Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 107 (22.4.1894)
- Date
- 1894-04-22
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 107. Freie? Blatt. ' Seite 7. (Geschäftsantisemitismus.) Die Wiener Verlagsbuchhandlung Gebrüder Rubinstein übersandte unS djeser Tage ein rothes Heftchen, welches die 10. Lieferung einer jener weltbekannten Schauerromane ist, die, leider in hunderttausendcn von Exemplaren über das ganze Land verbreitet, die hauptsächlichste literarische Kost des Volkes bilden. Der Roman ist betitelt „Die geraubte Braut" von G. Stein und erscheint bei Adolf Wolf in Dresden. Das Titelblatt trägt ein elendes Bild, auf welchem man ein junges Mädchen im bräutlichen Gewände sieht vor einem Mönche kniend, der ihr den Segen ertheilt; hinter einer Säule lauern zwei Misiethäter mit dem bekannten carikirt jüdischen Typus. Wenn man das Heft aufschlägt, grinst einem ein Textbild entgegen, welches ein Gewölbe zeigt, in desicn Mitte auf einer Schlachtbank ein gefesseltes, nacktes junges Weib, offenbar die ,Braut von vorhin, liegt, ein alter Jude in einem scheinbar priesterlichen Gewände, ein Schlachtmeffer in der Hand, steht bei ihr, neben ihm ein anderer Jude mit einem Becken, fratzenhafte Juden drängen sich an das Opfer heran. Unter dem Bilde stehen die Worte: „DaS Schlachtmeffer entsank der Hand des alten Rabbi." Wir hatten an diesem Kunstgenuß vollauf genug und verlangten uns nicht, den Text dieses sauberen Romanes zu lesen. Die beiden Bilder sprechen ja an und für sich, und wir schaudern, wenn wir das Unheil bc denken, das durch die massenweise Verbreitung einer solchen Lcctüre im Volke angcrichtet werden kann und thatsächlich angcrichtct wird. Die Firma Gebrüder Rubinstein kam noch rechtzeitig darauf, welche Schändlichkeitcn ihr bisheriger Geschäftsfreund ihr zumuthe, indem er von ihr die Colportage derartiger schmählicher Erzcugniffc ruchlosester Gcschästsantiscmiterei verlange, und sie richtete an ihn ein Schreiben, das in ungeschminkter Weise dieses Vorgehen des antisemitischen Spe culanten charakterisirt und ihm die Kundschaft aufsagt. Das Letztere dürfte wohl für Adolf Wolf der empfindlichere Schlag sein, denn der Mann, der die Seele des deutschen Volkes mit derartigen Erzengniffcn vergiftet, dürfte kaum wie Pfarrer Deckert für sich das Recht der „wissenschaftlichen Forschung" geltend machen, sondern . lediglich „mainmonistische" Zwecke damit verfolgen. Da aber zu befürchten steht, daß sich in Wien und Oesterreich überhaupt für die Firma Rubinstein leicht zehn andere Buchhändler finden könnten, die gerne bereit sind, den Mäffenvcrtricb dieser aufreizenden Schrift zu übernehmen, um dabei ein „Geschäftchen" zu machen, so wäre cS dringend geboten, daß die k. k. Staatsanwaltschaften cinschreitcn, um die Eolportage des besagten Romanes in Geinäßheit der 88 302 und 303 St.-G. noch rechtzeitig zu verbieten. (An die liberalen Wirthe!) Zu einem niederösterreichischcn Wirthe kain ein antisemitischer Agitator mit der Frage, warum er denn keine antisemitische Zeitung halte? „WaS würden Sie thun," sprach ruhig der Wirth, „wenn Ihnen Jemand ins Haus küme. und Jchieu Grobheiten sagen würde?" „Ten würde ich hinauSschmeißcn," meinte der Fremde. „Gerade so," entgcgncte der Wirth, „habe ich'S mit de» antisemitischen Blättern gemacht." Bravo, Herr Wirth! Nehmt euch ein Beispiel daran, Ihr fortschrittlichen Wirthe Wiens und ganz Oesterreichs! .