Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 103 (25.3.1894)
- Date
- 1894-03-25
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
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* Seite 12. o! so reich. Nun, m? Er hatte Glück übernabm Lieferungen und wurde reich — reich warum wurde er reich, und warum blieb ich a und icki keines." „Haben Sic Schlachten bcigrwohnt?" fragti jvraii^iefa. „Schlachten? Ei, Kind, ich war bei der gri ßen Armee, ging nach Moskau mit ibr, und ich kam zurück mit Allem gemieden. Napoleon batte nie Unglück zuvor, Branntwciiiwagc» kam. C! welcher Unstern ganzen "Welt gab's je ein solches Mißgeschick!" das Haupt zu schütteln. „Er spricht oft den ganten Tag davon," Sinn ist voll Blut und Schlacht und Berderbel Zeit redet." ..Was für eine Armee war das!" fuhr er tail'end-.Mann, mit ihrer Artillerie und ihr » GepäckSwagcn und ihren Pfeiden! Testerreicher, Italiener, Teutjche, Polen und Fra» zo'e» — alle in derselbe» Armee Was für eine Zeit her, » ohl achtzig Jahre Ich must der letzt der mit der großen Armee nach Moskau ging und wieder nach Hanse rdc und mein Geld, viele tausend Mann zurückkehrte. Meine schönen Wagen, meine P Alles ging an der Beresina verloren, wo wir st cink-üstten. ".stach der Be reu na gab'S keine Trdnung mehr. Napoleon verliest uns Tfficiere gab's auch keine mehr, die Männer fielen hin und erfroren. Wir kämpsie» um Nahrung, wir wir. verbrannten ganze Häuser, um uns vor denf asten Pferdefleisch, Erfrieren zu schützen. Kr waren so hcrabgckommcn, hast unsere »reiner verschmähte», unS daß wir aus ihrem t und Hunger wahn Kälte! Welche Entstch nie mehr von -Fa, Kinder, wenn vürdc ich ein reicher Tanten." lebt als jcpt," sagte zu Gefangenen zu machen Es war ihnen gcnnc Lande stoben. Einige Soldaten wurden vor Kält finnig. Was für eine Zeit war das! Welche belirungen! Welches Elend! Napoleon erholte diesem Unglücke Er war rninirt und ich auch, die große Armee.erfolgreich gewesen wäre, so Mann geworden sei», und ihr wäret alle groste „Und dann dätiest dn wohl nicht so lange Freies Blatt. Nr. 103. was von ihr übrig chc. ich mit incinem Nirgends auf der Er hielt innc, um sagte Rachel: „sein wenn er über diese fort. „Tüiifhnndcrt- Armcc! Es ist lange lebende Mann sein, ge Nachel: „weil ein Mensch nicht allen Segen Halen kann „Biclleicht, Kind. Ader meine brachte sie glücklich bs an die Wagen — Ich brachte sie glücklich b s an die Beresina. laue». Meine schönen Wagen! Teukct.iiur. nicht mit Branntwein mehr, aber mit Gold n eine schönen Wagen! nb dort mnsttc ich sic Sie waren beladen — und Silbcrbcchcr»,. Goldketten, Kästchen voll (istüd und Ringe» n:ib kostbaren Steinen. Einiges hatte ich selbst erworben, als meisten Tachen aber kaufte, ich den Loldaten lind Alles — Alles — Alles mußte ich lassen. Augenblick meines Lebens — mein Hab und i.'cbcn - mein vermögen tur nicin wir Msoskan plünderten, die ab für Branntwein. Tas war der bitterste Gut zurücklafscn . zu umzutauschc»." Er wiederholte Nachel, >cn ward kannst!" niünen schüttelte wehmütig den Kopf. „Wir können nicht Alles-haben, Großvater, die Trösterin. „Schau, welch herrlich langes