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Freies Blatt · 1894-04-08 · 105 (8.4.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
105 (8.4.1894)
Date
1894-04-08
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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L Nr 103. _ _-- Freier (Social-demokratischer Parteitag.) In den letzten Märztagen war in Wien ein Congreß der österreichischen Social-Demokratie versammelt. zu welchem zahlreiche Delegirte auS allen Theilen des Reiches und alS Vertreter der deutschen Social-Demokratie die Abgeordneten Acbel, Singer und Gerisch erschienen waren. Achtstundentag, Maifeier ' und vor Allem die. Frage deS GcncralstrikeS zur Erreichung des allgemeinen Wahlrechtes wurden in viertägiger, erschöpfender Debatte behandelt. Die sogenannten Auswüchse der capitalistischen ProductionS weise wurden schonungslos bloßgelcgt, und ernste Socialpolitikcr werden vielleicht in mancher der vorgcbrachten Klage» und Anschuldigungen einen Fingerzeig zur Ausgleichung tiefempfundener Ungerechtigkeiten finden. Andererseits wird man aus den papierenen VcrlegcnhcitSrcfolntionen, welche die Führer votircn ließen, leicht die Uebcrzcugung gewinne», daß manches der gesteckten Ziele in dem i!a»dc der Unmöglichkeit liege. Eines jedoch steht fest: des „jüdischen Eapitales", eer angeblichen Bcxationen jüdischer Unternehmer gedachte keiner der -ifcdncr auch nur mit einem Worte. Und wahrlich, sic hätte» keine Rücksicht geübt, wenn etwas aufzudecken gewesen wäre. Man muß nc einzelnen Sprecher gesehen haben, die lcidenschaftdurchglühten Ge . Achter, die erregten Gesten, man miiß den oft schreienden Ton dieser Reden gehört haben, um;n begreifen, daß lsier keine Schonung zu nvartcn war, woferne cs etwas zu Schonendes gegeben Hütte. Man uigcgnc uns nicht, daß die geistigen Führer dieser Bewegung zum -acht geringen Theilc selbst Juden seien, und die Discussion so zu .icnten wußten, daß den Juden kein Haar gekrümmt werde Die Führer. >.lbst wurden mit einer Vehemenz angegriffen und ihre Haltung in incr Weise kritisirt, daß Augenblicke lang .der Fortbestand der bis! rigcn Organisation gefährdet erschien. Vom „jüdischen Ausbeuter" aber- -.nach trotzdem Niemand. Der Ehristlich-Socialen und ihrer Parole! Vauft nicht bei Juden", „Sviij k-svi'hiii" und wie dieser >iamps .ui in den verschiedenen Idiomen unserer polyglotten Monarchie noch >auten mag. wurde dagegen des festeren gedacht und nicht iit rühm uchcr Weise. Warum waren cs gerade christlich-soeiale Arbeiter, welche!i„ Ärbcitsauöstandc bei der Wiener GaSgesellschaft strikcbrüchig wurden und . eriönlichcn 'Nutzen a»S der Situation zu ziehen versuchten? Ist hier, sicht das Produot jener rorrumpircndcn Politik;n, finde», welche sich gerne die B'clämpserin der Eorruption nennt? Der vierte social- .uiokralischc Parteitag hak indircct nicht wenig dazu beigetragcn, _die Hohlheit und den Aberwitz einer Bewegung vor Augen zu führen, die ,:ian eine Halbschwester der soeialistischen Umsturzthcorie nennen, tönntc, . volutionär, weil gegen die bestehenden Gesetze gerichtet, aber dabei »es edleren Zuges entbehrend, welcher immerhin die lehren eines .'Narr und tkafsallc kennzeichnet. Beide- Richtungen kämpicn gegen ei» rmcintlichcs Unrecht in der bestehenden Drdiiung der- Dinge an, nur ü ul die letztere, die socialiftischc, eine neue Welt schassen, die allen Staatsbürgern die nnbcdingtcstc Rechtsgleichheit in allen Einzelheiten s volilischcn und ökonomischen Gebens sichern soll, wahrend der Anti- ' mitiSmns ein altes Unrecht wieder cinbürgcrn will:-die stcechtlosigkeit Inden. - in. in., llill autiscniitischcs «lccblfl».) Den Herren Bernhart, Kolaba jan und Franz Rossek jnu., deren antisemitische AuS- .hreiinngcn in einem Gasthausc auf der Hauptstraße zu Hernals Aergerniß erregten und eine scharfe Berurtheilniig in einem Schreibe» s Herrn Kicfcwcttcr gefunden haben, von dem. wir bereits Roliz .'