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Freies Blatt · 1894-03-25 · 103 (25.3.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
103 (25.3.1894)
Date
1894-03-25
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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Nr. 103. Seit« 10. socialen Wirbelwinde, der um ihn braust und lobt; Alles ruft nach Anschluß an irgend eine Gemeinschaft, jeder sicht sich eine Stütze in Anderen, der Macht und Kraft des Individuums wird nicht mehr vertraut; das ist genau die Parallelstri mung zu dem, was wir soeben als die allgemeine Form des re igiösen Denkens bezeichnet baden. „Roth lehrt beten," sagt eir altes Sprichwort. Das heißt nicht etwa bloß: Roth lehrt betitln; sie zwingt unS überhaupt, uns an rinmächtigeres Wese» wenden, sei dies nun Gott der Allmächtige oder der allmächtige Slaat oder sonst eine Oninipoten;. Wirthichaftlich darniederliegendl m Bolle — dessen es in kriegerischen oder revolutionären Zeiten stets die Hülle und - Fülle gibt — kommt man mit religiösen Lehren stetö gelegen. .Man erössnel denjenigen, welche unter der'Ungleichheit der socialen Kraft- und Machtvertheilung so bitter leiden, die Aussicht auf einen dereinstigen ewigen Ausgleich; da) muß doch demjenigen, der schon hieniedcn die Gütertheilung «ls einzigen AuSweg ans Noth und Elend erblickt, äußerst plausibel klingen. Man verweist denjenigen, der sich beständig nach einem Succurs höherer Potenzen umsteht, auf «ine höchste Potenz, rian sagt ihm aber: Du mußt dein Ich abtödlcn, es ist vom Bisen, und wenn du, statt höhere» Mächten zu dienen, stolz aus de n eigen Ich pochst, bist du rctlungslos verloren. Und das soll de njenigen nicht einl'cnchien, der täglich praktische Erfahrungen von k er Ohnmacht seiner geringen Individualität macht? Nur der B rmögende, der die Krafifütle, die in einem Ich schlummern kann, sei es auch nur von ihrer allernüchlernsten Seite, kennen lernte, er bleibt dem beständige» Hinweise auf höhere Potenzen, Gemeinschaften gegenüber natürlicherweise kalt. Der Friede ist in der Thal ein weil gefährlicherer Hiuiinelsstürmer, als Krieg und Aufruhr cs jemals sein können. Eo ist komisch, wenn man unserer Socias-Dcmokralie Antircligionlät vor.oirfl. Aiiticlericalismus könnte noch hingehen, weil der Elrricalismus bereits eine siegreiche Organisation einer gewissen religiösen. Form voraussetzt. Aber rcliziös ist die-Social- Demokrane, wie keine andere politische Parlli es ist und war. AbgGchcn von dem rein dogmatischen Wesen itrer Doctrin ist gar keine zweite Partei, wie schon oben angedcutet, nit so religiös veranlagten Bä'.ern versehen, wie gerade die Socia!-Demokratie. Lehrreich in dieser Hinsicht ist eine Nachricht aus >cm Pariser Volkshaus. die unlängst in den Zeilnngen gestauten: Der bekannte socialistische Dcpulirte und Dichter, Elovis Hngues, nahm anläßlich eines wcialiitischen Festes.an mehreren Kindern die „büri gerliche Taufe" vor, und sprach bei dieser au> dem socialislischen I Zukunslsstaalc anlicipirtcn Ecremonie zu den Kleinen: „Im l Namen der socialen Nepublik und der social-rivolutionären Idee, 1 n» Namen 5ef Natur, im Namen der Hellen Lonne, im Namen' des Saftes, welcher die Pflanzen wachse» lüß:, im Namen der Nester, wo die Vögel zwitschern, im Namen aller Gerechtigkeit und Wahrheit -taufe ich euch und rufe den Segen des allgc meinen Segens auf euch herab." Das ist notE) immer der Geist Nonsscau's und Balers Enfanli». Man beachte auch noch das: die liberale Dioctrin, die auf dem Individualismus aufbauk und praktisch alles t^cncralisiren, jeden Staats- und Gesellschastsdogmatismus verschm mit.religiösen Sonderabsichlcn und gar kirchliches Nebenströmungen verbinden, der Socialismus aber hat mit großem Erfolg die 'üitnangezogen. Es gibt keine christlich-libfrulf, wohl aber eine >dr:st'och iociale Richtung. . Freies Blatt. Zünftlerische übersetzt, der Agitation zu Grunde legte, nahm der Antisemitismus jene gefährlichen Dimensionen an, die er heute besitzt, wurde aus denn ungefährlichen Sparren einiger nationaler Heißsporne, eine Bolksbewegung die leider noch immer im Aufnehmen begriffen zu sein scheint. Das socialistisch-revolutionäre und das religiöse Element sind hier gleichzeitig zu der Bewegung hinzugetreten. Und hier liegt das Problem. Wie war es in einer Zeit, wo die Früchte der Aufklärung scheinbar Besitz des gesammten Volkes geworden waren, wo die Lehren Darwin's und Haeckel's mehr in die breiten Massen gedrungen, als vielleicht für alle Theile gut ist, möglich, alle Schrecknisse, Leidenschaften und Lächerlichkeiten eines mittelalterlichen Glaubenshasses neu zu entflammen? Wie war cs möglich, gerade jene Massen an die grüne Fahne des