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Freies Blatt · 1894-04-01 · 104 (1.4.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
104 (1.4.1894)
Date
1894-04-01
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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Nr. 104 Freies (Das glauben wir nicht.) Nach einem Berichte ans Brüssel ist der Abt des ZelotcnklosterS iii Vörocn, de. Marzi», mit dem Klostervermögen im Betrage von vier Millionen Francs durchgebrannt. . Die Nachricht klingt vollständig unglaubwürdig, da ja bekanntlich nur Juden defraudiren und besagter Abt gewiß ein frotnmcr Christ gewesen ist. Aus antisemitischen Vereinen und Ver sannnlungen. «Antisemitischer Nadfahrerclub „Favorita".» Man schreibt mt«:. I» Ar. 81 deS. „Freien Blatte»" vom 22. Oktober v. I. tbeilie» wir mit, daß die Leitung des seit einigen Jahren im X. Bezirke bestehenden RadsahrcrclubS „Favorita" sich bestrebt, den Bercin so unpopulär al» möglich zu mache,,. Es sind nämlich in den 'Vorstand Leute gelaugt, die bei Aufnahme neuer Mitglieder nicht die Achtbarkeit de» LharakterS, sondern die politische Gesinnung deS GesuchstellerS in Erwägung ziehen, und so wurde aus diese Art zwei augesehcuc» Bürgern de» X. Bezirke», nämlich den Herren Tr. Han dl, BezirtSarzt, und Lorenz Reininger, Gastwirth, die Ausnahme i» de» Club verweigert. Schon diese zwei Ballotage» hatten damals eine »amhaste Anzahl von Mitgliedern zum Austritte aus dem Berciue veranlaßt, »ud als nun jüngst wieder eine ebenso ganz ungerechtfertigte Ballotage stattfand, kam e» im Borstande selbst zu einer derart stürmischc» Scene, daß sie de» Wortführer der anlisciniliiche» Anhänger im Vereine, nämlich den Elaviersabrikanten Gustav Stürzt, veranlaßt«, ein liberales Vorstandsmitglied bei dem Bezirksgerichte Favoriten wegen Ehren beleidigung zu belange». Tie weitere Folge war ein neuerlicher Austritt zahlreicher hochanständiger Mitglieder, und ist biimen stürze,» die gänzliche Auflösung diese» Club» mit Bestimmtheit zu erwarte». Wir werden nicht ermangeln, über den Ausgang des EhrenbelcidigungSprocesse», welcher demuächst zur Verhandlung tomint, zu berichte». —r. (Bon Bauer» zuriitkgtwicscii.! In Hei de »reich stein bei ^Waidhofcu a. d. Thaya halte» die Christlich-Socialen für de» Ostersonntag eine Wander versammlung einberuse», zu welcher eine Anzahl von Gesiiinungsgenosseil au» Wie», darunter der bekannte anlisemitische Cbinami der Handlungsgehilfen, A rm an», dirigirt worden war. Die Bersannnlung, in welcher etwa 250 Bauern auS der Umgebung erschicneu waren, schloß mit eine,» klägliche» FiaSco der Ehristlich-Socialen. Axmaiin und ein gewisser Sch ach Hub er, > welche al» „Referenten" in den übliche» Auslasiuugen gegen Juden und „Juden-Libcrale" sich ergingen, sticßeu aus de» entschiedenste» Widerspruch und mußten, ohne ihre Ausführungen beenden zu könue», die Rednertribüne verlassen. ES kam dabei zu hesligeu AuSeiiiandersetzuugc» und Reibungen, und wurden schließlich die Ehristlich-Socialen gcnöthigt, das Versaminlungslocal zu räumen. Beim Abgänge ries Axniann: „Wir sehen uns wieder!" woraus die Bauer» entgegnele»: „Wir wollen utit Euch nicht» zu lhn» haben!" Paulus Meyer II. bemüht sich, diese« verunglückte Gastspiel als „erfolgreich" auszu schreie»; eine» ernsten Menschen kaun er qber nicht irresühre». („Tcutsch-nationalcr" Bruderzwist.) Aus Graz wird berichtet: In einer Versammlung de» „Vereines der Teutsch-Ralionalcn in Steiermark" am 25. Jänner d. I. wurde eine Resolution gegen die Haltung' Dr. Steinwendcr's gefaßt. TamalS ergriff auch!W gewesene Mittelschule lehrer Aureliu» Polzer daS Wort, um sich gegen den Grazer „Tculscheu VolkSvcrein", der gelaunte Zeit vorher eine Xundgebnng für Sieinweuder beschlossen hatte, auSzujprechc». Hiebei uanute er den Tr. »tu mm er, ivie