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Freies Blatt · 1894-04-22 · 107 (22.4.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
107 (22.4.1894)
Date
1894-04-22
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 Freie» Blatt. Nr. 107. Kurzem eine Betrachtung, welcher allerdings preußische Einzelfälle zugrunde liegen, die aber mit einigen unwesentlichen Bariationen auch auf die Verhältnisse in anderen rpom Antisemitismus verseuchten Ländern angcwendet werden könpteJ Das rheinische Weltblatt sagte: „Der Grund, warum diese Verleumdungen so.weiten Boden und Glauben gefunden haben, finden wir vor Allem in der Thatsache, daß ein bekannter Theil der vornehmen Welt, zum Theil aus gekränktem Ehrgeiz, zum Theil auL^Enttäuschung, sie durch zweifelhafte Redensarten gefördert hat, statt ihnen offen und ehrlich entgegenzutrcten. Den Verleunidungsproceffen der letztcw-Jahre sind in unserem Abgeordneten- und Herrenhause auS den ostelbischen Junkerfamilien Vorkämpfer erwachsen, die sich ein Urtheil anmaßten, wo sie nicht einmal die wichtigsten Grundlagen dcS ThatbestandeS kannten; Sprossen unserer sogenannten besseren Gesellschaft waren es, die, ohne zu einem Urtheil berechtigt zu sein, mit einer kampfgierigen Leidenschaft zweifellos verrückte Verleumder zu gesunden Menschen zu stempeln sich unterfingen und gar auf Grund ihrer kurzsichtigen Wahrnehmungen Sturm läuteten gegen eine Jrrengesetzgebung, von; der nicht das Geringste verstanden. Für weite, sogenannte gebildete Kresse unseres Vaterlandes sagt der Vorwurf, daß der Angegriffene esn Jude sei, übergenug; der Mann ist gerichtet. Tie ganze Kampfesweise der .Kreuzzeitungs'« Ritter gipfelt in dem Schluffe, daß, wer flicht mit ihnen in ein Horn einstößt, vcrjudet ist, Judcnsprößling ist oher mindestens unter jüdischem Einstuß steht und Sclavc deS GiftbauuKs .Börse' ist. Bei einem großen Thcile unseres PublicumS ist dis Freude am Sensationellen und am Scandal offen zu Tage getreten.* (Prtmierttelttenant a. T. Winter.) Ter wegen eines SittlichkeitSvcrbrechenS zu zwei Jahren Zuchthaus und fünf Jahren Ehrverlust vcrurtheilte "^Görlitzer Antifemstenführcr Premierlieutcnant a. D. Winter hatte gegen das Urtheil Revision eingelegt. Dieselbe wurde aber verworfen und Winter der Görljtzcr Strafanstalt übcrw'esen. (Tie Judenverfolgung in Rumänien.) In der „Jüdischen Presse" finden wir einen bcmerkcnswerthen Beitrag zur Geschichte der Judenverfolgung in Rumänien. In Uebereinstimmung mit einer Ministerialversügung, der zufolge eS keinem „Fremden" gestattet fei, sich in den Dörfern aufzuhalten, gab der Subpräfcct des Distriktes Bacau, Cocea, dem Primär der Commune Lecca, Borrtasch, den Befehl, den dort seit dreißig Jahren ansässigen jüdischen Erdarbeiter Jancu Schmil lammt Familie aus dem Dorfe und über die Grenzen des TistrjcteS weisen zu lassen. Der Befehl wurde auf das Strikteste auSgetührt. In einer December-Racht überfielen die Sbirren den Unglücklichen, plünderten, zerschlugen und stahlen, soviel sic konnten, und trieben ihn mit Weib und Kindern aus dem Dorfe. So weit bietet der Fall nichts Neues. Die Verfolgungen! und Austreibungen von Juden aus den Dörfern in Rumänien ussd der damit verbundene Vandalismus sind hinlänglich bekannt. Ta« interessante Moment beginnt damit, daß Jancu Schmil. dem sich zwanzig andere Ausgerriebene anschlossen, gegen Bontasch und Cocea einen Proceß anstrenglcn