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Freies Blatt · 1894-04-01 · 104 (1.4.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
104 (1.4.1894)
Date
1894-04-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Freie» Blatt. Nr. 104. i Seite L nationale Hetze im Schoße der israelitischen Geiueinden Böhmenin bedenklichster Weise um sich griff. Z» rein conf ssionellen Fragen, ob Nt ('TUti’tfSicnft und Religionsunterricht in den sicher oder tschechischer Sviache ab',uhaltcii sei, wurden Versammlungen veranstaltet, in denen in elster Reibe nicht die (luden, sondern jcus Elemente das Wort sühnen. denen nichts weniger als Judenthum und jüdisches Wesen am Herren lag Wir könnten der Oeffentlick^keit eine erstaunliche Reibe ganz abnormer Fälle mitthcilen, die der aufgelöste Verein keineswegs;u Ehren deS Judenthums in Scene setzte. Es kam so weit, dag einrelnc Eulkusgemeinden von dev tschechischen Stadtvertrekuug einen UkaS erhielten, daß sie binncsi einer gewissen Frist die tschechische Sprache in Amt und Schule ««führen sollten, wobei ibncn vrivarim seitens deS Bürgermeisters nahcgelcgt wurde, daß falls dies nicht geschehen sollte, bei Einbekcnnung der Steuern die berrcssendcn Vertrauensmänner auf die Juden eine besondere Sorgfalt verwenden würden Auchwar hiebei die Rede, daß die Fensterscheiben der Inden nicht io fcft seien, um nicht cingcfchlagen werden zu können. Weiters möge noch erwogen werden, wie gefährlich der aufgelöste Verein dem jüdischen (Gemeinwesen wurde. Dafür spricht schon der eine Umstand, daß jetzt in den CultuSgemeinden die ConstituirungS- »ragc große Wellen aufwirft, weil das neue CultuSgesctz viele Lücken answeist, die jüdischen Gemeinden in Böhmen sich daher in einer bedenklichen KrisiS befinden, da mangels einheitlicher Instructionen sich eine constaiitc AmlSpraris nicht herausbilden konnte und jede einzelne politische Bcbörde Nach eigenem Ermessen dieses neue Gesetz handhabt. In dieser geradezu bedenklichen Lage, in welcher sich die Cultusgemeinden bennden, in letztere noch die Brandfackel nationaler Verhetzung bineinzuschleudern, ist geradezu strafwürdig und um so empörender, wenn Jude» gegen Juden so handeln. Deshalb mögen die CultuSgemeinden auf der Wacht sein, ob nicht der neue. Verein, abermals -nur unter dem Scheine und unter dem falschen Losungsworte „Vertretung jüdischer Interessen", ausschließlich nur 1 er tschechischen Propaganda zu dienen beabsichtigt, um den Antisemiten neues Agitationsmaterial zu schassen. "* zweiter fceutKber Ba iierntag. Am Dienstag nach Astern fand in Wien der von Georg Schönerer cinberusene „Zweite deutsche Bauccntag" statt. Trotzdem sich die xlerical-antisemiiische Landprcsse zu der national-antiseniitischen Veranstaltung sehr ablcbnend verbalkcn hatte, wircn dennoch zahlreiche Bauern gerade aus dem Machtbereiche der Clceicalen herbeigekommen und auch Laudtagsabgeordnctcr Scheicher ivor anwesend, vielleicht um Stimme» für die kommende ReichSrathswahl in Landgemeindcnbczirke Sr. Volten;u sammeln. Ansonsten waren n »ch die unvermeidlichen ..Unbedingten", D ö tz, Hau ck, T ürk, der Durchsillscandidat Kill aus Brür und einige national-antisemitische Landtag labgeordnete erschienen. S ch ö ii e r c r, der sich