ei» Wiener Blatt berichtete, einen „Streber", während ei» anderes Wiener Blatt meldete, .Polzer habe Stummer al» „politischen Eharlalau und Streber" bezeichnet. Dr. Kummer ließ' nun Polzer durch einen Vertreter frage», ob er sich zu diesen Aeußeruiigen bekenne, woraus Polzer erklärte, wohl den Ausdruck „Streber", nicht aber die Bezeichnung politischer Eharlatan" gebraucht zu habe». Tr. Kummer strengte nun eine Ehrenbeleidigungsllage an, über welche dieser Tage verhandelt wurde. Ter Richter fällte einen Freispruch, und motivirte sein Unheil damit, daß in der Bezeichnung „politischer Streber" die Ucbertretung nach § 401 St. G. nicht liegen könne, da da» Gesetz in diese», Fälle schwerwiegende Vorwürfe voraussetze, wie sic in der Bezeichnung „politischer Streber" nicht gelegen sind. Ter Vertreter de« Klägers meldcle gegen > diese- Unheil die Beiusuug an... („Deutscher Bolksverei» für Kärnten.") Am 18. März fand inklagensurt die Gründung eines antisemitisch-nalioiialcn Vereines mit dem Rainen „Deutscher Volksverein für Kärnten" statt, ivobei eS natürlich an Ausfällen gegen die Juden und deren angebliche Gewerbeseindlichkeit nicht fehlte, wenn auch die wackeren Kärntner Theilnehmer kaum jemals viele Jude» gesehen haben und schwerlich von irgend einem Juden beeinträchtigt worden sein dürften. Zum Schluffe wurde mit allen gegen zwei Stiinmcn — von denen eine die des Tr. Stein wen der war — der Beschluß gefaßt, Schönerer von der Gründung des Vereines in Kenntniß zu setzen. (!Lug uyd Trug.) Die antisemitische Agitation beruht überall aus Lug. und Trug, Entstellung und Erdichtung. So theilte im „Reform der ein" von Rohrbeck und Umgegend (Osthavelland) der Vorsitzende Z orn einen „von ihm selbst erlebten" Vorfall auf dem Gebiete der Lebensversicherung mit, der, Blatt. " _ Seite 5. ivie die Berliner „Staatsbürger-Zeitung" ineinie, einen Beweis tzpn „indischer Geineingesährlichleit" erbringen ivürde, die unzwelfelhast daS Einschreilen der Staatsanwaltschafk zur Folge haben inüßie. Rach dem genannten Blatte erzählte Herr Zorn : Eines Tages machte ihm ein jüdi'cher Agent de» Vpr'chlag. er möge sich doch in die Lebensvcrsichcruug „Victoria" iü Berlin mit 50000 Mark eiukaufcn. AIS er erwiderte, er könne dies nicht, da er hcrzleikciid ist. wovon die Gesellschaft bereit« uulerrichlei sei, inciute der Agent: „TaS schadet nicht«, ich kann eS Irotzdeiu ermöglichen." -Beim.nächste» Zusamnientreffen in Moabit. — WirlhohauS „zu drei kroncn" — winde ihm nun ei» Glaubensgenosse de» Vcrinrlier«' älS Generalagent .der „Victoria" vorgcstellt, und c« erschien bald darauf noch ein jüdischer Arzt, der auf^Beraulätiung deS Agenten die llntersuchnilg belmsS Ausstellung de« zur Ausnahme i» die Versicherung erforderliche» Ältestes vornahin.^Man begab sich in ein Rebenziinmei: hier mußte sich der Erzähler entkleiden, und der Arzt jüllte, nachdem er ihn untklsiich», ein bezügliches Schema au« mit dem Bemerken, daß er ihn völlig geiund befunde» habe. Auf die Entgegnung, er sei ja doch herzleidend, fand eine nochmalige. Untersuchung statt,' doch blieb der Arzt dabei, er sei nicht krank, '.'lach kurzer Zeit erhielt Herr Zorn eiii Schreiben der LebtnsversichernngS>ieiellichast „Vic loria" mit dem Etinchen, 8iii> Mark au den «äeneralagenicii zu sende», da seine Versicherung mit fx*.