Der Staatsanwalt von Bacau zicß den Fall untersuchen, und der Untersuchungsrichter fand Alles bis aufs Jota bestätigt. Der Staatsanwalt verlangte von dem Subpräfcaten und dem Primär, daß Jancu Schmil, dessen Aufenthalt in Lecca »on der dortigen Commune seit einer Reihe von Jahren aulorisirt ist, in seine Rechte wieder eingesetzt werde. Cocea antwortete, daß die Auforisation Jancu Schm l'S gefälscht sei. Es kam zum Processe und i— ein in den Annalen rumänischer Jurisprudenz noch nie dagewekener Fall.— Cocea und Bontasch wurden zu 6 Monaten Gefängniß! verurthcilt. Bezeichnend ist die Tbatiache, daß sämmtliche Zeigen zu Gunsten der Verjagten gegen den Primär und den Subpräfectenj aussagtcn, deren Speeulationen, Ausschreitungen und Grausamllcitcn sie aufs Schärfste -brandmarkten. Daß diese Vcrurtheilung großes Aufsehen und in publicistischen und in parlamentarischen Kreisen Aufregung verursachte, ist selbstverständlich. Im ^tnat und in der Kammer wurden Interpellationen eingebracht. Allein während die Ansichten der Volksvertreter gctheilt waren, Halle sich die Regierung klar und deutlich geäußert. Der Minister für Cultus und Unterricht, Tiake Jonescu, hat dem Interpellanten, Herrn Lecca, erklärt, daß Co^cea in contumaciam verurkheilt wurde und daß das Appellationsgericht den Fall in zweiter Jnstarzz prüfen werde. Jonescu betonte, doiß die Regierung Cocea nicht bestrafen lasten könne, „weil sonst kein Beamter es wagen würde, die aukochlhone Einwohnerschaft vor den Julien in Schutz zu nehmen". Diese Erklärung des Ministers ist ein offenes Bekenntniß Sie entzieht dem Richter das Recht, den Juden Schutz tngedeihen zu lassen, und überläßt sie der Discretion Hab- und rtzubsüchtigcr Sbirren der administrativen Gewalt. Mas Teljanow und der russische Reichsrath.- Aus Petersburg schreibt man uns, 16. April: TaS russische Ministerium für Volksaufklärung ist feit mehr als einem Jahre mit der Organisation der Mädchen-Gymnasien im Reiche beschäftigt. Der Zweck derselben ist hauptsächlich auf den Wunsch der Regierung, eine religiöse Grundlage zu geben, Vorsitz des Fürsten Wolkonskij eingesf Vorschlag des Grafen Deljanow, die Zahl der Frauenbildung zurückjuführen. Eine unter dem :tzte Commission hatte den der jüdischen Schülerinnen in den Gymnasien zu beschränken, nicht angenommen. Trotzdem wurde das betreffende Reformproject im Sinne det ausgearbeitct und dem Reichsrathe zur russischen CultusministerS Begutachtung unterbreitet. Kürzlich sah sich jedoch daS Ministerium genöjthigt, dieses Projekt behufs neuerlicher Durchsicht zurückzuziehen, weil der ReichSrath die geschlagene Beschränkung der Zahl der jü rischen Schülerinnen genehmigen wollte, und den Entwurf mit Gymnasien stehen den Schülerinnen aller offen." Doch glaubt man hier nicht, daß strcbungen aufgeben werde; vielmehr ist zu vornicht der Glosse versah: „Dje Stände und Confcssioncn Graf Deljanow seine Beerwarten, daß er seinem Wunsche eine andere Form zu verleihen wissen wird, um seinem Anti semitismuS Geltung zu verschaffen. a—. (Gelehrige Schüler.) Man schreibt uns aus Wilna, 15. April: In unmittelbarer Nähe von Wilna wurde kürzlich eine jüdische Familie in bestialischer Weise ermordet und beraubt. Es war an einem Freitag; das Familienoberhaupt hatte sich in die Stc dt begeben, um dort daS Abendgebet in der Synagoge zu verrichten, 'lls der Mann.zurückkam, fand er zu feinem Entsetzen