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Freies Blatt · 1894-03-25 · 103 (25.3.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
103 (25.3.1894)
Date
1894-03-25
Page
[Seite] (sequence 11)
Language
German
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Freies 1* I a 11. Seite U. Nr. 10.!. lag mit geschloffenen Augen, halb schlafend, znrückgelchntin seine», -Lluhlc. Er trug eine Mütze and grünem Tuche mit einer goldenen Troddel, welche eher für einen der jungen Männer -in den Buden unten gepaßt hätte, als für diese» allen Mann. Aber er liebte die Farbe noch immer — etwas Farbe und Glanz. Ans dem Tische »eben ihm lag eine hebräische Bibel, aufgcschlagc», Brillen lagen daraus, und daneben auf dem Tische lag eine thöncrnc Pseisc. Zwei Mädchen saßen bei ihm im Zimmer und nähten an etwas. Es waren hübsche Mädchen, Rclly nicht nnkhnlich — kleine (Eiskalten mit ruhigen, ernste» Zügen, hausmütterlich zuverlässig, fleißig. ' Als Relly und Franziska cintratcn, Micftai die beide» Mädchen auf — lächelten einen Willkomm, »icklen, deuteten - auf den allen Mann im Lehnstuhle und hicllcn warnend die Zcigcsingcr in die Höhe. „Schläft er?" flüsterte Relly. „Eines Tages wird er so dahin gehen, im Schlafe aus Schwäche." „Er wird nicht aus Mangel a» Unterstützung dahingclicn," sagte eines der Mädchen. „Wir bchülcn ihn, er ist nie allein, wir füttern ih» den ganze» Tag, wenig, aber oft. Er schlummert und »irft ein Ter alte Mann fuhr fort -'murmeln. Tann siele» ihm die - Augen zu. Er wurde sich ans irgend eine Art bewußt, daß er die Bcrgailgcnheit mit der,Gegenwart vertausche. Tas Antlitz des Mädchens Halle ihm die Bcrgangonhcir so lebhaft znrückgcrnfe», daß cr glanbtc, cö sei seine Eonsinc selbst noch in der Blüthc der Jugend. Er war verwirrt. So schloß er die Angen und wartete, bis die Bisio» der Bergangcnheit vorübcrgezogcn sei. .' .Nach ei» paar Minute» öffnete er die Auge» wieder. Er war in die (Gegenwart znrückgekehrt. Er sah jetzt nur uiehr eine elegante, junge Tame, nicht seine Eonsine Franziska Alb», vor sich, „Ach!" sagte er schwach lächelnd. „Es lhnt einem alten Man» wohl, ei» liebliches Gesicht zu sehen. Sic haben mich fast an'meine Base-Franziska erinnert, sic muß wohl schon lange todr sei», ach! und alt nnd zahnlos auch, ehe sic ging, meine ich. das arme Ting! Sie haben doch ihr- (Gesicht — ihr Gesicht. Sie sind ganz wie sie. Wie ist Ihr '.'tarne, meine 'Rebe'?" wenig ein, dann wacht er wieder »cubelebt auf.-Er ist immer so." „Schaue» Sic ihn a», Franziska!" sagte Nell». Sic beugten sich über den Stuhl. Ter alte Man» lag wie ein Kind da und athmcte so ruhig,' daß man stur ans dem leichten Heben und Senken dcS Brustkorbes schließe» .konnte, daß er überhaupt athmc. Sein Gesicht hatte viel wcnigcr Runzeln, als man bei einem so hohe» Älter hülle erwarte» können, aber die Wangen waren eingefallen, und darn,m traten die Wangenbeine nichr hervor, darum erschien nun auch die lange und gerade Rase noch .viel mächtiger; die Augenbrauen waren buschig. „Taö ist mein Urgroßvater," sagte 'Rclly, „schauen Sic ihit an: er ist geboren im Jahre 176U " „Er sicht >vohl. schrciklich alt aus," flüsterte