Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 104 (1.4.1894)
- Date
- 1894-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Stift 4 Freier Statt. Nr. 104. eine-7 PreiScourantS zahlreichen Exemplaren dieser Form der Ge- Sesterreich gestattet sei der Tentone Kaiser vsärcn gerne bereit, dem mplar des betreffenden preußische Minister des GeschäftSantiiemit Kaiser diesein der Forvl angelegt» antisemitische Schimpfbrevier auch in nach Oesterreich versendet, so zweifeln wir nicht, daß er anseinem Antisemitismus den gewünschten „Rebach" schlazen wird. Wir möchten nur gerne wiffen, ob der Staatsanwalt von 'chäftsreclame Kenntniß hat, und ob ein zur Ermordung der Juden aufzustachelif, dam in Berlin sein „Geschäftchen" macht. Wir Herrn Siaatsanwalte dauns vorliegende Ex PreiScourantS zur Verfügung zu stellen. «Abänderung von Familiennamen.) Id Innern hat die Regierungspräsidenten darauf j,hingewicsen", daß An tragen auf Abänderung von Familiennamen nicht ohne hinreichende Gründe siatlzugeben ist, und daß derartige Anträge in der Regel als dinreichend begründet nicht anzusehen sein werden, wenn eS sich;. B. wesentlich darum handelt, zum Zwecke deS leichteren Fortkommens oder mir Rücksicht auf die antisemitische Bewegung einen die jüdische Abstammung kennzeichnenden Rainen mit einem länderen zu vertauschen, 'lieber diesen ..Hinweis" khut der Paulus Meyer des hochwürdigen ÄmhrosiuS Opitz, der in Lainz und Umgening sattsam bekannte S p r per - W ei m a r, sehr erfreut. Wir begre fcn diese Freude; wäre eine solche Ministerialverfügung vor einiger Ze t in Oesterreich erlaffen worden, dann hätte dieser christlich-sociale Ge chäftsmann seinen „die jüdische Abstanimung kennzeichnenden Namen' nicht ablegeu können und in der von KalkSbnrg aus beherrschten antisemitischen Gesellschaft gar kein Fortkommen gefunden. « Eine Neve des Professors Tr.'.Pohlma in. Wie aus Berlin berichtet wird, hielt dort Gymnasial-Profeffor Dr. Pohlmann aus Neuwied am-7. Mürz im „Vereine deuts her Staatsbürger lüdischen GlandenS" ckne höchst beacht nswerthe, echt humane Rede über die Juden und 'die körperliche Arbeit. Er trat auf Grund zahlreicher Zittern über jüdische Handwerker un) Arbeiter in England, Rußland, Holland und Klcinasien der unwahr«n Behauptung entgegen, daß die Fudeu die körperliche Arbeit scheuen Wenn die Juden in ' Deutschland nur zum kleinsten Theile Handwerker seien, so sei dies die Schuld der Christen, welche den Juden bii zum Jahre 1848 das Handwerk vcrschloffen, nicht die der Juden. Z ugleich nahm Tr. Pohlmann aber auch sür die Geistesarbeit die Wer hschätzung in Anspruch, welche ihr leider häufig versagt werde. Haben ja Bauern seinem eigenen Vater, einem evangelischen Pfarrer, wiewohl er von Früh bis Abends arbeitete, gesagt, er habe es gut, er biauche nicht zu arbeiten. Ter Redner erklärte dann, die Vorgänge am Rhein anläßlich des Tantencr KnabenmordprocesseS hätten ihm die Feder in die Hand gedrückt. Er sei gegen die Judenverfolgung aufg«treten, obschon Christen, bie für Juden einkreten, von den Antisemiten noch mehr gehaßt werden alS Juden: er halte sich aber für verpflichtet, seiner Meinung Ausdruck zu geben, daß die Juden, die seit länger als einem Jahrtausend in Teutschland leben, deutsch sprechen, fühle « und denken, dieselben Pflichten gegen das Vaterland üben wie bi: Christen und die sich lediglich in der'Form der Gottesverehrung > on den