Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 105 (8.4.1894)
- Date
- 1894-04-08
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1Ö5. „Gut, das Mädchen hat also AlleS von sich geworfen, um Eie zu heiraten. Als Gegenleistung geben Sie ihr sich selbst. Haben Sie »och etwas. Anderes zu geben? Geld — Aussichten — irgend etwas? Wie werden Sie leben?" „Ich habe gerade so viel, um anzufangcn wie jeder Andere. Dreißig Schillinge ist keine so schlechte Einnahme, und Nclly kann ebenso viel und noch mehr durch ihre eigene Arbeit verdienen." „So verlangen Sie, daß sie ihren Theil zu», Haushalte beisteuert?" „Natürlich." „Ihr Handel also ist folgender: Sic gibt Alles ans, freunde, Religion, Alles, um Sie zu heiraten. Sie setzt ihre eigene Thätigkcit fort, außerdem gehorcht sie noch ihrem neuen Herrn blindlings. Sic sorgt für Ihren Haushalt und Ihre Kleider und Sachen überdies, und sie muß auch die Möglichkeit, Kinder zu bekomme», bedenken. Was geben Sic ihr dafür? Sich selbst. Mr. Hayling, ich denke, Sic schätzen sich selbst sehr hoch." Mr. Hayling lachte. „Die Mädchen sind alle gleich," sagte er. „Wozu diese Berechnungen? Nell», möchte mich haben. DaS ist Alles, was sie braucht, um glücklich zu werden. Nehmen wir an, zum Beispiel, daß Sie in mich verliebt wären, mein Fräulein —" Franziska stieß ihren Stuhl zurück. „Wir wollen keine» solchen Unsinn annehmen, Mr. Hayling." „O, wie Sie wollen. Ich wollte nur das sagen. Wenn ein Mädchen liebt, so will sie den Mann besitzen ganz für sich, und nicht, daß ihn ein anderes Mädchen bekomuit, und sonst kümmertsic sich um nichts. Und ich sage, daß Nelly mich liebte, und ich glaube, noch liebt; nur ist sic von Ihnen oder Ihresgleichen abgeschrcckt worden, mit der Phrase, daß sie Dies und Jenes aufgcbcn müsie. Lasten Sie sie zu mir kommen; ich will ihr Religion und Vater und Mutter und Schwester und Bruder und Vetter uyd Base und Alles sein. DaS habe ich schon ihrer Cousine Clara vor drei Wochen gesagt. Nur lasten Sie sie zu mir kommen. Für mich arbeiten? Natürlich wird sie'S und mit Freuden überdies. Wollte sie nicht, wolltc wohl eine Andere. Sie sind selbst ein Mcidchx» und Sie können nicht behaupten, daß es nicht wahr ist. Sind Sie je verliebt gewesen? Sic werden roth. Dann waren Sie's. Und Sie misten cS also." Dieses Gespräch wirkte mit elementarer Einfachheit auf sie. Wo war die Gleichheit, wo die gleichen Rechte? Jed: Art von Opfer wurde von dem Mädchen erwartet — von dem Manne keines. Und diese Mädchen sollten in der That gewillt sein. Alles zu thun und Alles aüfzugebcn, bloß um von diesem unbedeutenden kleinen FabrikSbcdieu steten geheiratet zu werden, bloß um zu verhindern, daß andere Mädchen „den Mann ihrer Wahl" bekommen — o! ihrer Wahl! — das war ihr neu. Sic hatte geglaubt, daß, wenn ein Mann ein Mädchen gewinnen wolle, Gaben vorhanden sei» müßten, große Gaben, AlleS, was ein Mann überhaupt geben könne — das heißt, nicht bloß Geld für den Haushalt, sondern auch Vorzüge deS Geistes, Fähigkeiten und Stellung. Aber Herr war ein Mann, der seiner Frau nichts bieten konnte — absolut gar nichts — alö sich selbst. Diesen letzten Gedanken ließ Franziska laut