Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 106 (15.4.1894)
- Date
- 1894-04-15
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Ztr.^106. Seite!' Freies 33 I a 11. (Wider Juden und Feudale.) Im deutschen Reichstage brachte der Agrarier Graf Kanitz einen von 26Tivoli-Antisemiten und 8Radau Brüdern, d'm Alibikünstler Liebermann, dem aus der national-liberalen Partei ausgeschlossenen Hahn und dem Abgeordnete» von Ahlwardt'S Gnaden, Förster, unkerlchriebenen Antrag ans Einführung deS GetreidenwuopolS ei». Ein Wiener fortschrittliches Journal machte dazu die Bemerkung, daß in Preußen die Tobua, Kanitz, Maltzahn allein so viel gelten wie einige Tausend anderer Bürger. Darauf entgegnet aber das Vergani-Blatt: Im Hause deS Gehenkten solle man nicht vom Strick reden. Man möge bedenken, daß „nniere Feudale» so viel gelten als alle übrige» Staatsbürger znsammengenomnre», und daß sie diese» Einfluß jederzeit weit mehr als die preußischen Junker gegen das Volk a»«- genützt haben". Bergan! zieht also wider Juden und Feudale lrS. Ist Prinz AloiS damit einverstanden? (Empörend.) Ein Deutschböhme schreibt »»«: Dar deutsche Volk in Lesterreich, insbesondere aber in Böhmen, betrauert den Verlust Franz Sch me stk a l'S, eines Manne», der sein Leben lang in guten wie bösen Tage» für Kaiser und Reich, Deutschthum und Freiheit «uavitor in modo, fortitcr in re eingestandeu ist, besten ganzes Sinnrn und Trachten dem Wähle de« Vaterlandes und seiner deutschen StammeSgenosten galt. Ten edle» Absichten deS Verblichene», der Makellosigkeit seine» Charakters, seiner hohen Begabung al« Sprecher »nd Organisator, seiner grenzenlosel, OpserwiUigkeit zolle» auch politische und nationale Gegner rückhallSloS Anerkennung. Feudale, Alt- und Jungischeche» bewahrten sich genug humanen Sinn, um an der Bahre eine» der besten Söhne des deutschen BolkeS nicht Jubelhymnen anznftimme». Dagegen bieten Antisemiten, welche sich als Pächter des Teulichthum» gebe,den, da» empörende Schauspiel, daß ihre Blätter den Tobten begeifern, seine Verdienste leugnen und sich darüber freuen, daß nun wieder die Hoffnung vorhanden sei, eS werde ein „kräftiger, selbstbewußter Hauch nationalen Lebens und Empfinden» in die deutsche» Parteien Böhmens dringen". Tie Deutschböhmen sind viel zu iutelligent, um die Erwartungen;u rechtfertigen, welche antisemitische Speculanten an das Ablebe» Schmeykal'S knüpfe»; das wiffeu wohl auch manche jener armseligen verkommene» Schreibknechte, welche der mit Tummheit gepaarte» Gemüihsrohheit ihrer Brolgeber in so empörender Weise Ausdruck verleiben. (Aus Friedrich Pechl's Erinnerungen.l Der Berliner „Täglichen Rundschau", einem jener Blätter, welche gegenwärtig in Teuirchland die Racen- und ConsessionSH'etze fördern, spielt Friedrich Pecht eineit bösen Streich. Er veröffentlicht bekanntlich in drm^lbe» seine „Lebinserinnerunge»" rFranksurt 1848—1849), und da lobt er, wie schon irn „Freien Blatte" erwähnt wurde, die „echt deutsche Gesinnung" Berihold Auerbach'S »nd rühmt Alexander K a u f m a » n als „liebenswürdigen Idealisten" und „ehrlichen deutsche» Schwärmer,' wie er nur je einen gegeben hat". An dieses mit der airtisemitiiche» Doctri» nicht zu vereinbarende Uriheil über jüdische Cchriststeller reiht sich »u» ei» solches über de» Hamburger Advocaten Gabriel Rieß er. Friedrich Pecht schreibt: „Dritter Präsident war längere Zeit der vortreffliche Rießer, ei» dicker, roihhaariger - Hamburger Jude, aber von ebenso hochachtungSiverthem, lies humanem