Christen unterscheiden, nicht nur das Recht, sondern auck die Pflicht haben, die volle Gleichberechtigung zu fordern. > (Cfjne jüdische Schuld.) In den Vereinigten Staaten geht es «vit Bauern genau wie ihren Leidensbrüdern -in Spanien, Italien, Galftien u. s. w. Tie dortigen Bauern (Fatmer) sind derartig ver- 'chuldck, daß zwei Tritttheile vom Grund rnd Boden nicht mehr ■hiin« geboren, sondern den Hypothekargläubiggrn. Run kann aber die Auc-rete in Amerika nicht gemacht werden, däß der Jude an dem '.'lietergange der Bauern schuld sei: denn dort befinden sich die Millionen zumeist in den Händen unangezweife ter und mitunter sogar;: ::’::fdi angehauchter Christen Ausländische Handlungsreiscude mosllischer Confession in Rußland. Man schreibt uns aus Petersburg: Das Ministerium tee Innern bat, wie Ihnen schon bekannt s in dürfte, vor wenigen Tagen den Gourerneurcn im Reiche die Wesung ertheilt, daß ausländische Juden, welche zu Handclszweckcn ncch Rußland reisen und deren Reiievaffe von einem russischen Consnatc im Ausland« visirt lind, da? Recht der freien Niederlassung im ganzen Reiche genießen müssen. Um die Bedeutung dieser Vcrordnung klarzustellcn, sei hier bcinerkt: Tie russischen Consulare und politifd«n Agenturen im Auslande wurden bereits 1>L8 angewiesen, das Visiren für Reisepässe nach Rußland, deren Inhaber der mosaischen Coilfession angehören, völlig eiNZustellen. Ta die russische Grenzwache die A eisenden nach Rußland,! deren Reisepässe von den russischen Consulatm nicht visirt sind, in j daS Reich nicht einläßt, so mar die Verfügung von 1888 mit der j Schließung der russischen Grenze für alle aus!ändischen Juden gleich-; bedeutend. Später sah sich jedoch daS Miristerium genöthigt, für l Vertreter'jüdischer Handels-,'Bankhäuser und Fabriken"auS dem Auslande eine Ausnahme zu machen. .Solche ausländische^Juden erhielten denn auch von den russischen Consulaten das Visum und wurden nach Rusland eingelassen. Aber die Behörden im Innern des Reiches verweigerten diesen Juden den Aufenthalt auf Grund jener Gesetze, wonach ein Jude nur im jüdischen Niederlassungsgebiete wohnen dürfe. Geg«n diese Auffassung wendet sich iyin die oberwähntc Weisung des Ministeriums. Ausländische Handlungsreisende mosaischer Confession, welche mit von russischen Consulaten visirten Reisepässen versehen sind, werden also fürder, ohne den bisherigen Chicancn auSgesetzt zu sein, alle Orte deS Reiches aufsuchen können. a— (Aerztliche Geschäftsantisemiten.) Aus Odessa. 22. März, schreibt man uns: In unserer Stadt ereignete sich jüngst ein Vorfall, welcher den moralischen Werth der antisemitischen Bewegung deutlich illustrirt. In Odessa besteht nämlich seit Jahren eine Gesellschaft der Aerzte, welcher sämmtliche hier wohnenden Jünger AesculapS ohne Unterschied der Confession als Mitglieder angehörten. Bis vor Kurzem herrschte in der Gesellschaft Friede und Eintracht; vom Antisemitismus war daselbst nichts zu hören. In Odessa practiciren aber zwei jüdische Aerzte, Bernstein und Ko ha», die als die Besten in ihrem Fache gelten und zugleich als humane Männer den Armen ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses unentgeltlich ärztliche Hilfe leisten, daher sich großer Popularität erfreuen. Diese Thatsache hat nun einzelnen orthodoxen Mitgliedern der Gesellschaft Anlaß gegeben, gegen die jüdischen Aerzte in Odessa loszuziehen. Es wurde die alte Leier