üe und di'nkc nur, an was Alles du dich crinnerii „T, es ist wunderbar," sagte Franziska, „chit einem reden, der wirklich bei der großen Armee war „Ja. ich habe mitgeholfen an der Plündcr ing Moskaus iah "Napoleon, als er de» Rückzug begann Tenn er wußte, was ihm devorstand. ich an des Brandes der Stadt o ja und;;t Ich erinnere mich " Er beugte den Weile still. F-.anziska iah ihn bewundernd an. Wate.los: ebensogut, nicht wahr?" e 1a. Ich mar auch dort. Ich kehrte ivagen zurück Ich sah Napoleon den Tag vor i er wußte, wie geben würde, denn fein Gesicht dama.s. . wo er uns nach der Beresina verliest >:b..i. ilir.:, Unglück und Niederlage. Ich zitterte, Und Er sah ernst und hart Ach! ich erinnert mich und die Soldaten liefen ab dachte daeinzige Ting, das -mich noch' w>r Mangel bewahrte. Ta gab's ein r.enes, schreckliches Unglück! Naptlcon floh,' als Alles rruvveii ritten über nicink» Wagen mußte mein Leben dnech die Flucht rette», .n Ende, und mit iminem Aufenthalte bei voil.i war. and di britischen und über Alles, und ich Lo war's mit "N'axeleon der Annc.e auch Ich gab das Soldatcnleben iiuf, und so kam ich hiebet, .erwarb die'en Laden, und hier bin ich i ither geblieben,' T! ich körnte Ihnen noch viel mehr über die gioste Armee erzählen. Befiichen Tie mich bald wieder und fragen 3ie mich an den König von "Neapel und alle andereil und k^eueräle. Kommet wieder, Kinder, und sprecht mit mir — ich habe §as Plaudern gern. Mit einhundert und hn: man nicht viel Anderes übrig, als ab und tu zu plaudern." dir znthcil. Manne zu ' Kopf und war eine ie c inner» sich, auch an OSic sollten wissen — Tic — da lichsten Familien der Welt gibt. imh Arrtii inth hir ßnthrr flf chlacht, und ich war gerade so wie Ein Unstern waltete da ich an mein Faß mich. Ich erinnere Könige, Marschällc beinahe vier Jahren „Ist er müde? Solle» wir gehen?" fragte Franziska, als der alte Mann wieder die Augen schloß. „Nein," sagte Rachel, „lassen Sic ihm nur ein wenig Ruhe. Tann stellen Sic wieder Fragen an ihn. Wir denken, daß es ihm gut thut, zu reden und nachzusiiincn. Wenn er lange nicht spricht, wird er ganz lethargisch, und däS ist nicht gut für ihn." Franziska sah sich im Zimmer um. ES war vollgestopft mit Möbeln aller Art. Auf einem Seitentischchen standen drei oder vier groste gläserne Bowlen, so .groß, wie Punschbowlen: in ciiicm Winkel stand ein Schrank, der sich in ihrer Mutter Hause sehr gut ausgenommen hätte, an den Wänden hicnge» Familienbilder, welche man hätte benützen können, um die Kunst der Photographie von den ältesten Anfängen an zu vcranschanlichcn — von der Epoche des große» Taguerrc bis zu diesen modernen Tage». „Ich bin hier stets in demselben Hause geblieben seit ich her kam, das war im Jahre 1Slf»," nahm der alte Man», seine Angeü öffnend, den Faden der Erzählung wieder.auf „Ich borgte mir das Geld von ineincin Bruder, um mich »icdcrlaffcn zu könne». TaS war das letzte, was ich je von incinem Brudersah. Er >var in großem Glücke, er hatte ein fast wunderbar großes Bdrinögen erworben. Hier heiratete ich, nnd ich habe Söhne und Töchter gehabt, Enkel trud Enkelinnen. Urenkel und Urenkelinnen. Biele