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Freies Blatt · 1894-04-01 · 104 (1.4.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
104 (1.4.1894)
Date
1894-04-01
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Seite 3. UriM; , _ _ Freies Bei Besetzung der nun vacanten Bicebürgermeisterstelle wird, wie bereits feststeht, ebenfalls ein Mitglied der Fortschrittspartei gewählt werden. Die Antisemiten haben mit der Berlennidungscampagne, welche ihre Presse nach dem Ableben des Tr. Prir eröffnete, nicht den von' ihnen angestrebten Zweck erreicht. (Ein „loser Gedanke".) Wir erhalten folgende Zuschrift: Was ist der Gipfel des Größenwahns'? Wenn sich Einer einbildet, daß er der Georg Schönerer sei. Tie Frage hier ist wörtlich nach einem „losen Gedanken" F. F. Masaidck'S wiedergegeben, die Antwort ebenfalls nach diesem in Antisemilenkreisen bewährte» Muster, jedoch in — freier Bearbeitung. (Abgeordneter Tr. Magg vor seinen Wählern.) Vorige Woche erstattete der Landtagsabgeordnete Tr. Julius Magg feinen Wählern i» Pottendorf und Ebenfurth den Rechenschaftsbericht über seine Thätigkeit im Landtage. Aus seine» mit stürmischem Beifall aufgenommenen Ausführungen' heben wir Folgendes hervor: Er betonte die „unzweifelhafte Förderung und Züchtung deS Antisemitismus" durch daS Regime Taaffe und beklagte die Haltung jenes TheileS der Opposition im Landtage, der seine Aufgabe bloß im Beschimpfen und Verdächtigen erblickt. ES liege, sagte er, im Wesen des Parlamentarismus, daß angenommen werde, die Bevölkerung entsende ihre besten Männer in die gesetzgebenden Körperschaften, um dort den Willen deS Volkes zum Ausdrucke zu bringe». Wohin aber solle eS konimen, wenn das parlamentarische Ehrenamt dazu anSgebeutct4 vielleicht gar zu dem Zwecke erstrebt werde, um untej: dein Schutze der Immunität straflos daS verüben zu können, was bei jedem Anderen schwer bestraft werde'? Gegenüber derartigen schmähliche» Erscheinungen nütze keine Nachgiebigkeit, hier' müsse scharf und kräftig entgegengelreten werden. Das Treiben der Gregorig und Schneider macht in der Thal eine Ver schärfung der Geschäftsordnung unumgänglich »othwendig. < Nichtjüdische Kapitalisten.) Daß außer de» Juden in Oesterreich auch noch andere Leute der Anhäufung.des -s-sP Eapitals fröhne», beweist folgende Statistik, welche dem „Oesterreichischen statistischen Handbuche" von 1882 entnommen ist. Rach den Erhebungen im Jahre 1880 besaßt die Mönchsorden in Oesterreich (ohne Ungarn) ein Vermögen: ' in Niederösterreich über.27 Millionen Gulden ö. W. „ Oberösterreich fast.8 „ „ Salzburg fast.. 3 „ „ Steiermark fast ....... 3'/* „ „ Kärnten fast.2 „ Tirol fast.4 „ Böhmen fast .13'/4 „ Mähren über.13 „ ' „ „ „ Schlesien übet.3*/4 „ Galizien über.10 „ DaS Gesammtverinögkn der katholischen Ordenshäuser in Oester reich betrug in beständiger Steigerung: 1865 . 79,374.505 Gulden. 1870 .. 81,075.203 * „ 1875 . 85,077 203 1880 . 87,071 087 „ Wie hoch daS Vermögen der Mönchsorden in Oesterreich heute ist, ' ist uns unbekannt, da in diesen großkapitalistischen Winkel von den Sociologen vom Schlage Scheicher's und Bauchinger's grundsätzlich nie hineingeleuchtet wird. lEine antisemitische Urtheilsmotivirung.) Zu Beginn dieses Jahres machte die Begründung eines Unheils, die von Seite des GerichtSadjuncten PiSkozub in Stanislau erflossen, viel von sich reden und wnrde zumal in der antisemitischen Preffe als ein kulturhistorisches Ereigniß hejubelt. Ter genannte Richter motivirte nämlich einen gegen zwei Juden gefällten Schuldspruch damit, „daß die jüdische Frechheit und^Rafsinirtheit seit einiger Zeit alle Grenzen der Geduld überschreite», daß eS daher sich ziemte, - einmal mit einer exemplarischen Strafe die Gefährlichkeit der andersgläubigen Bevölkerung zu markiren". Wie uns nun aus Stanislau berichtet wird, hat das dortige Kreisgericht das betreffende Urtheil aufgehoben und den einen Angeklagten von der Anklage befreit, den anderen zu einer Arreßstrafe von drei Tagen, die in eine Geldstrafe von lö Gulden verwandelt wurde, verurtheilt. Die famose Begründung jenes UrtheilS aber ist, Gegenstand einer TEsciplinaruntersuchnng gegen den GerichtSadjuncten Piskozub. (Tic Juden und die Civilehe in Ungarn.) In der Debatte deS ungarischen Abgeordnetenhauses über das Civilehegesetz hielt daS Reichstagsmitglied Tr. Armin Neumann eine ausgezeichnete Rede, Statt. welche den Standpunkt, den die jüdische Religionsgenosfenschast als solche in dieser Frage einnimint, klar darlegte. Dr. Neumann sagte unter Anderem: „Der geehrte Herr Abgeordnete Graf JnliuS Szapar» /, wollte den Nachweis führen, däß die-obligatorische Eivilehe weder"Let> Katholiken, noch den Griechisch Unirten, »och den Protestant^. von Nutzen sei. Die Jude» überging der edle Graf mit