Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 106 (15.4.1894)
- Date
- 1894-04-15
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/4886575-5439163-5441511--1213-4887683- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 3. Nr. 106. * „ Freie» heimgesncht. Wir würden eS als eine Versündigung an unseren und unserer geneigter Leser LachuiuSkeln erachten, wenn wir die Emanationen diese« PapicrgcistcS für onscren Papicrkorb zurückbehieltcn. Wir erfüllen nur unsere bescheidene Pflicht, indem wir den Kern anS diesem Geist» der mit dem bekannten Pudel eine gewisie Teriiperamcntanlage gemeinsam hat, in den Originalschalcn hier auftischcn. AnS zahllosen Exemplaren der „Unverfälschten Deutschen Worte" grinste unS bisher nur eine Nationalgröße an: Georg Schönerer, gewesener Ritter :c, neben dem als Folie auch ein gewifler B i S m a r ck hie und da von Gnadenwegen mitgenannt ward. Zu unserem Schmerze ignorirt der „Moderne Völkergeist" unseren Hauptmitarbeiter Schönerer gänzlich, ja er deSavouirt sogar daS Schönerer-Organ nach jeder Richtung. Nur Eines hat er ihm glücklich cbgeguckt, d.n modernsten Fetischcult. Der Fetisch heißt bei ihm aber D ü h r i n g — und eS gibt nur einen Dühring und alle übrigen Fetische sind Klabautermänner! Stürzen, Aufräumen, Brechen und Nicderrcißen ist der Schlachtruf unseres Dühring-GeisteS. Am meisten ist er über den besagten Herr» v. Bismarck ärgerlich, der sich durch einige kecke Streiche bei de» Journalisten ein gewiffcS Ansehen zu erschleichen verstanden habe, so daß sie sich mit Dühring weniger als mit BiSmarck beschäftigen. Diese Herren Zeitungsschreiber sollten es sich doch nierken, daß „Bismarck der Vertreter der alten Gewaltstaatlichkeit mit ihrer Knechtung und Ungerechtigkeit sei und als solcher der Vergangenheit angehöre," Dühring aber sei der Vertreter der „freien arisch-germanischen Gesellschaft". Mit anderen Worten: Nur Dühring ist unser Zeitgenosse! Er ist also noch nicht gestorben. DaS ist nur zu billigen. Minder deutlich ist aber der Spruch, daß" „Unkenntniß des Dühring'schcn Gedankenkreises in einem überschwenglichen CultuS des erdichteten Ideals Bismarck'schcr Bergcsienheit in Bezug auf die überaus kläglichen Ver hältnifle des engeren sogenannten Vaterlandes zu suchen sei". Von BiSmarck wird weiters gesagt, er sei „weniger groß burch seine eigene Größe als durch die Kleinheit seiner slaätsmännischen Zeitgenosten." Dieser BiSmarck habe Deutschland eigentlich zu einem höchst komischen und kläglichen Gebilde veruneinigt; Dühring würde dies ganz anders gestaltet haben. Lasten wir nun daS Wort dem „Geiste", der sich des Ferneren so ausdrückt: „Um aber wieder auf den Ausgangspunkt zurückzukommen, so ist Bismarck durchaus antinationalitär. Er ist erstens feudal vom Scheitel bis zur Zehe und zweitens ein Dynastenknecht. Hat er doch selbst seinerzeit im Reichstage erklärt, er sei nicht der Diener deS Volkes, sondern nur der Diener Cr. Majestät. Schon bloß mit anderen Kraftmenschen verglichen, also beispielsweise mit einem Eromwell oder Richelieu, schrumpft seine Größe bedeutend. zusammen. Das Werk dieser Männer dauerte wenigstens so lange, bis sie die .'Ingen schlosten, aber Bismarck siel einer jämmerlichen byzantinischen Hofpartei zum Opfer. Auch seine mit dem Alter zunehmende Vorliebe für Hebräer und hebräische Praktiken niedrigster Art kann nicht genug hervorgehoben werden. Dabei war er stets im