Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 104 (1.4.1894)
- Date
- 1894-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Aus antisenntischen Blcittern ° it^ropitaMildlf? SumpflebkN Ein trauriges Sittenbild entrollte ein Proccß, der sich dieier Lage vor dem Wiener Landegerichte ab'pielte. Len Gegenstand der Verhandlung bildeten einige Borkoinin liffe jener „discrelen" gnnakologische» Praxi«, welch« nicht selten;ur Berhein lichung von Fehltritten iiiiigcr Mädchen angerufen wird. Ter Proceß endete jener Personen, die sich mittelbar oder unmittelbar an Freies Blatt. Nr. 101. nik der Perurtheiliing dein Leben ungeborner .«linder und an der Gesundheit der armen Mütter veisündigt Hallen. Wenn das beleidigte Rechtsgcfndl und das sittliche Empfinden bei diesem Urtheil eine gewisse Befriedigung gewinnt, so hängt dies doch gew ß nicht im Geringsten mit dem Uinüaiide zusammen, daß 'ämmtliche Berurthi ilte — christlicher Conseisio» sind. Tie antisemitische Presse aber fühlt sich — wie immer, wenn eine Lumperei ausgedcckr wird — getrosten und sucht nur die Schuld von den . Verbrecherinncn ab- und der sogenannien „Judenpreff " auszuwälzen, welche angeblich durch gewisse Inserate jene Verbrechen erst inöglich mache. Zur gleichen Zeit sind in Wien auch mehrere Amtshandlung 11 anhängig, welche sich mit der schamlosesten Gelegenheitsmacherei für sogenannte „anständige" Damen,, meist Frauen und Töchter von Vürgern und Beamten, befassen. Wir find begierig, ob die antiscinirische Presse, voran da« „Teukschil Bolksblatt", auch diese. Erscheinungen de« großstädtischen SumpslebcnS jener Kategorie von Inseraten zur Last legen wird, in welchen junge Frauen männliche llnkerslützung anrufen unter der verlochendcn Aussicht, „es sei nicht allein um Gottes Lohn". lHiiirerliltlgkcitkil dki Feilbietungen) Zu einen diärnlner Antiseniitendlalie finden wir folgeude Zuschrift eines Herrn Georz Eder, „Feuchter" in Weißensicin „Es verdient öffentlich bekaunl gegeben z i iverden, wie jüdisches Treiben auch von .christlichen' Herren mitunter bei Feilbietungen inscenirt wird. Ain 1 Teeember v. I. war bei mir Feilbie ung. Unter, den zum zwangsweisen Verlaute gekommenen Gegenstände» befind , sich auch eine mindestens 60 fl. werib gewesene welche von den ^chätzleuten aus 40 fl. veranschlagt wir:. Herr -Rudolf Wcrni'ch, Leder«rmeister und beeideter Schävmann in Patcrnio». hat nun, wie ich Nachtrag ich erfuhr, einer Frau, welche um dir And miisleigern wollie, fünf Gulden dafür gegeben, daß sie sich an der Lieitation nicht detbeilige. Herr Wernstch erstand daher die Kub um den Sckatzuiig-wenli. Turch dic'e unlautere Manipulatün wurde ich sicher um 20 fl. geschädigt. Zch erlaube mir die öffentliche Anf:age zu stellen, ob denn derlei Hinteilisiigleilen, turch welche ein ohnehin in Zahlungscalamitäten befindlicher Benr-er geschädigt wird, rubig geduldet wer '«uTic einleitenden Zeilen sind charakteristisch. Georg Eder, dessen Le'chiv Wernjsch schon eesbatb wenig Glauben verdient, weil Angelegenheit zur Svrache bringt, die sich bereits baden soll, nenn: angebliche Hinieilistigkeiten „jüdisch" einem Ebrine» zum Vorwürfe. Echt antisemitisch! W »n die Volkstribuue der rde über Herrn Rudolf sie erst Ende März eine in Tecember zugelragen macht aber eine solche Wiener Aniffemiicn mit dem Abt TreuinselS »ich! in Veiständniß für?chlc>'i nger's Münzvolitik har, Ps-'uner de^ichnel keu Tr. «iatbrein als Zudencliricalcu, und Mechaniker Echneider bringt sogar das .«iunsistück zustande, f>eli Fürsterzbiichos von Wien. Eardinal Tr. >*ru'cha, als ein Geschöpf des Als Urheber dieser künstlichen HerficUung von Juden 'cheilit entweder Uebelirollen oder Urlbeilslosigkeir, hie Tille Eder Zverni'ch dür'kc der in Zablunzscalamirät! in Urtbcilslosigkett laboriren. 