Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 105 (8.4.1894)
- Date
- 1894-04-08
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Freies Blatt. Nr. 105. Z)ie Empörerin. Roman »ach dem Englischen tes L?alter Besä nt von Marie M ajer. <>v. Fortsetzuiig-I XXIII. Franziska beendigte ihren Brief. Er war an 'Harold. Sie halte ihm versprochen, daß die bewußte Auseinandersetzung in ihren Briefen keine Aendcrnng bewirken solle. Aber als sie diesen Brief vor dein Zusammenfalle» nochmals übcrlas, entdeckte sie doch eine Aenderung. Es war elwas auS -dem Briefe verschwunden. Wer einmal einem Stenographen dickirt hat, wird begreifen, was Franziska fühlte. Es geht etwas in dcni Briese ab, sobald er durch eine andere Hand geht. Etwas von dem eigene» Ich entweicht. Ein dictirtcr Brief ist eine unpersönliche Sache, etwas Kaltes. Sie Fühlte, daß ihr Brief kalt war. £ ie Seele desselben war dahin. Warum konnte sic ihm nicht mehr in der alten freundschaftlichen Weise schreiben'? Sie gewahrte die Veränderung, uud diese schmerzte sie. Was würde Harold dabei denke»? Nichtsdestoweniger adressirte sie den Brief, setzte ihren Hut auf und wollte selbst zur Post gehen. Sie war so 'sehr mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, daß sie, erst als sie bereits auf der untersten Stufe stand, im Sprechzimmer eine männliche Stimme vernahm: Es war die Stimme eines erregten, zornigen Mannes, begleitet von Weinen und Schluchzen. Tic männliche Stimme kannte sie nicht, aber das Weinen und Schluchzen erkannte sie als das RellyS. Sie zögerte einen Augenblick, dann - riß sie die Thüre auf und sah in das Zimmer. Relly saß am Sopha, das Gesicht in ihrem Sacktuch verborgen, weinend und schluchzend. Bor ihr stand ein junger Mann, erregt gesticulirend, hoch geröthet, zornig, anklagend. Ta fiel cs Franziska ein, daß dies der junge Mann sein müffe, welchen Relly nicht heiraten konnte. „Tu hast mich genarrt," rief der junge Mann mit vor Lcidenscbafl zitternder Stimme. „Ich habe die Wohnung gemicthct und die Einrichtung gekauft und der Wirthin und allen Freunden davon erzählt. Alles ist bereit, und nun kommst du und willst mich im letzten Augenblick fortschickcn. Was ist das? Was ist das, frage ich?" ,.C! Anton!" rief das Mädchen, grausam!" „Tu bist eine Kokett^ du bist eine falsches, lügnerisches, unwürdiges Geschöpf, sein, von k ir loSzukommen. Und ich bin'S auch, ich bin'S. Ich werde gehen und mich in den Strom stürzen. Meine letzten Worte werden sein, daß du eS verschuldet hast, du, es war Selbstmord wegen treuer Liebe für ein falsches Mädchen. Es wird in den Zeitungen stehen: „Romantischer Selbstmord! Eine falsche Geliebte!! Ein treuer Liebhaber!!! Gerichtliche Untersuchung!!!! UrtheilSspruch!!!!!" Seine Stimme wuchs bei der düsteren Genuglhuung, die er über die Betrachtung dieses heroischen Todes empfand. „Ich gehe," sagte er, rührte sich aber nicht vom Flecke. „Tu kannst meinen Freunden sagen, daß sie mich aus dem Flusse unter Wer Fabrik herausfischen sollen, wo daS Waficr von den Chemikalien ganz grün ist. Ich werde grün gefärbt sein. Tu kannst ihnen sagen, wo sie mich suchen sollest. Einen grünen Körper, sag' ihnen — grün!" Er sah so fürchterlich drein, alS er nur konnte. „Und du wirst dich deip ganzes Leben lang erinnern, waS für einen Banjofpielcr du umgebracht hast. Tu, mit deiner Religion! Wenn ein Mädchen einen Burschen liebt, was kümiuert sie sich um ihre Religion, besonders wenn cs eine schimmelige, alte Synagoge ist." Ta bemerkte er Franziska und brach plötzlich ab. „Ich bin sehr betrübt," sagte Franziska. „Ich wußte nicht, Relly, Liebste, daß Sie.Bcrdruß hatten." 'Jietli) sah auf und sagte, mit ihrem Taschentuch die Augen trocknend: „C! Franziska, ich bin thöricht gewesen. Ich ließ ihn Herkommen unk Halle immer Sorgen, daß eS nicht werde sein können. Ich hätte ihn früher zurückwcisen solle». RUn weiß ich, daß es nicht mehr sein kann. Tas ist zuviel oon einem Mädchen ver'langt. Aber ich cr- »inlhlgie ihn.' Was soll ich sagen?" ■—^ „Nicht sein können," ahmte der junge Mann nach. „Warum kann es nicht lein? Tas möchte ich wisien?" Er faßte Relly rauh beim Handgelenk. X „Laß mich gehen!" rief Relly aufspringend. '„Franziska, sagen Tie ihm, daß ich nicht io herzlos bin, als er glaubt. Es war ein thörichter Traum. Sagen Sie ihm, daß cs unmöglich ist. Laß mich gehen, Anton! j Sagen Sie ihm, daß er nicht mehr Herkommen soll. Ich kann's nicht ertragen. Sagen Sie ihm's, Franziska." Sie entzog sich seinem