Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 104 (1.4.1894)
- Date
- 1894-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
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freies Blatt. itr. 104. Seite 8. einer der Lieblinge des lesenden Westens? Hat nicht der ehemalige Revolutionär Wagner den christlich-germanischen MysticiSmus im musikalischen Drama Triumphe erobert, lnd beschenkt uns nicht einer der genialsten Maler unserer Zeit. Gabriel Max, ohne religiöser Maler im Engeren Sinne des Wortes zu sein, jahraus jahrein mit Bildern von Somnambulen, stigmatisirten Jungfrauen, hellsehenden Mädchen auS den Kaiakomben u. dgl.? Aber noch mehr. Wen» der neuerwächte Mystici Imus schon vor einigen Decennicn selbst Männer der exacten Wissenschaft, wie Zöllner und Fcchner, uni den Perstand gebracht, so mehren sich heute seine Opfer. Ja er versteht eS, unter dem Scheine der Wissenschaftlichkeit sich bis in die Hörsäle moderner Universitäten einzuschleichcn. „An die Stelle deS thierischn Magnetismus ist in neuerer Zeit der Spiritismus getreten," flgte neulich Virchov in einer denkwürdigen Rede*), und schon nacht der Hypnotismus starke Anstrengungen, ihm vorzukommen uid den Rang einer anerkannten Wissenschaft zu erlangen. Es if ein Kampf, wie einst der für die Homöopathie. Wird cs der S5 4fJen[£t»Q|t gelingen, die Gefahr abzuwenden, und wird die Regien ng stark genug bleiben, die Wege der Wissenschaft frei zu halten * Unsere Zeit, die in ihrem wissenschaftlichen Gefühl so sicher u td siegeöfroh ist, übersieht leicht die Stärke der mystischen Regungen, welche von ein-, zelnen Abenteurern in die Volksseele getragen werden. Roch steht sic ralhlos vor dem Räthsel des Antisemitismus, von-dem Niemand weiß, was er eigentlich in dieser Zeit der Rechtsgleichheit will, und der trotzdem, vielleicht auch deshalb fascinirend, selbst auf die gebildete Jugend wirkt. Wer die Geschichte der Naturphilosophie in ihren radicalsten Ausläufern kennt, der wird über solche Erscheinungen nicht erstaunen. Der menschliche Geist ist nur zu sehr geneigt, den mühseligen Weg des ordnungsmäßigen Denkens zu verlassen und sich in träumerisches Sinnen zu versenken. Ohne uns in das Meritorische des Hypnotismus und Mesmerismus einzulassen, der ja ncuestens Anhänger unter den bedeutendsten Vertretern der medicinischen Wissenschaft zählt, wollen wir als Zeichen -der Zeit nur das Eine conftatiren, daß sich neuestenS eine Eapacität wie Alfred Rüssel Wallace auf dem iVychical Seieuce-Ciongrfj; in Chicago unumwunden zum Glauben an' die Stigmalisirung, an das zweite Gesicht, Krystallsehen, automatische Schreiben, ja selbst an Geistererscheinungen u. s. w. bekannt hat. Das sollte zu denken geben. Der Mysticismus wurde ja seit den Plilhagoräern und Neuplatonikern herauf bis auf unsere Tage nie ganz von der streng rationalistischen Forschung verdrängt. Selbst in Zeiten, wo die Wissenschaft in höchster Entfaltung und Blüthe prangte, bildete er eine merkbare, wenn auch 'chwache Opposition. In der neuesten Zeit hat nun diese schwache Untcrströmung wieder einmal eine mächtige Verstärkung erfahren und — merkwürdigerweise — durch Impulse, die aus der nachkantischen, also auS einer an und für sich nichts weniger als mnstisch veranlagten Philosophie hervorgingen. - Schopenhauer — wenn auch keineswegs der dem neuesten Stand der Forschung conformste, so doch gewiß heute der populärste Philosoph, derjenige, welcher die öffentliche Meinung in Fragen der Weltanschauung und Ethik vielleicht am meisten beherrscht — wob in den kantischen KriliciSmus. einen starken Einschlag von buddhistischem, neuplatoniichem und mittelalterlich christlichem Mystüismus, indem er nicht nur Hauptlehren, wie die der Metcmpsychose u. a. in seinen 'v-culaliven Bau einfügte, sondern — zumefft in späteren Schriften - auch sie ganze occultistische Rumpelkammer nach Beweisstücken »üv niitc v.hredurchstöberte. Er war.kö euch, der Agrippa von Retkesbei:» übersetzte und — so viel mir btkannt — alS der erste inurdie ZchnflstcUer von Ansehen, eindringlich und mit Erfolg auf die Philosophie der Veden und UpaniShaden hinwies. Seit Lchov-nhauer >si das Interesse an der mystischen Philosophie und Tbeosovb-.e Indiens nie mehr abgerissen, und heute ist auch dieses Stuck verschütteten Geisteslebens vollständig ausgegraben und unserem bewundernden Auge, zugänglich' gemacht. ES soll gewiß den Männern, die uns mit dem Aufgebot eines wahren wiffenschaftlichen Heroismus diese alte Wunderwelt wieder neu erschlossen, damit auch nicht der leiseste Vorwurf gemacht werden, wenn wir heute bekennen müssen, die Frucht ihrer Mühen nicht so recht segnen zu können. Sie ahnten und vünschten eS nicht, daß sic den Keim zu jener mystischen Liane legt », die heute in so beängstigender Weise unser Geistesleben umchuchert und sich in die * Tie Gründung der Berliner Univerüiat, u» r'iilo'c»bi-cfaeri in dar namrwmeii'chinUiLe .