Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 105 (8.4.1894)
- Date
- 1894-04-08
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Stift :> Nr. 105. . $ t * i t s an; zugleich verfügte er die Ausweisung der Frauen, welche in den Kaufläden Milch verkauft hatten. Diese Ausweisung wurde thatsächlich durchgcführt, und viele Handwerker verließen daher Kiew, denn diese Unglücklichen mußten ja. ihren Frauen, den Müttern ihrer Kinder folgen. Vergebens versuchten die Juden auf die Erlanbniß der Kicwcr Gerichtskammer hinzuwciscn, vergebens flehten sic um Gnade. . Westen Graf Alexei Jgnatjcw fähig ist, zeigte er erst wieder vor Innigen Tagen. Wie Ihnen bekannt fein dürfte, ist cS>dcn Juden nicht' gestattet, im Südwestgebiete Güter oder Grund und Boden zu besitzen; dagegen erlaubt ihnen das Gesetz von 1868, solche zu pachten. Der Jude Israel Maidantschik halte 1802 daS Gut Chischowka auf zehn Jahre gepachtet und für den Eigcnthümer Anton Woronitsch die Pachtsumme von 80.000 Rubeln erlegt. Kaum war ei» Jahr seit Abschluß dieses Pachtvertrages verflosten, als Graf Jgnatjcw, in dessen Vcr- ,Ballungsgebiet Chischowka sich befindet, die Gerichtskammer von Kiew ' beauftragte, den Pachtvertrag zwischen Maidantschik und Woronitsch alo ungiltig und den erlegten Pachtbetrag als confiscirl zu erklären. Tic Gerichtskammer wagte nicht zu widersprechen und annullirte den- ■Vlbcn Vertrag, den sie vor Jahresfrist selbst genehmigt halte. Graf Jguatjew unternahm diesen Schritt, weil er, wie cö in seiner Weisung au die Gerichtskammer heißt, „die Ileberzeugung gewonnen hatte, daß Maidantschik das Gut Chischowka unter dem Scheine eines Pachtet träges als Eigenthuin erworben Hai, was den Juden durch Gesetz vom 10. Juli 1864 verboten worden ist". Auf welche Weise er diese Ileberzeugung gewonnen hat — darüber hüllt er sich in Schweigen. Eine' Thatsache ist eS, daß diese, .willkürliche Verfügung eine Familie au de» Bettelstab gebracht hat. Aber nicht um den Inden Maidantschik »il.in ■ handelt cS sich hier; eine große Gefahr liegt vielmehr darin, das; nun sämmtliche jüdische» Pächter besorgen müssen, ihre Pachtverträge ans allen Gebieten der Landnnrihschaft, mögen sic auch gerichtlich bestätigt sein, könnten illusorisch gemacht werden. Durch dieses Vorgehen Jguatjcw'S sind auch die orthodoxen Gutsbesitzer hart betroffen, denn kein Jude würde es jetzt wagen, seine Existenz durch Verträge von zweifelhafter Sicherheit aufs Spiel zu setzen. Auch in strsng orthodoxen Kreise» kann man in Folge besten hören, daß die Judenfrestcrei des Grafen Jgnatjcw den Handel und die Industrie im Südwestgcbictc rninire und die orthodoxen Gutsbesitzer schädige. Onkel und Reffe sind einander würdig. Jr^ns. Die Ariden und die körperliche Arbeit. Im „Eentralverein "deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" zu Berlin hielt, wie bereits kur; gemeldet, vorige Woche Profestor Ti. Pohlmann auS Neuwied einen Vortrag über das Thema „Die Juden und die körperliche Arbeit". Die Ausführungen Dr. Pohlmann's verdienen in vielfacher Beziehung Beachtung, und wir wollen daher aus dem reichen Inhalte des Vortrages - noch Nachstehendes wicdcrgeben: Die seit fast zwei Jahrzehnten herrschende Judenverfolgung,. sagte Dr. Pohlmann, hat noch keineswegs ihr Ende erreicht, sondern ist an scheinend noch im Aufsteigen begriffen. <3jie unterscheidet sich von ihren Vorgängerinnen dadurch, daß