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Freies Blatt · 1894-04-29 · 108 (29.4.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
108 (29.4.1894)
Date
1894-04-29
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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Nr 10S Freie» Blatt. Seile f> wie dcr Hrdliüka's sollten, auch wenn nur. etwas wahr daran ist, ein heilsames Äicnc Thckcl sein. Eie l'tiifc wird gut ihn», de» Inden unzweideutig zu zeigen, daß sic wirklich liberal ist nnd daß Gesinnnngölosigkcit, an der cs ja heute sonst genug Ucbcrstnß gibt — wenigstens in ihren Reihen keinen Platz hat. — Auch in H esse» laßt, wie cs scheint, die Gleichberechtigung dcr Inden i» praxi viel zu wünschen übrig. In dcr zweiten hessischen Kammer sah sich das EcntrnmSinitglied Tr. Schmitt bei der Bcrathung der Justizverwaltung zu nachstehenden Ausführungen veranlaßt: „Meine Herren! Ich muß einen sehr heikle» Punkt zur Sprache bringen, dcr nicht bloß in juristischen Kreisen, sondern auch außerhalb derselben mit Ernst bc sprachen wird. Wie oft habe ich cS schon mit Erbitterung anssprcchen hören: Wen» man sich zu der Ansicht aufgcschwnngcn hat, daß trotz der Verfassung und bcstcbcndcr Gesetze die Angelchrigen einer bestimmten politischen oder religiösen Uebcrzcugung sich zum Richtcramt nicht eignen, so soll man den Mnlh haben, das öffentlich zu lagen, damit der^ Bürger weiß, woran er ist. Ich weiß ja, daß unsere Regierung pr'i'ieipicll auf diesem Standpunkte nicht' steht, sondern das; sic principicll auf dem Boden der Gesetze steht. Aber ist cS dann nicht ein »»begrci'lichcr Zustand, daß man durch die thatfächlichc Ansübnng jenes Principcs jnngc l'tnte, die sich im Bert rauen ans die Geltnng dcr Gesetze dcr juri'stischcn Earri'-re widmen, vor die Alternative stellt, entweder aus ihren Berns zu verzichten, oder aber eine Richtung in ihrem Beruf ciuznnchmcn, die weder ihren Rcignnze», »och ihren Wünschen entspricht, oder endlich — von ihrem Gianbe» abznfallc»? Ist das ein Zustand, von dem man sage» kann, er sei eines Rechtsstaates würdig? Züchtet man nicht hiedurch, geradezu die Heuchelei nnd daS Gcgcntheil von Eharakter? (Glaubt denn die :)ugicrung in Wirklichkeit, wenn sie sich ans diesen Standpunkt stellt, das; die jungen s'eutc, die so jammervoll schwach sind, von ihrem Glauben abznfallcn, dadurch besonders geartet oder etwas Anderes werden, wen» sic, wie Heine so chnisch über die Taufe sagt, sich cii; EintrittSbiller in die christliche Gesellschaft lösen V Tas kann 'Ricmand sagen, dcr ernstlich und ruhig die Gründe für und wider erwägt.' Meine Meinung geht dahin: wenn die jungen Vciitc vorher nicht für den Staatsdienst tauglich waren, so wäre» sie es nachher noch viel weniger. Meine Herren! Kür mich tun» kein Zweifel fein: zwilchen Skfenhcif und Heuckjelci stehe ich immer auf Seite der £ ffenheit, nnd jeder ehrliche Wann steht auf Seite der Stfenheit. Ich fühle mich absolut nicht berufen, .hier eine Tebatle wachziirufcn über die Bcsühigung der Juden zum Richtcrstandc; »das würde entschieden zu weit führen. Für mich ist in dieser Frage ausschließlich entscheidend dcr Grundsatz: Gleiches Recht für Alle; aber gleiches Recht in der Praris!" Hierauf erwiderte ^StaatSminister Dr. Finger: „ Im Bcrtrancn bekenne ich, daß ich nicht Gegner der Juden als Richter bin; ich habe cincni Mainzer Rechtsanwalt den Ucbergang zum Vaud gcricht angcbotcn: cs ,ift abgelchnt worden. Einen Juden babe ich «IS I'andqcrlchissccrctär in Tarnistadt angcstcllt, nizd ins Eolleg kann auch einmal wieder Einer kommen, aber sie als Einzclrichker zu er nennen, würde im i'andc große Erregung Hervorrufen, und mit Rück sicht auf die öffentliche Stunnie muß cs unterbleiben." (Cin fimircidicr AuSipruch P. K. Nostgsicr's. I» dem eben erschienenen „Antisemitcnhauimcr" von Josef Schratt en Holz lesen >vir ans Seite 5,12: Tie Vafiov der Inden iverten »nr Solchen gefährlich, welche ibre Borstige nicht baden. Xricglach,!