretungSkörper» nicht; für sie bestehen nicht die Schranke», welche AnstandSrücksichten für die Sprecher anderer Parteien ausrichte». Wagte doch im- Gemeinderathe ein Antisemit, einem sogenannten Witzblatte Reclame zu mache», indem er sich dumm stellte und eine alberne „Tichtung" zum Gegen stande einer — Interpellation machen wollte. Hindert, einen Anliseinitensützrer der Umstand,, baß er selbst dort zum Duell herausgefordcrt hat, >vo er e« gefahrlos thun zu könne» glaubte, mit frommem Augenausschlag und im Brustton der Ueberzengnng jiber den Zweikamps ein VerdammungSurtheil zu sprechen? Trotz dieser scrupellosen Gegner und ihrer wirklich affenartigen Behendigkeit fahren die Wie >er FortschriltSmäuner fort, entweder ein gemüthlicheS Schläfchen zu hatten oder — wa« »och viel schlimmer ist — sich untereinander herumzubalgen. Liberale und Demokraten besehden sich gegenseitig, ja im demokratischen Lager selbst macht sich eine Spaltung geltend. ES ist noch ein wahre- Glück, daß antisemitische Wortführer so häufig taktische Fehler begehe», welche die UnterlafinngSsünde» der fortschrittlichen Pärteie» wieder gut mache». Soll man sich aber auf antiseinirische ZukunstSfehler verlassen? Man könnte sich doch einmal verrechnen, und i'm Hinblicke aus die so zahlreichen antisemitischen Versammlungen, denen ei» so stilles, bescheidener, liberal-demokratische« VereinSlcb.'n, geschwächt durch überflüssige^ Siänkereie», gegenübcrstcht, drängt sich Einem leider die Frage auf: Wohin soll das führe»? rc < Steine Zugkraft ) Herr Stöcker zieht nicht mehr. Ein von ihm in B er lin angekündigter Vortrag leckte nur wenige Zuhörer herbei. Tor Er- Hosprediger selbst gestand zu, daß die von ihm in« Leben gerufene Berliner Bewegung äußerst „stau" gcivorde» sei,, und daß er in Hesse», wo er eben gewesen, auch »ichtS auSgerichtet habe. Für die Bonner Bevölkerung sind wieder die Antisemiten Kölns keine besondere Anziehungskraft. AIS Letztere neulich in Bonn ein Gastspiel absolvireu wollte», fanden sich nur etwa achtzig Personen, meiste»« Social-Temokratrn »nd — Juden» al« IV T. Publicum ein. Unter solchen Verhältnissen zogen ei die Kölner vor, die angekündzglc Vorstellung abzusage» nn»!cha« Eintrittsgeld (25 Pfennige) zurückzuzahle». (Ein llrtbcil über, die „christlich-socialen" Reformen.) Angesichts der von den Antiiemile» Lesterreichs in allen ihre» Vereine», Genossenschaften rc. betriebene» Agitation zu Gunsten von „Schutzzeichen" sür Gewerbe und Handel ist das Unheil eines bayrische» SocialpolitikerS -von clericälcr Gesinnung über derlei „christlich-sociale" Reforn^n von besonderem Interesse. Wie auS München berichtet wird, hat Freiherr v. Hertling letzthin in der Kaniiner der Reichslälhc sein Reserat über die CcntrumSanträgc auf Zwangsinnung »nd Befähigungsnachweis erstattet und iu enllchiedenstkr Weise die Ablehnung der Ant.äge besürworlet, welcher die Kammer auch ohne Debatte einhellig zustimmle. Herr v. Hertling erklärte die Innungen für eine veraltete Einrichtung, welche durch die Entwicklung der moderne» Zeit vollständig überholt sei Die Gegenwart lasse sich nicht i» die Schablone veralteter Lrganisalionen hineinzivängen: dafür sei die Entwicklung der Industrie zu weit vorgeschritten, welche auch die Einsührung des BesähigniigSnachiveise« unmöglich mache. Ta« Handwerk tönne sich durch Selbsthilfe, durch Association sehr gut vor dem Untergang bewahren; der Staat könne aber nicht die Ausgabe haben, 'eine veraltete Institulion der Gükercrzeugung und