werden. „Und auch ganz genug," sagte der junge Mann. „Was mehr könnte ein Mädchen noch erwarten?" Wenn das Alles wahr, wo blieb da wieder die Gleichstellung der Frau? Wer kann für solche Frauen wie diese Krieg führe», wen» sic selbst nicht einmal die Gleichstellung wünschen? „Sic denken, Mr. Hayling. daß jedwedes Mädchen durch Ihre Aufmerksamkeiten sich geehrt fühlen würde?" „Was das betrifft," erwiderte er, „obwohl Sie dgrüber spotten, glaube ich doch, daß eine Jede cs würde. Sehen Sie, Fräulein — ich weiß Ihren Namen nicht — ich merke, daß Ihnen Nelly noch nicht viel erzählt hat, sie hat Ihnen nicht gesagt, daß ich mehr bin als ein bloßer Fabriksbediensteter. Ich habe drei Sehnen für meinen Bogen, und alle drei sind gute Sehnen, starke Sehnen. Ich bin ein geborener Parlamentarier. Ich kann in das Haus kommen, wenn ich will. Auch kann ich singen und das Banjo spielen., Wenn ich auf die Bretter gehe, kann ich mir da ein Vermögen hölcn. Und ich bi» wiffcnschaftlich gebildet. Ich weiß, wie in einer chemischen Fabrik die Sachen gemacht werden. Sie werden sehen, wenn Sie wollen, was ich einem Mädchen bieten kann, das mich heiratet." „Ich fürchte, Mr. Hayling, Sie unterschätzen die Schwierigkeit, in dieser Welt emporzukommen. Ich wollte Ihnen begreiflich machen,. daß.Sie nicht so selbstsüchtig sein dürfen,.- ein solches Opfer von Nclly zu verlangen. Da cs mir nicht gelungen zu sein scheint, Ihnen das begreiflich zu machen, so denke ich, Sie thäten am besten, zu gehen." / Sie stieß ihren Stuhl zurück und erhob sichi Er erhob sich auch §el^e 11. und stand vor ihr, während sein Gesicht einen Ausdruck annahm, welcher das Mädchen beunruhigte — kein Mädchen mißversteht bie Bedeutung eines gewisse» Blickes aus einem Münnciaugc. Sicherlich - besteht eine weite Kluft zwischen einem solchen Blicke aus Harold Allcycn's Auge und einem solchen aus Anton Hayling'S Auge, doch der Ausdruck der Augen war bei Beiden der gleiche. „Genug gesagt, Mr. Hayling, Sie sollten jetzt gehen." e „Warten.Sie eine» Augenblick. Wir sind fertig mit der alten ■ Liebe, nicht wahr.? DaS ist abgcthan. Nelly kann gehen. Wir sind fertig mit einander. Es liegt mir nichts daran. Aber ich habe ein Mädchen gesehen, das mir lieber ist, und daS sind Sie. Fräulein, wie ist Ihr Name? Ein schöner Name, darauf schwöre ich. Kommen Sie. Sie könne» Nelly nicht weh thun, denn sie hat mich aus eigenem Antrieb aufgcgcbcn. Sic hat mich zui» Narren gehalten. Mein Fräulein, wenn Sic ihre Stelle cinnchmen wollten —" Franziska stellte ihren Sessel zwischen sich und ihn und lachte. Sie war nicht einmal böse, sie lachte nur. Den Play NchyS »eben dem kleinen Beamten einzunehmcn? Sie lachte lanb auf. . „Sie fangen immer mit idem Lachen an," sagte der begehrcnSwcrthe junge Mann. „O, sagen Sic ja! Nelly? Ach, sic ist nicht werth Ihnen die Schuhricmen gufzulöscn. Ich habe nie viel an ihr gefunden, nur mar sie^ so zärtlich, ich fühlte Mitleid mit zhr —“ Hier wurde die Thürc heftig aufgestoßc», und Nclly silbst stürzte herein. Sie war das eifersüchtige Weib. Sic trat wie ein >1'-»-! >-x machina dazwischen, um den Triumph deS anderen Mädchens hintanzuhaltcn. Flammen schienen auS