Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 105 (8.4.1894)
- Date
- 1894-04-08
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 105. * Seit» L . Freie» Blatt. sitzer seinen lästigen Besitz abnehinen, wenn er damit auch lausend Verpflichtungen gegenüber der ganzen Sippe übernehmen muß? Und wenn sich selbst ein Ilebcrnehmrr fände, wie, wenn dann die aus das Gut AnspruchSberechtigten Einsprache gegen die Veräußerung erheben? Wird dann nicht der arme Hofherr einem Manne gleichen, der nicht leben und sticht sterben kan», cineni Tantalus, der mitten in seinem Besitze Knecht. der frei über sich verfügen kan ärmer ist, als sein letzter Daß derartige Folgen von Prozesien, erzeugen isemiten bestgehaßten Ad- Gute kämen. wirklich cinlreien würden', beweisen du dermaligc» Verhältnisse der schlesische» „Ritterschaften", welche den antisemitischen LandwirthschaflSreformcn zur Vorlage für ihre Postulat« dienten. Wir wollen ganz davon absehen, daß die Eonstruction so künstlicher Verhältnisse, wie dies durch das Huferecht oder die' Renlengüter bedingt wäre, zumal bei der bekinnten Anlage deS bäuerlichen Eharakters,' wahre Rattenkönige ~ müßten,. welche zwar der von den An vocatie, keinesfalls aber den Bauern zu So also würde beiläufig das Paradies anssehe», welches die Antisemiten den Bauern jetzt für die ncchste Zukunft verspreche». Warum man sich maßgeblicherseitS diese Forderungen der Bierbank gegenüber so gefällig und nachkönnulich zeigt, da man doch sonst den eigenen Standpunkt nachdrücklichst zu wahren weiß, ist uns unbekannt. Jedenfalls besteht kein Zusammenhang zwischen dieser ofnciellen Agrarpolitik und einer anderen Wirtschaftspolitik, welche durch die Worte Hausirg setz- und Ratengesetz genügend gekennzeichnet ist. Wir sind zwar auch der Meinung, daß eine wirksame Abwehr des Antisemitii mus .nur in wirklichen sociale» Reformen bestehen könne. Daß aber dies so aufzufassen sei, daß man das gesammte antisemitische Wirlhschaflsprogramm förmlich durchführt, das ist keinesfalls unsere Meinung. Roch hat das Höferecht nicht die L indeSgesetzzebunzen passirt (obwohl sich bezeichnenderweise gerade der niederösterr nchische Landtag erstaunliche Mühe um dessen Aclivirung gibt), noch ist die Rentengütervorlage nicht Gesetz., Aber es besteht eine beständige Drohung mit diesen wirtschaftlichen Popanzen, und. w r hoffett, daß diese Drohung nie erfüllt werde trotz, der Prfision, die antisemitische Meetings auf die Volksvertretung auszuiben versuchen. Das Recht der eigenen Meinung. Unsere Leser kennen den Standpunkt, welchen das „Freie Blatt" als Srgau zur Abwehr des Antisemitismus während des Wahlkampfes in der Innern Stadt einnahm. Wir sind indessen gerne bereit, einem hochgeschätzten Mitarbeiter zur Vertretung seiner Ansicht das Wort zu ertheilen und nachstehende Zuschrift zu veröffentlichen: Mit dem '.Niedergänge des Idealismus hat auch der Individualismus schwere Einbuße erfahren. Tas, waS den Menschen erhebt und. von der großen Menge absondert, ist das größere Ausmaß intellcctueller Facultätcn, das ihm inncwohnt. Je entwickelter dasselbe -in die Erscheinung tritt, desto plügnanter tritt sein Ich, seine Individualität zum Vorschein: wie aber sei» Jnicllect int Zustande der Unbeweglichkeit verharrt, verliert er sich in der Masse und hört auf, ein Selbst zu sein. Menschen, die im Ar blicke der vor ihren Augen sich gestaltenden Tinge, in der Beobachturg der Evolution der Geschehnisse, in der Reflexion auf den Ga» j des zwischen Ursache und Wirkung stch abspielenden ProccsscS den cicenen Geist zur meditativen Thätigkeit hcranziehcn, kommen \ii Resultaten, die, wenn sie auf die Erreichung oder Verbesserung edlerer Güte - der Menschheit hinzielen, Ideale heißen: sie selbst werde» dadurch zu Individualitäten. Wie in vielen! Anderen, hat sich auch f ierin ein Frontwechsel vollzogen. Ter Idealismus hat dem Realismus dcy Platz geräumt, und der Individualismus ist dem Eollcclivism is gewichen. Tie Realpolitik, eigentlich der Opportunismus, hlt die Herrschaft, und die Partei dominirt. Principien sind WahngeNilde und Individuen Zahl und nicht Gemichtsobjecle. Man darf sich larpm auch nicht wundern, wenn die Suche nach Individualitäten sclbf mit der Diogenes-Laterne in der Hand erfolglos bleibt. Woher sollen sie kommen, wenn das, waS ihnen den Kern geben soll, der Idealismus, fehlt? Im Rainen deS Liberalismus treten sie Beide vor uns hin. Sollen wir nicht den Reingehalt dieser Goldmünze aus der numismatischen Kammer liberaler EirculationSwerthe prüfen? Es geschieht nicht. Tic Zugehörigkeit zur Partei und nicht die Gradhältigkeit des liberalen Gedankens und die damit zusammenhängende Mehr- oder Minderwertigkeit der Individuen ist das Ausschlae gebende. Wohin das führt, trat in peinlicher Weise genugsam