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Freies Blatt · 1894-04-08 · 105 (8.4.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
105 (8.4.1894)
Date
1894-04-08
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Freie» Blatt. Nr. 105. Er sri aber der Meinung und habe sich! verpflichtet gehalten, ihr auch Ausdruck zu geben, daß die Juden, die seit fast zwei Jahrtausenden in Deutschland leben, deutsch sprechen, deutsch fühlen und denken, dieselben Pflichten gegen das Vaterland üben wie die Christen, und die sich lediglich in der Art der GotteSverebrung unterscheiden, nicht nur daS Recht, sondern auch die Pflicht halun, die volle Gleichberechtigung zu fordern. Der Portrag wurde von stürmischen Beifall begleitet. An denselben knüpfte sich eine längere Discussi»», und es wurde beschlossen, geistig veranlagte Kinder nicht der antis mitischen Zeitströmung zuliebe dein Studium zu entziehen. Der Bortrag wird auf Kosten des „Centralvereincs deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" in Druck gelegt werden und als Massenflugschrift zur, Bcrtheilung gelangen. .Verein zur Abwehr des Antisemitismus.) Am 5. d. M. fand im Ronacher-Saale ein geselliger Abend des Abwchrvereines statt, tcr sich zu einer wahrhaft imposanten Manifestation der Abwehridee gestaltete. Mitglieder des Reichsrathes und des Wiener Gemeindcrathes, Männer der Wiffcnschaft, Kaufleute uni Industrielle sowie zahlreiche Frauen, an ihrer Spitze die geistvolle 2 orkämpferin der Fricdcnsidec, Frau Baronin Bertha Suttner. Halter sich zusammengefunden,'um in zwanglos gemüthlichcr Form, aber >och von ernstem Streben erfüllt. die Ziele des Vereines zu erörtern und einen Weckruf erschallen zu Ionen, der weit über den engen Rahnen der Versammlung Hinalls hörbar werden und hoffentlich auch der flbwchrbcwegung neue Freunde gewinnen wird. Der Ehrenpräsident Herrenhausmitglüd Baoon Friedrich weiten b erg er brachte nach einer kurzen Bcgrüßuckgsansprachc des Vorsitzenden, A. G. Freiherr» v. Suttner, ein Höch auf den Kaiser aus, welches ein lautes Echo in der Versammlung fand. Von den Sprechern des Abends, auf deren Reden wir noch des Weiteren zurückkommen werden, seien heute die Herren Reichsrathsabgeordncten Superintendent Dr. Haase, Profcsior Tr. Sueß und Dr. Kronawetter, Frau Baronin Bertha Suttner, Herr Balduin Groller und stuck.jur. Eckstein genannt. In vorgerückter Nachtstunde schloß das schöne, würdig« Fest in harmonischer Weise, nachdem auch dem geselligen Thcile de 2 ProgrammcS Rechnung gclragen worden war. Tie Rcichsrathswahl in der Zmiern Stadt.) Bei der am 2. April in der Innern Stadt Wier vorgenommenen Ersatzwahl eines ReichsrakhSabgeordncten an Stelle des verstorbenen Dr. Heinrich JaqueS wurde der deutsch-liberale Caniidat Constantin Noske mit 2173 von 3792 abgegebenen Stimmen zewählt. Tr. Julius Ofner blieb mit 1017 -Stimmen in der Minor tät. Auf einen antisemitischen Eandidaten, Tr. Vinccn; Rabenleechner, entfielen 532 Stimmen; auch Georg Schönerer erhielt eine S imme, die von einem pietätvollen Pohrlitzer hervühren dürfte. (Ans dkm Gcmeillderathe.) In her Sitzung vom 29. März hielt Tr. Lueger in der Generaldebatt« über das "Budget eine große Rede, in welcher er die Gemeindewir hschaft einer strengen Kritik unterzog und gegen die Majorität bii bekannten Anklagen wegen Unterdrückung der armen frommen Oppcsition erhob. Allein Lucger's Rehe klang diesmal mehr wie eine Chan ade, denn wie eine Fanfare, und Dieferblickcnde wollen einen gewissen inneren Zusammenhang twiichen Luegers maßvoller Kritik und dem erledigten Amte eines zweiten Vicebürgermeisters entdeckt haben Zu diesen Tieferblickenden scheint auch Gemcinderath Frauenberüer zu gehören, welcher in der rolgenden Gemeinderathssitzung eine äußerst gelungene und nette Virsisection der Lueger sschcnRede vornahm. Anknüpfcnd an frühere Budgetberalhungcn brklagte er die wirthschaftliche Mißlage der Bevölkerung, welche durch die stelS wachsende Ster erlast fortwährend verschärft werde Dazu komme, meinte der Redrer, die allgemeine Geschäftslosigkeit, da durch die gegenwärtigen verbitterten Verhältnisse jeder Unternehmungsgeist gelähmt werde und eine . allgemeine Muthlosigkeit eingeirelen sei. In Wien werde leider jedes Unternehmen schon im Keime erstickt, und es herrsche daselbst man Riemankem mehr etwas verdienet ein derartiger Brotneid, daß lassen will. Zu Luegers kritischen Benierkungen übergebend meinte Gemeinderath Frauenberger, ni'iiii man kritisirc, müsse man auch ägen, wie eS besser gemacht werden könne. Dr. Lueger nehme jetzt a an der.Verwaltung großen Antheil, er sei Stadtrath, warum stelle er dort keine Reformanträge? Ein großer Theil seiner Rede hätte in den Reichsrath gehört, dort könne er mit dem Finanzminister über die Goldwährung und Convertirung sprechen, dort könne er die andere» Abgeordneten für Wien unterstützen, bannt für Wien etwas geschaffen werde. Aber von der Höhe der Convertirung sei Dr. Lueger gleich auf den Sand und Mist in den Gärten gekommen, um damit die schlechte Wirthschaft der Majoritätzu beweisen. Er habe dieser den guten Rath crtheilt, bei den Bezügen für den Bürgermeister, die Vicebürgermcister und die Stadträthe zu sparen. Diese Auslagen bilden in dem Budget der Gemeinde per 30 Millionen Gulden keine Rolle. Wenn aber dem Herr» Dr. Lueger sein Gehalt als Stadtrath zu viel werde, so möge er denselben den Armen des Bezirkes Margarethen, seines Wahlbezirkes, zuwenden. (Heiterkeit.)