<JtMarl angenommen sei. Ta Herr Zorn ikdoch aus diese Sache sich nur eingelassen halle, »in senzuslelleu, ivie weit die Macht der internationalen Judenheil in unserem Gc'chä'lsleb,» schon gediehen sei, klärte er die-Gcsclljchait sofort über die wahre» Umstände ans. iznd letztere'be dankte sich da»»- in einem Antwortschreiben mit dem Hii.ziifügeu, daß der Agent entlassen soi. — Herr Zorn hat gelogen, uud die „Staalsdurger-Zcilung" sah sich dieser Tage bemi'issigl, nachstelieuter Berichtigung ^>cr Lebeusver sicheruugsgrsellschaft „Victoria" Raum zu geben: .1. Hxrr Zorn bas, wie acten- . mäßig vorliegt, dein ihn niueriuchenden Arzt Herrn Tr x oster sitz au' denen, ausdrückliche« Befragen.erklärt, daß ec kein Herzleiden habe. 2. Herr Zorn har »iiS in seinem Anträge verschwiegen, daß er-vorher .schon von der Baseler Lcbensversichcruiigsgesellschasl mit einem gleiche» Anträge zuiitckgeivieier worden ivar. .">. Herr Tr. Xostcrliy hat die Ausnahme des Herr» Zorn, obwohl er das Herz desselben gesund besunteu, au« anderen Gründen nicht befürwortet, 'er . hak sie. nur bedingiingSiveiie für zulässig krachtet. 4. Dir habe» die Versicherung des Herr» Zorn nicht wegen eines angebliche» .Herzleiden«, sondern wegen der Verschweigung -der früheren Ablehnung und ciiie« anderen Leide.»- aus Grund de« Votums innere« ärztlichen TireSrionSbeirathe« ruudweg ab gewiesen. 5. Es hat »ns weder Hcr.r Zorn noch sonst J.inaub irgend eine Mit Iheilung davon gemächt, daß er wider seinen Willen zur Stellung de« von chm eigenhändig unlelschriebeneil »ud Nach feinem Tictai ausgesiiUlen Anträge« bestimmt worden sei, mid daß dieser Antrag -tiiid seine Angaben gegenilbcr dem untersuchenden Arzte unwahr seien, noch hat jx von unS ein Tankschreiben erhalte». Hätte er rechtzeitig seine Uinvakrheiten eingestanden, io ivürde» wir ihm sehr wahrscheinlich verziehen, aber ilm sicher nicht nt ft einem Taulschrciben beehrt habe». .*• (Eilt würdiger Parteimaiiii.' Ter Ehrenralh der anliseiniljschen Partei von Hambilrg Altona, ivcläier he>ufen wurde, gewine gegen den Verleger deS antiscmitischeu Blattes „Abivchr", E. A. Hub »er, einen langjährigen Führer der antisemilischen Partei, erhobene Beschuldigungen zu prüfen, hat den Beschluß gefaßt, solgende Eitlürung abzugeben: „I. Tie gegen Herr» Hübner erhobene Beschuldigung bezüglich Verwendung der zufolge öffentlichen Ausrufes bei ihm für die - in, Jahre 1802 durch die Cholera i» Rotbstand geralhenc» Parteigenosse» eingegangeuen Gelder bar ergeben: daß die Art und Weise, in welcher Herr Hübner mit den betreffenden Geldern verfahren ist, eine derartige war, daß derselbe in Zulu nst für solche und ähnliche VerlrauenSposten »ichl mehr als geeignet zu betrachte» ist. 2 Tie gegen Herrn Hübner, erhobene Beschuldigung: derselbe ' habe >>» April Mai ls0."> znin Verlause de« Blatte» .Abwehr' an den .Antisemitischen Wählvereiiz von 18!«0' seine Zustimmung gegeben, nachher aber diese Zustimmung ahgeleugiici, »lithin sich der Wortbrüchigleit schuldig gemacht, hat nicht bewiesen >r>errcn können 8. Tie Prüsung der sonstigen gegen Herrn Hübner erhobenen Beichtildigungen hat ergeben: daß die Leich tserlig lei t desselben bezüglich Dispositionen in Gel da» gelegen heiteu da« Maß .der. Entschuldbarkeit überschritten hat, welcire« man Jedem, der mit pecuniäie» Schwierigkeiten lämpst, zuzubillige» bereit ist. Dieser Vorwurf trifft Herrn Hübner »m so schwerer, al« ihm im Jahre 1808 die Gelegenheit geboten war, durch Verkauf des Blattes .Abwehrau den antisemitische» Wahlverein von 1800 seine höchst »nerguickliche» Berhältnisse aus eine ehrenvolle Weise zu regeln. Alle« in Allem ist der Ehrenralh zu der lieber Zeugung gekommen, daß Herr Hübner zufolge seiner Handlungsweise im All gemeinen sowie namentlich auch durch den Umstand, daß er die anti: seinitische Sache rücksichtslos zur Verfolgung selbstsüchtiger Zwecke benützte, sich als nicht würdig erwiesen hat, der antisemitischen Partei anzugehöreu." Wir,nehme» von dem That'ächlichen der vorstehende» Erklärung mit Befriedigung Kenntniß, könne» uns aber über die Schußsolgerung nicht genug wundern, da ja Herr Hübner sich durch die hier gekennzeichnete Handlungsweise eben erst recht „würdig erwiese» Kal, der anrisemili'chen Partei anzugehören".

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