hervor. WaS wurde nicht Alles ins Gesicht geführt, um den Sieg ztterriigen! Nicht genug beklagt muß es werden, daß sogax das confessionelle Moment hiebei tangirt wurde. Der Liberalismus schließt jeden Religionsunterschied aus, und wer nicht kraft dieses politischen. Dogmas allein jede Bedrückung oder Verkürzung einer Glaubensgenoffenschaft perhorrescirt, ist kein liberaler Mann, selbst wenn er zur Partei der' Liberalen zählt. Als der Uebel größtes muß eS angesehen werden, daß durch die Herrschaft der Partei daS Recht der freien Meinung in gewissem Sinne dcpoffedirt wird. So sehr die Vereinigung der Kräfte im politischen Kampfe als eine conditio sine qua non gelten muß, so muß andererseits das Recht der eigenen Meinung unangetastet bleiben. Wenn jede« Recht deS Kampfes Werth ist, den man uiu dasselbe führt, so ist eS bei dem in Rede stehenden Rechte in erhöhtem Maße der Fall. Nicht auf dem Wege des Drills, der Dreffur wird der Idealismus wieder zur apostolischen Gemalt kommen, sondern durch die freie, ungehinderte. Entwicklung der eigene» Meinung liberal denkender Männer. Darum heilig, dreimal heilig das Recht der eigenen Meinung! Emanuel Baumgarten. Die Grafen jgnatjew. ^Original-Mitteilung deS „Freien Blattes".) Petersburg. 2 April. In der Geschichte der Judenverfolgung in Rußland nehmen die Namen Derer von Jgnatjcw einen hervorragenden Platz ein. Niemand in Rußland hat die Juden an höchster Stelle so angeschwärzt wie die Träger des Namens Jgnatjcw. Was Haman zur Zeit des persischen Königs Ahas.verus für die Juden war, das sind heutzutage für die Juden in Rußland die beiden Grafen Jgnatjcw, Onkel und Neffe. Haman wollte die Juden völlig vertilgen; auch die Grafen Jgnatjcw möchten die Juden am liebstendem Scheiterhaufen ausliefern. Schon 1881, als das russische Ministerium deS Innern dem Grafen Nicolaus Jgnatjew, dem ehemaligen Botschafter in Constantinopel, anvcrtraut worden war, begann der Judenhaß in Rußland sich mächtig zu regen, während di; berüchtigte Lex Jgnatjew von 1882 daS Signal zum Ausbruche der bekannten Judcnkrawaüc gab. Wir'wissen hier positiv, daß die von dem Grafen damals ausgegebcne Parole lautete: „Die Juden stehen außerhalb des Gesetzes." Der bekannte kaiserliche UkaS, welcher Rußland verkündete, daß „auch die Juden unter dem Schutze des russischen Gesetzes stehen", erfolgte erst zwei Jahre nach demAuSbruche der Judenkrawalle, die sich während dieser Zeit über alle „Judenstädte" im Czarenreiche ergossen und unzählige Menschenleben vernichtet hatten. Im Laufe der zwei Jahre aber, während der wüthende Jan-. Hagel, geführt vyn Anstiftern aus der Residenz, Juden mordete, ihr Hab und Gut plünderte und an jüdsschen Frauen und Mädchen Verbrechen gegen die Sittlichkeit verübte, hatte Graf Jgnatjew als Minister des Innern absolut nichts gethan, was auch nur auf eine officielle Mißbilligung dieser Schandthaten hingedeutet hätte. Vergeblich war das Ministerium von flehentlichen, herzzerreißenden Bitten der Juden' um Hilfe bestürmt worden, und ehrliche, orthodoxe Bürger in Rußland sagten es offen heraus, daß die Regierung die Judenkrawalle begünstige. So. handelte Graf Jgnatjew, der Onkel, als rlissischer Minister des Innern, so handelt jetzt Graf Jgnatjcw, der Reffe, als Generalgouverneur von Kiew, Podolien und Wolhynien. Obzwar General Trenteln, der Vorgänger des Grafen Jgnatjew, ein bekannter Judenfeind war, wurden die Juden untcr ihm dennoch menschlicher behandelt als unter dem jetzigen Regime. Graf Alexei Jgnatjew, der mit unbeschränkten Vollmachten ausgerüstet ist, verfolgt die Juden in den ihm unterstehenden Gouvernements mit beispielloser Rücksichtslosigkeit. Abgesehen von den Ausweisungen, die Graf Jgnatjew fast täglich vornimmt, abgesehen von zahlreichen Beschränkungen, die er sogar gegen solche Juden verfügt, die das Recht der freien Niederlassung kraft ministerieller Verordnungen schon seit Jahren genießen, ist er bestrebt, die Juden aus allen Gebieten des Handels und der Industrie zu verdrängen und ihnen sogar daS zu entreißen, was ihnen gerichtlich zugesprochen wurde. Die in Kiew wohnenden Handwerker mosaischer Confession leben fast durchweg? in großer Armuth; um ihnen zum Lebensunterhalte eine neue Verdienstquelle zu erschließen, hatten die Frauen dieser Handwerker an die Gerichtskammcr zu Kiew die Bitte gerichtet, man möge ihnen gestatten, auf den Standplätzen der Stadt Milch und Brot zu verlaufen. Die Gerichtskammer schenkte dieser Bitte Gehör und erklärte, daß die Frauen jüdischer Handwerker, welche das Aufenrhaltsrecht in Kiew genießen, unbehindert Milchgeschäfte betreiben können. Auf Grund diese- Gerichtsbeschlusses hatten viele jüdische Frauen in Kiew solche Geschäfte eröffnet. Da kam Graf Jgnatjew und ordnete die sofortige Schließung solcher Geschäfte