Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 104 (1.4.1894)
- Date
- 1894-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 104. feile 7. Freies (Pattai in Paris.) Ter SJeitceter 6eS f cdjftcn Wiener Bezirkeim Ab geordnetenhause, dem da- „Deutsche Bolksblatt", als er sich mit demselben liberworsei, hatte, mangelhafte Senntniß de« Französischen »achsagle, hat ei gewagt, nach Paris zu gehen. Ob er inzwischen seine Sprachkeuulniz vervolltommnet, darüber schweigt da- „Bolksblatt". In Pari- Halle er eine Unterredung mit dem Macher der „Libre Parole“; eist aber nicht.bekannt, in welcher Sprache sich die Beiden verständigt haben. Drumont als Sprößiiiig einer WUrttemberg'schen Schächterfamilie dürste wohl etwa» Deutsch können. Der Wiener Abgeordnete schilderte dem Pariser Journalisten die Berhällnisie in Oesterreich-Ungarn. Tie ganze kirchenpolitische Action des Ministeriums Wekerle schrieb er jüdische» Einflüffen zu. Auch die Zurückhaltung, welche sich die Liberalen in Oesterreich auserlegen, sei auf gleiche Eiustüsie zurückzusühren. Sie haben sich trotz Coalition ei» der christliche» Socialresorm entsprechendes Ratengesetz gefallen lasie» und würden sich eventuell auch mit der confessionclleie Schule abfiudeu. TaS Hauptiutereffe der Liberalen couceutrire sich aui die jüdischen Jntereffeu entsprechende Balutareform, und jüdische» Geschäften werde von ihnen Alles geopfert. Solche Aeußerpiigen mußten selbstverständlich Herr» Drumont zusriedenstelle»; sie lieferten ihm Stofs für sein Unternehmen. Ter Lieferant besitzt allerdings nach dem Urtheile Schönerer'« auch die Eignung, Präsident der Alliance israelite zu werden, aber da» kann doch eine» Mann nicht geuiren, der mit seinem Gehilfe» MarqujS de Mor>'S zu Cornelius Her; „schnorren" ging. Iw gewisser Richtung ist die antisemitische Internationale — vorurtheilSfrei. - jrcmllctou. illi)ftitismus, pitlisraus, Intifciiütisiiius am Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Eine cultur-philosophische Studie von E. U. Zenker. Man wir^> eine Zeit- und Geistesrichtung nie ganz verstehen lernen, wenn man sich mit der Betrachtung ihrer graben Eoutouren begnügt und sich nicht die Mühe nimmt, auch ihre scheinbar ganz zufälligen Erscheinungsformen mit dergleichen Aufmerksamkeit zu bedenken. Inst in diesen scheinbaren Rcbcnsiichelchen zeigt eine solche Richtung, indem sie sich gleichsam unbeobachtet fühlt, ihr Innerstes, während ihre angeblichen Hauptziele oft nur ein ihr von auswärts aufgchängtes Schild sind. Das Reuaufleben deS Volksglaubens an rituelle Mordthaten, welche die Inden zur Heiligiiug ihrer Feste angeblich begehen sollen, läßt sich auS dem bloßen Judcnhassc nie vollständig erklären, denn man kann ja Jemandenö unversöhnlichster, unerbittlichster Feind sein, ohne ihm gerade ein mystisches Verbrechen;nmuthen zu müssen. Wenn breite Schichten deH Volkes an solch ein Verbrechen. wirklich glauben — und wer möchte dies in Abrede stellen — und in der Annahme einer solche» Sache'gar nichts Außerordentliches sehen, so läßt sich das nur so erklären, daß der Antisemit, welcher bei den Juden eine derartige mystische Geistesverfassung als etwas ganz Ratürlichcs vorauSsetzt, in sich selbst einer gleichen Denkart nicht fremd ist. Er beurtheilt eben, wie der Mensch zumeist, den Anderen nach seinem Ebcnbilde. Wären sie, die derlei glaube», selbst über jeglichen religiösen Mysticismus erhaben, so würden sie einen solchen bei Anderen nicht so leichtgläubig vorauSsetzen. Nun lenke man einmal den Blick auf ein paar Zufälligkeiten dieser Bewegung, die man die antisemitische nennt. Hier wettert einer ihrer Vertreter gegen die medicinischc Wissenschaft und empfiehlt dafür, zu den alten „Hausmitteln" und Panaceen zurückzukehren; in einem Blatte der gleichen Gesinnung lese ich eine Verherrlichung der Homöopathie gegenüber der „Schulwissenschaft", in einem anderen Blatte wüthcnde Angriffe auf die experimentelle Pathologie,ein Führer der Partei ist notorischer Verthcidiger der vierten Dimension und erklärter Gegner der GravitationSgesctze wie der Entwicklungslehre; und so weiter ohne Grazie. Man sehe sich nur den Antisemitismus näher an, und" man wird in ihm unschwer «inen consequenten, gegen alle „Schulweisheit" und den Rationa- Blatt. liSmuö überhaupt gerichteten Zug erkenucu, der eine ganz passende >' Kehrseite liefert zu jenem MysticiömuS, der sich in dem Glaube» an mystische Rilualmorde auSspricht. In dieser Hinsicht participirt der