Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 104 (1.4.1894)
- Date
- 1894-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
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Nr.' 10t. Freie, Herzen einer Welt öffnet, die mitten in den Segnungen des wohlerkannten Individualismus lebt, aber auch an dem Fluche des übelerkannten Individualismus krank und siech darniederliegt. Darum fand Arlopö feine Anhänger auch zumeist in jenen Kreisen, aus welchen sich auch die Armee der sociale» Bewegung rccrulirt. derjenigen socialen Bewegung, welche den erbitterte» Kampf gegen s den Individualismus zur obersten politische» und wirlhschaftUche» j Maxime erhoben hat. So berührt sich ewig Alt und Neu. So wie sich der uralte westöst'liche Ml)sticiSmus Artop.-'s mit der socialistische» Phrase verbinde» mußte, um einigermaßen.zu „ziehen", so mußte er sich vou dcin Millieu der neuen Zeit noch ^jne andere Beeinflussung gefallen lassen, wie zum Beweise, daß selbst die -erbittertste Reaction gegen den Gust der Zeit dcch nur mit den Mitteln dieses Geistes kämpfen könne. „Wie die .Alten Kirchen " — schreibt ein Jünger Arlopes — „auf Natur- und Gcschichls . dogmen ihre Philosophie begründen und davon auch das .religiöse' ' Lebe» abhängig ist, dieses wenigstens selten dazu koinmk. die Glaubenssätze z» verlassen, so ist die Lehre der .Nenen Kirche-! auf die Naturnnd Gcschichlsw i ssen scha ft begründet; sie steht! in Folge dessen in der Anerkennung der Darwinsche» Ent wicklungSlehre und nimmt ebenso die Ergebnisse der Geschichtsforschung in sich auf." Das will sagen, die „Neue Kirche" steht; der Bibel und Tradition gegenüber auf dem Standpunkte der; Kritik; die erstere ist für sie das chWorl der Zeit", das allmälig « von dem „Worte der Schöpfung", der Natur verdrängt werden 1 wird. In dem Moment, wo man die Autorität der Bibel aufgibt, die Natur sich im Sinne der «Entwicklungslehre verändernd zu denken, widerspricht dem mystischen Gedankenbanne, in dem sich die Anhänger der „Ncnen Kirche" bewegen, gar nicht, so drastisch - der Gegensatz auch wirken mag. Hat man doch neuerdings in der j altindischcn Philosophie gleichfalls den uni einige Jahrtausend.' . vorempfundencil Darwinismus entdecken wolle». So gering und vorübergehend die Bedeutung Artopo's und « seiner«religiösen Neugründung immerhin sein mag, er hat für uns j doch das nnzweifklhafte Interesse, daß sein Fall ei» besonders reiner Typus für die mystische Bewegung unserer Zeit überhaupt ,, ist: eine merkwürdige Verquickung voii Orient uifb Cfdönit, j oft schon in der Person dcS Trägers der Idee, eine Mischehe , uralter, dem primitiven Geisteszustand der Menschheit angchöriger,! animistischer Anschauungen, mit den Kinderil des allcriiiodcrnsten Geistes, Kampf gegen de» strenge» RationaliSinuS mit den von diesem gebotenen Waffe». Kamps gegen den Individualisinus unter der socialistischen Flagge, Kampf endlich gegen daS alle Kirchenlhu.m u. s. w. Diese Züge trete» mehr oder minder scharf an allen mystischen Bewegungen unserer Zeit hervor. Deutschland selbst bietet Existenzen wieArtoplwenig Carril-re, aus Gründen, ans die wir noch zuriickzukoininen hoffe»; der Mysticismus lebt sich hier in anderen Formen aus. Anders ist es, je mehr »län nach Westen kommt. In Paris soll Prinz Gaulami gegenwärtig yiehr als hunderttausend Verehrer und mindestens zehntausend begeisterte, überzeugte Jünger zählen; Künstler, Schriftsteller, Boulevardicrs, bckcuncn sich zym Buddhismus: der Orientalist de RoSny, der Maler Eögniquizc, Baron Harden- Hickcy, El>'ine»ceau nehmen eine führende Nolle in. dieser buddhistischen Bewegung ein. Geht man freilich dem „BuddhiSmuS"! der Meisten etwas näher zu Leibe, so kommt mail sehr bald;» der Entdeckung, daß dieser merkwürdige Boulevard BuddhiSiiilis zu gleichen Thcilen aus ein paar heute übrigens schon landläufig gewordenen Phrasen und Wendungen der indischen Religionsphilosophie und den bekanntesten Anschauungen HcgLl's, Schoj penhau er's, Hartman n's und Darw in's -dilettaiitcnhäft zusanimcngemischt ist. Eknen eigentlichen Eult haben sich die Anhänger Buddhas nicht eingerichtet. Ein dann und wann Paris paffirender Originalbuddhist, wie Horiutoki, oder einer der erwähnten GangeSbummler, wie Mad. Bloch, welche nach Tibet ging, um dort direct aus dem Born der esoterischen Weisheit zu schöpfen, geben dem erschlaffenden Interesse immer wieder »cuc Impulse. Aehnlich ist cs um den Neubuddhismus der Engländer und Amerikaner bestellt. Neben den neuen Wegen, die der moderne MysticismuS wandelt, lassen sich überall