Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 107 (22.4.1894)
- Date
- 1894-04-22
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Seit« 3 Nr. 107.' - Freie, - - -:-.- ’ . , - 1 und nützlich erscheint, einen Nichtjudcn seine Macht kosten zu lassen, und diese Mißachtung der Gesetze muß Couscgucnzcn nach sich ziehe», tue sich der gesaniniten Bevölkerung schmerzlich fühlbar machen werden. Argus. 23auer und Mesondouck. Bor dem Schöffengericht zu Leipzig wurde am l l. und 12. d. M. ein Beleidigungsproceß durchgcführt, der cm weitgehendes Interesse erregte, weil er einen klaren Einblick i» die Werkstätten anti semitischer Demagogen gewährt. Zwischen zwei Antisemitenfuhrcrn, dem Rcdactcur der inzwischen cingegangcncn ..Neue» Deutsche» Zeitung", Erwin Bauer, und dem Redactcur der „Anti Eorruption", jetzt „Wahrheit" genannt,- Dr. Hermann Wesen donck, bestand seit längerer Zeit eine heftige Fehde, die auch in mchrcrcu antiscmitischcn Bolksvcrsammlungcn zur Erörterung gelaugte. Dr. Wcscndonck rannte in seiner „Anli Corruption" den Bauer eine» „russischen Prcßkosakcu" und „Hochstapler", die von Bauer rcdigirte „Ne> e Deutsche Zeitung" eine „Revolverpresse" und bchauptctc, Bauerlebe über seine Bcrhültnistc flott in den Tag hinein, spiele den großen Herrn, mache Schulden, ohne sic bezahlen zu köuuciv, verschaffe sich Darlehen und Eredit durch Handlungen, die mit der Ehrenhaftigkeit nicht immer genau überein - stimmen, ja oftmals auch durch Borspiegclung falscher Thatsachen u. s. w. Ferner schrieb Dr. Weseudouck: Bauer habe in seinem (Geschäft keine ordentliche Buchführung, er unterlasse die vorschriftsmäßige Aufstellung einer Jahresbilanz. Schließlich stellte Dr. Wcscndonck die Frage, ob Bauer unter den angcsührlcn Umständen »och als Ehrcnmann, als Wortführer einer Partei gelten könne, da er doch im Großen dasselbe lhuc, waS ein Zeckpprellcr im At (einen betreibe u f. w. Bauer behauptete .wieder von Tr. Wcscndonck, daß er eine zweifelhafte Bcr gangcnhcit habe, daß er GcschäftSantiscmit, ciif charakterloser Seandal machcr, ein dreister berufsmäßiger Ehrabschneider sei :c. Dan» nannte Bauer de» Dr. Wcscndonck de» „literarischen Schildhaltereiner Bcr schwörcreliguc", einen „zwangsweise pciisionirten ^trcisschnlinspcctor", „Bcrlcumdcr", „Lügner", „Aufschneider", „Anführereiner Gesiudrl und Scandalpartci" u. s. w. Bauer strengte schließlich gegen Dr. Wesen donck die PrivatbclcidigungSklagc an, während Dr. 'Wcscndonck die Widerklage erhob. Im Zusammenhangc mit dieses» Proccsse wurde auch über eine .Klage Bauer'S gegen eisten Gastwirth 'A'amenS Schöpfet und dessen Widerklage verhandelt./ Den hslrrichtShof bildeten: Amtsrichter Winkler ^Präsident), Äaufniann Maul- und Handelsagent Zentcr (Schöffen). Die Berhandlung nahm im Wesentliche» folgenden Bcrlaus: Dr. Herniann Wesendonck erklärt aus Beilagen k,s P»äside»ten. daß»er »» Iabrc l*f>0;n üice» am Rhein geboren und Diisideni sei. Er habe Philologie slndirl und sei .Ureis Schnliinwpeclor a. D. Er »ei freiwillig ans d,»i Amte geschieden »nt bestehe Pension. Er sei jevt Schiilsteller und bereits einigemal« wegen Belcidignng »liuelsl Presse beftrafr. — Präs.: Wodurch ent standen die Zwistigkciie» zwischen Ihne» und Herrn Bauert!' — Dr. Weien donck: Tie Zwistigkeiten begänne», als ich davon hörte, daß Bauer eine große Anzahl von Parieigenosscn an pumpte. Es kameii viele Leute zu mir und >agie» mir, sie hätten Bauer große Suninien «Geldes geliehen, von