seine Frau drei Kinder und eine Dicnstmagd in ihrem Blute schwimmend; sie wrren todt. Er schlug Lärm; da sprangen aus einem Versteck zwei robust: Bauern hervor und ergriffen ihn mit den Worten: . „Geld, Jude, sonst bist du hin!" In Folge der Hilferufe deS Juden eilten ein« e Nachbarn herbei, und deren Erscheinen verscheuchte die Mörder. B enige Tage später gelang cs der Polizei, der Verbrecher habhaft zu weiden. ES waren dies zwei junge Bauern aus dem benachbarten Dorfe Porjetschje. Dieser traurige Vorfall hat jedoch eine weit größere als bllß locale Bedeutung; die Art, wie die Mörder ihre Missethal, welcher fünf Menschenleben zum Opfer fielen, rechtfertigen, ist sehr beachtend werth. Vor dem Untersuchungsrichter erklärten dieselben, daß sie di: Judenfamilic erschlagen haben, weil man überall davon überzeugt sei, daß die Juden von der russischen Regierung nicht geschützt werden, daß man einen Juden, ohne eine Strafe zu befürchten, erschlagen uud berauben könne. Der Starost im Torfe habe des Oefteren erzählt, die Zeitungen schreiben immer, man solle die Juden ausrottcn, vertilgen und vernichten; auch sei allgemein bekannt, daß-die Polizei mit »en Juden verfahre, wie es ihr gutdünkt. Diese Aussagen bilden eile schwere Anklage gegen die russische Regierung und gegen die ununterbrochene Judenhetze gewisser Zeitungen; sie beleuchten zugleich die schauerliche Lage der Juden im Czarenreiche. Aber auch außerhalb Rußlands könnten Machthaber, welche mit dem Antisemitismus ihr Spiel treiben, aus den Aussagen der Mörder lehrreiche Schlüsse ziehen. 1 Aus antisemitischen Vereinen und Versammlungen. (Hetzreden des Pfarrers Decken.) Am 15>. April hielt der Pfarrer von Weinhau«, Herr Tr. Josef Decker«, in der St. I >sef-Botivkirche eine Predigt über dos Thema: „Die gefährlichsten Feinde der Eirche und deS christlichen BolkeS". Al« solche bezeichnete er die Social-Den okraten, die Nihilisten, die Anarchisten und die Freimaurer, bei denen allen sie Juden einen mächtigen Einfluß üben. Er gelangte zu dem Schluffe, daß das Judenthum der allergefährlichste Feind deS christlichen Volke« sei, und kindigte an, daß er noch in weiteren Kanzelnden die „Gehässigkeit der Juden gegen Christen" darlegen werde. Im Anschluffe an die Predigt machte der Pfnrrer für zwei Flugschriften, die er herausgegeben hatte, in nachfolgender Wei e Propaganda: „Ich habe vor einiger Zeit hier im Gotteshause drei Predigten über .Türkennolh und Judenherrfchaft' gehalten. Dieselben sind nun in Broschürenform erschienen und bei der Kirchenthür zum Preise von 10 kr. zu haben. Auch habe ich ein Gebet gleich jenem, welches die Wiener Christen tm Hilfe vor den Türken beteten, verfaßt, welche« sich nennt ,Das Baterunse: in der Judennoth'. Auch dieses Gebet erhält man an der Kircheuthüre um einen Kreuzer per Stück." Auf den Inhalt der Flugschriften, von denen eine inzwischen von der StaatSamvaltschafr mit Beschlag belegt wurde, gehen wir a tS preßgesetzlichen Gründen nicht näher ein.Auch am 16., 17. und 18. d. K. predigte Pfarrer Deckert gegen die Juden, deren Gleichberechtigung ihm ein!2orn im Auge ist, und die er auch boycottirt wissen will. Wir aber nehmen »in diesen Kanzelreden unter der Rubrik „Au« antisemitischen Vereinen und Versammlungen" Notiz, weil unseres Erachtens die Expectorationen Decken'- ur^ die von ihm colpoNirten

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