..-»oiilmen haben, widmet die „Wiener Bezirkspost" auf Grund vou .''»iormatiöncn seitens eines im XVII. Bezirke ansässigen Gtwerbs »lanucs nachstehende Bemerkungen: Bezüglich des Herrn Bcrnharl - 'Uni wir cs dahingestellt sein lassen, inwiefern eS dem Kaffcehause incr Mutter zuträglich erscheint, wenn er in öffentlichen ikoealen sich nes dcrarligcn Benchmcns befleißigt: wir haben weiter kein Interesse aran, wenn nur seine Mutter mit 'dieser „Geschäftsführcrei" zu-' ' icben ist. Was Herrn -itolbada .jnu. betriift, der seit kurzer Zeit auf . Firma feines Vaters neben diesem in großen goldenen Kellern r-rangk, sei Folgendes erwähnt: Sein Vater, ein achtbarer, sehr ucebsamcr und thütigcr Schlofsernicistcr, war in. den ersten Jahren '.'iner ^Meisterschaft nicht mit Erfolg in feinem Gewerbe thülig, Rolh °c:üd lrlcud waren nnauStrcibbarc. Gäste seines armseligen Hauswesens, -o daß er sich endlich entschloß, Wien den Rücken zu kehren, um anderwärts fein Fortkommen zu finden; als cs ihm aber auch dann »och nicht gelingen wollte, für sich und seine Familie das z)iolh- -nfcigftc für den Gebens« »terhalt zu verdienen, wandte er sich wicder »ach Wien. Hier wurde cs ihm nuu durch die Hilfe einiger jüdischcr ''sischäfrsleutc möglich, ein neues Geschäft zu grünen. Diese jüdischen l'V'ichästslcute versorgten ihn mit Material, sie wurden die Abnehmer l :.ier Waarcn und sind cö zum großen Thcile bis heute, l^b dieser U,»stand dem Herrn Kolbaba sou. zum Nutzen oder Schaden gerächte, läßt sich heute sehr leicht bcurthcilen, wenn man sich dcr Blatt. Leite b. Mühe unterzieht, dem Kolbaba'schcn Fabriksctablisiemcnt einen Besuch abzustattcn. Ja noch mehr! In allen Privatgcsprachcn, in Gast- und Kaffeehäusern erzählt Herr Kolbaba seii. Jedem, der . cS hören will und so oft er es hören will: „Alles, wa» ich bin und waS ich habe, habe ich nur einzig, und allein den Juden zu verdanken; hätten mir nicht diese geholfen, ich hätte cS nie so weit gebracht." Besehen wir uns schließlich den Dritten im Bunde dieses - antisemitischen Klee blattcS, Herrn. Franz Nosick jnu. Sein Vater hat vor fünf Jahren das Zeitliche gesegnet; dcrsclbx war ein schlichter, fleißiger Tischler, der schließlich durch den Ercdit, den ihm jüdische Holzhändler, gewährten, in bic Vage kam, neben seiner Tischlerei einen Wcrkholz Handel zu betreiben,- der cS ihm ermöglichte, sein Geschäft und. kein Hans zu vergrößern und seiner Familie ein , ganz respectäblcs Anwesen zu hinterlasicn. Diesen Holzhandel und die Tischlerei führt nun Franz 'Nossek jim. auf den Namen seiner Mutter weiter. In der Tischlerei werden Küchenmöbcl billigster iT.nalitüt und Kisten erzeugt. Abnehmer dieser Möbel sind beinahe ausschließlich nur die kleinen jüdischen Tandler in Wien und Umgebung. Ädnchmer für seine Kisten', ist ein großer jüdischer Kistcnhändlcr namens Hilzcr in dzr Sal; thorgasic im I. Bezirke. Dieser verkauft dieselben an die im D-uai Viertel.ctablirten jüdischen Kanflcntc weiter, so daß der Gewinn der ziemlich großen Tischlerei jüdischer Provenienz ist. Azich zu den äiundcn seiner Holzhaudlung zählt eine bedeutende Anzahl von jüdischen Handwerkern, darunter ein Tischlermeister Namens Weber, der ihm wöchentlich für 50^70 