Griffe und stürzte aus dem Zimmer. -Franziska merkte aber nicht, ,daß Relly die Thür ein wenig offen ließ O! Anton, du bist so gefallsüchtige Persou, ein Ich sollte eigentlich froh und außerhalb stehen blieb. Relly horchte, sic hielt ihr Schluchzen zurück, beugte sich nach vorwärts und lauschte. WaS nun drinnen vorging, hörte sie wohl, nur sehen konnte sie eS nicht. Franziska erinnerte sich der Worte Claras über RellyS Liebesangelegenheit, eine unmögliche Sache hatte sie's genannt. Und dies war der Liebende, der nun zum crstenmale hörte, daß eS unmöglich sei. Ter unglückliche junge Mann erbarmte sie. Er trug seine.Enttäuschung, so bitter schwer. Anders als andere junge Männer, welche, wenn sie hören, daß ein Ting unmöglich ist, lachen und mit einem Lächeln auf den Lippen fortgchen, stand dieser junge Mann da, zitternd vor Erregung; ein« Thränc, nur eine, rann über seine glühende Wange herab; seine Lippen zitterten, seine Hände zitterten, seine Augen flammten vor Verdruß. Sie fühlte mehr Mitleid, für ihn, denn durch diese Art, seinen Aergcr zu Zeigen, verrieth er die Schwäche seines Charakters. „Run," sagte er barsch, „wozu ist Ihr Dazwischentretcn gut? Kan» Relly nicht ihre Sache selbst vertreten? Sie sind wohl eine von de» kostbare» Cousinen, die sie um keinen Preis verlassen möchte?" „Ich bin keine von Rcllys Cousinen, sondern eine Freundin von ihr." „Gut also. Halten Sie eS für schMf einen Mann an sich zu ziehen und dann ihn zum Narren zu halten? £)! Und sie sagte, daß sie mich liebe. Sic sagte so. Und nun schickt sie mich fort." „Ich denke, Sie sind sehr zu bedauern. Mister — bitte, wie ist Ihr Rame?" „Mein "Raine ist Hayling, Anton Hayling. Sie müssen meinen | Rainen schon gehört haben," fügte er hinzu, „in Verbindung mit i unserem Vereine. Ich spreche dort. Ich bin anerkanntermaßen ihr bester Redner." „Sic sind hier sehr übel angckommen, Mr. Hayling. Aber S>c sehen, daß Relly selbst tief betrübt darüber ist. Können Sie nicht begreifen, daß sie sich nicht klar darüber, was der Verkehr mit Ihnen bedeutete?" „Sie wußte, daß ich sie heirate» will. WaS konnte er Anderes bedeuten?" „Ja, aber sie begriff nicht, nun, wie weit Sie gehen wollten, und außerdem wußte sic nicht, was ihre Heirat mit Ihnen bedeuten würde. Können Sie ihr tiicht verzeihen, da sie es nun begreift?" „Rein, ich kann nicht! Und ich will nicht." „Lassen Sie unS »iedersctzen und das Ganze ruhig besprechen. Bitte aufs Sopha, Mr. Hayling. Heben Sie Ihren Hut auf. Run lassen Sie uns vernünftig reden. Sie wisse», daß, wenn Relly Sie heiratet, sie Alles aufgcben muß, ihren Vater, ihre Verwandten, ihre Freunde, ihre Religion — Alles. Sie muß ganz allein zu Ihnen kommen, ohne einen Freund auf der ganzen Welt." „So sagt sie." „Das ist viel von einem Weib: verlangt. Mr. Hayling! Glaube» Sie — lassen Sic mich ernst fragen — glauben Sie, daß eS auf der ganzen Welt ein Weib gibt, für welches Sie solche Opfer bringen würden? Denken Sie, alle Ihre Freunde aufgeben. Alles, um eines WeibeS willen?" \ „Tie Frauen sind aber anders geartet," sagte der ritterliche Liebhaber. „'Run, da Sie selbst zugeben müssen, daß es für sie ein großes Opfer sein muß, was wollen Sie chr dafür als Entschädigung bieten?" „Ihr bieten? Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß ich sie heiraten will?" „Das weiß ich. Aber nochmals, wenn Sie Vorhaben, das Mädchen alles dessen zu berauben, was ihr nie wieder ersetzt werden kann, nie, merken Sie sich's, denn Freundschaftsbündnisse und Bande des Blutes lassen, wenn sie zerstört werden, eine Leere zurück, welche nie mehr ausgefüllt werden kann, dann frage ich Sie, was wollen Sie ihr biete» für dieses Opfer?" „Ihr bieten?" wiederholte er. „Ich werde sie heiraten, sage ich ja. Ist das nicht genug?" Es half nichts. Gegen diese sublime Eitelkeit konnte keine Drage, kein vernünftiger Grund irgend etwas erzielen. „Sie glauben/" sagte Franziska, „daß eine Frau ein Opfer bringen kann — jedes Opfer — und daß Sie dcts mehr als zurückzahlcn, wenn Sie sich hcrablassen, dieselbe zu heiraten?" „Ich weiß nicht, was Sie. mit dem Herablassen meinen." „Macht nichts. Rach der Hochzeit erwarten Sic doch, daß Ihnen Ihre Frau unbedingt gehorcht." Der junge Mann lachte überlegen. „Ich möchte die Frau sehen," entgegncte er, „die mir nicht gehorchen würde." „Ganz recht, gerade so, wie ich eS erwartete. Die Frau ist daS niedrigere Thier, denken Sie." „Ich will nicht sagen niedriger. Aber natürlich muß sie thun, waS ihr geheißen wird."