>. Scpicmber IdÜI. P. H. :>! osegge r. (Kaiser Wilhelm I. »nd die Antiscmilcu.) Im Berlage von Ed'. Trewcndt in Breslau erschienen kürzlich die „Feldbricse l>7l>71" des Chefs des preußischen CivilcabinetcS Carl v. WilmowSki,' licrauSgegebcn von seinem Bruder Tr. Gustav v. WilmowSki: hier heißt cS (Seile 1*1) über Kaiser Wilhelm I.:' „Für die Politik und Rcgicrungsthätigkeit im Inneren waren ebenso, offen seine (des .Kaisers) Abneigung gegen alles Crtrcmc in Form nnd Gehalt nnd seine menschenfreundliche, echte Humanität und Toleranz durchgreifend. Ei» gläubiger Protestant . . . begriff er nicht, wie ei» Gebildeter Atheist. sein könne, und war er andererseits den rücksichtslosen orthodoren und antisemitischen Agitationen entschieden abgeneigt." Unbegreiflich erscheint cS nn», daß Kaiser Wilhelm I. einen Stöcker in seiner nächsten Umgebung geduldet hat. (Cirüf Schlick lind die Zlldril.) Ter kürzlich verstorbene vornehme Tichlcr nüd edle Förderer von Kunst imtv Wissenschaft Graf Adolf Friedrich Schack war auch zeitlebens ein begeisterter Anhänger dcr Rechtsgleichheit und Gewissensfreiheit. In feinen „Rächten dcS SricntS" schildert er in einer ergreifende» Tichtnng eine miltclaltcrlichc Judenverfolgung. Im Jahre 1884 äußerte er sich über den Antisemitismus: „Ich mißbillige die heute vielfach in Scene gesetzte Agitation gegen daS Semitcnlbüm durchaus und finde sie im schreiende» Widerspruche mit dem Geist der-Humanität, welchen;u verbrechen das Streben aller gpoßcn Geister unseres Bottes war." Im Jahre!>!')- beschasligie er sich in einem Ena» ..Maiia la Brauen" mit den, Tebe» nnd dem J l'eidcn dcr Jude» Spanieiis und sagte znm Schluß: „Tie Geschichte dcr Juden'in. Spanien beweistdas; sie ehemals, wo st,neu die Wege zu - fruchtbringender Thästgteit gni verschiedenen t<-l»ele».'-nicht verschlossen waren, in den Wissenschaften und aut dem (Gebieteder Poesie, mit dem herrschenden Boll wetteiferten >»nd. leincswegS t^eldanltäu'nug durch Wuchergeschäfte^ ^znm Hanvtziel ihres Trachtens machten. Tiefes ,ist ihnen in Tenifchland, Frankreich, England, Italien und den übrigen Ländern aufgenöthigt wordeäi: durch anderthalb Ialirtanfende mußten sie ci>> kguin menschenwürdiges Taicin hinichlevvew, -aus dem sie sich allein durch das Zniaminenscharre» von Geld cmporfchivingen konnten, um bald wieder desto -tierer ltcrabziistürzen. '.Xun ste deriell Berechtigung mit den ackdcren Eonfetsionen genießen, wird auch das t^lcichgcwichr wieder hergestellt. Wir haben schon gescheit, wie aus Familien, deren Mitglieder ehemals . d-ni gelben l'appen auf iliren: Rücken tragen mußten, ein hml,denkender, von losniopolil.iche» Ideen ^erfüllter Philosoph nnd mehrere treffliche Musiker hervorgeganaen nvl-, während Andere vom -Stamme »Inda und stevi ans >viffe»fcha>'ltiche:r. nnd künstlerischem >>*ebiete sich glänzend'hervorgcrhau haben, und >o wollen wir alle ihre t^lanbensgenoss-ii anivoriren, mit Maiinoitidcs' nnd I-lmda best Halcvi zu wetteifern, .statt danach zn trachten,, sich z-n .Königen der Berliner oder Vondoner Borte cnivorzn'chwu.g.m. Tenjenigen aber, die sich .nicht scheuen, heute die. Iiidenh.