angesichts der ziemlich stark besuchten Versammlung wobl wieder in die kurze Glanzzeit seiner Popularität zurückversetzt fühlte und mit dem ganzen Stoljc eines Anverwandten r . :- P-nria'.chen von Pohr<itz sprach, heranguirt! in seiner Eröffnungs- . : ge'chickk den Elassendünkel und die 'Niczujriedenheit der Bauern, ' er ihnen znries: „Durch jüdischen Schwiadcl ausgesogen, durch n!"ckes Recht bedrückt, durch Liberalismus nid Elcricalismus miß- ' .uel r, dlirch (s'cschastsankiscmitismus belbört i nd durch Socialismus e ' — fi'n:ii:t nun doch endlich der gesuydc Kern deS deutschen zur Besinnung und zur Erkcniltniß, daß cs Hoch an u st - wie Bismarck sagte — die Vertretung seiner Interessen i : >' -Hand, zu nehmen, um sich von der Vormundschaft un- .' T’i'v-.d-:’.' endgiltig zu befreien." Bei einer „social-gcrechtcn" ' ' .. -uue ,rus antisemitisch-nationalcr Giui^dlage würden die Zu- 'e d i ... ririh'chastlichen Bevölkerung, gestinde» und die „vielen icht mehr gedeihen können. Nam diesem Schlager deS Roienan entwickelte der Abgeordnete Dötz in etwas ters b-ckannte reactionSr-agrai'ische Programm, welches, dem brutalsten Elassencgoismus, die unmöglichste», ein- ' stt r .i B . -ck-..stigungen der bäuerlichen Bevölkerung, die staatliche B V.ivr..des freien Verfügungsrechtes und deS freien Verkehres >! - d:e Nossenm.n'stge Vertretung des Bauernstandes fordert.?ie eigentliche .Hcrx-Hepp-Pis>cc in dem Be. Nr Türk zugerallen, der sich seiner Au > i-tuestr Werfe unterzog. Der Bauernstand, ^gentliche Repräsentant der Seßbasrigkeit, denn er sei verwachsen mit der. Schelte, in deren Besitz sich schon seine Vorfahren und Vorvor- '.U ei, hesnnden haben, und die er auch wie Ser seinen Nachkommen -'i.; ■ ei;f Programme mar dem gäbe auch in gewohnt io erklärte er, sei der hinterlassen möchte. Im strengsten Gegensätze dazu stehe daS vaterlandslose Nomadenthum der Jude», die stetS bereit seien, bessere Weideplätze aufzusuchen und dorthin zu ziehen, wo ihnen der meiste Vortheil winkt und blüht. Trotzdem hätten alle Systeme und Ministerien, die seither in Oesterreich am Ruder waren — wahrscheinlich alle, inclusive Bach. Belcrcdi, Hohenwart, Taaffe aus unwiderstehlicher Neigung für die Juden — den Bauernstand zu Gunsten der jüdischen Mäkler, Händler und Betrüger zurückgesetzt, vernachlässigt und drangsalirt. Der Teutonc Türk mußte bis ins Reich des Czarcn wandern, um bäuerliche Zustände zu finden, die ihm mustergiltig scheinen. Zn Rußland setze der Kaiser seinen Stolz und sein höchstes Bestreben darein, der „Bauernkaiser" genannt zu werden; deshalb entferne er, meint Türk, die Juden aus den Dörfern, um den Bauer von diesem listigen Bedränger zu befreien, und seine Regierung thue Alles, um den Bauernstand zu heben und zu kräftigen. „Wie sehr erkennt man dort die Wichtigkeit des Bauernstandes und behandelt denselben mit all dem Wohlwollen, das wir so sehr vermissen!" rief Türk mit der Begeisterung des Herrn Vaschaty aus. Wir möchten ihui allen Ernstes wünschen, daß er dieses Wohlwollen, das er jetzt so schmerzlich vermißt. recht bald am eigenen Leibe empfinden niöge. Nachdem die wackeren Bäuerlein, welche sich offenbar nach den Mühen ihres. Berufes bei der Versammlung die müden Glieder und .Sinne