Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 106 (15.4.1894)
- Date
- 1894-04-15
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Freie» Blatt. Nr. 106. Seite 4. man den Juden schon vom rein ökowinischen Standpunkte andere Erwerbszweige willig erschließen. Er wrwahrc sich mit allem Nachdrucke gegen den ost geheischten Rclig onSwcchsel als Verletzung der Gewissensfreiheit und ersuche de» Mi lister Ritter v. IaworSki, im Mininerrathe davon;u erwähnen, da; über diesen Gegenstand im Poleiiclnb debattirt wurde. Abgeordneter v. Zuk-Skars;ewSki beantragte. daß die Debatte über diesem Gegenstand als vertraulich erklärt werde, was jedoch mit übcrwiegen»er Majorität abgelehnr wurde. Dr. B»k crdiclt namentlich aus Galizier zahlreiche DankeStclegramme; es gereicht in Kreisen jüdischer AmtSb« »erber zur lebhaften Befriedigung, daß die leidige Angelegenheit endl ich einmal zur Sprache gebracht wurde, und man hat auch reges Berstjindniß dafür, wen Dr. Byk eigentlich meiute, als er eS für angezeigt hielt, von der „auffallenden, geradezu verdächtigen Gleichgiltigkeit der liberalen Partei" zu sprechen. >Alts ktin Gtincindtrathr.) Se. Majestät der Kaiser äußerte rsegeiiüber dem Stadtrath Schneiderhan: „Im Gcmeindcrathe wird zu viel geredet, und cS sollte mehr gearbeitet werden." Und ein gerichtliches Erkennkniß in jüngster Zeit wies darauf hin, daß der^Gemeinderath ein Sn sei, welcher „besonderen Anstand" fordere. Die Antisemiten aber ändern ihr Verhalten nicht. DcrPfaidlcr Greg orig fährt fort zu schwäpcn, und zwar in der unanständigsten Weise. In der Gc- »leinderathsntzuug vom. 5. d. M. hatte er die Vermcsicnheit, ohne jeden halbwegs stichhältigen Grund die fortschrittlichen Gemcindrräthe aiizn'chreien: „Jene Christen, welche Juden geholfen haben, unser Volk zu berauben, Juten in ihrem Treiben cegcn die arische Bevölkerung unterstützen, sind daS erbärnllichstc del auf GottcS Erdboden." — Am <>. d. M. fand cS der' Seifensieder D r a m b a u c r für paffend, den Geiiicindcrqlb damit zu behelligen, laß er von feiner Wenigkeit uurerbäliuißmüßig viel erzählte und die anwesenden Berichterstatter liberaler Blätter insullirke. .Cr mußte vicderholt iznrcchtgcwiesen und zur Sache gerufen wrcdcn. — Sehr u lanständig war auch das Betragen der Antisemiten in. der außcrordc etlichen Sitzung dcS Gemeindcraibcs vom 7. d. M., i» welcher Stldlrath M a genauer zum zweiten Vicebürgermcister gewählt wurde. Diese Wahl verdroß sic sehr, und sie gaben ihrem Mißbehagen durch Zwischenrufe Ausdruck, welche sicherlich geeignet nvircn, Zänkereien hervorzurufen, von fortschrittlicher Seite jedoch keiner Beachtung gewürdigt wurden. DaS Präsidiuin des GemciiiteratbcS in nun wieder vollskändi z, und Dr. Lueger muß nach wie vor die „goldene sielte" entbehren. Am 10. d. M. nahm er daiur eine kleine Revanche, und mit jenem Selbstbewußtsein, welches ibn in allen Parteistellungcn kenntlich in achte, sprach er den Liberalen das Recht ab, sich als Vertreter der Gcsommtintcrcsscn der Bevölkerung;u erklären. > Griibl-BlNtkctt. Taß Wien trotz all der lärmenden Ausschrotungen auti'cmili'cher Erfolge immer noch die H ichburg des freien und edlen Burgersiuncs -lei, bewies das Festbankett welches am II. d. M. zu Einen des ucu erwählten Bürgermeisters Grübt-gegeben wurde. Wer sich der wüsten Hetzen erinnert, welche hie Aiitiscmitcn anläßlich der Setisraeau; im