Brrtheilung aufrecht zu erhalten. Lb einer, der Demagogen, welche unsere Kleingewerbetreibende» irresühren, auch nur so viel Ehrlichkeit besitzen wird, um sie von diesem Urlhefl, welche« die ReichSrälhe Bayerns über die „christlichiccialen" Reformen einmülhig sällle», in Kcnntniß zu setzen, möchlen wir bezweifeln; habe» sie doch ein großes Interesse daran, ihre Clicntel in dem Irrglauben nicht wankend zu mache», daß ein Hiueinzwänge» der Gegenwart in die Schablone veralteter Lrganijationen „christlichen"-Handwerkern und-HandelStiechendeu mühelos eine behagliche Existenz sichern iverde, während sie lhal- 'ächkich keine» anderen Zweck versolgen, als sich selbst williges Stimmvieh zu sicher» und die eigene, oft mit erkleckliche» Einnahmen verbundene Position zu ki ästige». 2his antisemitischen Blättern. (Antwort aus eine Anfrage.) Wir lesen im „Vaterland": Ans die Annonce, worin eine Villa a» ^christliche" Familie» verkauft I öder vermiethet werde» soll, erhielt der Antragsteller folgendes anonumeS Schreiben: „Geehrter Blatt. - 4 Seit* 7. - Herr! Ihre Villa möchte ich gerne kauft», da mir Salzburg sehr gut gestillt, und ich hoffe, i» Ihrer froinmcn, gläubigen Gegend viele gleichgesinnte Freunde zu finde». ' Ich bitte, mir daher gefälligst den Preis ck!, unten »otirlc Adresse ehesten« bekannizngeben. Meine Familie ist seit urdenllichen Zeilen katholisch, meine Großmutter väterlicher Seite hat sogar mit dem Bischöfe von Linz lange - - Jahre ein Verhältniß gehabt. Ein Schwager von niir bat erst kürzlich bei einem Juden eingebrochen und ist nicht erwischt Niordeu. Ich selbst kann :>:ich nicht besser recommandiren als dadurch, daß ich in einem jüdiichen Geschäfte als Commis angestellt war und dem Ehel ca. 50 000 fl «dcftautirl habe, die ich gerne zum Ankäufe Ihrer Villa gut placiren möchte, denn tropdem ich ein - gesperrt wurde, hat man mein Geld nicht gesunden. Dasselbe habe ich einem Salzburger Bürger und Geineinderalh in.Verwahrung gegeben. Mir herzlichen Grüßen Sebastian Haller, derzeit Stein ander Dona», Strafanstalt, Zelle 7 k." Man muß da wohl an de» „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" die Frage richte»: Wer bedarf des Schutze»? — A» Stelle des AbwehrvereineS sind wir io frei, die Frage, zu welcher sich daS L.rgan deS Giafcn Sylva Tarouca , veranlaßt sicht, zu beantworten. Ta« „Vaterland" kennt -den Briefichreibcr nicht »nd weiß auch nicht, ob er ei» Jude ist. Es vermmhei die« bloß und . deutet daraufhin (in, daß eigentlich die Anhänger der iogenannte» christlich socialen Resorm, welche ihrer Abneigung gegen' die Juden selbst in Annonce» , Ausdruck geben, de« Schutze« bedürftig sind. Tein Einp'ang solcher Schreibe,i ist ivobl keinc^so große Bedenlung beizulegen. Alle Persönlichkeiien, welche an der Abwehrbcwegung irgendwie bcihciligk sind, werden mit derlei Zuschriften nur zn häufig bedacht, und auch daS „Freie Blatt" erhält seit feinem Bestand fast jede Woche eine Anzahl Ihcil« anonymer. theilS mit falschen Rainen nuier- .’ schriebe»» Briese, die wir jedoch, ohne viel Au'hebenS zu machen, in den. ' ' Pavicrkorb werfcii. Des Schutze« bedürftig erscheinen uns aber die Mitglieder einer vom Staate ancrkannicn RcligionSgeuossenschask, gegen welche Kanzel redncr. einer anderen Eousessiön die Leiden,cha'ten de« PöbelS ausreizen. Reben- - bei bemerkt verwechselt das „Vaterland" die Begriise „Anonm»" und „Pseudonym" — ei» allerdings - geringfügiges ehrliche? Mißverständi^ß im Vergleiche mit der künstlichen Begriffsverwirrung, in welcher es sich bezüglsich deS Schutz- . bedünnisses gefällt. - . - <Allerlei Tcndcuzliigctr,) Seil der Annahme de« Civilehcgeftves durch eine iiupos-knie Mehrheit dcS -.ungarischen Abgeold>ietenhal:>eS werdest die von clcricalen Großcapitalistcii gefükierlen antileniitischen Schreibkncchle nicht müde, allerlei Schauermärchen über Unga>u zu verbreilen. Sie lasse» die ungarische Regierung an der Spitze eines Rebellknhstnfcnr marichiren und stellen dieVertraucnskuntgebunge», welche dieselbe au» alle» -Thcilen de« LaiideS erkäll, als „Fälschungen" der össentlicheu Meininig hin, die ro» Jude,, »nd Freimaurern ' anSgehen. Tie Stellung der, schwarz getärtzleu Antisemit,» zur österreichischen EoalitionSregierung keiinzeichue: am besten eine grundfalsche Rachricht, sür ( welche sie die Gastfreundschaft einer Berliner Zeitung iibeten haben; sie lhciltcn ' dort mit, die Tage der Eoalition wären gezählt,, Graf. Taane würde wieder al« - . EabineiSchej berufe» weiten und da? vom „Judenstämmling" Tr. Stenibach - ersonnene Projecl einer Verschinelzung - de? allgemeinen Wahlrechte» - nur Privilegien bevorzugter Stände.im Wege der Lciroiiiriilig zuin Siege gelaiigeu. Tie Wünsche, welche Aulisemileukreise hegen, spiegelt diese falsche Meldung * iuimnhin wider: sie sehnen sich eben nach dem Gtüftn Taasse zurück. Tas' preußische Blatt, welches sich, richtiger feinen Lesern, einen solchen.B.nen auf binden ließ, steht jenem „Bund der Landwirihe" nahe, der sich nicht mehr mn einer heftigen Lvpösiliou gegen den Grafen Eaprivi begnngij sondern den Kaiser Wilhelm al« „politischen Gegner" bekämpft» will 'Auch die Beschaffenheit., de» LrleS, wo die für den Export bestiiunue» Tendenzlügcn von einem, wie Meister Schneider "sagen/vürde, „sür die »eunschirannge K.me, reift» G>stiil!;el" abgelagert worden, ist sehr charakteristisch. -l!>,- O. Z i'.'lii» der Jarouiiriadc.l Unter den Sninpsvilanz.-n der antisemitische» Prcßveqetatio» macht sich (eil einer Reibe von Jahren eine in tschechischer Sprache erscheinende Halbmouatsichrisl .benierkbar, ivelche den stolzen Tilsl „t.'oüliö /.üjin.v" -führt, zu Tcuiich: die Jnleress. n de» tschechischen Volkes. Wir halten bereit« einigemal Gelegenheit. da» Treiben de»>Herr» Jaromir Hiidek, deS RcdaclcuiS dieses Blättchens, zu charakierisireu. Tie 2<M. Rninmer Der Jaromirjadc veranlaß; »»» adeö, die? Machiverk einer näheren Betrachtung zu unterziehen. Zlinächst da» älzßere Bild A» der Sviye des Alltiieinileiiblänckiens prangt wie gewöhnlich. >o auch diesmal, der Berinelk : „'stach der EonstScalion veranstaltete ziveite Ausgabe". Unteihalb de« Titel» finden wir de» Rainen des ^Herrn Jaromir Hniek, der, wie verlautet, den Schauplatz seiner Thäligkeil wechseln und sich ui Wien niederlassen will, wo er wahrscheinlich, die lrdnnende Kluft der »ationalen Verschiedenheit nicht achtend, gemeinsame Sache mit'dein „Teutschen Volksblatt" machen dürfte. Doch kehren wir zu der'äußere» AuSstaliung des angeblich die Julcressc» de» TfchechenvollcS vertretenden Blänchei.s zurück. Ta« . Kufui.jte je» o.l kiesnuiüwelches teil 'Rainen des.Redaotei>ös rechtcr Hand flankiri, soll ofienba.r die Erläulcrnng der zilr Linft-n angcbiack'ch» Devise: ,.8r».si Ic arömul" sei». Kauft »ur'bei Christen! — diesem Leii,.notj.v ist auch der Leader gewidmet: „Ein Spaziergang durch Prag", -auf welchem JaroniirS Phantasie »>zr Firinaiafelu mit jüdrichcn Ranien begegnet fein ivill. In allen Kraftworten, über welche die Kinder Libusias verfügen, wird hier die