Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 104 (1.4.1894)
- Date
- 1894-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/4886575-5439163-5441507--1185-4887657- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
AbonnementspreiS. frür Qesterreich-Ungarn: San^jäbrig mit Postzusendung.fl. 2.5». Holdjiihrig fl. 1.25. BieNeljährig . . . fl —.75. Für dagesammte Au-land: (Ganzjährig.fl. S.—. Halbjährig . . ... . p. 1.50. Einzelne Nummern ü kr. Unfrankirte Briefe werden nicht angenommen * ■ . ■ " ' Difbuttion und Administration: 0r$an zur Abwehr des Antisemitismus. - snicrftam io. Inserate werden mit io fr. für die viermal ge 1 spaltene Ronpareill/zeile berechnet. Kleiner An (yrfdiciut (Ul jcöctll Tonntagc. •' zeigkr da- Won 2 kr. Tlusnadme von Inseraten in unserer Administration sowie im Annoncenbnrrau ' M. Dukes, l. Wollzeile diummer 104. Wien, I. April 1894. IHZahrgang. Noske^und Gsner. Am 2. April schreiten die Wähler der Innern Stadt Wie» zur Wahlurne, um einen Vertreter in daS AbgeordnelenhauS zu entsenden. Cs handelt sich um das durch de» Tod des Dr. Heinrich Jaques erledigte Reichsrathsmandat, und für dasselbe kommen nur zwei ernste Bewerber in Betracht: der Landtagsabgeordnete und Stadtrath Constantin NoSke sowie der Advocat Dr. Julius Ofner. Beide Candidaten sind freisinnige Männer, und vom Standpunkte der Abwehrbewegung haben wir keinen Grund, gegen den einen oder den anderen Stellung zu nehmen. Wogegen wir aber entschieden Berwahrung einlegen müsse», ist die Art der Agitation, welche von manchen Anhängern Roske'S und namentlich Ofner'S betrieben wird, die cs für angezeigt halten, das confessionelle Moment hervorzukchren. Noske ist seiner Confessio» nach Christ, Ofner Jude. An die jüdischen Wähler trat man nun mit dem Ansinnen heran, sie müßte» angesichts der antisemitischen Bewegung einen christlichen Förderer der Abwehrbewegung wählen, während ihnen andererseits zugcrufcn würde, daß sie im Hinblicke auf die fortdauernde Judenhetze einem Glaubensgenossen ihre Stimmen zuwenden sollen. Wir halte» eine solche Berwerlhung des Antisemitismus zu Gunsten dieses oder jenes liberalen Candidaten für unbedingt verwerflich. Die jüdischen Wähler sollen ihrer Bürgerpflicht nach bestem Wissen und Gewissen entsprechen, und man kann eS ihnen nicht verübeln, wenn sie je nach ihrer politischen Gesinnung entweder den auf dem Boden deS Programmes der Vereinigten Deutschen Linken stehenden Candidaten unterstützen, oder sich für den Gegencandidaten, der mehr zur demokratischen Fraction hinncigt, cinsetzen. Als vor den letzten deutschen Reichstagswahlen ein großes rheinisches Blatt die Stimmenfängerei für die National-Liberale,r unter dem Vorwände einer zweckentsprechenderen Bekämpfung des Antisemitismus versuchte, wiesen dies die Juden in Deutschland energisch zurück; sie ließen sich das Recht, frei zu wählen, nicht verkümmern, sich nicht zu Wählern mit einer gebundenen Marschroute degradiren. Auch für die jüdischen Wähler in der Innern ■ Stadt besteht keineswegs die Zwangslage, für einen Christen zu stimmen, um auf diese Weise ihre Dankbarkeit zu äußern; ebensowenig sind sie aus Rücksicht für den^AntisemitiSmus genöthigt, ihre Wahlzettel mit dem Namen eines Juden auszufüllen.. Jnsoferne eS sich darum handelt, antisemitische Angriffe abzuwehren, kann von einem Unterschied zwischen NoSke und Ofner keine Rede sein. Nicht Eigens um der Juden willen, sondern'als gesinnungstüchtiger Liberaler hat NoSke schon wiederholt im Landtage und Gemeinderathe seine Stimme erhoben, um für die Aufrechthaltung der Rechtsgleichheit einzutreten. Den Deutfch-Liberalen Oesterreichs vorzuwerfen, daß sie „verständnißinnige Blicke" ^mit den Antisemiten wechseln und deren Zwecke fördern, ist geradezu absurd. Zu einem solchen Borwurf, den das Verhalten der Antisemiten bei Erfolgen und Schlappen deS Liberalismus am besten widerlegt, verflieg sich aber ein cnragtrter Partisan Dr. Ofner'S, der überdies das läppische Wort von der „Schmälerung des jüdischen Besitzstandes" fallen ließ. Die Juden sind keine politische Partei, und in Betreff der Reaction, die sie „am liebsten inS Ghetto zurückführcn möchte", ist eS wahrlich ganz irrelevant, ob der Nachfolger JaqucS' ein Jude oder ei» freisinniger Christ sein werde. ' Es gibt auf politischem Gebiete keinen coiifessionellen Besitzstand zu wahren, und wir hätten auch dagegen protestirt, wenn ein scheinliberaler Christ auS-Anlaß der Wahl Mauthncr'S;um Nachfolger Jsbary's im Präsidium der Wiener Handelskammer von. ei"cr „Schmälerung.des christlichen Besitzstandes", gcfaselt hätte. Die jüdischen Wähler haben bei einer Reichsrathöwahl nicht für irgend welche Sonderinteressen einzustehen, sie haben keine Specialrücksichten zu beachten, sondern können gctro^ ihr Votum für denjenigen Candidaten abgeben, welchen sie für m oürdigercn und fähigere» halten und dessen Wahl ihnen im Inte,esse deS Gemcin'wohlS am Herzen liegt. Ein wahlberechtigter Jude, wir betonen eS nochmals, ist für den 2. April durch den Antisemitismus nach keiner Richtung hin gebunden und kann sich nach seiner Überzeugung und Parteistelluug ebenso wie ein freisinniger christlicher Wähler für Constantin Noske oder für Dr. Julius Ofner entscheiden. 11 7 " - _ n *• » Unter falscher flagge. Eine neue Beschcerung für die israelitische» CultuS ge me-in de» in Böhmen. Wie unS aus Böhmen berichtet wird, hat in Prag am 22. März die Constituirung eines tschechisch-jüdischen ConsortiumS stattgefuuden, das sich die Herausgabe von jüdischen ReligionSbüchcrn in tschcchijchcr Sprache und eines Journals angeblich zur Abwehr des Antisemitismus zum Zwecke setzt. Das neue Consortium scheint sonach an die Stelle deS kürzlich durch die Behörde aufgelösten tschechisch-jüdischen Vereines treten zu sollen. Sollte der neue Verein dieselbe Thätigkeit inau guriren wie der aufgelöste, so müssen wir die maßgebenden Factoren in den israelitischen CultuSgemeinden Böh mens dringendst daran mahnen, ein wachsames Auge auch auf diesen neuen Verein zu haben. Verläßlichen Berichten zufolge hat der aufgelöste Verein unter dem Scheine, den Antisemitismus in den tschechischen Gegenden zu bekämpfen, sich keineswegs mit diesen, Programmpunktc besaßt, sondern hat daS Roß der hohen Politik bestiegen, um für die Tschechisirung der Juden in Böhmen einzutrelen. Er hat eS nicht gescheut, sich Hl den entschiedensten antisemitischen Elementen zu diesem Behufe in Verbindung zu setzen, und hat e» auch dqhin gebracht, daß die