Rastibausc vcraiislaltctcn, kann sich des Gedankens nicht erwehren, daß die Anwesenheit von Repräscnlanten aller Berufs- 'rbareu, des hohen Militärs, der hohen Burcaukratie, Mitglieder aller M'rirciungskörper u. s. w. bei dem Bankette keineswegs ein Zufall war und nicht aus'chlicßlich der conciliantcn Person des Neuerwählten aalt, sondern mebr als das osten dcmonskriren sollte, daß die Spitzen wie die Stützen der Wiener Gesellschaft cinmüthig sind in der Lernrtbeiluug ähnlicher Borkomninisie, wie sie die Bürgcrmeisterwahl be- .ileiieien, und, daß Ciniracht allein ähnliche Auswüchse des öffentlichen Velens beseitigen und den Bürgcrsriedc.n wieder hcistellen könne. In di^etanken klangen auch die Worte des Bürgermeisters aus. „Ich sagte Tr. Giübl, „die Kundgebung nicht für meine Person :r Vir';’rdi, sondern für die Sache, der ich diene, für das Amt, das :rii:!o, i.i:'- für die <>'rundsätze der Freiheit und bürch. ii 'Gleichheit, an denen ich stets fcstgehalten habe und .:nch :» alle: Zukunsl sesthalten«werde." Der Redner gedachte dann e; t’n.”!. gs niedlichen und tröstlichen Verhältnisse Wiens und sprach Hrstnung ader gesunde Sinn der Wiener Bevölkerung werde e.i : -cht'.aci! C;t r.inniß rum "Siege verhelfen und cs werde die Zeit k.i.niii« de. die Bürgerschaft wieder iu Einigkeit sich zusanimcn- ' ..d ii w’id ...äch werde inich glücklich schätzen," schloß er, „diese V!.n ,vl; : anbabnen zu können. Was an mir liegt, :r.. ' di t: u n. um die Gegensätze auszugleiche» oder r„-: u : : *t: it z u milder u." Von hohem Interesse war die in dem Toaste des O'vahn K ielmanscgg gelegene Kundgebung, welche mit Sritze den nnril;fdiafilirfnn „Erfolg" der antisemitischen Drciin den H'izrunkl tra' Der Herr Stanhaltkr sagte, von einer Sck, lterung t:s Wiener Volksibums ausgehend: „Die bekannte Lchensst u-iakeit s.i Wiener war ost durch einen gcwisten Pessimismus ab- ’d;. geschwächt, an den schon die alte Sage vom Stock-im-Eisen sehr bezeichnenderweise anknüpft. Der in der Sagengeschichte Wieneine große Rolle spielende „rolhe Mann", welcher mit dem leibhaftigen Gottseibeiuns identisch ist, verführte einen ehrgeizigen Schlosscrlehrling unter dem Versprechen, ihm Geschicklichkeit und Ansehen zu verleihen, ihm seine Seele zu verschreiben. Der Schlosser erlangte auch wirklich eine große Kunstfertigkeit, und er versah den als Stock-im-Eisen bekannten Baumstrunk, in welchem eine geheimnißvollt Kraft enthalten war, mit einem so kunstvollen Schlosse, daß daSselb^ keine Menschenhand mehr öffnen konnte. Welche Kraft in dem Baume verborgen war, darüber spricht sich die Sage nicht aus, aber ich glapbe, eS war der Unternehmungsgeist. Dieser sollte durch den dem Dämon dcS Pessimismus und der Unzufriedenheit zum Opfer gefallenen Handwerker in Fesseln geschlagen werden. Das bethörte Opfer hat schon längst der Teufel gehört. Der gewisse „rothe Mann" aber, der trotz der den Wienern angeborenen Schaffensfreudigkeit mit Hilfe einzelner Bethörtcr derselben ihren Unternehmungsgeist in Fesseln schlagen möchte, spukt seit jener sagenhaften Zeit ab und zu wieder einmal in Wien herum." Graf KielmanScgg ließ sich aber trotz de-erwähnten SpukeS nicht vom Pessimismus übermannen, und mit einem frohen Ausblick auf Wiens Zukunft - trank der um Groß-Wien so hochverdiente Mann auf das Wohl dieser Stadt. Abgeordneter Professor March et, der sich großer Beliebtheit