fk. „Hol; abtauii.... Fürwahr, das -iilecblatt Bcrnhart Kolbaba Nossek hat nicht den geringsten Grund danach Verlangen zu tragen, daß die Juden „gekreuzigt" werden sollen. «E'i» Zlistruclioiisbuch für Ei»iül>rig-Frciwilligc. Der sechste Theil des „Jnstruetionsbuches für Einjährig Freiwillige des 1. mid I Heeres", welches in fünfter Auslage, im „Fahre lS'.i.", j„i Verlage der t. k. Hof- und Staatsdruckerci erschienen ist, erregt, wie aus der Pragcr „(ssi-mciiidezcitung" zu ersehen ist, in jüdischen Kreisen pcin lichcs Aufsehen. Dieses Buch ist auch mir einer Saii>mluug von Beispielen versehen. In. einem dieser Beispiele, dem (Seite f>l':, welches sich mit „Strafanzeige" betitelt, wird Jsak Farkas, geboren in Ungvar, Eomitat Ungvar in Ungar», Jahre' alt, mosaisch, ver- . heiratet, Handclsmänn, Asicntjahr iss -. :t>cservc Jusaulerisi, als Deserteur angeführt und in dem liächstfolgcndcn die. .. Tcsertcurs cingabc" betreffenden Beispiele, dem -1 Seite wird^auch ''eine .Personsbeschreibung: „Nase gebogen", „>ii»n i'vipig", -„"Narbe aus der linken Wange" angeführt, währenddem im ganzen Buche auch nicht einem einzigen „Arier" eine ähnliche Ehre zulheil wird. T ssenbar wollte der Vcrfasier mit der Proseription eines Juden andcuien, daß eben ein Jude nur fähig sei, fahnenflüchtig zu werden, denn sonst hätte er sich nicht gerade den ‘,. Jial" hcraiisgesuchk, ihn nioiaisch fein lassen und mit einer gebogenen 'Nase bedacht, Nun denke man siclD Eilten Vortrag, bei dem der Unterricht ertheilendc Sssieicr jenes Phantasicstnck eines vielleicht aus der alten Gamaicheiizcii bervor - gegangenen AulorS den Einjührig-Frciwilligon vorführi, welches i^e fühl der Bitterkeit muß die der jüdischen Eonsesfion beschleichen,- -wie deren Situation in dem Augenblicke ihrer Herabsetzung in Geg..-„w.n'i ihrer christtichcn Kaincradcn beschaffen sein? Als neulich d-.e ersten Einjährig-Freiwilligen der Wiener lsiarnison infeierlicher W.-.'e den Tag begingen, an dem sic vor fünfundzwanzig Jabreu in das oster - rcichisch ungarische Heer cingcrciht worden waren, sagte der ehemalige Jnstrnctionsosficicr der Jnbilircndcn, T berstlientenani P-. a r a v. Bä reu t ha l: „Es ist heute viel von äiain.-rad'ch.r'l gei'vrochen worden, die Kamxradschaft der österreichisch ungaiischen. Armee ist nicht nur im Jnlande, sondern auch im 'Anslande bekannt Tie kragt nicht nach Nationalität, »ich! n.ach R e! i g i ü :i in festem Zusammenhalte» iit gute» und bösen Tagen s-uchl sie' sich die Herzen einander zu verpflichten. Ich erlaube mir, aus diese >iam>sradschast ein Profil auszubrittgeu!" Im Sinne dieser .siameradichask, aber auch im Jntcresic einer mit dem Geiste der Humanität verlüüpsten Tiseivlin erscheint es im Hinblicke darauf, "daß in der österreichisch ungarischen Armee an 40>A»t Juden diene», dringend geboten, daß die eomvctcnte Militärbehörde sich di„- sicevidirnng der fjir de» Unterricht in den'" einzelnen Truppenabtheilungen und militärischen Vehransldllen vor geschriebenen Lehrbücher angelegen sein lasse und dahin wirte, daß solche, wie das hier erwähnte Jiistruclionsbuch. ei» für allemal aus geschieden worden. Das Blltlmärchc». Vor einem Erkeuutnißsenale des Pragcr StrafgcrichteS hatte sich am U. d. M. der Ürcdacteur des tschechischen Antiscmitcnblattcs „Na»c Zajmy", viaromir Hu>ck. wegen Ver ' gchenS der Verbreitung falscher beunruhigender Nachrichten zu verantworten. DaS genannte Blatt ist bisher in der Stadt Weinberge erschienen und soll, da Huäck nach Wien übersicdcll, künftig hier

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