eigentlichen Sinne volks- „nd arbeiterfeindlich." *) Dem Herrn v. BiSmarck, der sich mit den Hebräern verbündet gehabt, wird von der gegen ihn erhobenen Anklage auch zur Last gelegt, einen Artikel, den ihm Dühring direct zugesandt, unbeachtet gekästen zu haben. Unter solchen Verhältnissen konnte und durfte die Meinung deS Berliner Geistes natürlich nicht anders lauten alS: „Wir vermögen ferner in BiSmarck nur einen großen und rücksichtslosen, seinen Zeitrivalen in dieser Beziehung bedeutend überlegenen Intriganten zu scheu, dagegen in Dühring einen großen Politiker im besten C i n n c. ES kommt nämlich darauf an, waS man unter Politik versieht. . . . DaS von BiSmarck geschaffene Grüppengcbilde großer und kleiner Dynastien ist weder von besonderer Dauerhaftigkeit noch von sonderlich harmonischem Gefüge. Bismarck arbeitete mit den Mitteln der alten Diplomatie, unter denen das Belügen, Betrüge», Täuschen und Erheucheln an erster Stelle stehen. Wenn nun Jemand vermittelst solcher Künste eine Ausbeutung-- und BcherrfchungSgelegenheit durch mehrere Jahrzehnte hindurch für sich und seinen Dynasten Aufrecht zu erhalten vermag, so mag er in seiner Art und in seinen Kreisen immerhin als ein Talent gelten, ein Politiker in unserem Sinne, geschweige denn ein großer, ist er jedoch keineswegs." Nach endgiltigcr Abkragelung BiSmarck'S in dieser vierten Nummer fühlt sich der Geist Dühring's etwa« ermüdet und läßt eS noch wie zum Abschiede bei einigen Fußtritten bewenden, die unter der Adreste der „Unverfälschten Deutschen Worte" unseren heimischen Antiscmistlingcn zutheil werden, bei welcher Gelegenheit auch die Herren „Junker und Pfaffen" nicht *1 <&t folgt dann eine Auslastung über das sociale jiöniglhum und über taS Christenthum, deren Wiedergabe preßgesetzlich unzulässig erscheint. Statt. ganz leer ausgehen. Der '„Moderne Völkergeist" läßt sich wie folgt vernehmen: „Wir stehen dem partcigemäßen Viertels- und ScheinantisemitiSmuS ebenso fern, wie dem marxistischen SchcinsocialiSmuS oder dem völlig verstandcSloscn und zerfahrenen Anarchismus, und sind der Meinung, daß dieser reaclionäre SchcinantifemitiSmuS sich vor dem wirklichen dcutsch-imtionalitären Antisemitismus ebenso bekreuzigen wird, wie der judäischc AstrrsocialiSmuS vor der Socialilüt. Wir vertreten allein den vollständige», unverkürzten und unverfälschten Antisemitismus, der auf einem voll erkannten Gegensatz beruht, nämlich auf der Unvereinbarkeit deS modernen BölkergeisteS mit dem AsiatiSmuS, insbesondere des nationalitären TeutschlhuniS mit dem Hcdräerthum. Antisemitismus oder bester AutihcbraiSmuS bedeutet uns daher, daß AllcS, was von den Iud8ern und anderen Asiaten herst am int, »ich ts taugt u»d anSgrschiedcn werden muß."*) Schlußfolgerung: Tcutsches Volk! Beuge dich dcmuthsvoll 'vor Dühring! Horche auf Dühring! Predige'-deinen Weibern, lehre deine Kinder täglich folgende Kernsäye: „ DaS deutsche Volk und überhaupt die modernen arischen Völker haben genug große Männer, an denen Verstand und Gemüth sich Genüge zu thnn vermöge». Was soll u » S ein BiSmarck, wo wir einen T ü h r i n g haben! Staaten vergehen, die Namen der Staatsmänner und Feldherren verbleiche», nur Dühring ist neben Sokrates u rrsterb li ch." DaS ist wahr. Tic verkörperte Narrheit, ob sie Dühring heißt oder auf den Name» eines Ostmärkers hört, wird für alle Zeiten den Mensche» aller nationalitären Richtungen Spaß machen, aber