am stachen Lande berühmen kann, gab der Hoffnung Worte, daß die Gesundung der Verhältnisse ani Lande, wo nicht bloß die atmosphärische, sondern auch die politische Luft reiner sei, ihren Ausgangspunkt nehmen und von hier aus sich dem großen Wien milthcilcn werde. Die ganze Feier wirkte wie ein verheißungsvolles Fanal in trüber Zeit und wird von den Antisemiten als eine flammende Kundgebung gegen ihre unsaubere Arbeit entsprechend empfunden. > (Schönrrcr — Hausherr in Favoriten.) Man schreibt uns: Vor circa acht Tagen ist Schönerer Hausherr im X. Bezirk, dessen^ Bevölkerung vorwiegend eine tschechische ist, geworden. Von Vertrauens-, würdiger Seite wird uns versichert, daß Herr Schönerer mit feinem Hauskaufc die -Absicht verbindet, sich in nächster Zeit um eine GenieindcrathSstclle zu bewerben. Er kann in Großen nichts verrichten, drum fängt er'S nun im Kleinen an. WiS wird der unbedingteste Deutsche aber den tschechischen Wählern du seS Bezirkes für Zugeständnisse und Versprechungen mache», dauiit die e ihm ihre Stimmen geben? Gelingt cs ihm nicht, die Tschechen für ich zu gewinnen, dann ist seine Candidatur aussichtslos. Die fortschiittliche Partei in Favoriten wird im Laufe dieses Monats noch eine Bersammlnng einberufen und zu derselben die Reichsrathsabgeordnetcn Professor Dr. Sueß und Wrabetz einladcn; man will eben schon ici Zeiten sich klar darüber werden, welche Schritte zu unternehmen sind, um eine eventuelle Wahl Schönerer's zu verhindern. („Rohheit eines Magistratsb^amteu ") Herr Franz Forstinger schreibt uns unter Berufung auf § 19 Pr. G. und bezugnehmend auf eine in Nr. 103 des „Freien Blattes' gebrachte Nachricht: „Der Wahrheit gemäß ist es, daß der Gefertigte sich am 19. März, Abends, in Gesellschaft eines Weltpriestcrs in dir Kolbcck'schen Restauration befand und sich in zwar etwas lauter W:ise gemüthlich unterhalten hat, keineswegs jedoch daselbst seine antisemitische Gesinnung zu documentircn suchte, welche er etwa in rohen und anstandswidrigen Reden geäußert hätte. Ebenso entspricht cs der Wahrheit, daß der anwesende geistliche Herr und der Gefertigte gleichzeit g das Gasthauslocal verließen. Keiner der anwesenden Gäste drückte sein Mißfallen über daS Benehmen des Gefntigten auS, und von einem raschen Verduften desselben kann umsoweniger eine Rede sein, a s derselbe erst nach Verlauf von mehr als einer Stunde das genannt! Local verließ. Auch der Schlußsatz, welchen der gcgenübersitzcnde Hirr Marktcommissär geäußert haben soll, ist erdichtet und völlig aus de: Luft gegriffen." Wir bemerken zur Information unserer Leser nur das eine, daß uns der angezogene Paragraph hcs PrcßgesetzcS nöt sigte, eine formell richtig abgefaßtc „Berichtigung" auch dann aufzujnehmen, wenn der Inhalt derselben offenkundig wahrhcitswidrig wäre, und daß 1 die Ablehnung einer Berichtigung nicht etwa mit der Erbringung deS Wahrheitsbeweises für die eigene Berichterstattung motivirt werden kann. Wir fügen hinzu, daß die seinerzeit von uns gebrachte Darstellung keinesfalls übertrieben, sondery.im Gegenthcile"auS Anstandsgründen wesentlich gekürzt und gemäßigt war. > «Talmudübkrsetzung.) Uns liegt die erste Nummer eines, in Baden bei Wien neu erscheinenden Blatte) vor: „Der Reichsbote", Zeitschrift für social-wissenschaftliche Cultu! interessen des Judenthums. Als Herausgeber fungirt Rabbiner W. R> ich. DaS neue Blatt bietet