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Freies Blatt · 1894-04-15 · 106 (15.4.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
106 (15.4.1894)
Date
1894-04-15
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Freies Blatt. Nr. 106. „Welches ist dieser TypuS? Wie kann ich ihn wiedergeben, wo ich denselben nicht kenne?" „Jedes, wie immer verzerrte Gesicht kann dazu verwendet werden, die ursprüngliche Form, auS welcher eS verunstaltet wurde, zu zeigen. Die Form jener armen, polnisch jüdischen Gesichter ist nicht unähnlich . Ihrem Gesichte." „C, aber ich bin keine Jüdin." „Davon werden wir gleich sprechen." Emanuel verließ den Tisch und begann im-Zimmer auf- und abzuwandeln; alS ob diese Bewegung ihm Helsen sollte, seine Gedanken in Worte zu kleiden; nur von Zeit zu Zeit blieb er stehen. Nelly beugte sich über ihre Schalen und Taffen und gab nicht daS geiingste Zeichen der Aufmerksamkeit. Franziska saß mit gefalteten Händen da, sie antwortete bloß, wenn Emanuel irgend ein Wort der Erwiderung zu erwarten schien. „Die ursprüngliche Form deS Gesichtes." fuhr er fort, „war so wie die Ihrige. Wie diese Form thatsächlich war, als sie aus deS Schöpfers Händen kam — wie vollkommen — wie schön sie war — kein Mensch kann es fassen, denken Sie daran, Franziska. Unserem Glauben zufolge wurde der erste Mensch nach dem Ebenbilde Gottes erschaffen. Er also, der Antlitz und Gestalt des ersten! Menschen begreifen könnte, stünde dem Schöpfer so nahe wie Adam salbst. .Adams Fall hat auch sein Antlitz verändert. Aber etwas von der zöttlichen Herrschaft verblieb doch darauf, um in den Zügcu der Propheten wieder zu erscheinen. Welch großer Abstand zwischen Adams Angesicht und dem eines kleinen, darbenden polnischen Juden! Vielleicht," fügte er kritisch hinzu, „besteht die größte Annäherung zu jenem TnpnS, wie ich schon früher sagte, noch fort in einem Gesichte, wie dem Ihrigen, Franziska." „C! Aber das ist ja zu viel gesagt." Franziska erröthete, obwohl cs kein schales Eompliment war. „Warum in meinem mehr, als in den: Ihrige», Emanuel?" „Weil Sic ein Weib sind, eine Jungfrau/rein und heilig. Aber denken Sie nicht mehr an sich. Denken Sie nur an diesen Typus, an daS Gesicht, das dem auSerwühltcn Volke wirklich , eigen ist. Waffen Sie die Tnpen der ganzen Welt an sich vorüberzichen: den englischen, den sranwsischtn, den spanischen, den italienischen, den russischen, den indianischen Typus. Nehmen Sie von jedem die edelste Form, und vergleichen Sic dieselbe, mit der edelsten Form unseres GesichtStypus! Veredeln und .erheben Sie' dieses Gesicht, machen Sie cs im Geiste fähig für die höchste geistige Stufe, welche Sic fassen können, und Sie werden sich dem ursprünglichen Typus zu nähern beginnen, von dem dieses arme polnische Antlitz abstammt. Es gibt zwei Theorien, die eine, daß die Menschheit gefallen sei, um nach mannigfachen Kämpfen wieder einporzustcigen, die andere, daß die Menschheit vorwärtSschrcite, auS der Tiefe sich erhebe von, Anbeginn. Beide haben dasselbe Ende: die Vollendung, oder die Wiederherstellung veS Menschen, wie er nach dem Ebenbilde GotteS erschaffen worden wqr. Nach der einen Theorie hat' sich daS Angesicht deS Manschen sochic seine geistige Natur mit dem Falle so plötzlich und so sehr verändert daß man