Stillschweigen, woraus a contrario gefolgert werden dürste, daß seiner Ansicht nach die obligatorische Eivilehe nur der jüdischen Eonsession za Gesallen sei. Als einem Mikgliede der jüdischen Eonfessio» möge es'mir ge stattet sein, hieraus »1 aller Kürze Folgende» zu erwidern: Wenn wir bloß den religiösen Standpunkt ins- Auge fassen ^vollen, so ist die jüdische Religioir dem Entwürfe gegenüber in keiner besseren-oder - schlechteren Vage, als die übrigen Religionen im t'ande Indem der Entwurf die Ehehindernisie in einem viel weitefen-Kreise anerkennt, als die jüdische Religion es thul, und indem derselbe' ferner da» Ehe hinderniß der Glaubensverschiedenheit und weiter die Ehescheidung mit gegenseitigem Einverständnisse nicht anerkennt, überdies aber der rituellen jüdischen Ehescheidung keinerlei Berücksichtigung schenkt, so hat die jüdische Religionsgenossenschaft als solche keinerlei Veranlassung, für den Ges.tzentwurf.' zu schwärmen. Es darf daher nicht Wunder nehmen, wenn eS unter den orlhodoren Rabbinern Manche' gibt, die dem Entwürfe aus denselben. Gründen entgegenireien, wie der Herr Abgeordnete Vajay. Betrachten wir ferner die Geietzesvorlage aus dem enge» Gesichtswinkel der Eonfessio», so lnu gewiß keinerlei Eonsession des Landes gewichtigere Gründe,-dem Gesetzentwurf Miß traue» entgegenzubringen, als el>e» die jüdische Eoufeision als solche. Den» alle jene Vortheile, welche die Gesetzesvorlage anszeichnen, alle jene großen Interessen, die sie;» fördern bernien ist, werden i» erster Reihe der jüdische» Eonfession 511111 'Nachtheile gereichen Jenes phnsiiche Gesetz, demgemäß der größere, der schwerere Körper den geringeren und schwächeren anzieht, hat auch im staatliche» l'eben Geltung, und wenn eS also wahr ist, daß dieser Gesetzentivurf berufen ist, eine große assimilirende, verschmelzende Kraft zu 'entsalte», so wird eS gewiß nicht die jüdische Eonsession sei», welche eine Attraktion ans die übrigen Eonfessionen ausübe» wird, sondern nwgekeljrt. . Ja, die' jüdische Eonsession wird um so weniger widerstandsfähig sei», als der Geist ihrer Religio» jede Proselytenmacherei perhorreseirl. Und wenn wir trotz alldem sehen, daß sich diese Eonfession iilit ganzer Hingebung um jenes Banner jchaart, welches die Regierung in den kirchenpolitischen Fragen entfaltet, so ist -dies nur ein neuerlicher BeweiS desien, daß sie die konfessionellen Interessen gern unlerdrückl und verstummen macht dort, wo die großen Gemeininteresse» und das Wohl des Vaterlandes in Frage stehen." (Kossuth und der Antisemitismus.) 'Oscar Lehman», der Herausgeber deS „Israeliten", erzählt von einer Unterredung, die er im 'Jahre 1883 kurz nach Beendigt«^ -deS TiSzla-ESzlarer ProeesseS mit dem damals bereits 8ljährigen Ludwig Kosiuth gepflogen hatte. Kosiuth sagte zu Lehmann über.-den Antisemitismus Folgendes: „Wenn die Herren nur'von de» Juden lernen möchten, aber dazu brauchl .es Zeit. In 24 Stünden geht daS nicht. Ich glaubte, als ich von den ersten Excesien hörte, daß die weiteren Pläne der Hetzer an dem gesunden Sinn meiner Landsleute scheitern würden. Denn schon..müssen sie die Folgen ihres thörichten Beginnens tragen. Der Ekedit dös Landes ist stark geschädigt, und im Zalaer Eomilal haben die Bauern, wie ich höre, ihre Waareu vergebens zu Markte gebracht, sie konnten keine Abnehmer finden. Die Juden haben sich um das Enipordlühen Ungarns unendliche Verdienste erworben, und sie aus der Liste der magyarischen Bürger streichen, hieße den Handel und die Industrie des Landes mit Gewalt vernichten.". (Geschästsankisemilssmus.) Zu welchen Mitteln indnstriöse.Köpfe * heutzutage greifen, um den Antisemitismus in eine Geldquelle nnizugestalten, und diese in die eigene Tasche dann abzuleite», übersteigt alle Begriffe anständiger Menschen. Da versendet z. B. ein Stampiglienschneider in Berlin ein Preisverzeichniß seiner Waare. Es ist offenbar Schundwaare, die auf reellem Wege nicht an Alaun zu bringen sein dürfte, weshalb ihr Erzeuger — Theodor K.a i s c r heißt der Mann — auf ein sinnreiches Anlockungsmittel bedacht sein mußte. Er empfiehlt also u. A. dem geneigten Publicuiy Stampiglien, womit man die Wände, Tische, Bänke, ösfenkNäfsr Locale, fremde Zeitungen und Bücher u. dgl. nach Mistbubenart mit antisemitischen Sprüchlein bedrucken kann, und gibt auf der ersten Seite seines PreiScourantS eine Blumenlese von etwa.achtzig solcher ein pörender, aufreizender Schimpfsprüche gegen die Juden. Die Zoologie, zumal die der niederen Thierwelt, ist in diesen Reimereieu natürlich besonders stark vertreten, und eine anekelnde Reklame für gewisse Antisemitenwische wechselt anmuthig mit der unverblünitesten^Aufforderung zu Mord und Brand gegen Juden ab. Da der erfinderische

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