Antisemitismus, aber nur an einem Zug der Zeit überhaupt. Man glaube nicht, daß die Menschheit ein für allemal etwas lernt oder verlernt. Heute nach David Strauß und Renan, heute, nachdem die Lehren Darwins, Spcncer'S und Haeckel'S so populär geworden sind, wie seit Eopernicus' Entdeckung kaum eine zweite wissenschaftliche Thatjachc, heule, nachdem die Kritik einen-voll ständigen Sieg aus allen Gebieten der Wissenschaft und des Gebens errungen' hat — müssen wir leider daö Zugeständnißmachen, daß die Mystik keineswegs auSgcstorben ist. Rein, sie hat nur geschlafen, und ' erwacht schüttelt. sie wieder ihr struppiges Gorgonenhaupt, tausende und tausende'bereits geretteter Geister mit ihrem Blicke versteinernd. Wir spreche» hier selbstverständlich nicht von Bewegungen innerhalb einer der officiellen,'anerkannten und erbgesessenen Kirchen, obwohl sich auch hier eine unvorhergesehene Verstärkung deS religiösen Geistes fühlbar macht. Rach den Milthcilnugen der „(ic-rarcliia CattoJica“ sind unter dem gegenwärtigen Papste^ ein »cueS Patriarchat,, 27 neue Erzbiölhümcr, 77 neue Bisthümer, eine apostolische Delegation, 47 apostolische Bicariale und 18 apostolische Präfcctnren errichtet worden. Man blicke nur in Wie» um sich. Unsere Stadt besitzt jetzt mehr fromme Sodalitäten — die zum Theil allerdings weniger pictistische alü agitatorische Zwecke verfolge»— denkt ui der Eoneordatszcit; das confessionelle Vereinswesen, und zwar auf jüdischer Seile ebensogut wie auf christlicher, gewann eine bisher nie gehabte Ausdehnung, die St Lüfter werden zu enge,' die Kirchen müsscu ihre Thore vergrößern .und i vermehren, allerorten gibt cs Katholikentage, Protcstantcntage, i Rabbinertage, LourdeS oder Mariazell zu besuchen' ist I'air ge > worden bei Vornehm und Gering, und die ftigmatisirten Jung fraucn sind wieder diuiurt an der Tagesordnung und finde» trotz des ancrkcnnenswcrthe», energische» Einschreitens der Behörde» gläubige Verehrung. Wie weit die religiöse Proselytenmacherci dieser Tage geschritten ist, und wie sehr dieser Geist sich gt-rade dcn Juden gegenüber fühlbar macht, mögen ein paar Thalsachen der Judcnmission in Deutschland darlhun. Von 1 1 (1 bis 184:1 wurden in der preußischen Vaudcskirche die Judenlaufen genau verzeichnet: cS traten in dieser Zeit :'>27 1 nilso etwa 5)0 im Jahre) zum evangelischen Ehristcnthum über. Später nahmen die Ucbcrtritle ab, am meiste» aber in der Zeit von 18>>0 bis 1*70, wo die liberale Strömung die Proselytenmacherci wenig ,bc günstigtc. Seit der anlisemilischci: Acra dagegen ist die Zahl dcr Judcntanfcn wieder erheblich gewachsen. Von 1875, bis lsso belief sich dieselbe auf 2184 id. i. l,">6 auf das Jahr*-; die Eonversion ist also heute mehr als drlPnal so iulensiv als in der vom mystischeii und pielistische» Geiste mehr als angehauchte» Zeit der Romantik und der politischen Rcaclion vor 184*. Daö Alles paßt gewiß auch zu de» sonstigen Symptomen unserer-als .„materialistisch" verschrienen Zeit. Allein viel lehr reicher ist ein Blick auf jene religiös inysliich-pictistischeu Bewegungen, die sichaußerhalb des Rahmens cincrjKirchc oder einer anerkannten Eonfcssion vollziehen,, da sie gemeintglich Hreife erfassen, welche dem Elericalismuö irgendwelcher"An nicht leicht zugänglich wären und' von den Eonfcssioncllen selbst als „ir religiös" verrufen sind. Diese Bewegungen werden, weil -statistisch nicht verbucht und controlirbar. in den allgemeinen Ealcnl meist nicht einbezogcn, undgleichwohl bezeichnen sic einen breiten Strom der Religiosität, der entspningen aus freier Wahl und eigener Initiative für die Signatur der Zeit bezeichnender ist, als^einige statistische Ziffer», die unS ja schließlich doch nur sagen, daß so und so viele Personen — vielleicht auS sehr irreligiösem Beweggründe, vielleicht auch bloß dem Gesetze der Trägheit folgend —■. einer ererbten und überkommenen "Eonfessian äußerlich treu ge blieben, keineswegs, aber, ob in dem. Herzen der,Belreffe»den auch ein Fünkchen echten Glaubens glüht. Der mystische'Zug der nicht officiell religiösen Kreise muß aber auch dem oberflächlichen Beobachter auffaUcn. Predigt nicht die jüngste literarische Schule das Evangelium des Symbolismus so gut wie das des flachstirnigen Pseudonaturalismus'? Ist nicht Tolstoi — wenn auch eitlem für die folgenden Beobachtungen nicht in Betracht kömmenNn Terrain und Volke entsprossen .— *) I. F. A. de te Rotz: Die Mission der evaugeiiicheu Kirche an Israel. Gotha 1893. S.'51.