sie nicht bloß örtlich und auch keine eigentlich acute ist, sondern sich über weite Länder ausbrcitct und geradezu chronisch geworden ist. Im Mittelalter wurde bei den Judenverfolgungen Feuer und Schwert in Anwendung gebracht; da dies aber heute, Dank einer starken Regierung, nicht mehr angängig ist,, so greift man zu der Waffe der Lüge und der Verleumdung. Eine der Hauptlügen der Antisemiten ist die Behauptung: Die Inden seien jeder körperlichen Arbeit abgeneigt. Es ist den Antisemiten sehr genau bekannt, daß durch diese lügnerische Behauptung die Bauern und Handwerker sich am ehesten gegen die Juden aufhctzcn laste». Wenn man in Deutschland die Verhältniffe oberflächlich betrachtet, so gewinnt es fast den Anschein, als entspreche diese Behauptung der Wahrheit. Ader in Rußland befinden sich fast alle .Handwerke in den Händen von Juden. Und in Rumänien werden fast alle körperlichen Arbeite» v'ii Juden ausgeführt; so zu lesen auf Seite 10 des Antiscinitcn- Nutcchismns! Und in demselben Buche wird etwa 1(-0 Seiten weiter behauptet: „Der Jude hat keine Neigung, sich durch schwere körperliche Arbeit seinen Lebensunterhalt zu verdienen!" Auch in der Türkei gibt es zahlreiche jüdische Handwerker. In London allein leben 10.000 jü.ische Schneider; ähnlich ist es in NcwG>ork. In Rußland existirteu bernks 1887 203.000 jüdische Handwerker und 80.844 jüdische Tag- ,iS! üer, wie Straßenkehrer, Pflasterer u. s. w. In Klcinasicn werden di schwersten körperlichen Arbeiten von Juden verrichtet. Die 6000 Jubcn, die auf der Insel Korfu leben, verdienen sich zumeist ihren Le -nsunterhalt durch Handarbeit. In Holland werden die schwersten Statt. körperlichen Arbeiten, wie das AuS- und Einladen der Schisse, von Inden auSgesührt. .Wenn in Deutschland, fuhr Dr./Pohlmau» fori, die Inden nur zum kleinsten. Thcil Handwerker sind, "so tragen daran nicht die Juden, sondern die Christen-, die Schuld. Seit länger denn tausend Jahren war eS den Juden in Dcntschland verboten, sich in anderer. Weste als durch den Kleinhandel ihr Brot;n vcrdiencii. Erst feit 1*48 ist es in Deutschland den Juden gestattet, auch Handwerk und Ackerbau zu treiben. Daß Irotzdcni »öch immer die »zcistcn Inden i» Deutschland Kaufleute sind, ist durch die Verhältnisse vollauf begründet. , Einmal konnten doch diejenigen, die bis 1*18 einen anderen Beins hatten, nicht plötzlich Handwerker werden, und andererseits liegt cs in" der ""Natur der Sache, daß Kinder zumeist das Erbe ihrer Eltern an treten. Endlich ist zu berücksichtigen, daß ein jüdischer Handwcrkslchrling und -Geselle »och heute mit den größte» ■ Mimierigkeiten zu kämpfen hat. Es ist ihm, bemerkte der Vortragende, eine Reihe von - Fällen bekannt, in denen Meister, um in ihren Werkstätten Frieden .zu habe», ihre jüdischen Gesellen entlassen mußten. Diese jüdische» Gesellen waren fleißig, arbeitsam, nüchtern und sparsam, und eben deshalb, so versicherten ihm christliche Meister, wurden sie von den _ christlichen Gesellen gehänselt und beschimpft. Trotz alledem sind die Inden, nachdem ihnen das Recht, Handwerk und Ackerbau zu treiben, gewährt wurde, sofort bemüht gewesen, davon. Gebrauch zu machen. ,ES cristircn i>>. Deutschland 80 Vereine, die sich die Beförderung dco Handwerks und des Ackerbaues unter de» Jlldcn angelegen fein taffen. Ein ähnlicher in Wien bestehender Verein hat bereits 1207 jüdische Lehrlinge bei