— Wir haben daS Material zu dieser Notiz der „Rcichspost" entnommen, cS aber selbstverständlich einem entsprechenden Appreturverfahrcn unterzogen. (Tie Gleichberechtigung l» pt-üxi.) Wie in Oesterreich die den Juden durch die StaatSgrundgcsctzc gewährleistete Gleichberechtigung bei der Besetzung aller öffentlichen Aemter und Stellen praktisch durchgeführt wird, davon gibt auch eine Nachricht der Prager „Politik" einen neuerlichen Beweis. DaS alttschcchischc Blatt, welches freilich den Fall zu einer einseitigen Verdächtigung der Deutschen auSzuschrotcn sucht, erzählt folgende Geschichte: An der deutschen Volks- und Bürger.- schule in der Altstadt von Prag ist seit längerer Zeit die Stelle des Schuldircctors erledigt, ohne daß der Bczirksschulrath zur Besetzung derselben schreitet. Man erzählt sich, daß der Grund hicfür in nachfolgendem intereffantcu Umstande zu suchen ist. ■ DaS Gesetz schreibt nämlich vor, daß der Schulleiter derselben Eonfession sein solle wie die Mehrzahl der Schulkinder. Nun ist an dieser Schule die Mehrzahl der Kinder israelitisch, folglich müßte auch der Tirector ein Israelit sein, und dagegen sträubt sich doch das Empfinden maßgebender Herren, welche eine Schwächung sowohl des deutschen als auch des tschechischen Schulkindcrbcsuchcs befürchten, weil sich's viele Eltern überlegen würden, ' ihre Kinder unter eine israelitische Schulleitung zu stellen. Man denkt angeblich im Bezirksschulrathe daran, daS Gesetz in der Weise zu interpretiren, daß die absolute Majorität der Schulkinder für die Eonfcssion des Schulleiters maßgebend sei, nicht aber die relative/ ES sei wäh'r, daß die Zahl der jüdischen Schulkinder größer sei als die der einzelnen anderen Eonfessioncn, doch sei ihre Zahl geringer als jene der Schulkinder der beiden anderen (katholischen und protestantischen) Eonfessionrn zusämmengenommen. Auf diese Weise hofft man die „peinliche" Bestimmung dcö'bestehenden Schulgesetzes glücklich zu — interpretiren. Wir zogen an einer vollständig zuverlässige» Stelle in Prag' Erkundigungen ein und fanden de» Fall letvcr.vollkommen bestätigt. Mangel an Energie seitens der jüdischen Vertretung einerseits, clericalc und tschechische Einflüsse andererseits, keineswegs aber EhauvimsinuS von deutscher Seite sind die Veranlassung, daß die betreffende Stelle bereits seit nahezu einem Dece.nnium unbesetzt ist. Es ist wahrlich empörend, zu sehen, daß sich einpaar Bezirksgrößcu herauSnchmcn,. die Staatsgrundgesctzc zu beugen, und sich in allen Richtungen winden mid drehen, nur um daS Fürchterliche zu verhindern, daß Prag einen , Schuldircctor jüdischer Eonfession bekomme. Es würde schon ein Mittel geben, den Staatsbürgern jüdischer Eonsession zu ihrem gute» Rechte zu verhelfen, aber freilich inüffen die Inden in erster Linie selbst mannhaft auf Wahrung ihrer staatsbürgerlichen Interessen bestehen. Wir glauben nicht, daß eine österreichische Regierung sich auf den Stand punkt des Altstädtcr BezirkSschulraihes stellen könnte. (Tic Gemcindewahlen in Salzburg.) Unser Salzburger iI.