tüchtig ausruhten, diese Rede ruhig über sich hatten ergehen lassen, thaten sie noch ein UebrigeS und nahmen ohne Widerspruch die ihnen vorgelegten „Entschließungen" an. Eine von diesen gipfelte in dem Satze, daß der deutsche Bauernstand der Ostmark keineswegs geneigt ist, den von den germanischen Vorvätern urbar gemachten und kn treuer Lieb: zur heimatliche» Scholle von Geschlecht zu Geschlecht vererbten deutschen Grund und Boden der Verwaltung einer communistischen Judenwirthschaft zu überlassen, und daß es zweifellos sei, daß der Druck der Macht des mobilen Großkapitals und der modernen Hypotheken-Raubwirthschaft die Freiheit und die Selbstständigkeit des Bauernstandes stark beeinträchtigt und tief erschüttert. 'Zum Schlüsse ließ sich Schönerer noch einnM höre», sehen und bewundern und ergriff auch die Gelegenheit, der Versammlung in seiner taktvollen Weise mitzutheilen, daß er die Kosten, welche durch die Veranstaltung des Bauerntages aufliefen, aus dem eigenen Sacke bestritt. Der erwünschte Hurrah- und „Heil"-Sturm blieb denn auch nicht aus. und so mag sich denn Schönerer, als er nachher die trockene Kehle erfrischte, den rosigsten Träumen über die gelungene Renyvirung seines Ansehens in der bäuerlichen Bevölkerung hingegebcn haben. Lange werden die Illusionen nicht anhaltcn; wenn cs Schönerer versuchen 'sollte, sich von denen, die ihm neulich zujubelten, ein Mandat zu 'holen, wird er einen merkwürdigen Beweis „deutscher Treue" und bäuerlicher Dankbarkeit erhalten. - Einigermaßen interessant ist das Urtheil, welches das Organ des Grafen Sylva-Tarouca über oie Versammlung fällt, zu deren Theilnchmcrn Hochwürden Scheicher gehörte. Das „Vaterland" .schreibt: Der deutsche Baucrntag, welcher von Herrn Schönerer eröffnet und nach einer Reihe von Vorträgen über WirthschaftSreform, über die Stellung des Bauernstandes zur Social-Demokratie, die Gründung cincs deutschen Bauernbundes der Ostmark - und die neue Regelung der Grundsteuer mit. der Annahme einer Reihe darauf bezüglicher Resolutionen endigte, bot kein Moment von besonderem Interesse. Eine Debatte fand nicht statt. Als einzige Neuheit des Tages erschien die Jnsccnirung des Bauernbundes, welcher als deutsch-nationales Agitationsmittcl verwerthct werde» soll. Daß die Interessen des Bauernstandes durch die Potenzirung der nationalen Differenzen nicht gefördert werden, braucht wohl »icht erst besonders betont zu werden. Den eigentlichen, sozusagen p-ersönlich tu Zweck der Versammlung bringt der von Atu.?llus Polzcr gereimte „Weckruf an die deutschen Bauern" zum Ausdruck. Es wird da'der Bauernschafi verkündigt, daß ein „neuer Bcrlichingen" auferstanden sei: „Folgt ihm und seine» Siegesfahne», Und schirmet daS Erbe uni'rer Ahnen! .Heil Georg!' euere Losung sei Und euer Feldruf: .Deutsch und frei!'" (Bürgermeisttk Tr. Griibl.) Die „Wiener Zeitung" publicirt amtlich: „Se. k. und k. apostolische Majestät haben mit Allerhöchster Entschließung vom 22. Mär; d. I die Wahl des bisherigen zweiten Viccbürgermeisters, Hof- und Gcrichtsadvocaten Tr. Raimund Grübl, zum Bürgermeister der Rtichshaupt- und Residenzstadt Wien allergnädigst zu bestätigen geruht. Bacquehem in. p." t

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