Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 106 (15.4.1894)
- Date
- 1894-04-15
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 2. Freie» Blatt. Nr. 106 thun mögen, haben wir die Pflicht, ein Ziel inS Auge zu fassen und u»S darüber klar zu werden, wie diese» Ziel zu erreichen sei. Der Verein, welchem wir angehören, heißt nicht umsonst Verein zur .Abwehr' dcS Antisemitismus, und nicht Verein zur .Bekämpfung' deS Antisemitismus. Es würde Derjenige fuy einem großen Jrrthum hingcben, der da annehmen wollte, daß; wir in dem Wahne befangen seien, die Antisemiten belehren oder bekehren zu können. DaS ist ein Ding der pursten Unmöglichkeit. Wen, Jemand sich in eine Leidenschaft bis zur fixen Idee verrannt hat, wenn fein Zustand an gefangen hat, .ein pathologischer zu werden, so ist er Vernunftgründen nicht mehr zugänglich. Die Antisemiten bekehren zu wollen, wäre eine viel schwerere Aufgabe, als jene, welche den Missionären im fernen Afrika bbliegt. Unsere Aufgabe ist cS, wenn wir unS in den Dienst der Humanität und der Civilifation des Jahrhunderts stellen wollen,'vorzusorgen, daß daS Gift deS Antisemitismus nicht weit erg reife, daß in der Bevölkerung nicht immer weitere Kreise von her Haßidee des Antisemitismus angcfresscn werden und nicht verleitet wtrden, sich an der Pietät, an der gefunden Moral und an sich selbst-, am Egoismus im besten Sinne des Wortes zu versündigen. Dühring hat Recht, wenn er sagt, daß kein wahrhafter Christ ein richtiger Antisemit sein kann. Denn wer an dem Erlöser der Welt mit Liebe und Verehrung hängt, der kann unmöglich Diejenigen hassen und angreifen, deren Stamm der große Heiland entsprossen ist. Wir mußten mit Blindheit geschlagen sein, wollten wir die Vorzüge verkennen, selche gerade bei den Juden und den jüdischen Familienvätern anzutreffen sind. Ohne damit den christlichen Familienvätern nahe treten zu wollen, muß es constatirt werden, daß jüdische Väter mit einer bis zur Selbstverleugnung gesteigerten Aufopferungsfähigkeit arbeiten und streben, um daS geistige und materielle Wohl ihrer Kinder zu sichern. Luther sagt an einer Stelle: .Eine arme Mutter kann sechs Söhne ernähren, sechs Söhne können aber nicht Eine arme Mutter ernähren.1 Jüdische Söhne aber können daS. Ich selbst kenne Beispiele genug, Fälle, in denen Söhne und Töchter den Eltern den Lebensabend Angenehm zu gestalten wußten, in dankbarer Erinnerung und in erkenntlichem Danke für daS einstmals aus der Hand der Ellern Genossene . . Der Antisemitismus ist aber auch eine Verletzung deS berechtigten Egoismus. Zeder Mensch hat daS natürliche, angeborene Recht, sich wshl zu fühlen! Wer aber seinen Rächsten haßt, der kann sich nicht wohl befinden. .Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst' — ist das heiligste Gebot der katholischen Kirche, wobei der Egoismus, der berechtigte Egoismus nämlich, als selbstverständlich vorausgesetzt wird. Die Liebt verklärt das Leben, der Haß vergiftet. Tie Liebe erhebt und bringt behagliche Wärme in die Gesellschaft; der Haß zerstört, zerstiebt, flammt zum Kampfe an und erbittert. Thun Sie, verehrte Anwesende, daS Möglichste in Ihren Kreisen zur Festigung der Liebe zwischen allenMcnschen. Das ist daS schönste Ziel socialer Bestrebungen, daß wir unS Alle als Menschen fühlen, ob dieser oder jener Nation, ob dieser oder jener Confcssion angehörig. Vergessen wir nie, daß wir Menschen allzumal Kinder Eines Gottes sind. Reichen wir uns als solche die Hand, und erleichtern wir unS das ohnehin von so viel Mühsal und Kummer beschwerte Leben. Arbeiten wir Hand in Hand an den Zielen des Vereines zur Abwehr deS Antisemitismus." Tie Rede des Superintendenten Tr. Haase, welche wiederholt durch lebhafte Zustimmungsäußerungen unterbrochen worden war, rief eine tiefgehende Bewegung im Saale hervor. Tr. Haase wurde von allen Seiten beglückwünscht. Nach einer Weile ergriff Abgeordneter Dr. Kronawetter das Wort. „Tie edlen Ziele des Abwehrvereines," sagte er, „sind -eS, welche Ihnen, meine Verehrten, unter allen Umständen die Sympathie und die Zuneigung aller Wohlgesinnten sichern. Leider gibt cS in unserer heutigen Zeit der Bcdrängniß eine Menge Momente, we che die Menschen auSeinanderreißen, die doch ihrer Natur, ihrer Wesenheit, ihren Aufgaben und Bestimmungen nach, auf ein gemeinschaftliches Zusammenwirken angewiesen sind. Man steht einander feindlich, gegenüber, an Stelle der Vereinigung blühen Entzweiung, Erbitterung und Bekämpfung. Man befeindet sich wegen der Confession, man befehdet sich wegen des letzten Grundes alles Seins, der doch allen Menschen unbekannt ist. Man bekämpft sich wegen politischer Meinungen, wegen der Verschiedenheit der Nationalitäten. Wir hassen Jene, die eine andere Sprache sprechen, eine Sprache, welche sie von Kindheit an gelernt, weil sie nicht unsere Sprache ist. Und doch ist die Sprache nur der äußerliche Behelf zur