Charakter, als echter deutscher Gesinnung". Wir könne» cS nur wieder holen: Dr. Lange wird durch Pecht »och in den Verdacht komiiu», ei» Philo semit zu sein. (Geftiindnissk Böckkl's.) Ist eS die Folge eine» „schwachen Augenblickr" oder die Einleitung zu einem Abfall vom AntisrinitiSmu« — wir wissen es nicht .und können nur die Thatsache verzeichne», daß Böckel in seinem „ReichS herold" folgende Gcständniffe macht: Weshalb komme» die Juden vorwärts? Es genügt nicht, diese Fräge einfach mit dem Hinweis aus Schwindel und Betrug obznihun, wen» inan nicht in einer ganzen Reihe von Fällen un gerecht sein will. Man muß vielmehr auch andere, praktische Motive bei den Juden aufsuchen Zunächst folgende:- Der Jude erzieht sei» Kind prak tisch er. Während daS Kind de» Deutsche» in der Schule eine ganze Masse werthloser, im praktischen Leben unverwendbarer Tinge lernt, belehrt der Inte leinen Sohn über die gewerbliche» Verhällniffe, gibt ihr» -Kunde von der VolkSwirthschaft, von seinen Ersahrunge» rc. Ist eS ein Wunder, daß da» viel bester sürs Leben auSgestattete Judenkind dem deutsche» gegenüber im Vortheil ist? WaS ist die Lehre, welche wir daraus ziehen müffen? Deutsche, erzieht Eure Kinder praktischer, vor Ällem rüstet sie mit Keirntniffe» aus, die ibne» im gewerblichen und Geschäftsleben vorwärts.Helsen! Ter Jude stattet seinen Sohn, wenn er in« Geschäftsleben tritt, besser aus. AIS kluger Geschäftsmann weiß der Jude, daß heutzutage das Capital ein Haupt factor ist, von dem das Gedeihen eines Geschäftes oft mehr abhärrgt, atS von Talent, Fleiß und Geschick. Er gibt also, was er an Geld verfügbar hat, dem Sohne fürs Geschäft mit und begnügt sich mit der» für ihn Nöthigste». Er sagt sich mit Recht: „Laste ich meinen Sohn ohne Geld in die Welt treten, sokommt er nur langsam und mühsam i» die Höhe, geht vielleicht auch zugrunde. Deshalb gebe ich ihm'mit, so viel ich irgend abgeben kann." Ebenso handelt er bei.seiner Tochter. Er gibt ihr eine stattliche Mitgift mit, damit sie in ihrer Ehe so gut als möglich fahre. Das ist von dem Juden sehr klug gehandelt, und gerade diesem Umstande ist rS zu verdanken, daß unsere Geschäftswelt immer mehr in jüdische Hände übergeht. Wie handelt nun demgegenüber der Deutsche? Hat er Geld, so hütet er sich wohl, davon etwas herzugebe», ehe er stirbt. Er häuft dar Geld in reiner» Casseirichranle atS seine Augenweide auf und ragt lenzem Sohne beim Einlrirt i»S praktische Leben de» schönen Trost vor: „Ich.habe mit RichiS angesangeu, gehe hi», sänge auch mit RichtS a» und suche, daß du eS r'o weit biingst wie dein Vater." Da steht »u» da» arme Menschenkind mit leeren Handelt - und muß zum Juden al« Commis. oder GeichästSsührer gehen, bloß weil dieser da» Geld hat und sei» Herr Papa „sich nicht attSzieht. ehe er' todt ist".' Sehr christlich, sehr schön!- Ter arme Meirich, muß die Ehre, Sohn seines Vater« zu rein, dadurch büßen, daß er Jahrzehnte im Solde de» Juden schmachte» muß. nicht weit dieser ge scheidter oder begabter, sondern weil sein Vater praktischer — beinahe hätte» wir gesagt christlicher war. , („Hugenotlengelichlee.") Edouard' Trumout, behandelt jetzt die Protestanten in Frankreich nicht besser als die Juden, und die .,I.i>-r<- I'urol.' " spricht auch bereits von einet» „Hugenöttengelichter". Ment macht mit dem Antisemitirinur ällerorten die gleiche. Ersahrung; er' bleibt nicht bei den Judeu stehen, sondern eriverlerl aUmälig das Gebiet der Raeerl- und Eon sessiouShetz-. . s (Gtgrn jüdische