Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 105 (8.4.1894)
- Date
- 1894-04-08
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
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/ Nr. 10S. Freies tischen Gegner hören, bald als eine heilige Wunderthäleri», bald alS eine kluge Escamotrice, bald als eine schon hier verklärte Botin einer besseren Welt, bald als eine rassinirte Betrügerin.; Die alte Geschichte. Line außerordentlich starke mystische, begeisterte > oder schwärmerische Veranlagung, verbunden mit ausgesprochen hysterischer Constitution sowie einem tiefe» religiösen Bedürfniß und 1 einem unbeugsamen Willen, diesem gerecht zu werde», daö dürften wohl diejenigen Charakterzüge sein, über welche sich Freund und j Feind streitlos einigen, können. Ihr intimer Vertrauter, der schon erwähnte Colonel Olcott, versicherte, daß siekeinerlei gelehrte Bildung besaß, nicht philosophisch veranlagt war und vor Allem auch kein „Bücherwurm" war. Als sie im Jahre 1874 nach Amerika kam, soll sie kaum Englisch gtkannt haben, was allerdings merkwürdig mit der tadellosen englischen Sprache ihres für die Throsophie grundlegenden Buches „Isis uitveiled“, dessen Anfänge in jene Zeit fallen, contrastirt. Die Entstehungsgeschichte dieses Buches selbst ist in eine mysteriöse - Legcnde gehüllt. Colonel Olcott, welcher während der Abfassung von „Isis unveiled“ beständig tun Madame BlavatSky war, will glauben machen, daß daö Buch die Jnspiraiion höherer, eingewcihler Geister sei, welche Madame BlavatSky nur alS Medium, gewissermaßen nur als Schreibmaschine benützten, um durch sie der Welt ihre esoterische Weisheit zu offenbaren (ähnlich wie die Engel Swedenborgh benützlen). Er will die untrüglichste» Beweise dafür halten^ daß. wenigstens einige von denen, welche so durch sie arbeiteten »och lebende Adepten waren, da er sie später selbst in Indien kennen lernte, nachdem er sie vorher in Amerika und Europa im Astralkörper gesehen habe. OlcoU erzählt, daß die BlavatSky, je nachdem ditser oder jener Adept in ihr oder durch sie arbeitete, ganz von dessen Individualität beherrscht wurde, dessen Handschrift, Siyl, Denk reist annahi», sid, d.ssen Bait strich, man könnte fast sage», sich dessen Hopf zerbrach, und Dinge niederschrieb, die wohl Jener, nicht aber sie wußte und verstand. -Die merkwürdigste Bewandniß hat es aber mit dein guten alten, bereits tut Jahre 1087 verstorbenen Plaloniker^ Henry . More, der jedoch so von den Ideen, dcin n er sein Leben widmete, ] befangen sei, daß er dadurch erdgebunden geblieben und-nicht d e 1 Bande lösen könne, die ihn an das Gcistcrleben unseres Er>endaseinö fesselten. Dieser war wohl der fleißigste Mitarbeiter an der ilsis unveiled"* und verkehrte mit der BlavatSky und dem Colonel Olcott auf dem intimsten Fuße. Letzterer wenigstens erzählt: „Er war stets eifrig und gewillt, mit Helene Petrowua BlavatSky an dem ipvcheinachenden Weike zu arbeite», und zu dessen philosophischem Theile hat er das Meiste beigelragen. Jedod) materialisirtc er sich unö niemals, auch wirkte er durch Helene Petrowna BlavatSky niemals wie durch ein spiritistisches Medium, er redete mit ihr nur psychisch, stundenlang, dictirte ihr die Manuscripte in die Feder, gab ihr die Stellen an, die wir für sie nachschlagen sollten, beantwortete meine Fragen auf daS