ihren Augen hervorzubrcchen, auf ihre Wangen traten rothc Flecken, sie bebte, sic keuchte, sie hielt ihre Hand fest ans Herz gedrückt, ein Geschöpf, wie man eS selten in cul 'tiüirtcrcn Regionen antrifft, daS unbändige und »»gebändigte Weib, welches in seiner' 'Neigung und in seiner Selbstachtung verletzt worden ist. „O!" schrie sic. „Vor meinen eigenen Augen! In meinem eigenen Hause! Nein! DaS darf nicht sein. Das dulde ich nicht! Fort!" Sie wandte sich au Anton. „Laß mich nie wieder dein verhaßtes Gesicht sehen. O! T» willst dich in der einen Minute wegen eines Mädchens ertränke» :— und in. der nächsten —. o! Und Sic," sie wandte sich wüthend an Franziska. „Tie! — O! Sic wollten mir meinen Geliebten rauben." Obwohl sie Anton auö dem Hause gewiesen hatte, schien sic doch nicht zu erwarten, daß er Folge leiste, denn'sie warf sich zwischen ihn und Franziska undwaudte sich »»» zu der Letzteren, die Hände geballt, keuchend, rasend und tobend. Zinn Glücke war Franziska durch de» Stuhl geschützt, welcher ihr zuerst als Schutz gegen den unbeständigen Jüngling gedient hatte.. . „Er ist cö nicht werth, Nelly," sagte Franziska. - „Nach all dem sollten Sic ihn fortschickcn und verachten." . Nelly. rang die Hände. Sie konnte nicht eifersüchtig-sein auf dieses ruhige, kalte Mädchen, welches auf diesen treulosen Liebhaber, mit solcher Verachtung herabsah. Sic brach in Weinen und Wehklagen ans. „O!" ächzte sie. „Ich wollte, ich wäre todt. Ich bin so elend. O, was soll ich ihn»? Was-soll ich thun?" „Kommen S>c fort mit mir,, liebe Nelly. Vcrgesicn Sie, daß ein solcher Mensch cxistirt. Er wird in ein oder zwei Stunden ein anderes Mädchen finden, glaube ich." „O »ein — »ein — nein — ich kann nicht " t Anton Hayling wandte -sich lustig seiner allen Liebe zu und lachte. „Angenommen ich wußte, daß du die ganze Zeit hinter der Thür standest, Nelly. Angenommen, ich wus;tc„ ich würde dich unter diesem Vorwände wieder hercinholcn, hereinbringe»? Ei. glaubst du denn, ich würde einem wildfremden Mädchen wirklich den Hof machen? Dn solltest mich besser kenne», Nclly. Bei mir gibt'd keine Unsinne Eine» Arm um deinen Nacken," er ließ den Worten die That folgen und zog daö Mädchen liebevoll, „und - " Franziska wollte sehen, wie sie sich ihm entreißen, würde. Aber nein, Stolz und Liebe können nicht neben einander wohne»,' sagt ein altes, altes. Sprichwort. Anstatt sich ihm unwillig zu entziehen, sank 'Nelly in die Knie — thalsächlich in die Knie —.vor diesem seichte», flachköpsigen Bewerber, der vor einer. Minute bereit gcwkscn wäre, ein anderes Mädchen zu lieben und wirklich in vollstem Ernste vorgchabt hatte, mir der Anderen ein neues LiebeSverhältniß cinzugchen, noch dazu in Gehöröwcikc von ihr. Sie sank in die Knie, erfaßte seine Hand und küßte-sie. „O, Anton," scnfztr sie, „Anton, ich kann ohne dich nicht leben Ich will AlleS aufgeben — Freunde und Heim und Religion und AlleS — und ich will dir folgen. O, Anton! verzeih mir nur — verzeih mir!" ■ Er hob sie empor, setzte die Weinende ausS Sopha, faltete die Hände und sah empor zu einem Winkel der Decke, dann sagte er großartig: „Nelly, dir ist vergeben!" (ff»«,(»iät.) Freies Blatt-