Bezeichnung der Dinge und Gefühle, die sich stets unwandelbar gleich bleiben. Darum muß jede Bestrebung, welche die Einheit und Einigkeit, und fei cS auch nur auf einem Gebiete, anstrebt, von jedem Menschenfreunde auf daS Wärmste begrüßt werden. Unser Verein ist berufen, eine große Culturaufgabe zu lösen: den Frieden zwischen allen Menschen. Die Ursache selbst, warum wir Bekämpfer des Antisemitismus -sind, läßt sich auf die beiden Begriffe Altruismus und Egoismus zurückführen. Beide bestehen, seit eS Menschen gibt, nur war die Form ihres Auftreten« nach Zeit und Ort verschieden. Und doch sorgt Jeder für sich und für seinen berechtigten EgoiSmuS am bestenwenn er für daS Wohl seines Mitmenschen in gleicher Weise sorgt. Nach und nach, durch Erfahrung wird die Menschheit zu der Erkenntniß kommen, daß eS nur dort, wo es Allen gut geht, auch dem Einzelnen Wohlergehen kann. Hiezu gehören neben dem confessionellcn auch daS ökonomische und sociale Moment. Hand in Hand mit diesen wird auch die Frage deS Antisemitismus erfolgreich gelöst werden." Der Redner schloß mit einem beifällig oufgenommenen Hoch auf die Mitglieder des Vereines zur Abwehr deS Antisemitismus. Der nächste, Redner, Abgeordneter Professor Dr. Eduard Sucß, führte aus: „Es sind Zeiten gekommen, in welchen man verzweifeln möchte an dem Fortschritt menschlicher Erkenntniß. Und doch schreitet die Menschheit vor, allerdings viel langsamer als man sich verstellt. Die Philosophen des vorigen Jahrhunderts, die FreiheitSheldcn von 18-18, sie glaubten, eS genüge, die von ihnen proclamirten Grund sätze auszusprechen, um sie für ewig unbesiegbar zu machen. Allein Gesetze kann man ändern, Verfassungen ummodeln. Die Interessen sind schon viel schwerer za bekämpfen, sittliche Vorurthcile noch schwerer, am schwersten aber, wenn sie mit häßlichen atavistischen Traditionen verbunden sind und persönliche Momente mit Hineinspielen. Sie bilden daS größte Hinderniß für den Forffchritt, für Jeden, der cS wohl meint mit dem Frieden und der gedeihlichen Entwicklung der Menschheit. Da hilft nichts alS Einigkeit und Ausdauer, und Ihr Verein schafft einen solchen Boden, ein Ziel, zu dessen Erkämpfung alle fortschrittlichen, sonst weit auseinander strebenden Parteien eines Landes sich vereinigen köünen. Wenn die fortschrittlichen Gruppen sich bekämpfen, sind eS andere, welche den Nutzen daraus ziehen. Doch vermögen die politischen Parteien nicht viel zu wirken, wenn nicht die Gesellschaft selbst , zum Bewußtsein deS Unrechtes kommt und die ganze Schädlichkeit der antisemitischen Bewegung.begreift, die einem schleichenden Gifte gleich an Allem pagt, was edel und hehr. In seinem Hause muß Jeder, vor Allem aber die Frau, in diesem Sinne wirken. Und wenn ich von dieser Thätigkeit der Frauen spreche, fällt mein Blick zunächst auf meine Nachbarin. Das würdige, große, in diesem Augenblicke kaum erreichbare Zieh welches diese Frau sich gesteckt, dem sic mit glühenden Worten der Begeisterung Freunde gewinnt und nachhängt, zeigt uns, waS ein weibliche ' Missionär, der seine edle Aufgabe erfaßt hat, zu wirken vermag. Frau Baronin Bertha Suttner, die Vorkämpferin der Friede lSidee, wird, so lange sie lebt, in sich den Lohn dafür tragen, de: Menschheit so schöne Gedanken gegeben zu haben. Sie lebe hoch!" Dieser Toast, welchem namentlich che akademische Jugend be geistert zustimmte, fand im Saale ein hundertfältiges Echo. Etwas befangen durch die improvisirfe, aber dadurch um so imposantere Ehrung, dankte Frau Baronin Suttner in wenigen Worten und wies auf die. Gemeinsamkeit hin, zielche die Abwehr- und die Friedensbestrebungen, die einem Schweste'paare gleichen, kennzeichnen. „Wir. fühlen unS hier Alle Eins," sagt, die Rednerin. „Wir sind Freundedie Freundschaft ist nicht einmal so daS Product unserer Gemeinschaft, als vielmehr durch unsere Gegner hcrvorgerufen. Wer die Friedensbewegung im Allgemeinen und nizch im Besonderen aM meiste» verfolgt, das sind die Antisemiten. Bon detien bekomme ich die gröbsten Briefe." (Stürmische Heiterkeit.)!| Herr Balduin Groller beleuchtete! hierauf in trefflicher Weise die von den Antisemiten genährte Hetzej gegen Heinrich Heine. ES folgte dann noch eine Reibe von Redners, von denen namentlich die Ausführungen des hochverdienten BereinsjmssierS Herrn August Beiling und dcS stuck, zur. Eckstein zugunsten der Abwehridee all feitigen Beifall ernteten. Erst gegen Mitternacht endete der allen Theilnehmern unvergeßliche Abend. j Dom größten teutschesten Mann. In der frumben Stadt, so da geheißen wird Berlin, erscheint allmonatlich eynmal auf brüchigem Holzpapjer im Geleite einer achtunggebietenden Schaar Druckfehler als verwegener Kämpe „gegen religiöse, politische und wirthschaftliche Knechtung" §,Der moderne Bölkergeist", daS „Organ des Socialijtärey Bundes". Es ist schon viermal erschienen und hat auch unS mit feiner Erleuchtung