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Freies Blatt · 1894-04-29 · 108 (29.4.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
108 (29.4.1894)
Date
1894-04-29
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Freies Blatt. (Flugschriften eines Geisteskrankes.) Carl Paasch beschäftigte - dieser Tage wieder einmal das Berliner Landgericht, diesmal allerdings nicht als Person, sondern in Gestalt einiger Flugblätter, zu denen er den Stoff geliefert batte. Als Paasch aps der Irrenanstalt Herzbergc beurlaubt worden war, um einen Termin in Leipzig wahrzunehmen, sandte er dem antisemitischen Rcdacteur Sedlatzek die Manuskripte zweier Briefe zu, die er seinen Bertheidigm», den Rechtsanwälten H ertw i g und Iver s, zngcstcllt hatte. Weiteres Manuscript betraf die Person dcS Lehrers SerrcS. Sedlarek ließ diese Briefe in Gestalt von Flugblättern drucken und Verthellen, die Druckschriften wurden aber bald polizeilich mit Beschlag belegt, da sie schwere Beleidigungen der Personen enthielten, gegen welche sie! gerichtet waren. Mil Hertwig gehr Paasch in Seinem Briefe besonders scharf ins Gericht, und eS läßt sich auch nicht einmal andeuten, welche Schandthatcn der geisteskranke Mann seinem Bertrcter, der ihn vor Gericht wiederholt ostentativ „feinen Freund" genannt, andichtete. „Ihr Fall," so heißt es in dem Briefe, „ist eine Wiederholung des Falles v. Brandt im Kleinen; derselbe scheint bei Ihnen Borbild gewesen zu sein." Tr. Ivers wird in dem betreffenden Briefe schlankweg vorgeworfen, in dem Beleidigungs processe Brandl's-gegcn das Interesse des Paasch und im Interesse der ('Kgcnpartei gehandelt zu haben. Paasch ist bekanntlich inzwischen entmündigt worden und die (Einleitungj eines Strafverfahrens gegen ihn daher unzulässig. Dem Landgerichte mar es jetzt nur Vorbehalten, die Einziehung der Druckschriften auszusprcchen und die Vernichtung der vorfindlichcn Exemplare sowie der zu ihrer Herst e l l u n g b e st i m in r e u Platten u nid Formen anzuordnen. Wicver rin „Märtyrer des nüducnicn Gaumens".) Der Redaekeur Thomas Reut her vom Heidelberger antisemitischen, „Bolksboien" wurde wegen Aufreizung zum (^laisenhasse, begangen durch Berössentlichnng mehrerer, die Juden schwer beschimpfender Artikel, vom Mannheimer Schwurgerichte zu sechs Wochen G c f ä n g n i ß verurtheilt. > Tic Znücn "als Lehrer der Mtdicist.) Auf dem Internationalen mcdieinischcn Congrcß in Rom hat Professor Tr. Rudolf Birchow in einem Borlrag : „Morgagni und der anatomische Gedanke" die Verdienste der Inden um die Heilkunde in anerkennender Weise hervorgehobcn. Birchow sagte: „Als nach dem Untergänge Alexanders aus den Trümmern seiner Herrschaft eine, Reihe selbstständiger Reiche im Lsten entstand, erhielten sich Keime der inediciiijschen Gelehrsamkeit inmitten von Völkern, die bis dahin den Interessen unserer Wissenschaft gänzlich verschlossen erschienen. Cs bildeten sich kleinere Loealcentren in Syrien und Persien, und es erwuchsen in iiuincir größerer Zahl Aerzte von Ansehen, welche nicht bloß in ihren Heiniatsorten Einfluß gewannen, sondern auch als Apostel der Lehre weithin wirksam wurden. Es ist dies die Zeit, wo Juden und Araber unter den angesehensten Lehrern der Mediein hervortralcn. Erst unsere Zeit , hat hebräische Manuscripte an das ('icht. gefördert, wcsche erkennen lassen, mit welchem Eifer und welcher Gelehrsamkeit jüdische Aerzte des frühen Mittelalters für Erhaltung vnd Förderung der Mediein lhätig gewesen sind: man darf wohl sagen, daß. bis