'Nebenbei bemerkt erinne üliiisierung eines -tschechischen Photographen anläßlicl ivelche Wiener Sludenlcn nach der Verurlheilung 2i Z‘. liiNäetl. Herren sangen damals die „Wacht am Rsein" vor dem Denkmal . i '.ii erin Maria Theresia, und da gab der bieder: Tscheche seiner patrioti. E. irniiaiig in 'en Worten Ausdruck: „T> s ist doch eine jüdische >P1ack-Pl>dgorskl und Schwkinhagen. Tie „Llc arsbürgcr-Zeirung" i>'a>'; e ..1-: int,semitische Unverfrorenheit, kurz von dem Abschlüsse des Pro- . " e : : p:a,t Vctgorski und Schweinhagc» zu erklären, mau müsse wissen, keiner antisemitischen Partei augehöre», und daß sie für -s'.i: auch Niemandem weiter verar lwortlich sind". Auch im :> arVe mit eherner Stirne eine ,i zufrieden sind, weil er so h, ißcn sic ihn Rabbi. Judenthuni» hinzustellen, und jüdischem Wesen eraud da auch Leides. Fm in befindliche Mann, nur t uns der Grffu« au die einer Teuioustration, chönerers vcranstaltcleii. ni ,.d' die T.:: dcuiich.i: der .'i,::, ,i>u: >,n>ipe: ma»n sagte nämlich: „Tie Schweinhagen und Ge- >:r-''en sie' i-ieina.s A,::,fi:»iicn gewesen." Tem gecenüber verdient festgestellt eafi die ,.Traaisbiirger.Zeilnng" seiner eil über Plack Podgorki's .Ahlua:di rcr Gericht" schrieb: „Sie gib zu wer:--.!, Brosch i! re: sinnen p: die einv erschrocken .eine. weiche mit außerordentlichem Frein uth die kritische Sonde an lche Erklärung abgegeben; - eine Analyse des Juden uristischem Scharfsinn un- Es wird ihm an dem neu Phasen dieies Processes legt und mit in die kleinsten Winkel hineinleuchtet . weiteren Verlaus diese« Processes ein wesentlicher Einfluß beizumessen sein Ta« Truckheil euihält eine i'charsfinnige Beleuchtung vxs Zudenfliiiten'-Proceffes, gewinnt demselben neue Gesichtspunkte ab und kan» deshalb unseren Lesern zur Leclüre angelegentlichst empfohlen werden." Was aber Schweinhagen betrifft, so war er zahrelang Redacteur der „Kreuzzeilnng", und überdies veröffentlichte Per ,L)erband der deutsch socialen Antisemiten" noch im Februar dieses ZahreS eine Erklärung, in der eS heißt: „Herrn Schweinhagen werden wir das ihm bisher geschenkte Verbauen weiter bewahren und sprechen demselben für sein Bestrebe», viele dunkle Punkte in der heutige» Politik aufznklären und hiebei die Einwirkungen de» Judenthums nachzuwcisen, unsere vollste Anerkennung aus." Der Berliner „Antisemitische Generalanzeiger" behandelt auch noch heute Schwejnhagen als Parteigenossen und gewährt einer langen „Rechtfertigung" derselben gastliche Aufnahme. Schweinhagen, der vor Gericht de- und wehmüthig Buße that, »m ein mildes Urtheil zu erzielen, schließt seine „Rechtferligung" mit folgenden dumm-dreisten Bemerkungen: „Der große Schwnrgerichtssaal im Berliner Eriminalgerichtsgebäude ist zwar ein recht weihevoller Ort; aber es ist doch nicht die Stelle, an welcher die großen staatsrechtlichen und wirthschaftSpolilischen Fragen unseres Vaterlandes ihre endgiltige Entscheidung finden können. Und da nach Maßgabe der "jetzigen Lage Herr Dr. Miguel noch im nächsten Kalenderjahre an amtlicher Stellung stehen dürfte, so kann die Erörterung alsdann von Neuem ausgenommen werden. Inzwischen werde ich mich bemühen, mich in der Stylistik soweit zu vervollkommnen, daß der 8 185 des Strafgesetzbuches in Beziehung auf mich die preußischen Herren Staatsanwälte und kandgerichtsdirecloren nicht weiter in Thätigkeil zu setzen braucht." (Gin ReichstagScaudidat.s Bei der Ersatzwahl eines Abgeordneten für den deutschen Reichstag in Meseritz Bomst trat der Radan-Antiseinil v. Mosch als Eandidat auf. Die „Kreu;zeit-ung" äußert sich über feine Persönlichkeit wie folgt: „Herr v. Mosch ist eine jener Wanbernalucen, die sich im Laufe der Jahre zumeist in ganz brauchbaren .Most' abzuklaren pflegen, aber zur Zeit ist dieser Augenblick jedenfalls noch nicht