Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 107 (22.4.1894)
- Date
- 1894-04-22
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 107. Freies Präsidenten, daß er in der Nähe von Dorpat in Rußland geboren und noch heut« russischer Unterthan sei. Er gebe zu, daß die Ausdrücke in dem Artikel etwascharf seien, man müsse ihm aber zugute halten, daß er unter den Eindrücken der Weseudonck'schen Angriffe gehandelt habe. Es wird dann ein zweiter Artikel aus der „Anti-Corruption" verlesen, aus lKruud deffen Bauer ebenfalls gegen Wesendouck die Beleidigungsklage angestrengt hat. In diesem wirft Wesendouck dem Bauer „jüdischer Wesen" vor. Ein dritter incriminirter Artikel der „Anti-Eorruption" betitelt sich: „Par nobile frajrnm“. ES folgt noch die Verlesickig einiger weiterer Artikel von beiden Parteien Ein Artikel, in dem Bauer den Dr. Wesendouck als einen Mau» von zweifelhafler Vergangenheit bezeichnet, ist nicht bei den Acten. Dr. Wesendouck bemerkt, daß dieser Artikel von der „Neuen Deutschen Zeitung" aus dem „Reichsboten" übernommen worden sei. Er sei mehrfach, aber vergeblich bemüht gewesen, eine Berichtigung in der „Neuen Deutschen Zeitung" zu erlangen. Der „Reichsbote" habe die Berichtigung gebracht. — Sodann wird die Widerklage Schöpfe! gegen Bauer verhandelt. Lehrer Schäfer, der deshalb als Zeuge vernommen wird, bekundet, daß Bauer einmal geäußert, Schöpfel habe zu Parleizwecken gesammelte Gelder Nicht gehörig abgeliesert, er werde ihn deshalb bei der Staal»- auwaltschaft wegen Unterschlagung anzeige». — Bauer bestreitet entschieden,^ das Wort „Unterschlagung" oder eine ähnliche Aeußeruug gethau zu haben. — Der Zeuge hält seine Bekundung aufrecht. — Der folgende Zeuge, Kaufmann Re in icke, depouirt, daß er sich nicht erinnern könne, da» Wort „Unterschlagung" gehört zu haben. E» habe auf ihn nicht den Eindruck gemacht, daß Bauer de» Schöpfet habe beleidigen wollen. Am zweiten Verhandlungstage werde» Wechselangelegenheiteii Lauer'S erörtert, wobei dieser zugidt, daß er seiner geschiedene» Frau jährlich 7tK) Rubel;u zahlen habe. Dr. Wesendouck bemerkt hieraus: Wenn Bauer jährlich 2000 Mark an seine erste Frau zahle» mußte, dann, war ev umso eher verpflichtet, eingeschränkt zu lebe», zumal er verschuldet »ach Leipzig kam und an seiner Zeitung im ersten Jahre nicht nur nicht» verdiente/ sondern »och 23.000 Mark zusetzte. ES kommt hierauf die Klage Bauer oontra Wesendouck zur Verhandlung. E» handelt sich dabei um eine Behauptung des Dr. Wesendouck in der „Anti- Corruptioir", daß Bauer mehrfach sein Ehrenwort gebrochen habe. Tr. Wesendonck erwähnt eine Reihe von Fälle», in denen Bauer gegen Verpfändung deS Ehrenworts Geld abgeborgt habe. So habe er sich von dem Rechtsanwalt Hertwig in Charlotteuburg gegen einen Wechsel 2000 Mark geliehen und ihm aus Ehrenwort die pünktliche Einlösung deS Wechsels versprochen. Die Einlösung ist nicht ersosgt, und in Folge dessen wurden dom RcchSanwalt Hertwig, als «r gerade in der Festung faß, die Möbel abgepfändet. — Bauer: Ich bestreite die« entschieden. Ich habe weder Herrn RechtSauwall Hertwig ei» Ehrenwort gegeben, noch ist derselbe gepfändet worden. Ich habe mich a» Herrn RechtSanwalt Hertwig gewandt, ihn gebeten, nach Leipzig zu kommen, er bat mir aber geschrieben: er möchte nicht gerne in die nnliebsame Angelegenheit verwickelt werden. Aus Ausfordern de» Präsidenten überreicht Bauer die Karte, die er von dem RechtSanwalt Hertwig erhalte», dem Gerichtshof. — Dr. Wese n- 'oncf: Diese Karte beweist gar nicht«. Ich behaupte, wenn Herr RechtSanwalt Hertwig hier unter seinem Eide verirommen würde, seine Aussage eine vollständig andere wäre. Ich habe alllh einen Brief von Herrn RechtSanwalt Hertwig erhalten, in dem