denen sie wohl niemals etwas wieder bekonnnen werden. Ich zog Erknndignngen ein und »beizeugte mich, daß Bauer die Pärteigenossen geradezu ausbcnte. Es wurde mir von viele» veule» initgetheill, daß man eS mit einem argen Schwindel zu thun habe, daß Bauer die Partei mißbrauche, sich von den Partei! gcuossen Gelder leihe, ohne in der Vage zu sein, dieselben jemals zurückzahlen z» können. Ties veranlaßte mich, zur Feder;» greifen und den incriminirte» Artikel in meiner „Anli-Eorruplio»" zu schreibe», zumal viele Parteigenossen mich dazu ausforderten. — P räi.: Wollten Die nicht Herrn Bauer als Partei leiier verdrängen-? — Dr. Wcscndonck: Paricileiter war Bauer niemals er sprach allerdings ostmals in Berianimlnngen, und Sie wissen ja, Hcrr Anilsrichler, daß das Publicum alle» Leuten, die ein gutes Mundiv.e.rk haben, Beifall klatscht. Bauer war ja in Folge deffe» geiviffermaßen auch Parrcisührer, zur Parteileitung hat er aber niemals gehört. Veiler der antisemitischen Partei waren damals vieberm ann v. Sonneuberg. Fritsch. Dr. Uönig sWiltcn), v. Richlhofe» (Berlin»- und noch ein Fünfter, deffe» Aamen mir augenblicklich entsallen ist »lat«. .-■*- Es ioivd hierauf die Privatbeleidigungstlagc- Bauer gegen den Gastminh Schöpfet verbaudeU. — Präs : Herr Schöpsel, wodiwch sind «Sie mit Bauer bekannt gewoiden'? — Schöpsel: Ei» Berliner Blatt brachte verschiedene An griffe gegen den Fürste» Bismarck, ich wurde daher'- von nieinen Gästen ans gesorderl, diele Zeitung abzuschassc». Ich theille dies auch der Expedition mir die Angelegenheit wurde i» den Blättern che-prochen, und dies mag Bauer wohl veranlaßt habe», zu mir zu komnie». Als Bauer das erstemal bei mir war, sagte er zu mir: Ich freue mich, bei Ihne» verkehre»;n können, es scheint bei Ihnen ein cap>talkräsliges Publicum zu verkehren, das kan» mir viel nützen — P rä>.: Ann »ollen Sie einmal geäußert haben -. Bauer habe Gelder, trs Ahlwardt Fonds unterschlagen, er sei ein Betrüger und Schwindler, -m sch»ffc sich G>-1dcr durch Boripicgelung falscher Thaisachen, lebe in Bigamie und weide nächstens verhaktet werde». — Schöpsel: Ich bestreite, die» gesagt zu habe». Mein Local bildet den Miuelounkl der. Vcipziger Anliiemitcn. ES , wird in Folge deffe» sein, viel über Politik in inciiiem Local gesprochen. ES ist »iöglich. daß ich auch einmal iitnr Bauer etwas gesagt habe, die incriminirten Ausdrücke habe ich jedenfalls nicht gebraucht; ich muß gesteh«», daß ich damals das Wort „Bigamie" noch gar nicht kannie. — P rä >' : Habe» Sie aber Herrn Bauer einen leichtsinnige» Schnleenniacher nnd Schwindler genannt-? — Schöpsel: Rein, ich habe allerdings gehört, daß Bauer viellach die Panci genösse»- anpiipipe,- unter dem Borgebe», Agitationsrciien machen zu nni'seu. . In gleicher Weise hat er nur einmal .">»» Mark abgeborgi, mit dem Bemerke», er ninsse zu einer Wahlerveri'anrmluug nach Eheiiiiiitz reiien. Bauer versicherte mir aus Ehrenwor.t, er werde mir gleich »ach «einer Rückkehr da» Geld zurückerstatten, die» Beripreche» hat er aber nicht gehalten., -* P r ä s.: j>db.'u Sie aber später die!',»> Mark wieder erhalte»? — Schöp'el: Jawohl? aber erst längere Zeit nachher — P rä».: T ir incriminirten Ausdrücke haben Sie aber nicht gebiauchl? — Schöpsel: Ae in, ich habe nur einmal einen Artikel aus der „Slaalsbürger Zeitung" vorgcleien. — Präs.: Es »var das wohl ein Artikel in der „Släaisbüiger-Zeitung" unter „Sprcchiaal", der von Ahlwardt unterzeichnet ist I» teinjelben behaupiet Ahlwardt, daß Bauer Gelder, die für ihn oder für seine Familie bestinunl gewesen feien, unterschlagen habe. Der Präsident, verliest^ dielen Anikel —' Es wird lohin p>r Zeugenvernehmung geschritten. Der erste Zeuge, üauimann Wohlsarth, erinnert sich nicht, daß Schöpfe! über Bauer beleidigende Aeußerungcu gemacht habe. — Ter folgende Zeuge, Buchhändler .