unschwer auch noch die alten ausgetretene» Fahrgeleise beobachten. Der.alte Spiritismus, wenn auch selbst nie den Charakter einer Religion prätendircnd, hat doch stets zu mystischen Religionsbildungen getrieben und sich an solchen hctheiligt: MysticiSmuS, OccultiSmus sind untrennbar, möge sich derselbe nun auf einen biblischen Esoterismus beschränken wie Edward MaitlandS „Esoterisches Christenthum" (Esoterie Blatt. Seite 9. Christian l'uiou*) oder angeblich den OccultiSmus und die schwarze Magie mit den Mitteln spiritistischer Thaunialurgie,zu bekämpfen suchen, wie Liicie Grangc mit ihren Dienern dcö Lichtes**). Warum soll man sich wundern, Paß die Swcdenbprgianer nochkeineswegs ausgcstorben sind, sondern über die ganze Welt etwa eine Million Anhänger zählen sollen, und daß auch der französische Jacob Bochme, Bimras Eliczcr, seinen Nachfolger gefunden hat in dem Abbö Boullau, -der sich für Johannes Baptist» hielt; neulich hat ein gewisser Non das Erbe desselben übernommen und feiert das „Opfer des Mel chisedel" auf „Earmel", wo einst Binlras seine Wunder pro-- ducirte, bis ihm die französische Behörde das lhaumalnrgische Handwerk legte***). Gibt es doch in Frankreich Schwärmer, welche allen Ernstes an einer Galvanisiiung des Gnosticismus, ja sogar an einer ülmlhii Ncnbelrbung dös griechischen Olhmp und der egyplischcn Mysterien der Isis arbeiten. Das „moderne Babel" Paris scheint eben auch in dieser Berwirrung im unbeslrillenciz Besitz der PalinL bleiben;n wallen.. - Fernepninz >'olgr - Die Empörerin. . Rönne» ito.-b dem Englisch,-» t-es Waner Be'aiit von Aiarie Maier. XXI,. „Es scheint iiiir nicht recht zu sein, wenn ich Sie kurzweg Frau " ziska nenne," sagte 'Nell» am Morgen »ach dem Besuche beim Batri arckfen, während ne die Schale» Und Untertassen abwriich „Aber warum nicht?" ' ' „Weil Sie so reich sind,, tind wir sind so gewöhnliche Leute." „Unsinn! Ich rvill Ihne». Helsen bei dem Thecgeschirr, Nell».. Teilten Sie, daß dies das erstrmäl i» meinem Leben ist, daß ich eine Schale—abwasche, 'und Sie haben cs vermuthlich jeden Tag gcthair! So, und Nclly — 'Nclly ist ein so schöner 'Name, nicht wahr'!' .Denke» Sic sich, wir lcberr hier im Hanse beisammen und nennen uns gegenseitig Fräulein. Fräiilcin Bernard, dars ich Ihnen noch eine Schale abwaschcn? Zudem'haue ich das Wort. Ich möchte am liebsten zu nhserein alten spanischen Brauche znrückkchren und »sich bis zu meinciil dreißigsten Jahre Lorioril:» nennen und dann Seiiora." Franziska ivar fröhlich und fand (gefallen a» Allem Sic sprach wieder mit der alten Munterkeit, die bei ihv-i»»ner mit einer gewissen persönlichen Wurde, verbunden war. Sie" gehörte jener Gatlnng Frauen an, - vielleicht der höchsten und besten Galtnng, welche fröhlich sein können, aber nie kindisch und. leichtherzig. Die Kleinlichkeit der Unterhaltnng und des Lebens zieht sic nicht an. „Wir sind auch Spanier," sagte Nell». „Und 'Nclly ist nicht mein eigentlicher 'Name. Tic Meiste» von nnS haben »och einen anderen Name», den ' sie nicht führen Mein eigentlicher 'Name - ist Preciada Albrr." . „Preciada! Welch ein schöner 'Name!Warum schreiben Sic nicht * diesen Namen auf die Kurte an Ihrem Fenster anstatt Miß Bernard'?" „Claras wahrer 'Name ist Poliia. TaS ist auch schön. Ich möchlc wisse», welches Ihr 'Name ist?" „Bloß Franziska. 'N'ichts -weiter." '.>,'clly schüttelte zweifelnd den' Kopf. -„Man hätte Ihnen den Namen sagen sollen," sagte sie „Man hat Ihnen gar nichts gesagt. . Soll ich Ihnen andere Nariicn ncilnen? Ich'',glaube, daß kein Volk so schöne Namen hat, 'wie daS iinscrigc. So z. B. Leucha, daS ist Lea, nnd Rcyna, die Königin.- Andere Mädchen von uns heißen wieder Cstella, Oro, Perl«, Luna — inan könnte sich keine lieblicheren Namen denken, nicht?" , „Sic sind sehr schön. Aber nochmals, warum »cniien Sic sich Nclly Bcpnard »nd nicht. Preciada Albu?" „Ich weiß picht, warum. Biele aus «inscrcm Bolkc handeln und lebe» unter angenommenen Namen. Ich glaube, daS geschah, weil cs in früheren Zeiten so viel Haß und Bcrsolgung gab. Ter Vater wird sich am Turf nicht bei feinem wahren Namen nennen und nicht wollen, daß ich den wahren 'Namen auf meine Thüre setze. Es thut nichts, und es kommt mir so angenehm und mysteriös vor, wenn man seinen *) Ibe „New dospel of Interpretation“ beinp au ubstract of the dootrine and a Statement, ot tbe mich», object, basis. meibod nnd senpe of tbe Esoterio Cbristum L’niou.' London 1892. **) Jules Bois: Le petites religions de Paris. V. Le eulte de la lumiere. ***) «tbenda.- Yintias, Boullau et le Satauisuie.