in diese Zeit zurück, sich die oft erbliche Belästigung der Inden, die seitdem so Großes für die Wissenschaft geleistet haben, 'verfolgen läßt." Tie Zudenverfolgung in Rumänien.) Die aus den Landgemeinden ansgetriebcnen rumänischen Juden haben durch den Prediger der Bükareircr Enllnsgemcindc dem König Carol eine Denkschrift überreicht. Der König hat, wie vciHutet, sein „tiefstes Mitleid" ausgedrückt and den Äusgcwicsencn empfohlen, sich unter Berufung auf. :!in an den Ministerpräsidenten Lazar Calargiu zu wenden. Auch das werden die Unglücklichen nicht unterlassen: ob,sie irgend einen E'-'vlg erzielen werden, bleibt abzuivarten. llnvnlvsainkeir russischerKirchcnsürsten.) Aus Warschau wird geschrieben: „Ich habe Ihnen seinerzeit mitgcthcilt, daß der Murepelii von War'chau die Zulassung von Juden zur Aussühruug : on Kirchenbaulcn untersagt hgx. Runmehr folgt der Erzbischof von Wolbniiien und Ziiomir in einem von Haß gegen die Juden erfüllten Eilaüe d iu Beispiele.seines Warschauer Ebllegen. Dieser Erlaß, den iiun die cfsseiclleii .Eparchialjnyja Wjedomosti' mit fetten Lettern vcrossentlichen. ba: folgenden Wortlaut: .Die Geistlichen und Kirchen- '.a:he meiner Eparchie, welche Juden zur Ausführung von Kircheni-.mtcii nnt Renovirnngen zulassen, erklären, dies thun zu müssen, weil christliche Unternchincr und Arbeiter sticht zu finden sind. Diese Erklärung ist durchaus falsch und kann dii Zulassung von Juden;U atiichenarbeiten nicht rechtfertigen. Die Geistlichen müssen die Gc- 'chichie kennen, wie die Juden durch allerlei Unwahrheiten, auf Seilenni'd Umwegen die -christlichen Arbeiter und Handwerker verdrängt! iileii, um sich tie'er Handwerke zu bemächtigen. Tie Juden wollen überall die Ersten sein, sic reißen alle Arbeiten an sich. Die Geistj Gest br lichcn müssen deshalb beweisen, daß si kommen wollen, sic müssen die Juden vor Bauten entfernen. Es wird daher der eingeschürft, Juden zur Ausführung irg> nicht zuzulassen. Die Kirchenräthc werdet: dieses Erlasses in allen Kirchensprengeln die Pollführung desselben zu wachen? übrigens der Erzbischof von Wolhynien constatirt, die den Antisemiten unliebsam gezeigt, daß die Juden schwere physische denn die Kirchenbauten sind ja mit solchen Wolhynien und Zitonnr haben thatsächlich bekannt ist, alle schweren Arbeiten bei $i richtet. Daß ein Kirchenfürst statt derber Juden predigt — gehört eben zu den unserer Tage." der Regierung zu Hilfe der Ausführung kirchlicher lichkeit vorgeschricben und snd welcher Kirchcnarbciten angewiesen, den Inhalt kannt zu machen und über seinem Judcnhasse hat Zitomir eine Wahrheit dürfte; er hat nämlich Arbeiten keineswegs scheuen, verbunden. Die Juden in wie hierzulande allgemein ahlreichen Kirchcnbauten vecstenliebe die Boycottirung krankhaften Erscheinungen lgnotus. In i nd fi in Räch Aus antisemitischen Vereinen und Versammlungen. (Tkckert's Hetzreden.) Sonntag schloß Pfar:er Teckert seinen CycluS voll antiseinilischen Hetzreden, mit denen er duich acht in die Weinhauser Botivkirche gelockt hatte. Wie GerichtSsaal auf den Satz der Staatsgrundgesel.e, daß die Wissenschaft und Nr. 108. Tage ein zahlreiches Publicuni sich Tr. Teckert seinerzeit int 8 ein moderner Staatsbürger Weise Gebrauch. Ter „stochten lieben wie sich selbst. Ta« cs nicht, nnchristlich ulid inihre,Lehre frei sei, berufe», so macht er jetzt a von dem Rechte der Redefreiheit in der liberalstei würdige" Herr, dessen wiffenichaftliche Qualität Tr/ Nopp so treffend classificiite behandelte in