Haudwerksmeiftern untcrgebrach.k. Dafür wird allerdings dieser Verein von den Antisemiten angegriffen! Schon hieraus ersieht man, daß die Behauptung: die Inden sind jeder körperlichen Arbeit abgeneigt, nur eine bcgueme Waffe >z»r Judenverfolgung ist. Moralisch ticfstehende Menschen, lieben es vielfach,- ihre schwächeren Mitmenschen zu unterdrücke», und da dies mit ehrliche» Waffen nicht gelinge» will, so wird eben zur Litge und Verleumdung Zuflucht genommen^. In Hessen-Nassau, Thüringen und Sachsen leben viele Juden vom Ackerbau. Eine große Anzahl verkauft aber jetzt selbst mit Schaden ihr ländliches Besitzthuni und zieht in die Städte, da die ^Jndcn auf dem Lande unter dem Antisemitismus gar zu sehr zu leide» haben. Selbst die Jude» in Palästina treiben vielfach Ackerbau und Viehzucht. (Geradezu unerhört ist die Behauptung in dem Antisfinitcn Katechismus: „Tic Jude» habe» nicht bloß in der Zcrstrenungi-sondcr» auch als sie noch eine selbstständige Nation bildeten, nur vom Schacher gelebt." Jeder nur halbwegs Gebildete muß doch wiffcn, daß die Juden im Altcrthuüi fast ausschließlich Ackerbau und Viehzucht getrieben habe»,' ja, jedes Kind i» der Volksschule lernt daS. Die Jude» sind weder schwerer körperlicher Arbeit abgeneigt, noch sind sie zumeist wohlhabend, wie das vielfach geglaubt wird. Dr, Pohlmann verbreitete sich dann überdie Gründe des Anti seniitismuS sowie über die Motive, welche ihn persönlich zu seinem jetzigen öffentlichen Auftreten gegen die - Raccn,- und EonfcssioiiSlicscr bcstimntt haben; er sagte u. A.: Die.Hauptursache dcS Antiscmit'ismus bilden der Neid und die Mißgunst. Der Jude ist zumeist iparsam, fleißig und - mäßig, während der Deutsche vielfach zur Völlcrei neigt. Es wird mir,, der ich germanischer Abstammungmnd Ehrist bin, nicht leicht, dies zuzngestcheu. Anstatt einen Kampf hegen die Inden sollte" man einen Kampf gegen die"Tru»ksucht führest.. Und ist denn der Handel nicht mit körperlicher Arbeit verknüpft, die ländlichen Hausirer, "die bei jeder Witterung vom frühesten Morgen bis zum späten Abend mit einer schweren Last 'ans dem Rücken von Dorf zu Dorf, von HauS zu HauS gehen müssen, haben diese keine körperliche Anstrengung? lind sind denn alle diejenigen Leute, die nur mit dem Kopfe arbeite», 'FaullenzerV Ich bin der Sohn eines evangelischen LandpfarrerS. Obwohl ' nun mein Vater vom frühen Morgen bis .zum späten Abend angestrengt arbeitete, um ' seine Amtsgeschästc zu besorgen, sich für Predigten vorzubereite» u. s. w., sagten die Bauern oftmals zu ihm: „Sic haben es gut, Herr Pfarrer, Sie brauche» nicht zu arbeiten". Es ist eigenthümlich: Hervorragende christliche Industrielle-, die von Hause aus arm gewesen, werden den .Kindern selbst in Lesebüchern als Beispiel vorgeführt und zur 'Nachahmung empfohlen. Wenn aber ein Judecö zu etwas bringt, dann sagen die Antiieuritcn: Er ha'-c das deutsche Volk betrogen. Es kann ja nicht geleugnet werden, daß cs auch unter Juden schlechte Elemente gibt, man kann doch aber für die Sünden Einzelner nicht die Allgemeinheit verantwortlich machen. Der Bvltragcnde bemerkte ferner, haß die Vorgänge am Rlzcin, die aus Anlaß dcS Xaut/ncr Knabenmordcs sich ereigneten, ihm die Feder in die Hand gedrückt haben. Er sei gegen die Judcüvcrsolgnugcii ausgetreten, obwohl er sich bewußt war, daß er deshalb von den Antisemiten noch mehr als ein Jude werde gehaßt und angegriffen werden.