angestimmt und darüber geklagt, daß die Juden Alles, an sich reißen, daß sie'die Orthodoxen verdrängen :c. Und um gegen diese angeblichen Ucbergriffe der jüdischen Aerzte öffentlich zu dcmonstriren, faßten endlich die orthodoxen Heilkünstler den Beschluß, die „Gesell- - schaft der Aerzte" zu verlassen und einen rein christlichen Verein zu gründen. Vor wenigen Tagen wurde denn auch dieser Verein ins Leben gerufen. Toch ist cs den orthodoxen Acrzten noch nicht gelungen, die Popularität Bcrnstein's und Kohan'S zu untergraben, vielmehr haben sic durch ihren Schritt bewiesen, daß der Antisemitismus fast stets egoistischen geschäftlichen Motiven entspringt. n. g. (Tie jüdischen Kolonien in Argentinien.) lieber die jüdischen Äckerbau-Colonien in. Argentinien liegt der Verwaltungsbcricht für das abgelaufene.Verwaltungsjahr vor. Wir erhalten nun Kenntniß über manche Schwierigkeiten, mit denen das junge Unternehmen zu kämpfen gehabt. Allein es sind auch auf der anderen Seite erfreuliche Fortschritte zu verzeichnen. Vier Colonien sind in der Rcpublik'Airgentinien in Betrieb, nämlich Mosesville in der Provinz Santa Fv, Mauricio in Buenos Aires, Clara und San Antonio in Entrerios. In der erstgenannten ältesten Ansicdlung sind von 10.000 Hektaren etwa 18o0 ünter Cultur gestellt. Achtzig Familien bestellen diese Fläche mit Getreide und Mais; jede derselben hat je 50 Hektare anbaufähiges Land, ein Häuschen, ein Gcmüscgärtchcn erhalten, ebenso alles zum Ackerbau gehörige Geräthe. Auf Mauricio sind 224 Familien unter denselben Bedingungen angcsiedelt. Hier sind auch eine Synagoge, zwei Schulen und einige Verwaltungsgebäude errichtet. Die' Colonir Clara zählt 230 in acht Gruppen getheilte Familien; auf die einzelnen Gruppen entfallen 24 bis 45 Familien. Außer einer Schule und einem gottesdienstlichen Gebäude besitzt diese Niederlassung auch ein Krankenhaus. In San Antonio sind 45"Fämilien angcsiedelt, welche 800 Hektare unter Cultur habe». Ein großes Hinderniß für die gedeihliche Entwicklnng bildeten bisher die vielen unbrauchbaren Elemente, welche den Colonien zugeführk wurden. Die Verwaltung ist unablässig bemüht, diese. ungeeigneten Colonisten wieder weiter zu transportiren. Im Ganzen haben etwa 500 Personen aus den Colonien weggeschafft werden müssen. Sic sind zumeist nach den Bereinigten Staaten hin dirigirt worden. In diesem Frühjahr hofft die Verwaltung der Colonien, etwa 4000 Menschen nach Argentinien schaffen zu können. Jnsgesammt besitzt die Verwaltung gegenwärtig 160.000 Hektare. Bis jetzt hat die Colonisationsgesellschaft eine halbe Million Pfund Sterling zur Verfügung; davon müssen indessen 215.000 Pfund Sterling, welche für Ankauf von Ländereien verwendet worden sind, in Abzug gebracht werden, so daß füx weitere Colonisationszwecke 285.000 Pfund Sterling vorhanden waren. Von dieser Summe muß die Hälfte als unbedingt verloren angesehen werden. Die neue Colonialverwaltung hatte theures Lehrgeld zu zahlen. Viele vergebliche Versuche mußten unternommen, viele Fehlgriffe mußten gutgcmacht werden. Dazu kamen die üblen Erfahrungen mit den ungeeigneten Ansiedlern, deren Beseitigung und Verschiffung nach den Vereinigten Staaten und anderswohin der Verwaltung ungeheure Kosten verursachen mußte. Indessen hofft die Verwaltung zuversichtlich, die Schwierigkeiten größtentheils überwunden zu haben, so daß das Colonisationswcrk fortan rüstig fortschreften wird. -