sie kaum wiedererkennen kann: nach der anderen Theorit verändert es sich langsam auS einem niedrigeren zu einem höheren Typus. Ich ziehe die Theorie vom gefallenen 'Manne vor, und ich stehe gerne Betrachtungen an, wie sein Gesicht allniälig jenem gleich wfrd, das er vor dem Falle hatte " I „Und Sie glauben, daß alle jene armes» Geschöpfe, welche ich am Sonntag sah, dieses Gesicht aufweisen sollten? So sind Sie wenigstens zeyr herzlich weit davon." ..Ja, Sie sind'S. Aber nehmen Sie dal Gesicht eines Einzelnen." Er;og. ein Notizbuch hervor und entwcrf flüchtig ein Gesicht niit dem Ausdruck von Gemeinheit, Niedrigkeit und verächtlicher Herabwürdigung. ES schien die möglichst niederste!Stufe darzustellen. „Sehen Sie," sagte der Künstler, „wir sind noch nicht so tief als dies. Einige von uns sind in dieser Hölle gesunken, aber ich denke, wir werden nicht tiefer mehr sinken. Nein, wir heben uns daraus empor. Franziska, mehr als tausend Jahre ist .diese Race innerhalb der Stadtmauern gehockt, gekauert. Nur innerhalb der Stadtmauern hat es für sic einige Sicherheit gegeben. Es fvar ihnen verboten Grund zu besitzen, zu studiren, an den Beskrebustgen anderer Männer theilzunehnicn; die unwürdigsten Gewerbe wurden ihnen ^igetheilt; verächtliche Unterwürfigkeit verlangte man von ihnen; sie mußten in einem abgetrennten Viertel wohnen; unter den, richtigsten Borwand wurden sie beraubt, gefoltert und getödtet. Sie waren stets arm, niedrig, verachtet, wehr- und hilflose Opfer zahlloser Insulten. Wenn Sic wieder solche Gesichter sehen, wie Sie Sorntag sahen, Franziska,' so erinnern Sie sich, daß diese hervorgebrachi worden sind durch dreißig Generationen der Verfolgung — unbarmherzig — beharrlich — wie >'idie Geschichte der ganzen Welt nicht em zweitesmal aufweiscn kann. Angenommen, die lange Reihe von Generationen habe mit dem edelsten Angesichte begonnen, das je die Erde besihaut, was mußte daraus werden nach diesen tausend Jahren der schrecklichsten Erniedrigung? Was mußte daraus werdeu, frage ich Sie? Nun, Sie haben'« ja gesehenlassen Sie uns lieber fragen, wie es werden wird. Sehen Sic!" Dann begann er mit ein paar Bleistiftsti ichen langsam, langsam, dieses verfallene, herabgekommene Gesicht wieder herzustcllen. „Sehen Sie, Franziska, das ist der Urgroßvater dies:s ManncS. Er ist ein armer Teufel, nicht wahr? Einen diesem äh ilichen Mann sahen Sie am letzten Sonntag in einer Bude Hemden verkaufen, um einen Shilling daS Stück. Ein armes Geschöpf, aber dich noch bester daran, als es sein Enkel unter denselben Bedingungen ist. Das ist sein Urgroßvater — wir sind fünfhundert Jahre zu cückgegangen. Sein Kopf ist größer, sein Blick edler, aber von Trauer erfüllt. Hier ist einer aus demselben Stamme, er wurde von den eisten Kreuzfahrern, welche durch Deutschland marschirtcn, umgebracht, d r Zeit »ach war cs beiläufig der Beginn des Ghetto und der Sklaverei. Er hält seinen Kopf aufrecht, er hat seine Würde noch nich^ verloren. Das Antlitz hat ein wenig von der feineren Form wicdergl wonnen — nicht wahr? — Hier haben Sie wieder den Ahnherr, Ihres armen, kleinen verkommenen Juden aus der Römcrzcit, et ist ein gelehrter Rabbi, einer, welcher das Gesetz ungestüm verficht. Vielleicht ist sein Name Rabbi Akiba, dessen lebendiger Körper mit üsccnen