-Correspondcnt berichtet uns: Wie vorauszuschen, hat.auch der erste Wahlkörpcr Antisemiten und Schwarze gcwäblt. Tr. Vovi n cll i ist gleich Kilcher und Stainer Erzantisemit. Eine „Säisonstadt", welck)» vom Fremdenverkehre abhängt, ist eine Selbstmörderin zu neunen, wenn sic solche Parteien austommcn läßt. Die Ziffer der Fremden nimmt längst nicht mehr in dem erwünschten Percentsaye zu. Es ist eben traurig,! daß jene Wähler, die Majorität bilden, welche'ihre Weisheit aus der Kneipe haben und sich nicht klar darüber sind, was sie thun, daher den Affikatorcn blindlings folge». Es fehl» die Bildung der unteren Schichten, djc "ganz in der Macht der Elericalcn sind. Seitdem Letztere nun sich von den Slavisch-Nationalcn zurückgezogen und „urdcutsch"-autiscmitisck> geworden sind,, .ist die Richtung der Wahlen vorauszuschen gewesen. Das Trolligste bei der Sache ist, daß im erste» Wahlkörpcr auch Gemcindcrath Höller fiel, der seinerzeit beantragt hatte, . das Linzcrthor zu demolircn, welches bekanntlich der antisemitischen Gewerbcparlci geopfert ' wurde. Zum Tanke für diese Dienstleistung wurde er nicht gewählt! Sehen die Herren wohl jetzt ein, was eS heißt, dieser Sorte von Volksbcglückern Eoncessioiien zu machen? Mögen die kurzsichtigen Herren künftighin eine etwas schärfere Tonart gegenüber „Antisein" anschlagcn; aber cs ist jetzt wohl zu spät, und die „Frcnidcnsladt" ist nunmehr in den Händen der Gegner der Toleranz, der Rechtsgleichheit, des Fortschrittes, der Aufklärung, dxr Humanität, der Ideale, der Kunst! Tic Folgen sind für Salzburg klar: Ansiedelu werde» sich höchstens mehr Elcricale und Freunde der Finstcrniß und der Verdummung. Die „katholische Universität", dieses Ziel aller Elericalcn, diese „Salzburger Spccialität", welche die Universalität dcS Wiffen» zustutzcn soll (also ein lucns a nu» Inm-nlloi, ist' uns näher gerückt, vielleicht gesichert. Bcste- Wünschc! Prosit Juvavia! Tein Volk hat sich ausgezeichnet und bewiesen, daß cs nicht einmal tcchnen kann Wie ernst die Elericalcn ihre Verbrüderung mit den Judensreffern nehmen', dafür ein Beispiel: Ein Herr aus Wien, besah Sommerwohnungen. In einer dersclbenwurde ihm bedeutet: „Seit Jahren "wohnte bin.' eine dcuk'che Judenfamilic. Das Haus gehört einem Stifte und daS will jetzt keine Juden mehr als Äkether." So geschehen 1S04im April, aber nicht arn ersten April. Es ist volle Wahrheit. Nun, wir werden ja sehen, wohin Salzburg, das keine Industrie hat und nur au» den Fremdenverkehr angewiesen ist, konnnen wird! Ta gibt cs keinen Protest der Geschädigten! Träg und apathisch taffen die Wirthe das über sich verhängen; . jaj sic thun noch mir, . die Gegner des AnsichwungeS zu Wort kommen zu lassen. Eine lange Panse in der- Entwicklung der Stadt, welche seit 1880 einen frohen Anlaut genommen, wird jetzt kommen, und jeder. Israelit wird es sich überlegen, sich in Salzburg länger aufznhalten. Aber äuch die Förderer und Gönner der Stadt werden zögern, einer von solchen Männern geleiteten Communalvcrwaltung zu nutzen-.— Tie .„ Clilitut s ch e R u n d s ch a u", welcher die Vorgänge, in Salzburg, woselbst die Ergänzungswahlen in den Gcnicindcrath fast durchwegs antisemitisch aussiclen und der verdienstvolle Bürgermeister Tr. v. Hucbcr hinausgeekclt wurde, große Freude macheik, schreibt: Salzburg sei die erste Landeshauptstadt Oesterreichs, welche fortan eine antisemitische Gemeindevertretung besitzen werde. Tie erste? Wo bleibt dann Troppau? Doch die Ge meinderüthe, welche in der Landeshauptstadt Schlesieirs-zur Antijcmitcrci sich bekennen, haben einmal einen l.dem- Ostmarkhcrzog mißliebigen Wiener Mittelschullchrer als ReichSrathscandidatcu ausgestellt, u»d wenn auch .dieser durchgefallcn ist, so dürfen die Organe des Zwettler RituS nicht den Antisemitismus der Troppauer GemeindcrathSinehrheit anerkennen. So erhielt Salzburg LocationSnummer 1. (Moderne Berleumdungssuchl.) Dem von den Antisemiten cultivirten Berleumdungssystem widmete die „Kölnische Zeitung" vor