-Zeitalter. > der Uebergang auS dem Berlin 1893. S. 21 f. feinsten Verästelungen des wissenschaftlichen Denkens legt. Nein, wer die Philosophie der Veden und UpaniShaden auS Weber, Müller und Deußen kennen gelernt hat, ist wohl dagegen gefeit, von dem orientalischen Schlingkraut umstrickt und geistig erdrückt zu werden. Aber die Modebrahminen, die indologischen Gigerln, die Dilettanten, die an den heiligen Ganges wunderten und selbsteigene „Studien" dort machten, oft ohne die heiligen oder profanen Sprachen Indiens zu kennen, von ihnen kommt nun die eigentliche Gefahr; denn wenn ihnen daS Land der heiligen Ströme den Kopf verrückt hatte, kehren sic in die westliche Heimat zurück und legen hier, nicht selten ihr im Osten erbetteltes geistiges Capital wucherzinsenbringcnd in neuen Religionsgründungen, neuen Kirchenstiftungen an. Die Zahl derartiger Propheten und" Messiasse ist größer als man vielleicht denkt. Hier vorläuffg nur Einer, der typisch für Alle sein mag, Albert Artop«-.*) In Mirzapore in Ostindien von deutschen Eltern geboren (1848), mag Artopü wohl schon in der Wiege den Keim zu seiner nachmaligen Geislesrichtung erhalten haben. Frühzeitig nach Deutschland gebracht, schlug er jedoch Bahnen eilt, die vorläufig von seinem späteren Wege noch sehr fernab liefen. Nachdem er abwechselnd Student, Bauer, Krieger, Beamter gewesen und die Freuden und Leiden des Lebens bis auf die Neige gekostet, lernte er die Lehre und das Leben Swedenborg's kennen. Aus der Hefe eines stürmisch gährenden Lebens sproßte ja schon so oft die blaue Blume der Mystik auf, und so war es auch hier. Artop« bezeichnet diesen Moment selbst als den Beginn seines Strebens, das Glück in der inneren Arbeit zu suchen. Er begann sein Apostolat als Stadlmissionär in Berlin 1884, sah sich jedoch bald mit den alten Kirchen in Zerwürfniß und fand zunächst von den Predigern der „neuen Kirche" in England eifrige Förderung, so daß er bald eine kleine Gemeinde um sich versammelt sah. In demselben Grade jedoch, als Artop« in der Entwicklung der Ideen Swedenborg's von diesem divergirte, wendeten sich /auch die orthodoxen Swedenborgianer, besonders die in England und Amerika, von ihm ab, so daß die „Deutschen Neukirchen-Gemeinden" auf deutsches Gebiet beschränkt und auch hier nur spärlich gesäet waren. Artop« löste daher kurz vor seinem Tode, der im Frühjahr 1891 erfolgte, die Gemeinde in Berlin auf und bildete eine freie Vereinigung, eine rein geistige Gemeinschaft, in der Hoffnung, daß die „Neue Kirche" in dieser freieren Form schneller wachsen würde, eine Hoffnung, welche, wie seine Jünger selbst zugeben müssen, „die nunmehrige .Gemeinschaft der Neuen Kirche' bis jetzt noch in keiner Weise erfüllt hat." Den Grund hiefür hat man wohl hauptsächlich in dem allzu nackten Mangel an Originalität zu suchen. Allen Jenen, welche dem Rationalismus stets den Vorwurf machen, daß er so langsam vorwärts komme, empfehlen wir Artop« s Bemühungen als neuerlichen Beweis der längstbekannte» Thatsache, daß man auch mit dem „inneren Schauen" herzlich wenig gefördert wird, und daß der Mysticismus nicht einmal über die Bilder und Formeln, geschweige denn über den Erkenntnißkreis früherer Jahrhunderte - auch nur um Haaresbreite hinausgerückt ist. Der Mysticismus war zu allen Zeiten immens stark in der Phrase, kinderschwach in dem, was dahinter steckt oder wenigstens dahinter stecken soll. Wenn wir in der „Neuen Kirche" von einem Streben der Seele nach „Wiedergeburt", nach einer Vereinigung mit dem Urquell des SeinS, von der Anleitung des Menschen zum „Neuen Leben", zur Erkenntniß seiner Selbst und des Lebensquelles in ihm, wenn wir die „Neue Kirche" selbst als „geistige Ehe" zwischen Gott dem Bräutigam und der "Seele als Braut u. s w. predigen hören, so erkennen wir darin die guten altbekannten Figurinen aus dem mystischen Puppenspiel aller Völker und aller Zeiten wieder, aber dieselben sind noch immer stumm,'„die-- selben sind über das innere Wesen der Dinge noch heute sw"verschwiegen und unwissend wie ehedem. Die „Neue Kirche" ist, wie alle nicht aus der Empirie und Induktion hervorgegangenen Geistesrichtungen, ein in seinen Consequenzen culturfeindlicher Kampf gegen die Selbstberechtigung der Persönlichkeit gegen den Individualismus, den aufzuheben als moralisches Endziel hingestellt wird. Das Apfgeben alles dessen, was dem „Eigenleben" schmeichelt, ist die „Wiedergeburt", das „neue Leben". Man muß diesen Zug genau beachten, denn hier liegt der Schlüssel, mit welchem sich die „Neue Kirche", wie fast alle mystischen Lehren, mit welchen wir es' zu thun haben werden, die *: W. A. Rußbülbi: Tie neue Kirche. Sphinx XVII,!>0. S. 108 ff.