Eingehendste, belehrte mich über die Rolle der wichtigsten Grundonschauungen und spielte für uns in der Thal ganz die einer dritten Person in unserer gemeinsamen Schriflstellcrei. Einst gab tr mir sein Bild — eine rohe Skizze in farbiger Krntezeichnting auf rauhem Papier —, und manchmal gab er mir auch kurze Anweisungen in persönlichen. Angelegenheiten. Von Anfang bis zu Ende war seine Beziehung zu uns Beiden die eines milden, freundlichen und überaus gelehrten älteren Freundes. Riemals aber machte er die Mindeste Andeutung, daß er sich für etwas Anderes hielte als für einen lebenden Menschen. In der Thal sagte inan mir'auch, daß er nicht begreife, daß er nicht mehr im Körper lebe. Von dem Verlaufe der Zeit hatte er so wenig Begriff, daß — wie ich mich lebhaft erinnere — als eines Nachts Helene Petrowua BlavatSky und ich um halb drei Morgens »ach einer ungewöhnlich harten Arbeit an unserem Buche vor dem Zubettgehen noch einen Augenblick rauchen wollte», er plötzlich Helene Petrowua BlavatSky ganz ruhig fragte: .Bist du nun bereit, anzufangen?" Er meinte, wir wären gerade am Anfänge, statt am Ende unserer Abendarbeit. Helene Petrowna BlavatSky warnte mich sogleich, ,um des Himmels willen, lachen Sie nicht innerlich, damit der alte Herr es nicht merkt, sonst wird er sich gekränkt fühlen*. Ich lachte dann allerdings, aber freilich war'S nur ein gewöhnliches und oberflächliches Lache», daS nicht tief ging und sich nicht bis auf die Ebene der psychischen Wahrnehmung erstreckte" . . . Aus diesem Bruchstücke mag man sich beiläufig ein Bild davon machen, in welchem Geisteskreise, man könnte fast sagen Geisterverein, sich die „Theosophische Gesellschaft" bewegte, die sich im Jahre 1875 in New-Aork, mit dem ebeiterwähnten Colonel Olcott Blatt. Seite!>. an der Spitze, constitnirte. Zweck der Vereinigung war, den geheimen (occulten) Naturmächlen auf empirischem Wege näherzutrcten und die Beziehungen zwischen christlicher Anschauung unk orientalischer RcligionSphilosophic aufzudecken und Narzulcgcn. ES. sollten znnächst also nur Rüstzeug und Waffen zum Kampfe für die esoterische Religion herbeigeschafft werden " mit welcher weder der von den Anhängern des Gantama Buddha gegründete exolcrische Buddhismus, noch die nenbuddhistische Lehre gemeint ist, „sondern die geheime- Philosophie des Shaklsainnni, die ihrer eigentlichen Weise nach eins ist mit der allen heilige» WcisheitS- und GlanbenLlchre, dem vorvediischcn BrahmaniSmuS". Gantama hätte nämlich zweierlei Lehren, seine für die Auserwählt-n und eine zum AllerwellSgebrauche gegründet, denn sowohl Buddha als Christus.' seien sich der Gefahr, einem ungebildeten Publicum die zweischneidige Waffe der Etkcnntniß zu reichen, wohl bewußt gewesen, und hielten vcShalb daö innerste Hciligthüm ihres Glaubens klüglich in Dunkel gehüllt. ' , I - Um dieses Heiligthum ihren Anhängern leidster zu erschließen, i begab sich die BlavatSky im Jahre 187.8 ein zwcitcSinal mit mehreren Freunden persönlich in daö classische Land der von ihr! erträuinlkn esoterischen WeiShcitS und Glaubenslehre und ließ sich | hier, daihr sowohl die alten alö die neueren Sprachen Indiens i unbekannt waren und sic aus den Schriftdenkmälern also nicht! schöpfen konute, im mühseligen Verkehr mit „Propheten" deö Landes! entweihen, zugleich lernend und lehrend, predigend und Wunder } wirkend. Wie weil die kritiklose Schwärmerin hiebei daö Opfer ge- > schickler Betrüger wurde, ist schwer zu sagen. Capaciläleu auf dem Gebiete der Indologie wie Max Müller leugnen rundweg, daß cs! fiiic» ..Geheimbndhiömnö", wie ihn die BlavatSky suchte und ge- | funden haben will, jemals gab,') daß wir überhaupt von einem Unterschied zwischen esolcrischeu und exoterischeu Buddhismns sprechen können, daß wir über einen „vorvcdischen" Brahmanismus etwaS wüßten und behaupten, daß wenn man irgendwo den reinen! Buddhismns überhaupt stndiren könne, es dock, gewiß nicht in jeuftt Gegenden oder jener Gesellschaft sei, in der sid, die BlavatSky be- . fallt». ' Von der aus der vollständigen Unkenniniß dcS Sanöcrit und Hindi folgendeu Unrichtigkeit aller Cilalionen in ihrem nachmaligen Hauptwerke „8,-e-ret Doctriif* natürlich ganz zu geschweige». Madame BlavatSky ließ sid, indeß ebensowenig wie seinerzeit Mohammed (mit dem sie and, sonst nod, manche Aehnlichkeit besaß) "durch ihre Unwissenheit von ihrem Vothaben abschrecken, indem sie sich, ähnlich wie der Prophet, ihre Surenganz einfach durch die Gcistcrpost von den ihr' dienstbaren Mahülmas und Pandilammanayas zumitteln ließ, liech auf der Ucberfahrl vo/i Madras iiach Neapel ließ sie sich für ihr Werk .The se<-retr Doctriif* von Geisterhänden auf wunderbare Weise das Manuscript liefern. Und sie fand wie Mohammed Gläubige, Jünger und Jüngerinnen in Asien, Amerika und Europa. In Madras,^), London/ NewL)ork, Paris, Berlin und Wien wird ihr Evangelium verkündet, in tausenden von Büchern, in zahlreichen Zeitschriften und zunTTHeil von Männer» von großem Rufe. Ich nenne nur Charles Richet, Gerard Encausse, Arthour Arnould «Jeaii^Mattheus), Kuhlenbeck, Du Prcl, Hübbc Schleiden u. A. >Fortiez>uug kotgi "• Man vergleiche übrigens auch den B udd h ist iich e n N at echis.ni tt « zur Einführung in die Lehre des "Buddha ts-uamo von Lubhadra Bhilschn. Frage 15*» lautet: „Gibt es einen ewteri'cheu Buddhismus, d. h. eine buddhistiiche Gehciinlehre, die nicht niedergelchriebc» worden ist, io.idern sich allem durch Ueberlieferung unier de» ArahnS erhalten hat?" Tie Antwort lautet: in! Ter Buddha hat leine Geheiuilchre verlündet, sondern den Weg der Besreiung für Alle", und b.rahmaniiche Gcheinmisikiämerei. MustieiSmuS, TecultiSinit« und^. EioteriSmuS, diese Lchlupswinkrl deS Aberglaubens und der Täuschung, wurden von ihm verivor'en. Erst al» der Buddhismns sich über ganz Indien auSgebreitet hatte und nach Ehina und Thibet vsrdrang, entstandet! neben der rcinm Lehre unter der Einwirkung brahmaniicher Lperglationen auch innstisch-phantastiiche Welt- und Lchrchstcine, die als eine Entartung de» nriprnnglicheu Buddhismus zu betrachten sind." (Buddhistischer AatechiSinuS von Lubhadra Bhilichu. Braun schweig 180-1. I. 73.) , ", Tbivohl die indischen Verhältnisse nur loie und nur durch passierende Mittelspersonen mit den unseren verbünde» sind, durste c» doch iutere-sireu. das; sich auch jenseits de» HimalayagebietcS, abgesehen'von. der lheo'ophiichen"B>'ivcgttug, gleichfalls ein reges religiöses Nculeben geltend macht. .-Von derartigen Nesormbestrebungen verdienen besonders die mit der Tkeo'ophic näher verwandte, mehr aulochthone Art,a-Samadj und die mehr vom westlichen und christlichen Geiste beeinflußte-Brahmo-Jamadj genannt zu werden.