von ihnen sind alt geworden und gestorben. Aber ich bleibe. Und ich erinnere mich an Alles. T, ich bin so alt —- so alt — so alt." Er rieb sich die Hände mit schwacher Kraft »nd kicherte. „Fragen Sw ihn nur," sagte Nclly. „Er ist jetzt ganz wach." „Sic sind ein sehr alter Mann," sagte sie. „Ihr Leben ist glücklich gewesen, seit Sic herkaiucn, trotzdem Sic in Ihrem Geschäfte keine» . Erfolg gehabt, das, was Sic Erfolg nennen." Ter Alte wies auf die Mädchen. „Diese haben mich glücklich gemacht," sagte er. „Diese Mädchen nnd ihre Mutter und ihre Groß mnttcr und ihre Urgroßmutter — sic haben mein.Glück ausgemacht. Ter Mann macht die -"Arbeit und die Frau das Glück. Ter Man» macht das Geld, nnd die Frau gibt cs für ihn aus. Das ganze Glück bereiten im Hause die Frauen für die Männer, welche arbeiten." „ „Er ist immer ei» Haushocker gewesen," sagte Rachel, „nirgends glücklich, als in seinem Stuhle uniringt von de» Seinen." „Tie Frau immer dem Manne gehorsam," sagte Franziska halb vor sich hin, aber sic bereute es schon im »ächstcn Augenblicke. Ten» vor ihrem geistige» Auge erstand das Bild von vier Generationen, einciii Dutzend Familie», alle verherrlicht nnd beglückt durch-die Frauen, welche ihren Platz im Haushalte unter dem Manne cin- »ahmcn, doch ohne Empörnng — alle glücklich gemacht durch die Frauen. So wie diese waren, so waren Tausende und aber Tausende um sie herum. Franziska dachte an die halbverhungerte» Leute von vorhin, welche nicht Englisch reden konnten nnd ihre blauen und grüne» Tuchpantoffel verkauften; sie gedachte des Blickes voll gegenseitiger Hinneigung. Es währt nur einen Augenblick, all das zu denke». Ihr Herz mar. bewegt, in ihren Augen standen Thränen. Rachel iah crstannt auf bei dieser Bemerkung und wnndcrtc sich über die feuchten Augen der Sprecherin. „Gehorsam?" fragte sic. „Warnm sollten wir nicht gehorsam sein? Welches Glück kann-cs für ein Weib geben, als ihrem Gatten oder ihrem Bater zu gehorchen? Sic wollten doch sicherlich nicht, daß wir für uns selbst arbeiten sollen, oder ja?" „"Nein — nein — ich meinte nur." „Wenn wir Alle für einander arbeiten, find wir Alle glücklich. — daß cs in unscrcin Bolke die glück Warum? Weil der Bgtcr gebiete und die Ftzau und die Kinder gehorchen. Was diesen lieben Greis betrifft, was wollten -tvir nicht Alles thuü, »nt ihn an, Leben und t glücklich zu erhalten?" Franziska erhob sich. „Ich danke Ihnen," sagte sic zu dem Patriarchen, „ich hoffe, daß Sic »och viele Jahre — »och sehr viele Jahre — leben werden," wiederholte sie und »ahin ihn bei der Hand, „viele Jahre im Bollbcsitzc aller ihrer Fähigkeiten, umgeben von Ihren llrcnkclinncn und beglückt durch diese." Sein Gesicht wurde hell, und er setzte sich aufrecht. „Wenn eS Gott gefallt. Wenn.es Gott gefällt. Es steht nichts über ein langes Leben-, nicht wahr? Kommen Sic wieder, mcine Liebe: Sic sind mcinc ganze Base — Sic sind wie Franziska Albu, die ich in Bcncdig verliest, so lieblich und so süß. 'Ach! ich war damals noch gung. Ich liebte sie — und Sic — Sic — Sie sehen ihr ganz gleich " Seine Augen sielen zu und scin^Kopf sank'' herab. (iZorljkynng folgt.)