Franzista „Ist cS denn ei» Glück, so lange zu lebe», nachdem Alle, die man geliebt hat, dahingegangcn sind'?" „Run, er liebt seine Kinder, -und seine Enkel, und seine Urenkel. Rachel und Mill» hier — meine Eonsincn — sind de» ganze» Tag bei ihm, um ihn zu pflege». Er kann mit Brillen noch seine Bibel lesen; er ißt und trinkt gut und ist natürlich stolz aus sein Alter,-und wir sind natürlich stolz ayf ihn. Tas Alles macht ihn glücklich. Alles, waS er ivill, ist, weiter zu lebe», und ich bin gewiß, ich hoffe, er - wird'S." In diesem Augenblicke nickte der Greis und hob die schweren Rder. Tann crcignite sich etwas Seltsames, denn auf sein Gesicht rrgoß "sich plötzlich ein Glanz wie von Sonnenschein; er saß aufrecht in seinem . Stuhle, fest und gerade, seine Arme mit den langen, knöcherne» Finger» nmspanncnd. „Es ist Franziska!" rief er. „S! cS ist — cs ist Franziska! Tu bist wicdergckommcn, nm mich zu sehen, nach so langen Jahren. Ich habe dich lqngc schon todt gcglanbt. Ich habe dich achtzig Jahre und länger nicht gesehen, Base Franziska, nnd nun bist du wicder gckominen. S! meine süße Base — meine liebe Base — meine schöne Base, nicht im Geringste» verändert — nicht ein Bischen." Es war sonderbar, solche RcbeSworte anS dem Munde dieses armen, verwelkten, wrack ähnlichen Alten mit "■'her zitternde» Stimme zu hören. „'Roch immcr daSsclbc schöne Mädchen," fuhr er fort, „dasselbe schöne Mädchen. Eö gab in ganz Beliebig keine Schönheit außerhalb des Ghetto, die man mit jener innerhalb desselben Hütte vergleichen können. Aber wir behielten« sie drinnen, sic zeigte nie draußen ihr Gesicht." „Er erinnert sich an etwas," flüsterte Rclly. „Sic haben ihn a» seine Jugendzeit crinncrl. Ich habe ihn nie so gesehen früher. Run sicht er fünfzig Jahre jünger ans." „Sein Bewußtsein wandert ab und zu," erklärte Rachel. „Aber cS ist doch sonderbar. Er denkt sich immer so viele Jalzre zurück. ES muß ein Etwas in deiner Freundin Gesicht liegen, das ihn an ein Mädchen erinnert, welches er liebte. Sie gehört sicherlich auch de» Scphardim an. Sic ist Eine von uns." Franziska hielt cS für überflüssig, zu erklären, daß sic eine spanische Maurin war. „Es ist nicht deine Base Franziska, Großvater," rief Rclly. „Es ,^-ist meine Frenndin, Fr^iziska Elvcda." \ „Rein, nein, cs ist -Franziska Albu. Immer schön nnd süß, ' BäSchen Franziska. Wie ein Täubchen sieht sic drein, ein Scharlachband sind ihre Rppc». Ein eingcfriedeter Garte» — ein verschlossener EJucll' — ein versiegelter Springbrunnen — ist meine Cousine — meine Franziska." „Ich vcrmnthe," flüsterte Rclly, „cS ist ein Mädchen, das er liebte. Todt muß sic wohl schon lange sein. Sic müsse» ihr ähnlich sehen, Franziska. Sonderbar, daß Sic auch ihre» 'Rainen haben." „Franziska Elveda " „Ja, Eine von uns. Ich habe etwas über dke Elvcda's gehört Wo'? Thnt nichts. Ich glaube, cs wird mir eines Tages cinsalle». Wenn Sic einmal hundert —" „Hnndert und drei, (Großvater," sagte Rachel. ..Ein hundert lind beinahe vier Jahre alt werde» sollten," fuhr dcr alte Man» stoiz fort, /.werden Sir sich an ciijc große Menge Sachenerinncrn."' . /V * „Erzähle dem Fräulein von der großen-Armee," sagte