Haken in Stücke zezriffen werden wird." „Es ist ein edles Antlitz," sagte Franzis la. „Aber, Emanuel, cs ist ja Ihr eigenes." So war cs auch. Die verkommenen Zi ge auf ihren ursprünglichen TypuS zurückführend, hatte Emanuel unbewußt ein flüchtiges Bild von seinem eigenen Ich hcrvorgcbracht. „Ist eS das Meinige?" fragte er lächelnd. „Dann ist es das Ihrige auch. Sehen Sie. Hier ist die weibliche Fornl von diesem TypuS." So war's, und Franziska erblickte ihr eigenes Bild neben dem Emanucls. „ES ist sonderbar," sagte sie, >^aber die Mauren sind Araber — Westaraber, und die Araber sind die Kinder Jsmacls." „Sie haben gesehen, wie der jüdische Tyyus herabgesunken ist- Er wird jetzt seine alte Form wicdererhalten. Uebcrall, außer in Rußland, ist unserem Volke die Welt offen, stur sind frei, wir können uns auSbreitcn wie wir wünschen. ' Der Votwurf, daß wir für den Gelderwerb leben, wird allniälig aufhörcn. Unsere besten Geister streben überall nach höheren Dingen. Nicht in einem Tag oder in einem Jahr oder in einem Jahrhundert wird der Charcktee deS Volkes geändert werden. Denn das Fallen der Ghettomauer a ist nicht gleichbedeutend mit der vollständigen Umwqndlung der Inwohner. Aber wie Viele von uns sind schon in der freien Luft außerhalb gewandelt und kennen ein weiteres Leben? Schon, däucht mir, feigen die Gesichter Anzeichen einer Rückkehr. Kind" — seine Stimmf sank — „ich will Ihnen etwas Neues sagen. Wen» wir von unseres, Vorfahren sprechen, so sprechen wir von uns selbst; wenn wir ton unseren Nachkommen spreche», so sprechen wir auch von uns selbst. DaS werde ich Ihnen ein andermal beweisen — das Leben, welches Ihr Vater und Ihr Großvater führten, ist Ihrem Gesichte als Stempel aufgedrückt. Sie werden Ihren Kindern Ihre eigene Gcschichtt übertragen — die Geschichte Ihrer Thaten und Ihrer Gedanken. Beobachten Sie die Menge, welche die Straße dahinzirht — betrachten Sic die düsteren und sorgenschweren Gesichter der meisten, selbst der jungen Leute — sic zeugen Ihnen von dem düsteren und sinnlichen Lenen des Vaters und deS Großvaters. Ein oder zwei solche Leben mehr und sie sinken auf eine niedrigere Stufe, sie stürzen in die Tiefe. Wie das Gesiebt ist, so war das Leben. Wie des Vaters Leben, so ist des Sohnes Gesicht. Tie Welt ist sorglos, Kind, der Lebende gedenkt des Todten nicht, »och lobt er das Andenken Jener, welche ihn vor jenen tieferen Stufen bewahrt haben. Sehen Sie mich an, Kind von Angesicht zu Angesicht — sehen Sie mir voll inS Gesicht — so — ja — Ihr Vater war ein Mann von reichen Gedanken und r scheu. Wissen — vielleicht Ihr Großvater ebenfalls." „Mein Vater war ein Mann der Wissenschaft. Sein Vater und sein Großvater — der ganze Stamm — waren Gelehrte und Männer der Wissenschaft." „Das laS ich in Ihrem Gesichte, Franziska. Nun betrachten Sie die Juden ein wenig näher. Am verflossene» Sonntag sahen Sie die älteste derzeit existirende Gottcsverehrung. Ohne diese Gottesvcrehrung hätte sich das Volk schon längst aufgelöst und mit den umgebenden Nationen vermengt. Diese Gottesverehrung hält uns zusammen. Sie ist mit der größten Eifersucht behütet worden, die minutiösesten Regeln sind geschaffen worden für ihren Schutz; es ist unser Band der Vereinigung." l

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