etwa» ganz Andere« steht. Auch meine persönliche Unterredung mit Herrn RechtSanwalt Hertwig hatte ei» ganz andcre« Ergedniß. Hätte ich gewußt, daß der Brief Hertwig'S als Beweis gelten würde, dann hätte ich ihn mitgebracht. — Präs : Sie wußten doch, daß wir heule dort a»- angen werden, wo wir gestern ausgehört haben, ich hätte danach geglaubt, daß Eie alles BeweiSmaterial mitbriugen werden. — Dr. Wesendouck: Herr Amtsrichter! Ich stelle den Antrag, die Verhandlung zu vertagen und zu dem nächsten Termin Herr» Hertwig in Eharlotteuburg und Herr» G. Völlker n Charlottenburg über dasselbe Thema zu vernehmen. Ich beantrage außerdem, :te Geschäftsbücher des Bauer durch einen gerichtlichen Bücherrevisor prüfen zu lasten. Ich behauple, diese Revision wird ergeben, daß die „Neue Deutsche Heilung" niemals lebensfähig war. Außerdem beantrage ich, die 80 bis 100 Gläubiger deS Bauer zu vernehmen. — RechtSanwalt Hillebrandt: Ich widerspreche-dem VertagungSanlrag, der izur aus Verschleppung 'er Angelegenheit hinauSläust. Die Sache ist seit August v. I. anhängig. Tr. Wesendouck hat zwei Anwälte, und jetzt in der letzten Stunde' stellt er einen Bcrtagungsantrag. Im Uebrigen beantrage ich, den Polizei Lbcrwachtmeister Förstenberg zu vernehme», der bekunden wird, daß' Tr. Wesendouck elbst diesem Beamten gegenüber das Ehrenwort gebrochen hat. - E« enkfpinnt sich eine sehr heftige, zum Theil sehr gereizte Debatte zwischen -n Parteien und den beiderseitigen Rechtsanwälte» über den Pcrtagungs mirag. — Der Präsident theilt mit, daß , der Gerichtshof sich über den Pertagungsaulrag später schlüssig machen werbe und den Antrag auf Vernehmung deS LbenvachtmeisterS Förstenberg ablehne. — E« wird alSdann staufmann John als Zeuge vernommen. Dieser sagt au«: Er habe dem -auer einmal 450Mark geliehen; Bauer habe ihm da» Ehrenwort gegeben, ras Geld am andern Tage zurückzuzahlen. Dieser habe ihm vier Tag« Sparer nur 250 Mark zurückgezahlt. Der Zeuge bekundet im Weiteren, daß Blatt. Seite 5 Bauer noch einmal 250 Mark unter dem, Borgcbc», »ach Salzburg sahreu zu müffe», um dort eine größere Anleihe zu machen», ihm habe abborgen wollen. Er habe aber da« Darlehen verweigert, indem er dem Bauer, bei» rrkle: Wen» er sich in so bedrängter Lage befinde, dürfe - er nicht io verschwenderisch leben. — P rä!.: Worin erblickte» Sie die Verschwendung'? — Ze »ge: Ganz besonders i» dem Umstand, daß Bauer eine Wohnung gegen eine Jahiesmieihe von 1600 Mark iltne hatte, obwohl durch eine BreSIauer Pfändung oonstatirl rvurde, daß weder d e ui Bauer »och seiner Ehefrau ein Stuck Möbel gehö-rte. Tie Möbel gehörten sammtlich der Echwestei der Fra» Bauer. — Ter folgende Zeuge, Buchdruckidribcsitzcr Liiert, hat ebenfalls dem Bauer mehrere hundert Mark geliehen. Bauer hat das Geld, obwohl er da» Ehrenwort gegeben, eS i» einigen Tagen zurücktu,ahlen, nicht zu rück erstatt et. ES wird alsdann Gastwirth Schöpfel, und zwar, da derselbe Angeklagter in der gegenwärtigen, Sache ist, uueidlich vernommen. . Er bekundet, wie er e« Tag« vorher gechau, daß Bauer eine« Tages zu ihm kam und ihm sagte, er müsse zu einer > Wählerversammlung »ach Chemnitz -reise», könne, nicht mehr »ach Hause, gehe» und bitte um ei» Darlehen von 50 'Mark; er versichere ans Ehrenwort, daß er da» Geld gleich »ach seiner Rückkunft zurückzahlen werde. Bauer habe aber dies Ehrenwort nicht ein ge löst. Bauer habe ihn unter ähnlichen Umständen noch einigcmale augevumpt. — Präi : Wcohalb gaben Sie ihm denn immer weitere Darlehen'/ — Schöpfet: Ter Mann hat eine derartige Ueberredungskunsl, daß ihm kaum Jemand etwas abschlageu kan». Schöpfel bekundet im Weiteren aus Befragen, daß Bauer »och mehisgch ihn anpumpcn wollte.' er habe sich aber stet» verleugnen