üühlewcp, erzählv: Bauer habe ihn ersucht, ihm 20 000 Mark >ür die „Reue Deutsche Zeitung" zu leihen. Er habe dies Herrn Schöpsel inilgetheill, Letzterer habe "ihn gcivarnt, das Geld zu.gebe», mit dein Bkmerken, daß Bauer vollständig -verschuldet »ei, er daher »in sein Geld kommen könnte. Außerdem habe Schöpsel einen Artikel auS der „Staatsbürger-Zeitung" und einen andrre» Artikel verlesen, der, wie Säiöpfel sagte, demnächst in der „Anti-, Eorruplion" erscheine» morde. — P r äs.: Stand nun in ditiem zweiten Artikel, daß Bauer' in Bigamie lebe? — Zeuge: Aei». — Bauer: Wenn ancki das Wort „Bigamie" nicht in dein Artikel stehi, so ist mit anderen Worten behauptet wordeii, daß ich in Bigamie lebe. — Tr. Wcsenöonck: In der „Anli-Eorruplipü" stand überhaupt nichts von Bigamie. — Bauer: In der „Anti Eorruplien" stand dies wohl nicht, aber in einem Eorreclnrabzuge, 'der mir zusällig zu (Besicht gekonimcn ist — Dr. Wesen donck: Dies ist durch Diebstahl und.Berlrauensbrnch geschehen. — Prä': Ich muß Sie ersnchew, Herr-Dr. Weseudonck. hier nicht neue Beleidigungen .ansziiwreche». Dr. Wesen donck: Es entspricht aber der Wahrheit. —-Bauer: Der Artikel ist mir durch den Trucker Müller in die Aedaclio» gebracht ivgrde»'. — Dr. Wes endo nck: Bauer hat selbst öffentlich geäußert, daß er den Arlikel dem Drucker Müller vom Tische-genoinnien habe.— B auer: Das bestreite ich — Dr. Wese n d o n ck: Ich werde den Beweis da'ür erbringen De: Aechtsbeistand des Bauer, Rechtsanwalt H i ldebra n d i, bemerkt, ras;-wegeil der Äenßeruug des Dr. Weiendonck eine »eile Anklage gegen dieien werde erhoben werden. -- Es erscheint alsdann als Zenge der- Eandid.it der Ebenue Wohliabrt. Dieser bekundet: Sejn Barer habe dem Bauer fiie die ..Aeue Deutsche Zeitung" »iOl» Mark geliehen. Schöpsel habe den Bauer -einen.leichlsinnigeii Schnldenmacher genaiinl und die elwäbnien Artikel a,is bei- „ Staatsbürger Zeitnng" und der „Anti Eorruplion" vcrleke». In letziereni wurde bebanpici, daß Bauer eine zweite Frau mit inehrere», nindcii, in Rußland Kabe. die sich in Roth bcsindeü. daß-er, obwohl er von die»er Frau noch nicht geschieden., hier zum zweiienmale verheiratet >ei. — B a >i e r bemerkt, daß ans Anlaß dieses Artikels eine Deiliülciation bei der Slaaisänivalt'cha'l gegen ihn eingegangen sei und er auch in Folge dessen' eiiivernoiiimc» wuidg. — Assistent Gühn bekundet: Er habe einmal gehört, daß Bauer -?> Mark für fden Ahlwardt Fonds erhalten, dieselben aber trotz inebrsticher Anfforternngen nicht abgesührt habe. — Auf Befragen des Dr. Weiendonck bemerkt Wohlsabrt: Er habe die *.<>0 Marl erst von Bauer zurückcrhalten, als-er bcaitnagt Kaue, daß L-tzierer den Pkani s.'stalionseid leiste» sollle. Wenn er gewußt, daß die „Rene-Deutsche Zeitnng" mit Umerbilaiiz arbeite, dann Höne - er dem Bauer die «<>>0 Biärk nicht ge liehen: das Unlernehnien sei ihm aber als ein »ehr lucraiives ge'childcrl worden. ' " - Sodann wird der incriminirte Artikel aus der „Anti Eorruplion" verlese», der die Ueberschrist trägt: „Die Eorrnplio» im eigenen Vager oder Erwin