gekommen. Den größten Theil seines Lebens hat v. Mosch bisher zur See zugebracht, wo er in jungen Jahren als Schiffsjunge begann und vor drei Jahren als Deckosficier, d. h. euva Feldwcbellieutenant, abschloß. Seitdem lebt er als Redacteur in Steglitz und treibt .social-politische Studien'. Auf dies dürftige Fundament hi» einen tonst ganz unbekannten, etwa 30 Jahre alten Mann zum Rcichstagsabgeordneten wählen zu solle», heißt denn doch der Bevölkerung zweier Landkreise etwas viel zugcmuthet. Auch persönlich macht der Eandidat keinen gute» Eindruck. Er spricht zwar leidlich gut, aber viel;» aufgeregt, wild leicht heftig lind fällt da»» aus der Rolle. Er renommirt mit dem .polnischen Blut in seinen Adern', ohne daß ihm deshalb auch nur ein Pole seine Stimme gegeben; er erklärt die oberen Schichten der Gesellschaft für .verfault' und .pfeift auf seinen Adel', was ihm scharfe Abfertigung zuzog. Im Ganzen hat die antisemitische Resormpartei hier kein gutes Renommee hinterlassen." Was da-s „Pfeifen" des Herrn v. Mosch auf seinen Adel betrifft, so bemerkt ein schlesische« Blatt, nach seiner Eriiincrung, wobei allerdings ein Jrrthnm nicht ausgeschlossen erscheine, sei derselbe Herr v. Mosch früher Redacteur der „Deutschen Adelszeilung", eines der verbohrleste» Junkerblälter, gewesen. «Gdrabschuriderki und Geldschneiderei.) Dem schier uncrschöpsliche» Born ailtiscmilischen WahrhcitshasseS und ehrabschneiverischer Leichtfertigkeit — so schreibt »nS ei» reichsdculscher Mitarbeiter — entsteigen täglich sy viel Ge 'ineinheiien, daß ma» mit deren Annagelung einen „Täglichen Anzeiger" füllen könnte. Ta das aber naturgemäß eine sehr miiaubtu Arbeit gebe»«- würde, so leisten mir auf die Erledigung einer solchen journalistischen Aufgabe Verzicht und begnügen uns damit, hie und da in dein Garten der antisemitischen Preß, sreihit ein besonders ausfälliges Blüinlei» zu pflücken, um es int „Freien Blatt" vor daS Forum der Oeffentlichkeit zu bringen. Der „Badische V olks bote".schricb in Nr. 14 au« Frankfurt a- M.: „Eine achtbare'hiesige Witwe suchte für ihre Tochter eine Stelle al« Verkäuferin, und ging sie unler Anderem auch zu dem Juden F. Ehrenseld, der aus der Zeil ein Luxuswaaren geschäst betreibt. Dieser war auch bereit, das Mädchen anzunehme», und sagte der Witwe, daß er 12 Mark per Monat bezahlen würde als Gehalt. Als die Witwe hierauf erklärte, daß eine Verkäuferin hievon nicht einmal ihre Kleider und Schuhe bestreiten könne, da diese immer anständig angezogen sein müßte», antwortete der Jude ganz lakonisch: .Ja, Ihre Tochter ist um 9 llhr in meinem Geschäft fertig und kann sie sich ja dann noch nach anderem Verdienst Umsehen'. Tas heißt mit anderen Worte»: sie kann sich prekSgeben und alS Diana auf der Zeil sich herumrreiben. Ja, solch eine Frechheit besitzen hier in Neu- Jernsalem schon diese Plattfüße." Tie Angaben de» „Badischen BolkSbolen" beruhen auf böswilliger Entstellung und Lüge, und gegen denselben, sowie gegen das Münchener .„Deutsche Bolksblatt" wurde ein EhrenbeleidiguugSproceß angestrengt, dessen Ergebniß für die Verleumder kaum erfreulich ausfallen dürste. — Hand tu Hand mit Ehrabschneiderei geht aber bei den Antisemitenorgane» auch die Geldschneiderei. Ter „Badisch« Volksbote" eniblödet sich nicht, in Nr. 23 in der Abonnements-Einladung zu schreiben: „Ein besonderes Interesse dürste der .Badische Volksbote', der im laufenden Vierteljahr «inen Zuwachs von mehreren hnndert neuen Abonnenten gewonnen hat, im kommenden Quartal durch die uns berührenden Schwurgerichtsverhandlungen erhalten, und bitten wir deshalb alle Leser und Parteifreunde, ftir die weiteste Ausbreitung des .Badischen Volksbote»' im Interesse unserer Sache Sorge tragen zu wollen." Ist daS eine saubere Fruclificirnng von Verdächtigungen und Verleumdungen!