Religionökampfcs zu fesseln, welche gestern noch in den Reihen der radicalste» Demokratie gegen den Krummstab gekämpft und unter diesem albe Bitternisse des Eoncordales durchgekostet? Hierin liegt daS Problem, und die Berhetzungsarbeit Einzelner, mit welch unrühmlichem Fleiß und Eifer sie auch immer betrieben wurde, reicht'zur Erklärung nicht aus. Und welches, fragen, wir, wären denn auch die Argumente, mit welchen jene Hetzapostel unser geistig immerhin hinreichend geschultes: Bolk zu ihrer Meinung hätten bekehren können? Hier also kann der Grund jener bedauerlichen Rückkehr zu einer mittelalterlichen Glaubenslehre nicht liegen, und wir sehen für dieses Problem keine andere Lösung, als in dem bekannten Satze Hartpolc Lccky'S*), „daß der Erfolg jeder Meinung viel weniger von der Stärke ihrer Beweise, oder von der Geschicklichkeit ihrer Bertheidiger, als vielmehr von der Stimmung der Gesellschaft, sie anzunehmen, abhänge, und daß, diese Stimmung sich aus dem intellectuellen Gepräge des Zeitalters ergebe". Nur ans dem besonderen Gepräge des.Zeitalters heraus läßt sich also dieser plötzliche, dieser kaum von Einem erhoffte oder gefürchtete Wandel begreifen, nur aus einem verschärft religiösen Zug des Millicus wird der Antiskmetismus als specielle Erscheinung verständlich. Es wäre also dieses Milli cu zunächst auf seine religiöse Geistes- und GeinülhSverfassnng. hin näher zu prüfen. iForlützung >olgl.1allgemeinen Gesichtspunkte bedurften .euch:-!!:.,, :iit etner Erscheinung näher zu t Mcistui, we’.iiK nch mit ihr leider befassen müss^ pfttckc'.c>g!'ch-.s Problem ist. Daß der nation> wer.» er 'ick in seinen Absonderungsgelüsten tioi-en er->'ckovsl hat, schließlich im Rahmen »ach ..'remd.n" Elenienlen suchen und sich mif qe.iai ö'lfiNn wnidcn werde, ist zwar für die ein b,k:a.z->:!onerlhes Unglück, aber keinesfalls Problem -Nr auch nur etwas Unerwartetes, überzeugt and aus dem dermaligen Verhältnisse berechtigt, daß der nationale Ehauoinismus w Macht zu jenem breiten Strome angeschwollsn unter dem Namen Antisemitismus mit seinen Gesellschaft überfluthet. Erst als sich zu der Fi „christlich" gesellte, als der Elerus sich an die .gung stellte, und die socialistische Doctrin, ins vorher einiger Beeten, die für die n, eine Art völkerile Ehauoinismus, liegen "fremde Rades eigenen Volkes gesteigerter Wuth betreffende Nation ein schwieriges Wir sind auch fest zu glauben vollauf nie durch eigene wäre, der jetzt Schmutzwellen die ma das Wörtchen Spitze der Bewe- Kleinbürgerliche und o,l Die Grnpöver-in. -Roman'nach dein Englische» de§ Walter Besaut vo» Marie Majer. 0". Forltepiing.) Tic Menge zerstreute sich ein wenig, und die beiden Mädchen gingen weiter. Vor einem Laden inil alten Möbeln und Trödelwaare aller Art machte Nelly Halt. „Hier wohnt der Großvater!" sagte sic. Ter Besitzer des, Gewölbes stand an der Thürc und sah über die Köpfe der Leute hinweg. Er mar ein schöner, großer Mann, dessen schwarzes Haar leicht ergraut war. Von beinahe hochmüthigcm Benehmen schien er es zu verschmähen, die Leute anzürufen, oder sic zum Einkauf seiner Waarcn cinzuladcu. TaS war der Großvater, der es nicht weiter brachte, der Vater Angelo'S, des Reichen. Tic Menge wogte ab und zu, aber keiner schien in - den Laden cintrctc» zu wollen. „Nun, Großvater," sagte Nelly, „was machst du? Ich habe eine Freundin initgebracht, welche den alten Mann sehen will. Wie geht's . ihm?" „Er hält sich wunderbar, Nelly. Sehr erfreut, Sie zu sehen, mein Fräulein. Nimui deine Freundin mit hinauf, meine Liebe. Ehvorgestcrn fuhr er in einem leichten Wagen eine Stunde spazieren, und Rachel fuhr uiit ihm, und er rauchte seine Pfeife zu Ende hier im Laden, als wir gestern Abends öffneten, und dann trank er ein Glas Bier vor allen Leuten. Wunderbar! So sagen Alle. 'Nun wenn Jeder, der gestern anhielt, um den alten Mann zu sehen, nur einen Schilling dafür nicdergelcgt hätte, cs hätte zehn Pfund gegeben. Geh' nur, Nelly." Vorne, im ersten Stock, lag das beste Zimmer der Familie. Hier saß in einem hohen Sorgenstuhle ein alter — steinaltcr Mann. Er mochte einst ein großer Mann gewesen sein, nun war seine Gestalt aber zusammengeschrumpft zur Größe eines zwölfjährigen Knaben, so daß er in dem mächtigen Stuhle fast verschwand. Ein schwaches Feuer brannte hinter dem Kamingitter, obwohl der Tag so warm war, wie im Juli zu erwarten ist; die Fenster waren geschlossen, wohl wegen des Lärmes unten auf der Straße. Ter Greis *William Edward Hartpole L e ck y. Geschichte des Ursprungs und Einflusses der Aufklärung in Europa. Deutsch von H. Jotowicz. 2. Auflage. Leipzig und Heidelberg 1873. Band I.. pa?. XVII. f.

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