Gnmiiasiastiiitiktt l Die „Rowoje Wreirrja" ist.dar über entsetzt, daß von der Gesamintzaht der Schüleritrne» in den werbltchert Gymnasien Rußland; der zehnte Theil jüdischer Conseffrou seil und daß der Pöreeutiatz der Jüdinnen in einigen Lehrbezrrkeu eine türchteiltchc, Höhe erreicht habe, so B. irn Warichaner aus 19 Percent und im Oocssäer gad aus 40 Per reut gestiegen sei. Sie legt »ui, dem Ministerium für Volksausklärnng nahe, gegen da« Zirströmen der Jüdinneu zu de» Griinnasieii Maßregeln zu ergreifen, indem^sie bereits von einer diesbezüglichen „Absicht" desselben spricht Auch für die „Begründung" eines solche» GewaltacteS wird von dem russische» Judenfresterblatte vcrgesorgt. ES läßt fast sämmtliche Berichte der Gymnasialdirectionen eine» schädtichen Eiustnß der jüdischen Gstinnasiastinne» .aus ihre nichtjüdiiche» MUschiiseririueu lorvohl in religiös sittlicher Beziehrtug atS auch hinsichtlich de».Forträrritte» der Bildung coustatiren. '„Religiös" ünd „sittlich" — mit diesen Worten tretberr die Antisemiten 'in allen Ländern eine» großen Unfug; sie bedieneu ^sich ihrer zur Rechtsertigung jeder Ungerechtigkeit. Reu ist die Angabe, daß. Jüdinne» den Fortschritt der Bildung ihrer christlichen Mitschülerinnen beeiustusseu, aber auch absolut unverständlich. Sind jüdische Gstinnasiastinne» irnstande, die Fähigkeit und den Fleiß or>hodorer"Collegiir»ei, zu schwächen? ---Irn Uebrigerr ist die „Begründung", welche die „'Rowoje 'Wreuija" für Maßregel» gegen jüdische Ginnnasiastiirne» einer» Hoden Mini-- steril»» offeyrr't, gerade so viel rverth wie die anderer Gervaliacte, die reit Jahr und Tag irn heiligen Rußland verübt auerden. , . L-cuMetoii. Zlie Empörerin. Roman nach dem Englischen deS 'Walter Beianl von Marie Majer., (yortfttyuttg.) XXIV. Ls war aut Morgen nach dem Sturme. Ruhe, süße, heilige Ruhe war eingetreten. Tie einzigen Anzeichen eines kürzlich stattgehabten Unwetters waren die niedergeschlagene» Augen und scharnrolhen 'Wangen, mit welchen 1'ieUi) sich bei dem (Geschirr zu schassen machte. Lmanuel saß still da, ganz in (Gedanken versunken; wer sollte ihm von solchen ftlcinigfciten, wie eines WeibeS Liede und eifersüchtige Wnih, erzählen'? Franziska ver-suchte bei ihrem Morgengruße, Bergeff'eiiheit über die Scene vom vorigen Abend zu breiten, doch gelang eS ihr nur unvollkommen Tas schweigsaiite Frühstück war beendet Lmannel uhob sich, als wolle er die Mädchen verlassen, doch überlegte er sich's anders, wandte sich an Franziska und begann ein Gespräch mit ihr. "Aber aus dem Gespräch wurde eine Unterredung, und aus der Unterredung wurde eine Predigt — und die Predigt endete mit einer Entdeckung. „Tie sahen," sagte Lmanuel, „am Samstag in der Synagoge und am Tonntag in jener Straße — vielleicht zum erstenmale in ihrem Lehen — die Gesichtszüge eines' gefallenen BolkeS- Riehls erfüllt mich mit solcher Trauer als unter diesen unglücklichen AuSgewiesenen von Polen und Rußland zu leben und zu verkehre» iuid die Ent arlung deS Typus beobachten zu müssen.'" „Sie sahen sehr elend aus," sagle Franziska. '„Tie Entartung spricht aus ihren Gesichtern, aus den Gestalten, auS dem Betragen, wie ans dem Ton ihrer Stimmen. Schaden Sie das Gesicht an — das niedrige nichtssagende Gesicht — bemerken Sie die niedrige Berschlagenheit in ihre» Augen; Sie können ei» solches Gesicht nur verachten. Aber haben Sie etwas Mitleid für den, der dieses'Antlitz trägt. Bersuchen Sie, wenn Sie'S können, diesem Gesichte seinen ursprünglichen Typus wiederzugeben."