seiner Schlußprcdigt die Frage de i RiiualmordeS. Es gebe im Talmud eine Stelle, welche eS den Joden erlaube. Andersgläubige zn lödten, und eine Stelle, welche ihnen die Verwendung feste vorschreibe. Tr. Teckert sagte, das sei eity. (irgebniß seiner — vermnthlich unter der Anleitung des Paulus Meyer betriebe! >en — Studien, und verwies diesbezüglich auf seine Broschüre über die Ermoruiug des Simon von Trient und ging sodann auf die Besprechung der Frage des A ntisemilismuS über. Es sei nicht wahr, sagte er, daß der Antisemitismus nnchristlich und inhuman sei. Rach dem Gebote der Nächstenliebe solle' mau den Räch .Hemd sei uns näher als der Rock, und darum se human, daß man seine bedrängten Slammesgcnossen und die gläubigen Christen vor der AuSbeulnng durch die Juden schütze. >T ie Antisemiten theilte Pfarrer Teckert in folgende Species cinr^Es gebe henn iche, verschämte, ehrliche und Radau Antisemiten. Tic heimlichen Antisciniten verbergen ihre Gefühle aus Furcht vor den Juden. Tie verschämten Antisemit n schweigen aus Gründen des Anstandes: sie fürchten, mir anderen Antisemiten in einen Tops geworfen zu werden. Tie ehrlichen Aiitiseniile», deren es wmiger gebe, seien diejenigen, die aus Ueberzeugung und mit Bersländniß den Antisemitismus vertreten. Tann eristire ein eigene Gruppe, die man Radau-Ami ciiiiteii nennt: diese benützen jeden kleinlichen Anlaß, ihren Gefühlen Ausdruck zu geben. Tie Radan-Anliscinilen schrecken die heimlichen und verschämten a,. Man könne barsch, sogar roh die Frechheit eines „JudciijüngelsC zurückweis n, aber der Skandal als Programm sei nicht zu empfehlen. Bor dem Raci »-Antisemitismus warnte der- Redner. Tie Racenlheorie sei nnchristlich. „Wir lckämpsen die Juden nicht als Race", schloß Teckert, „sondern als Schädlinge; wir Haffen sie nicht, sondern habe» nur eine Aniipathie gegen sie. Sie kennen st tzr die Antisemiten; beherzigen ie, was ich Ihnen gesagt habe. Es sollte nach :lrt der MäßigkeilSvereine ein Bund gegen die Judenblätier geschaffen werden; alle Christen sollten ihr Ehrenwort geben, kein solches Blatt zu lesen. Lesen Sie üe christliche Presse: meinetwegen auch »as ,Vaterland' und die ,U iverfälschten Deutschen Worte'."- Tainit schloß die Predigt, in welche' vor Allem das Gestäntuiß Tank verdient, daß unter allen Gruppen der Anti einileu die def „ehrlichen", die kleinste sei. (Ein ossciicö Gkstäiidniß.) In einer am -). April staiigesundklie» Per sainmlung des „katholisch-politischen Bereines Wieden" sprach Cooperaior Latschka ein dankenswerlh ausrichlizes Wort über die wahren Ziele de« Antisemiiismus. Er sagte, nicht gegen de» Juden als solche» richte sich der Kampf der Antisemiten, sondern vor Allem gegen den Liberä lismus. Unter der Fahne des Liberalismus werde das Bolk betrogen und das Ansehen der Religion, des Priesterstandes .her< dgewürdigt, und daher könne es auch einem Priester nicht übel genomineii werdm, wenn er ein Feind dieser politischen Partei sei. Himer dieser Partei stecke abev der Jude, und daher könne mau es dem Priester nicht verdenken, wenn er auch Antisemit sei. Die Thavache, daß der Antisemitismus zwar auf den Zuden schlage, aber den Frei sinn meine, und daß er vorwiegend den Zweck hibe, die breiten Maffen des Volkes in den clericalen Sumpf zu locken, war ins'längst bekannt; von einer derartig authentischen Bestätigung unserer Ansichten über deiwAntisemitismns können wir aber nicht umhin, dankend kenntniß zu nehmen.

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