Rachel „Ich erinnere mich sehr gut an Benedig." Ter Greis ilbcreilte sich nicht. Er arbeitete sich seinen 'Weg durch bis zur großen Azmee. „Ich erinnere mich an die Stadt, wo-ich geboren wurde. Meine Base Franziska' wurde auch dort geboren, .sie war so schön und . so süß— ich erinnere mich ihrer genau. Wir waren keine italienischen Inden. Sic haben sanftere Stimmen als wir, die wir aus Spanien stammen. Wir waren zweilanscnd Jahre lang in Spanien; >vsr kamen schon vor der Zeit der Makkabäcr hin. S! unsere Familie ist sehr alt. Wir haben große Männer in unserer Familie gehabt in der alten Zeit Aber ich bin in Benedig geboren." ' - „Ich war schon i» Benedig," sagte Franziska saust. „Ich kenne seine Canäle nnd seine Paläffc " „Aber das Ghetto kennen Sie nicht." „Ja, ich habe das Ghetto gesehen, obwohl keine Juden mehr dort wohnen." „Ich wurde dort geboren. Es war ein enger Raum zum '»eben, aber wir halten genug. Ta kaiil die französische Revolution. Kinder! Wenn wir dcS (Ghetto gedächte», wie wir sollten, da müßten wir zu den hundert Segnungen noch eine hinznsügen, und »och ein Gebet zu den achtzehn, um den Herr» für die französische Revolution zu preisen, welche die Mauern niedcrris; nnd uns frcigab. Ich erinnere mich, als die Franzosen nach Beliebig kamen — welches Jahr war cs'? Taö habe ich vergessen. Ich war rin .Knabe von zehn oder elf Jahren. Anfangs dachten wir, cs würde daraus nur Ruin und noch größeres Elend für uns erwachsen. Wir hatte» nichr viel, doch, wir konnten Alles verlieren. Rnn! es.war gar kein Unglück für nns, sondern im Gegcntheil. Tenn daS Ghetto ivurdc geöffnet. Gesegnet seist du," cr -hiclt die Hände empor wie Einer, der betet, „o Herr, unser Gott! König dcS Weltalls! der du das Bolk befreitest. Tasür habe ich die Franzose» immer lieb gehabt " „Erinnern Sic sich an Rapolcon Bonapartc'?" , „Ich sah ih» dann, Rapolcon den Großen, der die Könige stürzte und alle Ghettos der 'Welt öffnete und das Bolk frei machte. Ich sah ihn damals, und - ich sah ihn später wieder — zweimal sah ich ihn. Es gab nie mehr einen Dian» gleich ihm. Sft bin ich. betrübt, daß ich sdvicl Unglück über ihn brachte. . Aber cü war nicht mein Fehler." .-„Warum glauben Sic, daß Sic über 'Rapolcon Unglück gebracht haben'?" j „Eö lag nicht in meiner Absicht. Ich wußte cs ja nicht, ich wollte cS ja nicht, aber, cs gibt Menschen, die selbst nie Glück haben nnd auch noch Jenen Unglück bringe», zu denen sie stoßen. Ich hielt die Franzosen für das größte Bolk auf Erden, und so ging ich mit achtzehn Jahren zur Armee. Richt nm-zu kämpfen. 'Rein, nicht um zu kämpfen. Ein Faß Branntwein und ein Handwagen war all meine Habe, nnd damit ging ich zur Armee. T! für einen Menschen, der zum Glücke geboren ist, war das eine ausgezeichnet^ Art, anzufangcn. Rach kurzer Zeit wurde anS dem Faß ein Wagen. Ich dachte, ich würde mein Glück mache». Tas war mein Gedanke, abcr nicht, Unglück über Napoleon zu bringe», gckbiß. nicht: warum sollte ich auch'? — Mein Bruder aber ging nach Spanien, und trat -bald I ans dieselbe Weise in die britische Arme - ein und kam vorwärts,

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