lassen. Endlich habe, BäUer ihn doch cinmal getroffen und ihn ersucht, »ach dem Weinzimmer des Hotels „Stadt Tresden" zu kommen, ergäbe einewichtige Unterredung mit ihm. Sogenannte wichtige Uiiterrednngen machte. Bauer stet« nur in Weinstuben ab. Bauer habe nnn von ihm mehrere tausend Mark gegen Wechsel haben wollen, mit dem Bemerken, im nächsten Quartal bekomme er die AboiinementSgelder von der PostFdanu könnte er ihm (Schöpfet, da» Geld nicht bloß zurückzahle». sonder» ihsii noch ' mit einigen tausend Mark unter die Arme greife». Er habe es aber für bester gehalten, da« .Ansinnen Bauers,abzulehncn. — Ter folgende Zeuge ist der Lehrer Kleeberg. Dieser bekundet, daß er dem Bauer eine» Wechicl von IGloMärk unterichricbeil habe, der arlch richtig eiugelöst.-worden ixi. Einen weiteren von ihm unterschriebenen Wechsel über 350 Mark habe 'aber Bauer nicht bezahlt. Als er (Zeuge) deswegen-in „Anspruch genommr» wurde, habe er de» Bauer zur Rede gestellt und ihm mit der Klage gedroht. Bauer habe ihm geantwortet wenn er klage, dann könne er noch die Kosten zahlen, denn er besitze gar nichts, Ter Zeuge bekundet im Weiteren auf Befrage», dag Bauer .in der „Neuen Deutschen Zeitung" fortwährend seine Gesinnu ng ge ändert habe. Er habe zunächst, energisch Caprivi und die- Militärvorlage bekämpft. Eines Tages, so habe er von Parteigenoffen gehört, sei Bauer nach Berlin ge sahren, sei dort im Auswärtigen Amt empfangen und' aufgefordert worden, für die Militärvorlage eiuzutretcu. ES fei dem Bauer auch Unterstützu-ng versprochen worde». . Allerdings, sei ihm. gesagt worden, daß der Reptikienfonds nicht mehr vorbanden sei. Bauer habe geantwortet: Ich befinde mich i» einer precären. Lage, zuinäl Ich in, nächster Zeit eine Gefängnißstrase wegen Beleidigung zu verbüßen habe. Dem Bauer sei daraufhin nahegelegt worden, ein Begnadigungsgesuch zu machen.' Jedenfalls, bemerkt der Zeuge,- erklärte mir eine« Tages Bauer, daß er jem für die Militärvorlage eintreten wolle. Ich sagte ihm daraufhin: Das gebt doch gar nicht. Sie haben fortwährend gegen, die Militärvorlage geschrieben. Bauer versetzte: Ich werde UmschwuügSartikel bringen, ki^ alsdann von der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" und andere» d''ic.iä>en Blätter» werde» abgedruckt werden. — Tie letzte Zeugin ist Frau Lehrer Stecher. Ihr Man», sagt sie, sei Anlisemit »nd ffi deßbalb vom Amte suSpendirt worden. — Prä'.: Cb ist doch kaui» glaublich, daß wegen der Zugehörigkeit zur antisemitische» Partei ei» Beamter entlasse» werde» wird. (Zu Sachsen wäre in sölch einem Falle daS Avancement eines Beamte» viel glaubwürdiger. T. Red.» — Zeugen: ES.ist ihm der Vorwurf gemacht worden, daß er sei» Amt vernachlässigt habe. Tie Zeugin bekundet zur Sache: Sie habe ihrem, Manne OOoO Mark in die Ehe gebracht, davon seien 2000 Mark für Wirth'chastSgegenslände verwendet -worden. Tie übrigen 4000 Marl seien verloren gegangen 1000 Mark bade ihr Man» iu die „Neue Tertliche Zeitung'^ gegeben, wozu er die letzten 3000 Mark verwendet, wiffe sie nicht. Ihr Man» sei jevl Lehrer in Genf. — Ter letzte Anklagepunkt betrifft, die Behauptung Wesendonck'S, daß Bauer iu Bigamie lebe. Ter Präsident bemerkt, daß Bauer durch amtliche Urkunden de» Beweis geführt habe, daß er von seiner ersten Frau rite geschieden und mit seiner jetzigen Frau rite standesamtlich und kirchlich getraut,sei. Tr. Wesen donck versichert, daß er im guten Glauben gehandelt habe. ennpimu sich hierüber noch eine sehr gereizte Debatte zwischen den 'Parteien. Ter Präsident erklärt alsdann die Beweisaufnahme für geschloffen, und eS folgen die Plaidoyer«. Der Vertreter Bauer'«, RechtSanwalt Hillebrandt, beantragt die Bestrafung Wesendonck'S und Schöpfel's auf Grund be« §.186 der