-tze o-s sinstersteu Mittelalters zu wiederholen, 'oll man sitgen, daß sie inno-.rli sind, an: Ende' des XIX'. Jahrhunderts zu lebezi, das in >o vieler Hinsicht feine Borgänger überragt, und daß sie bei '.'uu!:,:» te:n Win die. ' Schule, gehen sollen." - (C'ilic stitiuillisccliz. > Ter .in::s.--.:iiiisck>e Ahg.ordnete Z i iit ine i m a >; n hat im deutsche» stceichsrag.' tute alle' übrigen sächsischen An': -semilcii gegen hie Änfhebung des Iesnile.ng:iel-cs gestimmt. Tie'e. Ab stimmung veranlaßt' eine der Tkesdcner Heilungen zn folgender Rcniiniöccnz: „Bei der verflossenen üteichsiagswabl im Sommer I s!>"i trat Herr -(immernian» auch als Candihat ipi zweite» sächsischen -Wahlkreise ans . Gelegentlich einer von taiholi'chen Wa>>lern stark besuchten Wahlvcrsammlnng in SchirgiSwalde, denen Bevöl kernng zn >l> Percenkkatholisch iu, wurde an Herrn Zimmcrmann die ,trage gerichtet-, wie er sich zn den beb dem neuen Reichstage laut werdenden.Wünschen und Petitionen der .Katlwliten >tas stelle iin zweideutig auf den bereits damals angeküudtgten Iefnitenankraghin, verhallen werde. Hierauf ertläue H.cr Zimmerniann nach eine::: bisher ziiiwitcrivrochen gebliebenen Bericht der ck^erinania: .'?>r. vom 2i>. Teeember I. .daß er. Zimnicrmanu. als .Kgthdl::. selbstvetttändlich für die volle Be''.ieLigung der in Frage n h.nchen Wtinichc , also, auch für den Ieinitenünkrag > stimmen werte.-'. .'.m- 'Wahrhcit aber hat Herr Zinnnermann gegen den Ie.'nir-ez>a:::r-ig astimiilt." 'Selbstvelständlich werde» alle .Srgaue des > semitiSmuS, auch jene, die sich ultrakalbolisch g-be.d a. d .' inkercfsante Reminiscenz lodi'chwcigeü.^ i'.’liiuullirimn eiucs Schüchlverhow. Ein für bezirk M a r i e n'iv erde r ergangenes tbestiveises "S .gerichtlich nngiliig erklärt'. Tie Berordnung ir.st'- g nur für- Schlachthäuser mit l^enehniigiing des R') zulasien, verbot es-aber für Srte ebne Schl -.'in! : lrclnng des Be'rbols erhi'elr ein jädi'ch'er Cniinsbeail ee ein .S-lntfmandat: er beantragte d.ageg.-n eine g-.:>!ul..-i: Entscheidung, und das--Schöffengericht .sprach tlin frei, da die Be« ardniing i'^r-der vetsassnngsmäßig gewährleisi-eten freien üt>-l:,zwnsüb:i:ig im Widerspruche stehe, daher rechtsnngiltiß sei Ter Aliiisanipali avve'.lirte an die Straf kammer in Könitz, welche jedoch das Uillieil des Scliöffengcrichl-es be stätigkc n-ud di,e Berordnung ebenfalls für rechisungillig -erklgr'le »In Folge dessen ist dieselbe nun auch vom preußischen Ministeriuiildes Innern fistirl workte» . 'st.'lllSstlcichcnvc li'trcchlitzkcit. Ter belaiiuie leipziger Amisemtienhäiiptltiig Theodor Fritsch, der Berlegcrmiird stiedaetear der „ Teinsch socialen Blätter", hatte, den Theaterdirector S legvman n i» Leipzig ' als Juden bczeichüek, weshalb Vctzlerer, in seinem christlich germanitchetl Selbstgefühle tiefgckräntt, 'die Ehrenbelcidignngsklage wider "Fri:>'ch au, strengte. Ter l^erichtshof erkannte thatfächlich Fritich der Ehren, bcleidigung schuldig und verurthe'.lte ihn zu einer . t''e'l d st r a f e von hundert Mark. Tie Herren sächsischen Schöffe» erachten es al>'o für einen schweren Schimpf, Jude zu sein oder genannt zu werden Dagegen sind sic wohl gegen jeden einem wirklich;» Inden ob seines Glaubens augethancn Schimpf mit so toleranter. Tas nennt man „anSglcichcndc Gerechligk/it". I . :mags . : c: wurde i-ül.s Shächlen . ' - Präsidenten W cg.-n lieberi:: Ssiilochaii > .

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