Sokrates braucht man dabei nicht zu nennen. I'r. I-'. S. K. lTic Gleichberechtigung in praxi.) Im Polenclub des Abgeordnetenhauses führte bei der Bcrathung des Staatsvoranschlagcs Abgeordneter Dr. B y k Beschwerde, daß jüdische Beamte jn der letzten Zeit nahezu principicll nicht befördert werden, und daß jüdische Bewerber um staatliche Anstellungen bei allen Zweigen des Dienstes einen ablehnenden Bescheid erhalten. WaS unter der Regierung deS Grafen Taaffe, der dieses System inaugurirt hat, noch gewistcrmaßcn verschämt und unter dem Fcigcnblatte zu geschehen pflegte, daS trete in letzter Zeit ganz offen hervor, denn man scheut sich nicht, den Bewerbern zu sagen, daß ihnen ihre Confessio» ein Hindcrniß sei., und daß sic einen Religionswechsel vollziehen mögen. Das Staatsgrundgesetz über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger und das StaatSgrundgesctz über die Ausübung der RegierungS- und Vollzugsgewalt werden da einfach »nt Füßen getreten, und abgesehen vom Rechtsbruche wirke ein solches Vorgehen corrumpircnd auf den öffentlichen Geist und sei ein dircctes Stimulans für den Antisemitismus. Dr. Byk erklärte, daß er eS für seine Pflicht halten müßte, beim Titel. „Ministcrrath" diese Beschwerde nachdrücklichst im Abgeordnctenhause zu vertreten, doch verkenne er nicht, daß dadurch eine schrille Dissonanz mit der Erklärung deS Clubobmanncs sich ergeben würde, wonach der Polenclub volles Vertrauen der Regierung entgegenbringe und. treu znr Coalition halte. Eine solche Beschwerde müßte ihre Spitze azzch^ gegen die liberale Partei im Hause richten, welche mit auffallender, geradezu verdächtiger Gleichgiltigkeit dieser Frage gegcnüberstehe. AuS diesen Gründen beschränke er sich für diesmal auf die Beschwerde im Polenclub, welche doch an ihre Adreste gelangen wird, weil Mitglieder, der Regierung im Club sitzen. An diese Ausführungen deS Abgeordneten Dr. Byk knüpfte sich eine längere Debatte, in welcher Abgeordneter Dr. v. K ozlowSki behauptete, daß die Beförderung von Beamten bloß eine Sache der Executive wäre, so daß eS schwer sei, sie im Parlamente -auSzutragen. Abgeordneter Tr. R o S z k o w S k i polemisirtc mit dem Vorredner' und unterstützte wärmstenS die Ausführungen des Dr. Byk. Es handle sich in dieser Frage, fägte Dr. RoSzkowSki, nicht so sehr um das Avancement von jüdischen Beamten, als um deren Aufnahme in den Staatsdienst. Er wisse es aus Erfahrung, daß jüdischen Candidaten bei der Aufnahme in den Staatsdienst riesige Schwierigkeiten gemacht werden und richte <m den in der Sitzung anwesenden Minister Ritter v. Jaworski den Appell, derselbe möge' diese Angelegenheit im Ministerrathe zur Sprache bringen. Der Minister erklärte, daß für ihn bei Beförderung von Beamten ausschließlich die Tüchtigkeit und amtliche O.ualification ohne jede Rücksichtnahme auf religiöses Bckcnntnjß maßgebend sind. Abgeordneter Dr. v. R a p o p o r t hob hervor, i» wie erschreckender Weise der Erwerb unter den galizischen Juden abnehme, und daß daS zum Theile auch darin feiste Ursache finde, daß manche bisherige Erwerbsquellen den Juden in Folge organisirtcr Concurtcnz versiegen. Man könne nichts dagegen cinwcndcn, doch müstc *) Auch eine hier folgende nicht reproducirbare Stelle richtet sich gegen da» Lhristenthum und die erbliche Monarchie, in welcher Dühring, der unter bio- Republikaner gegangen zu sein scheint, ebenfalls eine jüdische Schöpfung erblickt.