- Dr. Lueger habe heuer nichts vom Bankerott der Gemeinde gesprochen, wie er es früher mit.Vorliebe gcthan habe. Wahrscheinlich habe er sich gesagt, daß, wenn er vielleicht doch in das Präsidium eintrctcn würde (Rufe links: Wird auch geschehen!), es heiße, er sitze auf dem Bürgermeisterstuhle einer bankerotten Gemeinde. (Ruf: Das ist schwach!) Es ist richtig, bemerkte der Redner, daß ich schwach spreche, aber ich will (zur Opposition gewendet) Sic nicht reizen, denn wir sind ja an einem Orte, der besonderen Anstand erfordert. (Heiterkeit.) Auch über die Juden habe Dr. Lueger diesmal sehr mäßig gesprochen, und cs werde ihm auch der Dank hicfür nicht äusblcibcn. Der Führer der Opposition habe auch vom Friedensschlüsse gesprochen. Den Frieden schließen hieße aber nach der Anschauung der Opposition, ihren Führer zum Bicebürgermeistcr machen. Ja, wenn cs der Majorität "dadurch gelingen würde, den Antisemi tismus auS der Welt zu schaffen, so würde sic selbst um diesen Preis den Frieden schließen. Sobald aber Dr. /Lueger ins Präsidium ein trete, sei schon ein anderer Führer in Bereitschaft, und eS sei zu ver wundern, daß er seinen Nachfolger nicht bemerke. Dann hieße cs, Dr. Lueger ist auch kein verläßlicher Mann, jetzt sitzt er im Präsidium und handelt ganz anders als früher. Durch den Antisemitismus seien nur die armen Juden getroffen; die reichen brauchen nicht hier zu bleiben; es gebe auch außerhalb Wiens manchen schönen Platz. Dadurch werde aber wieder die Gesammtheit der Bevölkerung getroffen. Ter Führer der Opposition verlange von der Majorität Umkehr und Gerechtigkeit. Das hieße nichts Anderes, als die Macht, welche die Majorität jetzt besitze, unterlhanigst der Opposition zu Füßen zu legen. Heute sei die liberale Partei in der Majorität, und sie habe auch die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich. „Trachten Sie," fuhr Gemeindcrath Frauenberger, gegen die Linke gewendet, fort, „in die Majorität zu kommen, die Mehrzahl der Bewohner für sich zu gewinnen; wen» Sie daS erreicht haben werden, werden wir von der liberalen Partei uns bescheiden zurückziehen und Sie bei der Arbeit bewundern. Vielleicht werden dann Manchem von Ihnen und auch einem Thcile der Bevölkerung die Augen aufgehen. Wir haben keine Ursache zur Umkehr; wir wollen das Beste für unsere Stadt. Vielleicht streben auch Sic das an; aber die Mittel, deren wir uns bedienen, sind sehr verschieden. Die Mitglieder der Majorität wechseln nicht ihre Gesinnung, in der sie alt geworden sind." Der Redner besprach dann die Aeuße rung des Dr. Lueger, daß er ein Gegner der bezahlten Stellen sei. Dr. Lueger selbst sei aber Mitglied dcS Reichsrathes, deS Landtages und des Stadtrathcs, also int Besitze dreier mit Diäten und Gehalt verbundener Mandate. Warum^nehme Dr. Lueger nicht auch eine unbezahlte Armcnraths stelle an? Bei der Aufzählung der Verdienste, welche sich die Opposition erworben haben soll, habe der Führer derselben etwas „ausgeschnitten". Auch seine eigenen Verdienste habe Dr. Lueger viel zu sehr in den Vordergrund gestellt. Er hätte diese Lobeshymne einem seiner Parteigenossen überlassen sollen. Tie Opposition möge eine That anführen, welche sie zum Wähle der Stadt Wien vollbracht habe. So lange sie auf eine solche That nicht Hinweisen könne, so lange müsse behauptet werden, daß- Alles, was für die Stadt Wien geschaffen wurde — und das sei viel — durch die liberale Partei geschaffen worden sei, weil sie die führende Rolle habe, weil sie die Initiative gebe und auch der Verantwortung nicht aus dem Wege gehe. — Am 3. April wurde die Generaldebatte über das Budget beendigt, nachdem noch Bürgermeister Dr. Grübt und Tr. Nechansky in ausgezeichneter Weise den liberalen Standpunlt vertreten und das Verhalten der Opposition gekennzeichnet, andererseits Dr. Geßmann einige von Lueger abgelegte Phrasen producirt hätte. Man kann das Herrn Geßmann nicht verübeln. Am 1. April sprach er in einem katholisch-politischen Vcrcin in Braunau, am 2. in einem hiesigen Antisemitenverein und am 3. im Gemeinderathe. Eine solche Ueberproduction an Reden würde auch «iju wirkliche Geisteskraft erschöpfen, geschweige denn einen geistigen Kleingewerbetreibenden wie Geßmann.

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